Anthroposophische Medizin

Noch immer leistet sich das Gesundheitswesen eine okkulte Heilkunst ohne Wirkungsnachweis

von Sybille-Christin Jacob

Als in den 1970er Jahren der Waldorfschul-Boom begann, breitete sich parallel dazu die biologisch-dynamische (nicht zu verwechseln mit der rein biologischen) Landwirtschaft der Anthroposophen aus. „Alternative“ Heilmethoden wie z.B. die Homöopathie und die anthroposophische Heilkunde waren plötzlich gefragt. Bereits 70% der Bevölkerung sollen „Besondere Therapierichtungen“ und die Vorgehensweise einer „komplementären Medizin“ bereits nutzen – das behaupten jedenfalls die Anthroposophen. Gesetzt den Fall, das stimmt, wären die Wartezimmer der Ärzte, die nach der rein wissenschaftlich orientierten „Schulmedizin“ arbeiten, wohl ziemlich leer. Trotzdem ist die sicher hohe Anzahl derer, die eine „alternative“ oder „sanfte“ Medizin suchen, nicht zu unterschätzen. Auch in Zeiten intensiver Debatten um Kürzungen im Leistungskatalog der Krankenkassen scheint diese „besondere“ Medizin nicht auf dem Prüfstand zu stehen.

Denn die Anthroposophen haben eine gute Lobby und können auf ein großes Umfeld zurückgreifen. Mittlerweile gibt es in Deutschland 187 Waldorfschulen mit über 72.000 SchülerInnen, über 500 Waldorfkindergärten, hinzu kommen zahlreiche heilpädagogische Einrichtungen, anthroposophische Dorfgemeinschaften usw. usf. Und „Gemeinsamkeit“ wird groß geschrieben: Viele, die vormittags ihre Kinder in der Waldorfschule oder im Waldorfkindergarten abliefern, treffen sich später im nahe gelegenen Bioladen wieder und die meisten landen irgendwann auch bei einem anthroposophisch orientierten Arzt.

Die esoterisch-okkulten Hintergründe der anthroposophischen Pädagogik, anthroposophischen Landwirtschaft sowie der anthroposophischen Heilkunst inklusive ihrer Heilmittel sind nur wenigen bekannt. Ohne weiter zu hinterfragen oder gar zu recherchieren, übernehmen viele Zeitungen die Pressemitteilungen der Anthroposophen – das prägt natürlich die Leserschaft. Glücklicherweise gibt es hin und wieder Ausnahmen. Kritiklos oder auf beiden Augen blind scheinen auch die zuständigen staatlichen Stellen zu sein: In den meisten Bundesländern sind die Waldorfschulen (Rudolf-Steiner-Schulen) – obwohl dort immer noch mit einem seit 1919 (!) fast unveränderten und mehr als fragwürdigen okkulten Lehrplan gearbeitet wird – bereits staatlich anerkannt und kassieren staatliche Gelder in Millionenhöhe. Staatliche Subventionen bekommt auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die nach okkulten Richtlinien und mittelalterlichen Riten geführt wird. Ebenso okkult-mystisch ist die Grundlage der anthroposophischen Medizin und deren Heilmittel. Trotzdem wurde die anthroposophische Medizin (neben Phytotherapie und Homöopathie) im Arzneimittelgesetz (AMG) und Sozialgesetzbuch V (SGB V) nicht nur anerkannt sondern privilegiert. Im Gegensatz zu wissenschaftlich fundierter Medizin und Arzneimitteln brauchen diese „besonderen Therapierichtungen“ keinen wissenschaftlichen Wirsamkeitsnachweis erbringen. Bei der Festlegung dieser Sonderreglung sollen Vertreter der anthroposophischen Universität Witten-Herdecke, deren Vorstandsvorsitzender Konrad Schily ist, erheblichen Einfluss gehabt haben.

