Militärseelsorge abschaffen!
Auf einer gemeinsam vom Deutschen Freidenker-Verband (DFV) und dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ausgerichteten Fachtagung, die am 26./27. Januar in Kassel stattfand, wurde ein Papier verfasst, das die Abschaffung der Militärseelsorge fordert. Im Hinblick auf eine etwaige “humanistische Soldatenberatung” wurde klargestellt, dass eine Ausweitung von Privilegien auf andere Anbieter, nicht befürwortet werden kann.
Nach einem einleitenden Referat von Klaus Hartmann, dem Vorsitzenden des DFV, das grundlegende Informationen zum Tagungsthema bereitstellte, wurden in der Runde einige Detailfragen genauer betrachtet. So hatten es zahlreiche tendenziell pazifistische Äußerungen von Papst Johannes Paul II. in den letzten Jahren notwendig erscheinen lassen, anhand aktueller Äußerungen des katholischen Militärbischofs zu überprüfen, ob dieser seitdem seine Arbeit neu definiert hat. Allerdings wurde sehr schnell deutlich, dass Bischof Mixa Militär und Kriegshandwerk gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt ist, dass also auch die Militärseelsorge weiterhin bleibt, was sie Jahrhunderte hindurch war: Schmiermittel des Krieges.
Anschließend wurden die Positionen zu Militär und Kampfeinsätzen im Allgemeinen ausgetauscht; da es das erste Mal ist, dass die beiden Verbände in dieser Weise kooperieren, trug diese Debatte auch zum gegenseitigen Kennenlernen bei. In einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre arbeiteten die Anwesenden – darunter auch einige Teilnehmer aus der Friedensbewegung – sodann eine Erklärung aus, in der Krieg als selbstverständliches Mittel der Politik abgelehnt und die Militärseelsorge aufgrund ihrer deutsche Kriegseinsätze legitimierenden Rolle kritisiert wurde.
Alle waren sich einig, dass das Thema bis zum Inkrafttreten der neuen Regelung zwischen Staat und Evangelischer Kirche in Deutschland im öffentlichen Bewusstsein gehalten werden muss.
Des Guten zuviel…
“Lebenslange Treue – noch zeitgemäß?” Über dieses immer wieder aktuelle Thema wurde am 16. Februar auf Antenne Bayern heiß diskutiert. Eingeladen zur einstündigen Talksendung “Parrisius” war MIZ-Redakteur Michael Schmidt-Salomon, der dort auf einen erstaunlich progressiven katholischen Eheberater traf, der im Unterschied zur offiziellen Doktrin der katholischen Kirche “Seitensprünge” und Ehescheidungen nicht prinzipiell verurteilte. Dennoch waren sich die Talkgäste nicht in allen Punkten einig: Salomons Argument, dass lebenslange Treue eine lebensundienliche, kulturelle Fiktion sei, die nur unter dem Druck einer repressiven Zwangsmoral aufrechterhalten werden könne (und nicht einmal dort, wie Salomon anhand von Statistiken aufzeigte), konnte und wollte der Theologe nicht stehen lassen. Der Mensch sei schließlich kein Tier, das sich nicht über seine biologische Natur erheben könne. Salomon konterte damit, dass sich das Sexualverhalten jeder Spezies (auch von Homo sapiens) sehr exakt über das Verhältnis von Hoden zur Körpergröße errechnen lasse. Es sei unsinnig, von Menschen Verhaltensweisen zu erwarten, die sie aufgrund ihrer biologischen Ausstattung nicht erfüllen könnten. Dies führe zu einer Kultur der Doppelmoral, zu gegenseitigen Schuldvorwürfen und Beziehungsdramen. Gefordert sei daher eine konsequente Aufklärung, die die in religiösen Kontexten geborenen Menschenbilder entzaubere. Viel zu lange hätten religiöse Ideologien unser Bild vom Menschen bestimmt und damit (nicht nur auf sexuellem Gebiet) verheerende Probleme geschaffen. Kein Wunder, dass sich der wackere Theologe dieser kritischen Auffassung nicht anschließen konnte. Das wäre dann doch des Guten zuviel gewesen…
Fischer-Preis für Taslima Nasrin
Die Schriftstellerin Taslima Nasrin aus Bangladesh soll den diesjährigen Erwin-Fischer-Preis erhalten. Ausgezeichnet wird die Autorin, die sich in ihrem Heimatland für die Rechte der hinduistischen Minderheit eingesetzt hat, für ihr Eintreten für die Weltanschauungsfreiheit und die Rechte der Frauen. Besonders hervorgehoben wurde in einer ersten kurzen Begründung der Wahl ihre mutige Religionskritik, die ihr von Seiten muslimischer Extremisten eine Todesdrohung eingebracht hat, weshalb Taslima Nasrin heute im europäischen Exil lebt.
Die Preisverleihung findet im September am Rande der Mitgliederversammlung des IBKA statt; die Laudatio wird eine Vertreterin von terre des femmes halten.
Anthroposophie: nie gehört!
