Zündfunke MIZ 2/02

Gora-Konferenz

“Drückende Wärme, gutes vegetarisches Essen, dunkle freundliche Gesichter mit offenen Augen, streitbare freigeistige Debatten” – so beschreibt Volker Mueller seinen Eindruck von der Gora-Konferenz, die Mitte Februar in Vijayawada stattfand. Der Präsident des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) war als einziger deutscher Vertreter ins Atheist Centre gereist, um bei dem internationalen Treffen aus Anlass des 100. Geburtstages des atheistischen indischen Philosophen und Sozialreformers Gora (1902-1975) dabei zu sein.

Für die internationale humanistische Bewegung sind das Wirken Goras und die Entwicklung des Atheist Centres von herausragender Bedeutung. In Anerkennung dessen haben der indische Parlamentspräsident, Abgeordnete, Regierungsmitglieder und viele andere Persönlichkeiten des kulturellen und öffentlichen Lebens Gora ihre Referenz erwiesen. Über 1000 TeilnehmerInnen aus vier Kontinenten hatten sich versammelt und diskutierten über Goras “positiven Atheismus”. Dessen Anliegen – der Kampf gegen das hinduistische Kastensystem, gegen Fanatismus und Intoleranz, Unterdrückung und Hunger, für soziale Gleichheit und Bildung für alle, politische Selbstbestimmung und die Gleichstellung von Mann und Frau – sind noch heute, und nicht nur in Indien, aktuell.

Gora, Weggefährte Gandhis und Kämpfer für die Freiheit Indiens, hatte das Atheist Centre 1940 gegründet; heute wird es von seiner Witwe Saraswathi geleitet. Unter diesem Dach haben viele soziale Projekte ihren Platz, die weit über den Bundesstaat Andhra Pradesh hinaus gesellschaftliche Anerkennung finden. Gora selbst wird dieses Jahr in Indien mit einer Sonderbriefmarke geehrt.

Freigeistige Verbände aus Deutschland haben das Atheist Centre auf die eine oder andere Weise kennengelernt. Auch Volker Mueller war im Rahmen eines deutsch-indischen Jugendaustausches zwischen dem Atheist Centre und dem Humanistischen Freidenkerbund Brandenburg bereits dreimal dort gewesen. “Gerade das Kennenlernen der Menschen in Indien, der sozialen und kulturellen Situation und der sozialen Projekte hat – wie bei vielen, die dies erlebten – den eigenen Horizont und die eigene Lebenssicht verändert”, schreibt er in seinem Konferenzbericht. “Über den eigenen Tellerrand schauen, die Probleme der anderen Teile der Einen Welt erfahren, atheistisches Engagement erleben, dies haben wohl auch wir deutschen Freigeister nötig... – nicht zuletzt für ein tolerantes und weltbürgerliches Miteinander.”
 


GWUP-Konferenz

“Parawissenschaften und Politik” hieß das Thema der 12. GWUP-Konferenz, die Anfang Mai in Berlin stattfand. Im Zentrum standen Vorträge, die sich damit befassten, in welchen Bereichen und auf welche Weise parawissenschaftliche Auffassungen in der Politik Fuß fassen können.

Besonders erschreckend ist dabei die Entwicklung auf dem Medizin- und Nahrungsmittelmarkt. Am Beispiel der Anthroposophischen Medizin zeigte Barbara Burkhard, die für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern arbeitet, wie eine wissenschaftlich haltlose Methode, die auf den okkulten Vorstellungen Rudolf Steiners beruht, auf Kosten aller Versicherten gepflegt werden kann. Anthroposophische Medikamente müssen nicht klinisch getestet werden, bevor sie Patienten verschrieben werden, und jeder Versuch, hier wissenschaftliche Mindeststandards einzuführen, wird durch eine massive Lobbyarbeit – die in allen Parteien Früchte trägt – behindert.

Während hier die Regelungen für die so genannten “Besonderen Therapierichtungen” ermöglichen, dass eine esoterische Gruppierung ihre religiösen Auffassungen Medizin nennen darf, ist es im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel die Einführung der “Medizinprodukte”, die den Verbraucherschutz aushöhlt. Aufgrund kommerzieller Interessen der Pharmaindustrie wurden hier Zulassungsverfahren derart vereinfacht, dass eine Prüfung der Mittel illusorisch ist und unsinnige Produkte, über deren Nebenwirkungen nichts bekannt ist, auf den Markt kommen. Eine Kritik von kompetenter Seite wird zunehmend schwieriger, da das Wettbewerbsrecht Negativaussagen über ein “Konkurrenzprodukt” verbietet und einige Gerichte Ärzte und Apotheker als Wettbewerber der Pharmavertriebe ansehen. Zwei der Referenten standen deswegen bereits vor Gericht. Hier zeigte sich sehr deutlich, daß den Sonntagsreden vom verstärkten Verbraucherschutz in der Realität eine Aushöhlung desselben gegenübersteht.

In der das Thema abschließenden Podiumsdiskussion zeigten sich die Wissenschaftler dennoch uneins, ob sie sich in Zukunft stärker in politische Debatten einschalten sollten. Bedenken wurden vor allem geäußert, weil sich angesichts der steten Vorläufigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse nicht immer in der Sache eindeutige Aussagen treffen lassen (so wurde gefragt, welches denn die Haltung der GWUP zum “Elektrosmog” sei). Immerhin einigten sich die Anwesenden darauf, dass Verbraucherschutz vor ökonomische Interessen gehen müssen und alle Produkte nach den gleichen Methoden geprüft werden sollen.

