M.S. Salomon: Stollbergs InfernoRoman. Aschaffenburg: Alibri 2003. 241 Seiten, kartoniert, Euro 16.-, ISBN 3-932710-49-5
Einige Bemerkungen vorab:
(1) Leser des Buchs sollen derartig versunken in diese Reiselektüre gewesen sein, dass sie auf dem Bahnhof ihren letzten Zug verpasst haben, weil dieser Roman so spannend ist. Das ist gut nachvollziehbar.
(2) Dass Camus, Nietzsche und Bakunin Gott vom himmlischen Thron schubsen, ist plausibel. Wieso sich aber Marx, Luxemburg, Zetkin daran machen, diesen Nebenwiderspruch vorab zu klären und sich am Sturz Gottes beteiligen, ist nur dann verständlich, wenn man annimmt, dass Marx und seine autoritären Genossen post mortem von Nietzsche oder den Anarchisten überzeugt worden sind (oder aber, dass der alte Marx sich auf seine Jugend zurückbesonnen hat und ernst macht mit dem Ausspruch, dass der Anfang jeder Kritik die Religionskritik ist). Die Frage ist also: Sind Johann Most oder Erich Mühsam etwa gleich in der Hölle verschwunden oder sind sie gar in den Himmel gekommen? (Wenn Gott das arrangiert hat, ist er noch schlimmer, als wir alle befürchten.)
(3) Dass sich im Fegefeuer schwellende Schwänze nach höllischen Orgasmusschwierigkeiten schließlich doch lustvoll entladen, ist irgendwie tröstlich, doch an heißen Sex sollte mann sich als Schriftsteller doch besser erst im zweiten oder dritten Roman heranwagen. Auch die imaginierten Paradiesbilder (aus der Bounty-Werbung) gewähren tiefe Einblicke in die Seele Jan Stollbergs, des an Herzversagen dahingeschiedenen Helden des Romans.
(4) Dass KZ-Wächer auch göttlicherseits instrumentalisiert werden und mit geistlicher Unterstützung die armen Seelen foltern und verhören – nun gut, also mir persönlich hätten fiese Jesuiten und blutrünstige Dominikaner vollkommen gereicht. Aber das ist Geschmacksache.
Dass sich nach dem Ableben Philosophen noch einmal zusammen setzen, um in aller Ruhe über ihre Theorien zu sprechen, ist durchaus üblich. Macciavelli unterhält sich mit Montesquieu, Rousseau mit Voltaire und so weiter. In M.S. Salomons Roman treffen sich diverse religionskritische Denker in Dantes Höllenkreisen, stellen nebenbei noch einmal ihre Philosophien vor, werden gefoltert, verhört und dann abgeschoben in die Hölle.
Bis der frisch verstorbene Religionskritiker Jan Stollberg der Todsünderabteilung zugeteilt wird, haben sich Marx, Camus, Feuerbach (was ist mit Bruno Bauer und Max Stirner?) irgendwie arrangiert mit dem Folterknast: Nietzsche spielt den Narren, Adorno ist der ewige Bedenkenträger, weil es ja kein richtiges Leben im falschen gibt. Sartre, Brecht, Bloch dürfen auch mitspielen. Bei einem Ausflug in eine weibliche Todsünderinnennebenhölle erfahren Feuerbach und Stollberg, dass die Gefangenen dort geputscht haben. Das ist das revolutionär-weibliche Element des Romans (Zetkin, Luxemburg, Beauvoir). Dadurch angeregt überwältigen die Philosophen ihre Aufseher, erledigen einige ahnungslosen Büttel des Systems, treffen unterwegs weitere religionskritische Prominenz, vertrauen zu Recht auf Überläufer und fehlende Kampfbereitschaft der himmlischen Wachmannschaften, treffen schließlich auf einen Gott, der ausschaut wie Jan Stollberg. Dieser wird erledigt. Daraufhin gibt Stollberg dann endgültig den Geist auf.
Ein Happyend versagt M.S. Salomon also seinen Lesern, was leider nur folgerichtig ist. Ergo: Ein unbedingt empfehlenswerter hochspannender und origineller Action-Roman mit sexuellen und philosophischen Ausschweifungen.
Rolf Cantzen
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Artikel aus MIZ 3/03
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