Die Waldorfpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft und auch die anthroposophische Medizin sind Produkte der Gedankenwelt des Okkultisten Rudolf Steiner (1861-1925), die er Anthroposophie bzw. Geisteswissenschaft nannte. Hellsichtig soll er gewesen sein, und Universalwissen, das sämtliche Bereiche des Lebens umfasst, soll er aus der „Akasha-Chronik“ gelesen haben. Das behauptete nicht nur Steiner selbst, auch Anthroposophen glauben das. Manche Steinerjünger bezeichnen ihren Meister gar als „Menschheitsführer“. Zur akademischen Wissenschaft hatte Steiner ein gespanntes Verhältnis. Sie entferne sich immer mehr von der „Lebenswirklichkeit“. Die gegenwärtige Wissenschaft zerstöre das Leben, statt es zu schützen. Und so schuf Steiner, der nicht ein einziges Semester Medizin studiert hatte, im Jahre 1920 zusammen mit Ita Wegmann, einer holländischen Ärztin, die anthroposophische Medizin, eine „intuitive Medizin“.

Gleichgewicht der Wesensglieder

Wie für die Waldorfpädagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft gilt für die anthroposophische Medizin bis heute allein Steiners Vorstellung über das Wesen des Menschen als grundlegend. Dem Menschen schrieb er vier „Wesensglieder“ zu, die er als „individualisiertes Wirken der Elemente in den Naturwesen“ verstand. Sie sollen eine hierarchische Entwicklung entsprechend der des Kosmos durchgemacht haben. Daraus werden Verknüpfungen abgeleitet.1

Diese vier Wesensglieder bzw. „Leiber“ sind allerdings mit herkömmlichem Denken nicht fassbar, sondern nur „für Menschen mit Hilfe anthroposophischer Erkenntnismethoden“ zugänglich. Nach Steiner gibt es nämlich nicht nur den physischen Leib, der für uns alle sichtbar und „den Gesetzen von Physik und Chemie unterworfen“ ist. Drumherum siedeln sich nach der Geburt des physischen Leibes alle sieben Jahre aufeinanderfolgend noch drei weitere Leiber an. Anthroposophisch-geisteswissenschaftlich korrekt muss es heißen, sie werden geboren. Und zwar der Äther-Leib, der Astral-Leib und mit 21 Jahren schließlich das Ich oder der Ich-Leib. Der Äther-Leib erscheine dem anthroposophisch geschulten Geistesauge als hellrosafarbene Aura, der Astral-Leib als rotviolette und der Ich-Leib als blaue Umhüllung. Alle zusammen bildeten um den physischen Leib eine farbige, eiförmige, bewegliche Wolke und seien der „übersinnliche und sichtbare Ausdruck für die Wesenheit des Menschen“. In der Aura fluteten die verschiedensten Farbtöne und seien so ein getreues Bild des inneren menschlichen Lebens. Trotz Veränderungen würden sich gewisse Eigenschaften und Talente, Gewohnheiten und Charaktereigenschaften in bleibenden Grundtönen ausdrücken.2

Das Zusammenwirken der vier „Wesensglieder“ bestimme Gesundheit und Krankheit eines Menschen. Stehen alle vier Kräfte in Harmonie zusammen, was man durch ein spirituelles Leben nach anthroposophischen Vorstellungen und Regeln erreichen könne, dann sei der Mensch gesund. Der Mensch erkrankt, nach Steiner, wenn das harmonische Gleichgewicht der Wesensglieder zueinander gestört sei, was bereits durch eine falsche Erziehung und Ernährung im Kindesalter angelegt werde. Deshalb ist die Erziehungsmaxime Steiners: „Richtiges Vorbild des Erziehers, das zur richtigen Nachahmung führen kann.“ Eine nicht „entwicklungsgerechte Erziehung“ habe gesundheitliche Folgen. Pubertätsmager- und -fettsucht, Schilddrüsenüber- und -unterfunktion, die jugendliche Schizophrenie und sogar die Tuberkulose postuliert Steiner, seien hauptsächlich auf „falsche Erziehung“ zurückzuführen. Abhilfe könne die „Waldorfschul-Pädagogik“ schaffen, da sie in den Entwicklungsjahren den Kopf nicht falsch beanspruche, wie z.B. durch „zu starke Betätigung der Gedächtniskräfte“ und durch zu frühes Lesen und Schreiben. „Glaube, Vertrauen, Ehrfurcht und die natürliche Autorität“ müssen nach Steiner die „dominierende Rolle in der Erziehung“ spielen. Dann stimmt’s auch mit der Gesundheit!

