Blätterwald 1/02

Konfessionslos

Normalerweise befasst sich die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) mit “Sekten”, also kleineren Religionsgemeinschaften, die gerne das tun (oder täten), was die beiden großen christlichen Kirchen für sich als selbstverständlich in Anspruch nehmen, und von diesen dafür kritisiert werden. In der Schriftenreihe EZW-Texte ist nun ein Heft erschienen, das die kirchenkritischen Vereinigungen unter die Lupe nimmt.

Darin werden der Deutsche Freidenker-Verband (DFV), der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW), der Humanistische Verband (HVD),  und der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) sowie der Jugendweihe Deutschland e.V. und die Humanisitsche Union vorgestellt. Die Beiträge sind, sowohl in ihrer Länge als auch in ihrer analytischen Tiefe, unterschiedlich ausgefallen; die Bewertung orientiert sich ein Stück weit daran, welche Rolle die Kirchen- und Religionskritik bei dem jeweiligen Verband spielt (wobei aber nur der Artikel über die Freidenker als tendenziös bezeichnet werden kann). Ansonsten ist die Broschüre recht sachlich gehalten und enthält nur wenige Fehler (ein besonders peinlicher Schnitzer allerdings: der erklärte Agnostiker Karlheinz Deschner wird als Vertreter eines “theoretischen Atheismus” eingestuft).

Trotzdem ergibt die Lektüre ein etwas schiefes Bild der beschriebenen Szene. Dies liegt wesentlich an Finckes Verständnis von Konfessionslosigkeit. Denn anstatt diese als rechtlichen Status einer Person zu begreifen, füllt er den Begriff inhaltlich, wenn er von der “drittgrößten ‘Konfession’” spricht, die rund 20 Millionen Menschen umfasse, denen “Gott, Kirche und Religion nichts bedeuten” und dabei unterstellt, dass dieses Desinteresse bereits eine ideologische Gemeinsamkeit konstituiere. Diese Perspektive versperrt jedoch den Blick auf eine entscheidende Veränderung, die sich im Spektrum der kirchenkritischen Verbände seit Ende der 1980er vollzogen hat: eine Reihe von Vereinigungen versteht sich heute nicht mehr als Mitgliederverband sondern als Interessenvertretung für alle Konfessionslosen und gestaltet die Aktivitäten entsprechend. Dass hierin auch ein wichtiger Unterschied zwischen den Organisationen, die sich eher noch als Weltanschauungsgemeinschaft definieren, und jenen, die ihr Handlungsfeld vorrangig in der Politik sehen, zu erkennen ist, wird im EZW-Text nicht deutlich. Fincke erkennt die unterschiedliche Orientierung zwar (z.B. innerhalb des DFW), führt die Differenzen jedoch auf eine eher religiöse bzw. eher religionskritische Ausrichtung der betreffenden Verbände zurück.

Insgesamt können die Konfessionslosen-Vereinigungen mit dieser Art “Feindbeobachtung” der evangelischen Kirche ganz gut leben. Da Adressen, Websites, Zeitschriften und andere Medien am Ende der Artikel aufgeführt sind, ist es jeder (und jedem) einfach gemacht, sich mit authentischen Informationen zu versorgen. Und an manchen Stellen lässt sich sogar vortrefflich schmunzeln: so schreibt Fincke, halb Empfehlung, halb Befürchtung, ein Ausbau der humanistischen Beratung wie sie der HVD anstrebt, würde “das Ansehen eines säkularen Humanismus deutlich erhöhen und eines der traditionell stärksten Handlungsfelder der Kirchen angreifen”. Wenn da mal nicht Bill Gates sich vor dem Computer-Händler an der Ecke zu fürchten vorgibt.

