von Gunnar Schedel
Noch immer fällt es den Kirchen schwer sich damit abzufinden, daß die europäischen Länder längst multi-weltanschauliche Gesellschaften geworden sind. Weil die Konsumenten esoterischer Heilslehren schwer angreifbar sind, da sie nur selten dauerhafte Gemeinschaften bilden, sondern sich eher wie Supermarktkunden verhalten (heute ein paar Kurse Qi-Gong, nächstes Jahr vielleicht ein paar Ausflüge zu “keltischen Kraftplätzen”), nehmen katholische und evangelische Glaubenswächter meist die kleinen, sektiererischen Gruppierungen ins Visier. Dabei beschränken sie sich längst nicht mehr darauf, den “Sekten” das Recht zu bestreiten, die selben ungedeckten Wechsel aufs Jenseits auszustellen, wie es die Kirchen seit je tun.
Vielmehr bemühen sie sich, ihr Interesse ungestörter Hegemonie auf dem religiösen Markt als Interesse der Allgemeinheit zu verkaufen, indem sie die betreffenden “Sekten” als Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen. Dabei mischen sich sachliche Hinweise auf tatsächlich gefährliche Entwicklungen mit höchst irrationalen Projektionen und Mutmaßungen.1 Die “Sekten” haben darauf reagiert und verteidigen nicht mehr nur ihre Religionsfreiheit, sondern sind dazu übergegangen, sich im großen Stil öffentlich zu rechtfertigen. Eine Argumentationsfigur, die dabei regelmäßig zum Einsatz kommt, ist die Stilisierung der eigenen Vereinigung zum Opfer einer “Verfolgung”. Bei den Versuchen, eine historische Kontinuität von Ketzerkreuzzügen und Inquisition bis heute herzustellen, dient selbst die Judenverfolgung als argumentativer Steinbruch.
Scientology
Zweifelsohne meisterhaft beherrscht die Scientology Church derlei Rechtfertigungsdiskurse. Als die öffentliche Kritik an L. Ron Hubbards Psycho-Kult in Deutschland Mitte der 1990er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, stellte sich Scientology in zahlreichen Publikationen als verfolgte Religionsgemeinschaft dar. So auch in dem angeblich in einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren gedruckten achtseitigen Flugblatt Fakten aktuell. Daraus erfahren wir, daß sämtliche Vorwürfe gegen Scientology aus der Luft gegriffen sind und besonders in Deutschland eine “breitgefächerte Diskriminierungskampagne” gegen die Religionsgemeinschaft betrieben werde. Dabei habe eine Untersuchung der amerikanischen Steuerbehörde gezeigt, daß Scientology eine “echte” Religion sei, deren Einrichtungen “ausschließlich für anerkannte religiöse und gemeinnützige Zwecke” arbeiten; die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg seien eingestellt worden; die UN-Menschenrechtskommission und der Europarat hätten die Verletzung der Religionsfreiheit in Deutschland kritisiert. Das Blättchen ist soweit sachlich gehalten, an einer Stelle jedoch wird eine gewagte Analogie reklamiert: “Übrigens, haben wir es vergessen? Auch Christus wurde fälschlicherweise angeklagt, die Weltherrschaft erlangen zu wollen. Er wurde deswegen gekreuzigt.”
Was hier Andeutung bleibt – die drohende Vernichtung durch die Allianz von Staat und Kirche –, wird in einer Ausgabe der Zeitschrift Freiheit (1996) konkreter ins Blickfeld gerückt, indem eine “kurze Geschichte der Apologetik” aufgelistet wird, die den Bogen von der Inquisition bis zu den Sektenbeauftragten heute schlägt. Nun finden sich unter diesen sicherlich einige fanatische Gegner der Religionsfreiheit und das Bewußtsein, den einzig wahren Glauben gegen Irrlehren zu verteidigen, mag heute (ähnlich wie vor 800 Jahren) den geistigen Horizont der Glaubensbewahrer abstecken; doch zum Beispiel die Tätigkeit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), deren ‘Verbrechen’ darin besteht, einen “nicht mehr übersehbaren Strom von mehr oder weniger diskriminierenden apologetischen Schriften über weltanschauliche und religiöse Konkurrenz” ausgeschüttet zu haben, mit der Vernichtung der Ketzerbewegungen oder der Vertreibung der Muslime und Juden aus Spanien in einen Argumentationszusammenhang zu bringen, ist nicht mehr als billige Polemik mit dem leicht durchschaubaren Ziel, das Mitgefühl, das den Opfern der historischen Verbrechen der christlichen Kirchen zusteht, für sich einzuheimsen.