Die drei farbigen Wesensglieder (Äther-Leib, Astral-Leib, Ich-Leib) wirken nach Steiner auf den physischen Leib ein, der sich wiederum in drei zusammenwirkende Funktionssysteme gliedern lasse: das Sinnes- und Nerven-System als Träger der Sinneswahrnehmung, der Vorstellung und des Denkens sowie als Verbindung zum Geistigen; das rhythmische System von Atmung und Blutkreislauf als Träger des Gefühlslebens und als Verbindung zum Seelischen; das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System als Träger der Willenskraft und als Verbindung zum Stofflichen. Alle Krankheiten werden entsprechend den vier Wesenskräften in vier Typen eingeteilt: Physischer Leib – skleroseartig, Äther-Leib – geschwulstartig, Astral-Leib – entzündungsartig, Ich bzw. Ich-Leib – lähmungsbedingt. Wenn eines der vier Wesensglieder stark überwiege, gerate das gesamte System aus dem Gleichgewicht. Bei entzündlichen Krankheiten sei „das leiborientierte, seelische Erleben verstärkt, weil der Astral-Leib zu tief in den belebten Organismus“ eingreife. So entstehe, um nur ein Beispiel zu nennen, Krebs, wenn „Ich und astralischer Leib zu stark im Nerven-Sinnes-System wirkten und diese in das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System hineintrieben“.

Krankheit und Karma

Das „Herzstück“ der anthroposophischen Weltanschauung ist das „Wissen“ von Reinkarnation und Karma, das sich wie ein roter Faden durch sämtliche anthroposophischen Bereiche zieht. In der anthroposophischen Medizin dient dieses „Wissen“ als Grundlage, um die eigentlichen Ursachen von Krankheiten zu erkennen. Das „fehlerhafte Zusammenwirken“ der vier Wesensglieder habe nämlich „karmische“ Gründe. Jede Verfehlung des Menschen in „moralischer und intellektueller Hinsicht“ führe zu Wirkungen im seelischen und geistigen Gefüge und müsse daher im nächsten Leben als Krankheit ausgeglichen werden. Die Gestaltung eines neuen Menschenleibes (außen und innen!) sei das Ergebnis früherer Taten, d.h. jede Krankheit sei demnach selbst verschuldet! Durch begangene „gute und schlechte Taten“ würden Astral- und Äther-Leib entsprechend „imprägniert“. Seelische und geistige Fehler lassen sich nach Steiner mit bestimmten physischen Krankheiten in Einklang bringen. So könne z.B. eine schwache Organisation karmisch auf ein „egoistisches Handeln“ in einem vorhergehenden Leben zurückgeführt werden. „Lügenhaftigkeit“ in einem früheren Leben zeige sich darin, dass die inneren Organe unrichtig gebaut sind. Im Falle einer damaligen „ausgeprägten Lieblosigkeit“ sei der Betreffende dafür sensibilisiert, sich durch das Pockenvirus anzustecken, und ein Mensch, dessen früheres Leben zu stark von „Affekten und Emotionen“ geprägt war, habe jetzt die Anlage zur Diphtherie.

Ähnlich verhalte es sich mit der Veranlagung zu bestimmten Kinderkrankheiten, diese seien „Ergebnisse eines vorgeburtlichen Entschlusses“. Beim „Durchleben“ dieser Krankheiten gelänge es dem Menschen nicht nur „sein Wesensgliedergefüge neu zu ordnen“ sondern er erhalte gleichzeitig die Möglichkeit etwas zu bewältigen, „was noch aus einem früheren Leben als unbewältigt zurückgeblieben ist“. Anthroposophische Ärzte impfen aus diesem Grund nur in Ausnahmefällen und verschreiben in erster Linie Arzneimittel auf homöopathischer Basis, um die „Selbstheilungskräfte“ bzw. die Ich-Kräfte zu stärken. Nach durchgemachten Krankheiten – das behauptet Dr. Karl-Reinhard Kummer vom Verein für Anthroposophisches Heilwesen in Bad Liebenzell – könne man feststellen: „Die Kinder laufen besser, sprechen flüssiger und bekommen geschicktere Finger; ihr Blick wird klarer.“3 Der Anthroposoph Olaf Koob weist darauf hin, dass Schutzimpfungen und antirachitische Medikamente in Form von Vigantolstößen zu einer „überstürzten Entwicklung (Akzeleration)“ führen würden.