Andreas Fincke: Freidenker – Freigeister – Freireligiöse. Kirchenkritische Organisationen in Deutschland seit 1989. EZW-Texte 162. Berlin 2002. 63 Seiten, geheftet, Euro 2,50 zzgl. Porto (auf Spendenbasis)
 


Blut und Bohnen

Großen Wirbel verursachte ein Beitrag von Peter Treue in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) über den Einfluss des biologisch-dynamischen Landbaus auf Konzeptionen des Verbraucherministeriums. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Christian-Albrechts-Universität Kiel hatte unter dem Titel “Blut und Bohnen” mit zahlreichen Steiner-Zitaten die okkulten Grundlagen dieser anthroposophischen Variante ökologischer Landwirtschaft vorgestellt und vor dem Einsickern völlig irrationaler Auffassungen in wissenschaftliche Einrichtungen gewarnt. So sei jetzt die anthroposophische Ausrichtung des Leiters des Versuchsguts für den ökologischen Landbau  in Trenthorst bei Lübeck bekannt geworden, am Institut für organischen Landbau der Universität Bonn werde eine prüfungsrelevante Vorlesung abgehalten, die in die “geisteswissenschaftliche Grundlagen der biologiosch-dynamischen Wirtschaftsweise” oder “chronobiologische Rhythmen” einführt.

“Die ideologisierte Richtung des Ökolandbaus ist untrennbar mit der esoterisch-vernebelten Welt- und Natursicht verbunden”, schreibt Treue und weist nach, dass weniger Ökologie als vielmehr magische Vorstellungen Leitlinie des “Öko-Landwirts” Steiner und seiner Anhänger waren. Deshalb muss die Förderung der biologisch-dynamischen Anbauweise durch Verbraucherschutz-Ministerin Künast besonders kritisch gesehen werden, da sie die Behandlung ökologischer Fragestellungen nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft eher behindert.  Und Rüben von Demeter, über diese Marke werden Produkte anthroposophisch orientierten Landbaus zumeist vertrieben, enthalten keine nennenswert anderen Inhaltsstoffe als ihre konventionell angebauten Rübengeschwister.

Danach gab es über Tage hinweg fanatische Leserbriefe, die einmal mehr die Anhänger der Anthroposophie als Sektierer auswiesen. Anstatt Äußerungen des Autors zu widerlegen, wurde Treue beschimpft (ihm fehle “jegliche intellektuelle Voraussetzung”) und die hinlänglich bekannten falschen Behauptungen wurden wiederholt (z.B. dass die Anthroposophen systematisch vom NS-Staat verfolgt worden seien). Und natürlich schrieb auch ein Vater, dessen Kinder wegen der “vitalen Demeter-Lebensmittel” noch nie Grippe hatten...
 


Werteerziehung

Eine jetzt erschienene Broschüre umfasst Ergebnisse einer DFW-Fachtagung im September 2001 zum Thema “Werteerziehung in der Schule” (vgl. MIZ 4/01, S. 20f.) mit den Beiträgen von Renate Bauer, Barbara Brüning, Peter Kriesel, Volker Mueller und Werner Schultz. Das im Land Brandenburg praktizierte Unterrichtsfach “Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde” weist in die Richtung für einen integrativen werteorientierenden Unterricht für alle, in dem die Schülerinnen und Schüler nicht nach ihrer konfessionellen Bindung oder Konfessionslosigkeit getrennt sind. Allerdings sind Alternativen zum konfessionellen Religionsunterricht in den meisten Bundesländern ebenfalls zu stärken und vor allem eigene Unterrichtsangebote freier Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften im Sinne der Gleichbehandlung mit den christlichen Kirchen wichtig. Im Vordergrund steht die Aufgabe, miteinander leben zu lernen.

Werteerziehung in der Schule – LER und Alternativen zum Religionsunterricht. Hrsg. von Volker Mueller. (Heft 16 der Schriftenreihe für freigeistige Kultur). Hannover/Berlin 2002. A. Lenz-Verlag, 85 Seiten, geheftet, ISBN 3-933037-30-1

 


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