Den Gipfel der Infamie stellt in dieser Hinsicht jedoch die Broschüre The Fight for Religious Freedom in Germany dar.2 In dieser sind Anzeigen abgedruckt, die Scientology im Frühjahr 1994 in der Kongreß-Zeitung Roll Call geschaltet hatte. Dort wird das staatliche Vorgehen gegen die “Sekte” respektive die Medienbericht-erstattung in direkten Bezug zum Beginn der Judenverfolgung 1933 gesetzt.
Nun machten es Kirchen, Staat und Medien den Scientologen seinerzeit auch einfach, denn die diversen Kampagnen waren von völliger Hysterie und einer kontraproduktiven Dämonisierung der “Sekte” geprägt. Die teilweise Übereinstimmung zwischen zur Darstellung von Scientology verwendeten Bildern und antisemitischen Karikaturen aus dem Nazi-Hetzblatt Der Stürmer (z.B. als Krake, Spinne oder Fledermaus) macht tatsächlich nachdenklich. Und das Titel-Cover einer Broschüre der Jungen Union, wo zum Slogan “INSEKTEN – Nein Danke!” eine Fliegenklatsche abgebildet ist, kann nur als menschenverachtend bezeichnet werden. Unter solche Umständen war es fast schon zu erwarten, daß die Spezialisten der Desinformation nun ihrerseits in die Offensive gehen und die Karte “verfolgte Minderheit” spielen würden.
Der Aufbau der Anzeigen ist beispielhaft für das Vorgehen angeblich verfolgter Gruppierungen, die den Holocaust für ihre Zwecke zu funktionalisieren suchen. Zunächst wird eine Maßnahme der Nazis gegen die Juden kurz beschrieben (etwa die Nürnberger Gesetze oder Boykott-Aktionen gegen jüdische Geschäfte). Dann wird behauptet, daß heute wieder ein Klima des Hasses und der Intoleranz gegen religiöse Minderheiten herrsche, und als Beleg für diese Behauptung werden Maßnahmen gegen Scientology angeführt (z.B. der Unvereinbarkeitsbeschluß der CDU, der zum Ausschluß von Parteimitgliedern, die sich zu der “Sekte” bekannten, führte oder Flugblatt-Aktionen von Bürgerinitiativen). Dann folgt die Aufforderung, nicht zuzuschauen, wie die Geschichte sich wiederholt, sondern Briefe an den Präsidenten der Vereinigten Staaten und einige weitere Behörden zu schreiben. Natürlich wird auch jene kostenlose Broschüre angeboten, die den “ganzen erschreckenden Vergleich zwischen der religiösen Verfolgung durch die Nazis in den 1930ern und Haß und Intoleranz im heutigen Deutschland” enthalte.
Hubertus Mynarek
Scientology steht mit solchen Versuchen, einen Zusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Judenverfolgung und der Diskriminierung kleinerer Religionsgemeinschaften herzustellen, nicht allein. Auch Hubertus Mynarek, Religionswissenschaftler und Kirchenkritiker, stößt ins selbe Horn.
In seinem Buch Die neue Inquisition – Sektenjagd in Deutschland begnügte er sich noch damit, die kirchlichen Sektenbeauftragten in eine Traditionslinie mit der Inquisition zu stellen.3 In Vorträgen ist er mittlerweile dazu übergegangen, eine “Analogie” zwischen der beginnenden Verfolgung der Juden in der frühen Phase der NS-Diktatur und der Behandlung von “Sekten” heute zu behaupten. Als ein Beitrag in der humanistischen Zeitschrift diesseits dies kritisch anmerkte, reagierte Mynarek mit einem Leserbrief: “Ich habe in einem Vortrag ... deutlich und klar die Analogie zwischen Juden und Sekten begrenzt. Das heißt, ich sehe die furchtbaren Untaten gegen die Juden im Dritten Reich als durchaus singulär an. Aber in Bezug auf die Anfänge der Juden- und Sektenverfolgung in Deutschland sehe ich schon Analogien. Auch die Juden wurden im allgemeinen nicht gleich in die KZs verschleppt, sondern man beschnitt oder vernichtete ihre Berufs- und Geschäftsmöglichkeiten, man diffamierte und diskreditierte sie permanent. Oft genügte das Wort: Er ist ein Jude. Genau das macht man heute mit Angehörigen von Sekten. Auch da genügt oft das Wort: Er ist ein Sektierer!”4
Die suggerierte Ähnlichkeit der Situationen von 1933 und 1994 bzw. 2002, der Lage der Juden in Nazi-Deutschland und der Scientologen oder anderer “Sektierer” in der Bundesrepublik ist so absurd, daß sie sogar das “historische” Mea culpa, mit dem die katholische Kirche vor zwei Jahren versuchte, ihre Vergangenheit zu entsorgen, weit in den Schatten stellt. Denn wer so tut, als gäbe es zwischen der wirtschaftlichen Beeinträchtigung etwa von Mitgliedern des Universellen Lebens und der ökonomischen Repression gegen die Juden nur quantitative Unterschiede, betreibt Geschichtsfälschung. Die Maßnahmen eines totalitären Staates, von der Demonstration unverhohlener Gewaltbereitschaft am “Juden-Boykott-Tag” über den Ausschluß sämtlicher jüdischen Menschen von ganzen Berufszweigen bis zur Enteignung jüdischer Geschäftsleute, sind qualitativ verschieden von der (mit Hinweis auf eine angenommene Zugehörigkeit des Antragstellers zum Universellen Leben begründeten) Verweigerung einer Standerlaubnis für einen Weihnachtsmarkt.5
Aber auch die völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen verbieten es, hier von einer “Analogie” zu sprechen. Es gibt heute keine Partei mit nennenswerter Anhängerschaft, die eine militante “Anti-Sektierer-Haltung” vertritt; es gibt nicht hunderte von Pamphleten, die die Aussiedlung oder physische Vernichtung der “Sektierer” fordern; es gibt keine Bestrebungen von Sport- oder Gesangsvereinen sich “sektiererfrei” zu melden usw. usf. Es existiert nicht, das von weiten Teilen der Gesellschaft akzeptierte Feindbild des “Sektierers”, der am Übel der Welt schuld ist und deshalb ausgegrenzt, verjagt, vernichtet werden muß.