Die Hochschulgruppe Forum Demokratischer Atheisten (FDA) und der AStA der Universität Trier sowie der IBKA ermöglichten einen kritischen Vortrag über Anthroposophie. Der Münchner Journalist Peter Bierl, Autor von Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister (Hamburg 1999), betrieb antifaschistische Aufklärung, Sektion Steiner und Waldorf.
Die Waldorf-Pädagogik steht im Ruf, eine Ökovariante der antiautoritären Erziehung zu sein; Bierl hingegen nennt sie karmische Entwicklungshilfe, die auf der autoritären Lehre Rudolf Steiners basiert. Lehrer und Schüler finden nicht zufällig in der “karmischen Schicksalsgemeinschaft” der Waldorfschule zueinander. “Erziehungsdienst ist ein religiöser Kult”, sagte Steiner. Auch heutige Waldorf-Theoretiker wie der Vertreter des Bundes Freier Waldorfschulen Stefan Leber halten an solchen Auffassungen fest: “Die Lehre von Karma und Reinkarnation ist Grundlage allen wahrhaften Lehrens und Erziehens.”
Die Anthroposophie kultiviere einen “paternalistischen und bevormundenden Rassismus”. Jede Rasse, so Steiner, habe zu ihrer Zeit der Menschheitsentwicklung ihre spezifische geistige Aufgabe, gerate danach auf den dekadenten Zweig und sterbe ab. Wir befinden uns, welch ein Zufall, seit längerem in der germanisch-nordischen Epoche. Dass jede Abteilung mal die Führung der Menschheit übernimmt, macht diese Lehre nicht egalitär.
Den Holocaust interpretieren die Anthroposophen als Abtragen der karmischen Schuld (die Gottesmörder weigern sich, Christus als ihren Herrn anzuerkennen). Diese Taten mussten geschehen, da sie dem Menschheitskarma eingeschrieben seien, und überhaupt sind die Täter schlimmer dran als die Opfer (so anstrengend war die Aufgabe). Unwidersprochen sagte dies 1965 der Wiener Arzt Karl König, der noch heute auf der Literaturliste zur Unterrichtsvorbereitung zu finden ist.
Im Diskussionsteil versuchten die gestandenen Anthroposophen den Kritiker als handlungsreisenden Selbstdarsteller unglaubwürdig zu machen. Er habe Steiner zwar zuhauf gelesen, aber doch nicht verstanden. Auch ausführliche Zitate seien sinnentstellend aus dem Kontext gerissen. Die Anthroposophie könne keine rechte Ideologie sein, da sie von den Nazis verboten wurde. Bierls gelassene Antwort: 1935 wurde nur die Anthroposophische Gesellschaft verboten, alle anderen Einrichtungen blieben bis 1941 bestehen. Ihr Betrieb wurde untersagt, weil die Nazis ihre Konkurrenten im völkischen Lager kleinhalten wollten. Die einzelnen Menschen wurden nicht verfolgt, sie durften weiter publizieren und beruflich Karriere machen.
Die Waldorfschüler und -absolventen aus Trier konnten die Ideologiekritik nicht mit ihrer Schulrealität verbinden, da sie von der Anthroposophie, gar von Atlantis, noch nie etwas gehört hätten; nur wenige anthroposophische Lehrer unterrichteten bei ihnen und so könne es durchaus an anderen Orten ideologischer zugehen. Die Schule und ihre Erziehungsmethode gefalle ihnen gut, sie würden sie wieder wählen. Nirgends gebe es so tolerante Menschen. Peter Bierl ermunterte die Schüler zu erforschen, warum der braune Quark von Topleuten wie Stefan Leber in ihrer Schule nicht angerührt werde, obwohl sie eine anthroposophische Einrichtung ist.
Psychologisch wäre es geschickt gewesen, in der Einleitung des Referats Verständnis für die Waldorfschüler zu demonstrieren, die ihre Schule positiv wahrnehmen; zu erklären, dass weltanschauliche Beeinflussung auch subtil sehr effektvoll ist, da sie den kritischen Verstand umgeht. Jedem Menschen fällt es schwer, seine Weltanschauung (wie auch die Religion) kritisch zu hinterfragen, keiner akzeptiert gern eine Identitätskrise. Ohne diese empathische Hilfestellung hatte sich in den Schülern eine Abwehrhaltung aufgebaut, da sie sich selbst dem Vorwurf des Rassismus und Antisemitismus ausgesetzt fühlten.
Der Referent zog zwei etwas zu weit reichende Folgerungen, die zurecht bestritten wurden. Die Tatsache, dass hauptsächlich das mittlere bis gehobene Bürgertum von der Waldorfschule angezogen wird, verweise auf eine beabsichtigte und gezielte soziale Selektion. Nun, ein Gymnasium setzte sich auch noch nie entsprechend der Bevölkerungsstruktur zusammen. Wenn Eltern hohe Beiträge zahlen müssen, kann wegen der finanziellen Konstruktion nur eine begrenzte Anzahl sozial schwacher Schüler aufgenommen werden. Dieser Systemzwang muß nicht der speziellen Schulideologie entspringen.