Dies bleibt nicht ohne Folgen im Alltag: Im November 2001 erkrankten in Soest über 17 Schüler an Mumps; im Oktober 2002 grassierte eine Masernepidemie in Coburg – 1140 Masernfälle wurden registriert. Und im Februar 2003 bekamen 106 Kinder in Ottersberg die Masern. Als Ausbreitungsherd wurde in der regionalen Presse jeweils die ortsansässige Waldorfschule und der Waldorfkindergarten genannt.4 Im Mai 2001 beklagte das Landesgesundheitsamt in Baden-Württemberg eine Lücke bei Masernimpfungen. Volker Hingst, Chef der Behörde, machte dafür auch weltanschauliche Vorbehalte gegen Impfungen verantwortlich – etwa bei den Anthroposophen.

Ärztliches Handeln als „Heilkunst“

In der anthroposophischen Medizin werden für Krankheitsanamnese und -diagnose sowie bei der Verordnung von Arzneimitteln und Therapien andere Kriterien zugrunde gelegt als in der wissenschaftlich orientierten Medizin, die von Anthroposophen gern abschätzig als reine „Apparatemedizin“ oder „Absicherungsmedizin“ bezeichnet wird. „Medizin scheint uns nur dann wissenschaftlich, wenn sie mehr ist als naturwissenschaftlich. Ärztliches Handeln verstehen wir als Heilkunst, medizinisches Tun als schöpferischen Prozess“, erklärt Dr. med. Christoph Tautz, einer der führenden Ärzte vom anthroposophischen Krankenhaus in Herdecke. Voraussetzung für das Arbeiten als anthroposophischer Arzt ist zwar ein abgeschlossenes staatliches Studium – aber „in der Regel wird sich der geisteswissenschaftlich orientierte Arzt“, wie Adolf Baumann im ABC der Anthroposophie für Jedermann explizit hinweist, an die anthroposophische Heilmethode halten, die er sich „durch das Studium von Steiners medizinischen Schriften und Vorträgen, den Besuch von Kursen und durch praktische medizinische Arbeit in einer einschlägigen Klinik oder bei einem anthroposphischen Arzt“ erwerben kann. Ein liberaler anthroposophischer Arzt, so Baumann, werde sich bei einer schweren Lungenentzündung unter Umständen zur Behandlung mit einem Antibiotikum entschließen, während der orthodoxere „unter Einrechnung des größeren Risikos eher auf die streng anthroposophische Therapie setzt, weil eine damit überwundene Pneumonie den Patienten in seiner seelischen und geistigen Entwicklung“ besser fördere.

Der wirkliche Arzt, so meinte Steiner, müsse die Heilmittel „kosmologisch“ erkennen „und er muss sich erheben zur Therapie durch eine wirkliche Intuition“. Bessere und schneller wirkende Heilmittel seien nicht menschen- und menschheitsgemäß, erklärt der anthroposophische Arzt Olaf Koob. Dem einzelnen Heilmittel müsse man den „Geist“ hinzufügen und zwar in Form von anthroposophischen Therapien. Angewandte Therapieformen sind beispielsweise: Eurythmie (ehemals Mysterientänze!), Rhythmische Massage in Lemniskatenform, Sprachgestaltung, Farb-Licht-Therapie, Atemübungen, Singen, Märchenlektüre, Heilbäder und okkultistische Übungen wie umgekehrtes Hersagen von Reimen und Schreiben mit der linken Hand. Um den Ätherleib gegen Krebs zu stärken, würden u.a. heileurythmistische „Halleluja-Übungen“ und „A“ mit Rückwärtsschritten oft Wunder wirken.5 Der Vokal „A“ sei die „Sprachsignatur“ der Mistel und wurde vom anthroposophischen Arzt Friedwart Husemann in der Gabelform der Mistelzweige entdeckt.