Und schließlich: Kritik an “Sekten” bezieht sich heute in aller Regel auf das, was sie nachweislich tun. Es gibt, gerade von kirchlicher Seite, Übertreibungen, Unterstellungen, sogar perfide Rufmord-Kampagnen. Aber all dies in Rechnung gestellt, verbleiben viele konkrete, überprüfbare Vorwürfe – Vorwürfe, die es durchaus nahelegen, solchen Gruppierungen möglichst wenig Einfluß in der Gesellschaft zuzugestehen. Die Vorwürfe gegen “die Juden” hingegen entbehrten jeglicher sachlichen Grundlage.
Wer die Benachteiligung von “Sekten” heute mit den Anfängen der Judenverfolgung analog setzt, bastelt an einem Rechtfertigungsdiskurs, suggeriert, eine Bevölkerungsgruppe hätte unsere Solidarität dringend nötig. Dahinter steckt jedoch nicht das Bemühen, den Anfängen zu wehren; wer den Holocaust auf diese Weise funktionalisiert, versucht sich gegen Kritik zu immunisieren.
Anmerkungen:
1 Die demokratie-theoretische Problematik wird (mit sehr “sekten”-freundlicher Auslegung der Religionsfreiheit) erörtert in: Massimo Introvigne: Schluß mit den Sekten! Die Kontroverse über “Sekten” und neue religiöse Bewegungen in Europa. Marburg 1998.
Für das Universelle Leben ist die kirchliche Kampagne dokumentiert in: Christian Sailer: Luthers totalitäres Regime vor Gericht. Marktheidenfeld 2002. Bei der Lektüre muß freilich immer im Hinterkopf behalten werden, daß es sich bei dem Text um die Klageschrift der Anhänger der Prophetin Gabriele Wittek gegen die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern handelt.
2 “Der Kampf um die Religionsfreiheit in Deutschland”. Ähnliche Anzeigen wurden auch in renommierten amerikanischen Tageszeitungen geschaltet; eine Haß und Propaganda betitelte Broschüre wiederholt die Thesen in deutscher Sprache.
3 Hubertus Mynarek: Die neue Inquisition – Sektenjagd in Deutschland. Mentalität, Motivation, Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter. Marktheidenfeld 1999. Hier bes. S. 70-101.
Das Buch, erschienen im Verlag Das Weisse Pferd, der dem Universellen Leben zugerechnet wird, enthält zwar eine ganze Reihe interessanter (und überprüfbarer) Sachinformationen, die zur Kritik der Arbeit kirchlicher Sektenbeauftragten herangezogen werden können, reflektiert aber an keiner Stelle die Berechtigung und Notwendigkeit von Religionskritik, die sich nicht ausschließlich gegen die christliche Dominanzreligion richtet.
4 Aussprache, in: diesseits 2/02, S. 38.
5 Tatsächlich gibt es problematische Einzelfälle, wo Unternehmen durch das zielsichere Lancieren nie belegter Unterstellungen zugrunde gerichtet wurden. Solche Kampagnen (durch die überregionalen Medien ging seinerzeit der Fall der Firma EDV für Sie, die ohne jeglichen Hinweis unter den Verdacht gestellt wurde, von ihr verwaltete Patientendaten zu mißbrauchen), die mit rationaler Religionskritik nichts zu tun haben, sollen nicht verniedlicht werden, da sie für die Betroffenen die Vernichtung der materiellen Existenz nach sich ziehen können. Mit konsequenter staatlicher Verfolgung sind sie jedoch nicht gleichzusetzen.
Artikel aus MIZ 2/02
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