Buchbesprechungen MIZ 4/03

Earl Doherty: Das Jesus-Puzzle. Basiert das Christentum auf einer Legende?

Neustadt: Angelika Lenz Verlag 2003. 481 Seiten, broschiert, Euro 25,90, ISBN 3-933037-26-3

Die Literatur über Jesus von Nazareth, den vorgeblichen Heiland, der nach einer weit verbreiteten Legende vor rund zweitausend Jahren nicht nur beachtliche Wunder gewirkt, sondern die gesamte Menschheit erlöst haben soll, ist so groß und vielfältig, dass man eigentlich nichts Neues mehr erwarten sollte. Die meisten Forscher, die sich mit Jesu Leben beschäftigen, haben sich damit abgefunden, dass man nichts Definitives über Jesus sagen könne, allenfalls, dass eine solche Gestalt, sofern es sie überhaupt gegeben hat, wohl im jüdischen Kontext dachte und handelte. Infolge dessen hat sich in der historisch-kritischen Literatur das Bild vom jüdischen Wanderprediger Jesus eingebürgert, der erst in Folge der späteren Mythologisierung (beginnend mit Paulus) seiner jüdischen Wurzeln entkleidet und zum Christus, dem “Erlöser aller Menschen”, stilisiert wurde.

Völlig falsch!, meint Earl Doherty, der mit seinem Buch Das Jesus-Puzzle eine erfrischend neue Interpretation der Jesus-Figur vorgelegt hat. Das Evangelium der Christenheit beruht, so Doherty, auf der Verschmelzung zweier Traditionen, die ursprünglich gar nichts miteinander zu tun hatten: 1. einer “Galiläa-Tradition”, die eine neue Ethik sowie das Nahen des Reichs Gottes und des sog. “Menschensohns” verkündigte, und 2. einer “Jerusalem-Tradition”, in deren Zentrum ein himmlischer Sohn Gottes stand (Jesus oder Yeshua, Christus oder Messias genannt), der in einer übernatürlichen Welt durch einen metaphysischen Opfertod und anschließender Auferstehung bereits zwischen Gott und der Welt vermittelt hatte (Erlösung) und dessen irdische Ankunft für die nahe Zukunft erwartet wurde.

Um diese These zu belegen, deckt Doherty mit der Akribie eines Sherlock Holmes die Gräben zwischen den neutestamentarischen Briefen und den Evangelien auf. Warum, fragt er, berichten die Briefe der Apostel nichts von den Wundern Jesu in Galiläa, nichts von seinen Lehren, seiner Biographie und Herkunft? Warum konzentrieren sie sich ausschließlich auf das Verhältnis des Gläubigen zum himmlischen Sohn, auf Erlösungstod und Auferstehung? Warum gibt es nirgendwo eine Erwähnung der historischen Umstände dieses spektakulären, gewaltsamen Todes? Ganz einfach, antwortet Doherty, weil Paulus & Co. als Apostel der Jerusalem-Tradition nichts von einer historischen Person wussten, die auf Geheiß des römischen Statthalters Pilatus hingerichtet wurde.

Der Messias des Paulus war keine irdische, sondern eine jenseitige Figur, sie hatte die Menschheit in einer gänzlich übernatürlichen Welt per Tod und Auferstehung erlöst. Paulus konnte demnach, anders als man es ihm heute häufig vorwirft, die Botschaft des historischen Jesus gar nicht verfälschen, weil er weder einen historischen Jesus noch die ihm später zugeschriebene Botschaft kannte. Die Weisheitslehre, die in den Evangelien mit der Gestalt des Jesus verknüpft wurde, entstammte nämlich der Galiläa-Tradition, zu der der Apostel keinen Zugang hatte.

Im Unterschied zur Jerusalem-Tradition wusste die Galiläa-Tradition tatsächlich von irdischen Propheten der Weisheit, ihren Lehren und Wundern (Dämonenaustreibungen etc.) zu berichten. Da sie in scharfem Kontrast zum damaligen religiös-politischen Establishment stand, kursierten hier auch Erzählungen von entsprechenden Konflikten. Allerdings kannte die Galiläa-Tradition keinen Jesus, der als Erlöser hingerichtet wurde und wenige Tage nach seinem Tod wieder zum Leben erweckt wurde. Wie es scheint, wurden die beiden autonomen Traditionen erst durch den Evangelisten Markus miteinander verknüpft. Er nahm die Weisheitslehre, die Berichte von Wundertaten und Obrigkeitskonflikten aus der Galiläa-Tradition und verband sie mit der aus der Jerusalem-Tradition stammenden Vorstellung eines Gottessohnes namens Jesus, der mittels Opfertod und Auferstehung die Gläubigen erlöst. Dass Markus mit diesem Kunstkniff die Grundlage einer Weltreligion – noch dazu einer über lange Zeiträume hinweg sich antisemitisch gebärdenden! – geschaffen hatte, konnte der Geschichtenerzähler selbstverständlich nicht erahnen.

Dohertys Analyse fördert nicht nur die beiden heterogenen Traditionen hervor, die sich in den Evangelien miteinander vereinigen, sondern auch die unterschiedlichen Schichten des Quellentextes Q, den Bibelforscher als Textgrundlage der synoptischen Evangelien hypothetisch annehmen. Spannend an dieser Auseinandersetzung ist u.a., dass Doherty die milden Weisheitstexte von Q1, die in einem schroffen Gegensatz zu den harten, apokalyptischen Drohungen (“ewiges Feuer”) von Q2 stehen, auf den Einfluss der hellenischen Philosophen-Bewegung der Kyniker zurückführt, die während des 1. Jahrhunderts das Römische Reich durchwanderten, ihre auf Selbstgenügsamkeit beruhende Weisheitslehre predigten und dabei auch gegen soziale Ungerechtigkeit, Autoritätsgläubigkeit und Bigotterie zu Felde zogen. Eine pikante Deutung, denn sollte sie stimmen, so wären die sog. “christlichen Werte”, die gerne zur Verteidigung des Christentums in die Waagschale geworfen werden (sie stammten allesamt aus der Quelle Q1), weder auf Jesus noch auf irgendeine andere Gestalt der Bibel zurückzuführen, sondern auf die versprengten Anhänger des vielleicht sonderbarsten, heidnischen Philosophen der Antike, nämlich Diogenes von Sinope, der es als Ausdruck seiner Selbstgenügsamkeit und Verachtung gesellschaftlicher Konventionen mitunter vorzog, in einer Tonne zu wohnen.

Fazit: Trotz problematischer Faktenlage (Q ist eine zwar plausible, aber dennoch bloß hypothetische Konstruktion der Bibelforschung) ist es Doherty gelungen, eine Deutung zu entwickeln, die durch logische Stringenz überzeugt. Auch wenn schwer zu entscheiden ist, inwieweit seine Darstellung tatsächlich den historischen Fakten entspricht: Das Jesus-Puzzle ist ein höchst faszinierendes Buch, dem man eine große Leserschaft wünscht.

MSS

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