Anthroposophische Heilmittel

Die Grundkonzeption der anthroposophischen Heilmittel geht im wesentlichen aus der Vorstellung des dreigegliederten Menschen und seiner vier Wesensglieder hervor. Wie bei anderen Arzneien werden die Ausgangsstoffe aus Mineralien, Pflanzen oder von Tieren gewonnen. Je nach ihrer Herkunft sollen sie in der anthroposophischen Medizin bestimmte Eigenschaften aufweisen. Mineralien sollen den Ich-Leib beeinflussen, Pflanzen den Astral-Leib und tierische Substanzen sollen auf den Äther-Leib wirken. Medikamente aus dem Bereich der Schulmedizin werden nur dann verwendet, wenn der Patient einer direkten Wirkung auf den „physischen Leib“ bedarf.6

Zur Herstellung der Präparate wird wie in der Homöopathie in der Regel das Verfahren der so genannten Potenzierung benutzt – jedoch „aus exakterer Erkenntnis“ als sie dem Begründer Samuel Hahnemann zugänglich war, bemerkt der Anthroposoph Adolf Baumann. Beim Potenzieren handelt es sich um ein Verdünnungsverfahren, bei dem das Ausgangsprodukt in mehreren Stufen schüttelnd verdünnt wird. Je höher die Verdünnung, um so wirksamer sei das Heilmittel. Als Trägersubstanz dienen in der Regel Wasser, Alkohol oder Milchzucker. Im Unterschied zur Herstellung von Heilmitteln der Homöopathie werde bei der Herstellung anthroposophischer Heilmittel meist von Hand geschüttelt und nicht nach unten, sondern waagerecht oder nach oben. Auch Einflüsse der Tageszeiten und Gestirnkonstellationen werden berücksichtigt. Bei Neumond wird nicht potenziert.

Die bekannteste Heilpflanze der Anthroposophen ist die Mistel, die vor allem als Heilmittel zur Bekämpfung von Krebskrankheiten eingesetzt wird. Die Mistel sei fähig, den Prozess der Dissoziation der Wesensglieder wieder rückgängig zu machen, weil sie mit den alten Mondenkräften verwandt sei. Die Mistel sauge den Monden-Erdenäther auf, aber dann wende sie sich mit „ausgesprochener lichtsuchender Gebärde“ dem Umkreis zu und besiege mit dieser Lichtverbundenheit die Wuchertendenz in sich selbst. Für den weiblichen Patienten werden bevorzugt Mistelpräparate vom Apfelbaum und für den männlichen Patienten von der Eiche verwendet. Bei Steiner selbst scheint die Misteltherapie nicht angeschlagen zu haben, er starb 1925 an Magenkrebs.

Ein Kernstück der anthroposophischen Medizin ist die therapeutische Verwendung von Metallen. Nach der Lehre Steiners stehen alle Metalle mit einem bestimmten menschlichen Organ in Verbindung und lassen sich gleichzeitig der Sonne, dem Mond und den Planeten zuordnen: Blei – Milz – Saturn; Zinn – Leber – Jupiter; Eisen – Galle – Mars; Gold – Herz – Sonne; Kupfer – Niere – Venus; Quecksilber – Lunge – Merkur; Silber – Gehirn – Mond. (Waldorfschüler erfahren diese okkulten Zusammenhänge in der 7. Klasse im Fach „Menschenkunde Gesundheitslehre“.)

Blei sei bei Arteriosklerose geeignet, weil es „Astral-Leib und Ich aus dem Kopf“ heraustreibe, die beim Sklerotiker überrepräsentiert seien. Bei Allergien „überschreite fremdes Leben die Grenze zum Organismus“, durch Bleikräfte werde die gesunde Abgrenzung wieder hergestellt. Bei „geistiger Schwerfälligkeit“ eines Kindes, der ein „überwuchernder Lebensprozess“ zugrunde liege, sowie bei bestimmten Formen kindlicher Übergewichtigkeit sei ebenfalls Blei eine wirksames Heilmittel, aber auch bei „großköpfigen Kindern, bei denen der Formimpuls“ zu schwach sei. Quecksilber könne „Stauungen lösen“, „Schwellungen und Entzündungen ableiten“, „aus dem Organismus abgesonderte Kräfte wieder resorbieren“ sowie den „Austausch der Seele mit der Umwelt positiv beeinflussen“.