Und weil zweitens die Kinder der Familien Kohl, Diepgen, Hohlmeier, Berlusconi u.a. zur Klientel gehör(t)en, sprach er von Eliteschulen. Über die inhaltliche Qualität des Unterrichts ist damit noch nichts gesagt. Falls die Eltern die anthroposophische Lehre kennen und folglich eine bewusste Schulwahl treffen, lässt sich daraus nur schließen, dass für Konservative die Attraktivität der Waldorfschulen darin besteht, dass ihre Kinder abgeschirmt von aufklärerischem und modernem Zeug sind und daher rechte Positionen als naturgegeben und einzig wahr annehmen können.
Erika Krück
Atheist Alliance
Als einziger europäischer Verband war der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) auf der diesjährigen Convention der Atheist Alliance International (AAI) in Dallas vertreten. IBKA-Vorsitzender René Hartmann informierte die Teilnehmer über das Verhältnis von Staat und Kirche in der alten Welt und stellte den IBKA, der der AAI im vergangenen Herbst beigetreten war, vor.
Die Versammlung, auf der annähernd 100 Delegierte verschiedener amerikanischer atheistischer und rationalistischer Vereinigungen zusammentrafen, befasste sich mit Fragen der alltäglichen Arbeit von Atheisten in einer für Europäer ungewohnt stark religiös geprägten Gesellschaft. So berichtete der Bürgerrechts-Aktivist Rob Sherman über seine vielfältigen Bemühungen, die Trennung von Staat und Kirche in den USA zu verteidigen. Denn religiöse Politiker und Lobbyisten versuchen immer wieder, diese auszuhöhlen. In der Regel geht es dabei um scheinbare Kleinigkeiten, wie die Anbringung einer Tafel mit den 10 Geboten in einer öffentlichen Schule oder staatliche Zuwendungen für Boy Scouts, die Homosexuelle und Atheisten von der Mitgliedschaft ausschließen. Doch in der Summe stellen diese vielen Details eine ernste Bedrohung für die säkulare Verfasstheit des Staates dar. Nicht zuletzt deshalb wurde das Anti-Discrimination Support Network gegründet, das Benachteiligungen aufgrund einer nichtreligiösen Orientierung verhindern helfen soll.
Bei den Vorträgen und Arbeitsgruppen weitete sich dann das Themenspektrum, es ging um Holocaust-Leugner und medizinische Quacksalber, um die Frage der Sterbehilfe und ein in Oregon dazu verabschiedetes Gesetz oder die neuesten Argumentationen der Kreationisten. René Hartmann stellte in seinem Referat die in Deutschland existierende “hinkende Trennung” von Staat und Kirche anhand der wichtigsten Beispiele dar. In der anschließenden Diskussion interessierten sich die Gastgeber einerseits für Details, etwa den religiösen Einfluss auf das Schulwesen, andererseits aber besonders intensiv für die Rolle der Kirchen während des Nationalsozialismus und die religiösen Anteile an der NS-Ideologie, da Atheisten schon mal vorgehalten wird, dass Hitler “Atheist” gewesen sei.
Im Herbst wird eine größere Abordnung der Atheist Alliance die Mitgliederversammlung des IBKA besuchen. Dort wird dann Gelegenheit sein, sich weiter über die doch sehr unterschiedlichen Situationen in den USA und in Europa auszutauschen.
Parteien vor der Wahl
Der IBKA hat mit zwei Schreiben bei den im Bundestag vertretenen Parteien nach deren Positionen zu wichtigen Aspekten der Trennung von Staat und Kirche nachgefragt. Von den Antworten erhofft sich der Verband Aufschluss, inwieweit die Parteien im Wahljahr Konfessionslose als Interessengruppe wahrnehmen.
In einem ersten Schreiben, dem eine Pressemitteilung zu den kirchlichen Finanzen und ausführliches Material beilagen, ging es konkret um die Frage, ob die Bundestagsfraktionen bereit sind, sich für den seit über 80 Jahren bestehenden Verfassungsauftrag einer Ablösung der Staatsleistungen einzusetzen. Angesichts der durch die Studie des Hamburger Politologen Carsten Frerk bekannt gewordenen Vermögensverhältnisse der Kirchen, so der IBKA, müsse es noch in dieser Legislaturperiode möglich sein, die etwa 500 Millionen Euro umfassenden und auf Jahrhunderte alte Rechtstitel zurückgehenden Staatsleistungen entschädigungslos einzustellen.
In einer zweiten Anfrage bemüht sich Christoph Lammers, im IBKA-Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, von den Parteien Aussagen über ihre allgemeine Haltung zur Frage des Verhältnisses von Staat und Kirche zu bekommen – durchaus im Sinne von “Wahlprüfsteinen”. Besonders ausführliche Stellungnahmen wurden zum schulischen Bereich erbeten (Islam-Unterricht, wertevermittelnder Unterricht), da hier in der kommenden Wahlperoide einige Entscheidungen anstehen.
Artikel aus MIZ 1/02
zurück zum Inhaltsverzeichnis