Solche realitätsferne Auffassungen ernten Widerspruch aus der etablierten Medizin. Die anthroposophische Blei- und Quecksilbertherapie zeichne sich in ihren Grundlagen durch Widersprüche, okkultistische Vorstellungen, Analogieschlüsse und ausschließlich naturwissenschaftlich unbewiesene Behauptungen aus, schreibt Dr. Franz Stratmann, der weiter dafür plädiert, sie als „inadäquate Therapie“ zu bezeichnen und wegen ihrer „Gesundheitsgefährung“ einzuschränken. Ebenso kritisch äußert sich Stratmann zu den anthroposophischen Tierorganpräparaten, „deren bizarre Elemente in der Mehrzahl der Präparate keinen Rückschluss auf deren eigentliche Herkunft zulassen“.

Magensteine vom Flusskrebs

Und die „Zutaten“ erinnern tatsächlich eher an eine mittelalterliche alchemistische Hexenküche, als an ein fortschrittlich naturwissenschaftliches Pharmazielabor. Ameisen, Wespen, Bienen, Hornissen, ja sogar Spinnen wie z.B. Kreuz- und Vogelspinne werden in anthroposophischen Labortiegeln rhythmisch potenziert zu Heilmittel verarbeitet. Bei den „staatenbildenden“ Bienen und Ameisen sei ein „Ich-Impuls“ erkennbar, der „dem Schöpfungsbild“ des Menschen entspreche. Durch die therapeutische Anwendung von Apis (ganze Biene) rege man die Ich-, Wärme- und Lichtkräfte an. Indikationen für Apis seien lokale Entzündungen sowie degenerative Veränderungen des Nervensystems. Um die „Lebenskraft“ auf das jeweilige Medikament zu übertragen, müssten Bienen und Ameisen „lebend zermalmt oder püriert“ werden.7 Weil die Kreuzspinne „viele planetarische Leben“ in sich habe und „eingespannt sei in kosmische Zusammenhänge“, rege sie die „astralischen Kräfte“ an. Steiner empfahl ihre Anwendung in Heilmitteln bei Muskelerkrankungen und Nervenstörungen.

Weitere Grundsubstanzen von Tierheilmitteln sind, um nur einige zu nennen: Galle von Raubfisch und Rind, Inhalt des Tintensacks vom Tintenfisch, Geweih des Hirsches und Hufhorn des Pferdes; Maulwurfsfell; Magensteine vom Flusskrebs; Drüsensekrete von Bisam, Biber und Kröte; Absonderungen aus dem Darm des Pottwals und den Analdrüsen des Stinktiers. Abenteuerlich und grotesk wird es, wenn man erfährt, welche Beschwerden damit geheilt werden sollen. Getrocknetes Maulwurfsfell gegen Haarausfall; geriebenes Hirschgeweih bei Multipler Sklerose, um den Kalkprozess im Sinnesbereich zu beeinflussen; Magenstein vom Flusskrebs bei Nierenleiden, Drüsensekret vom männlichen Bisam (Moschus) gegen Hysterie, nervöse Ohnmacht, Asthma bronchiale und starke sexuelle Erregung. Das Grundprinzip der anthroposophischen Heilkunde ist (wie in der Homöopathie) zwar die Behandlung von Krankheiten nach dem Ähnlichkeitsprinzip: „Similia similibus currentur“. (Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt.) Nach der esoterisch-okkulten Leitformel „Oben wie unten“ könne damit auch scheinbar Gegensätzliches behandelt werden. So wird das getrocknete Bauchdrüsensekret vom Biber (Castoreum/Bibergeil) nicht wie manch einer vermuten wird, gegen Impotenz verschrieben, sondern bei nervöser Erschöpfung und Reizbarkeit, Meteorismus und nervöser Diarrhoe; und das „flüssige Sekret der Analdrüsen“ des Stinktiers (Mephitis putorius) bei Erkrankung der „oberen“ Luftwege: bei heftigem spastischen Husten, Bronchitis und Asthma bronchialis. Kurioserweise auch bei nervöser Erregung und bei Schlaflosigkeit. Bufo rana, die Erdkröte, stehe in (okkulter) Beziehung zur Haut und den „männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen“. Das getrocknete Sekret der Krötenhautdrüse findet Anwendung im psychisch-therapeutischen Bereich bei: Impotenz, starker geschlechtlichen Erregung, Masturbation, Sexualneurose sowie Beschäftigung mit Pornografie – soll aber auch bei epileptischen Anfällen, eitrigen Hauterkrankungen und kindlichen Entwicklungsstörungen heilend wirken.

Eines der wichtigsten Frauenheilmittel sei „Sepia officinalis“, das getrocknete Sekret der Tintendrüse vom Tintenfisch, und könne als Universalheimittel bei nahezu sämtlichen „Frauenleiden“ eingesetzt werden (Patiententyp: meist brünette, emotional hart und distanziert, sportliche Karrierefrau). Wichtigstes Heilmittel für alte Menschen sei das „Ausscheidungsprodukt aus dem Darm vom Pottwal“ (Amra grisea), weil es auf das zentrale Nervensystem wirke.

Was Kritiker über anthroposophische Heilkunde und Heilmittel schon seit langem wissen, kam nun – eher zufällig – an die breite Öffentlichkeit. Im Zuge der Gesundheitsreform wurde im November 2002 an einige Kliniken und Fachgremien der Referentenentwurf einer so genannten „Positivliste“ verschickt, die Arzneimittel enthalten sollte, welche „nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis für eine sachgerechte Behandlung und Prävention oder Diagnostik geeignet“ seien. In einem 150 Seiten langen Anhang waren 3500 Arzneimittel der „besonderen Therapierichtungen“ (Phytotherapeutika, Homöopathika, Anthroposophika) aufgelistet. Neben den bereits oben erwähnten Heilmitteln waren unter anderem als „verordnungsfähig“ zu finden: Colon suis (Schweinedarm), Cor fetalis bovis (fetales Rinderherz), Cutis suis (Schweinehaut), Dens bovis (Kuhzahn), Gunpowder, Lapis albus (weißer Stein), Mucosa oculi suis (Schleimhaut des Schweineauges), Prostata bovis, Testes juveniles bovis (jugendliche Rinderhoden), aber auch Schweinehoden oder gar Anus bovis (A...loch der Kuh).

Prof. Dr. Erdmann von der Universitätsklinik in Köln und einigen seiner Kollegen ging das entschieden zu weit. „Dass Brechwurz, Vagina bovis, Blutegelextrakte, die Haut weiblicher Rinderfeten und Schweinezahn ebenso als verordnungsfähig aufgezählt werden wie Potenzholz, Gold, Kohle und allerlei tierische Teile (Knochen, Drüsen und Innereien)“, passe ins Bild einer „Schamanenmedizin“, so Prof. Erdmann in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Mittlerweile scheint die Positivliste für Arzneimittel zwar fürs Erste gestoppt. Damit ist das Problem allerdings nicht vom Tisch, ganz im Gegenteil. Da die Arzneimittel der „besonderen Therapieeinrichtungen“ seit 1976 im deutschen Arzneimittelgesetz verankert und somit verordnungsfähig sind, müssen sie auch von den Krankenkassen erstattet werden. Und alle beitragspflichtigen Bürger zahlen mit. Und das ist ein Skandal!

 


Anmerkungen:

1 vgl. Barbara Burkhard, Anthroposophische Arzneimittel, Eschborn 2000, S. 10.

2 vgl. Burkhard, Anthroposophische Arzneimittel, S. 152.

Wer mehr über die farbigen aurischen Lichtspielereien wissen möchte, lese nach in Theosophie – Einführung in die übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung, das in anthroposophischen Kreisen als eines der Hauptwerke Steiners gilt.

3 vgl. www.neurodermitis.ch/Ursachen/Impfen

4 Achimer Kreisblatt vom 5.2. und 6.2.2003; Weserkurier vom 7.2.2003; BNN vom 16.5.2001; www.stmgev.bayern.de/blickpunkt/gesundheit/ mas-cob2.htm

5 vgl. Burkhard, Anthroposophische Arzneimittel, S. 120; Franz Stratmann: Zum Einfluss der Anthroposophie in der Medizin, München 1988, S. 66.

6 www.thieme.de/viamedici/medizin/alternativ/anthroposophie.html

7 vgl. Colin Goldner: Die Psycho-Szene. Aschaffenburg 2000, S. 101

Literatur:

Baumann, Adolf: ABC der Anthroposophie, Bern 1986

 


Artikel aus MIZ 3/03

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