Eine Zusammenfassung der Vorträge kann angefordert werden bei: GWUP, Arheilger Weg 11, 64380 Roßdorf, Fon (06154) 69 50 21, Fax 69 50 22, eMail info@gwup.org
 


“Judenverfolgung der Kirche gestern...

...und ihre Sektenjagd” heute lautete der Titel einer Veranstaltung, die der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen e.V. im Verein mit dem IBKA-Landesverband Bayern am 10. Mai 2002 durchführte. Diese bestand genaugenommen aus zwei recht verschiedenen Vorträgen. Eingangs erinnerte Georg Batz an die Beteiligung der Kirche an der Judenverfolgung, auch noch an der durch die Nazis. Sogar wer über die einmalig-schrecklichen Fakten schon informiert war, wurde durch die veranschaulichende Overhead-Projektion des Referenten noch mehr als bisher geschockt. Der Gipfel der kirchlichen Beteiligung bestand wohl darin, dass die Kirche selbst eines der Nazi-Konzentrationslager unterhielt.

Das Thema der kirchlichen (und wiederum staatlichen) Sektenjagd in Deutschland heute behandelte Prof. Dr. theol. Hubertrus Mynarek. Und er wusste, wovon der sprach, als er auf heutige Verfolgungen durch die Kirche und besonders durch deren Sektenbeauftrage einging. Auf Wunsch des Publikums berichtete er kurz (aber leidenschaftlich) über die Nebenwirkungen seines offenen Briefes vom 3.11.1972 an den Papst, in dem er wegen des Machtstrebens der Kirche, durch das sie “in die Gegnerschaft zu den Arbeitern und Ausgebeuteten” hineingetrieben werde, seinen Kirchenaustritt erklärte. Großes Gewicht legte er auch dem Zölibat bei, durch das die Masse der katholischen Geistlichen ihren Geschlechtstrieb verkrüppelt erhalten werde. Als Mynarek ein Jahr später in seinem Werk Herren und Knechte der Kirche aus seinen Insider-Erfahrungen die Strukturen der Kirche kritsch beleuchtete, wurde er mit Prozessen derart überzogen, dass ihm wegen Geldmangels sein Vermögen gepfändet wurde – vom Hauseigentum bis zur Schreibmaschine. Er sollte bis zur Vernichtung finanziell ruiniert werden. Der angesehene Verlag Kiepenheuer & Witsch gab dem Druck der Kirche nach und stampfte Mynareks Bücher ein, soweit sie nicht schon ausgeliefert waren.

Zu seinem Veranstaltungsthema bezog sich Mynarek auf sein neues Werk Die neue Inquisition – Sektenjagd in Deutschland. Mentalität, Motivation, Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter, insbesondere auf das 7. Kapitel “Methoden und Strategien der neuen Inquisitoren”. Zehn Methoden listete er auf, um das verwerfliche Vorgehen kirchlicher und staatlicher Sektenjäger konkret vor Augen zu führen. Von der Verunglimpfung, Verspottung und Verhöhnung der Gründer und Leiter neureligiöser Gesellschaften, Rufmord, Berufsverbot, Existenzvernichtung und Psychoterror. So wenig wie man die heutige Sektenjagd der Grausamkeit nach mit der Judenverfolgung vergleichen kann: Es stimmt schon sehr nachdenklich, wenn die Geschäftsgründung einiger Sektenmitglieder durch Kesseltreiben gegen sie verhindert wird. Wir haben hoffentlich noch nicht vergessen, dass die Anfänge der Judenvernichtung durch die Nazis mit der Volksverhetzung begann: “Kauft nicht bei Juden!” Vorwürfe an die Adresse des Referenten Mynarek, der wie alle starken Charaktere zwischen mehreren Stühlen zu sitzen pflegt, wurden seitens des im Gegenteil sehr dankbaren Publikums nicht vorgebracht.
Hermann Kraus
 


Kontroverse um Veranstaltung

Die Veranstaltung des bfg Erlangen zu Judenverfolgung und Sektenjagd ist im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) auf deutliche Kritik gestoßen. Der Antiklerikale Arbeitskreis im Libertären Forum Aschaffenburg hatte bereits auf die Ankündigung hin mit Protest reagiert. In einer Stellungnahme, die auch im aktuellen IBKA-Rundbrief abgedruckt ist, wird die Verknüpfung der beiden Themen als “völlig misslungener Versuch einer Aktualisierung” bezeichnet, der geeignet sei, die historischen Verbrechen der Kirchen zu relativieren. “Es verbietet sich”, so das Papier weiter, “auch nur den Anschein zu erwecken, Fälle von Diskriminierung heute würden in ihrer Bedeutung gleichgesetzt mit der systematischen Ausgrenzung der Juden im ‘christlichen Abendland’”. Während der Sprecher des IBKA-Landesverbandes Bayern einräumte, das Veranstaltungskonzept hätte vielleicht nocheinmal überdacht werden müssen, blieb der bfg Erlangen bei seiner Einschätzung, dass die Zusammenstellung gerechtfertigt sei, um die Zuhörerschaft für “sich anbahnende aktuelle Entwicklungen und Gefahren” zu sensiblisieren. “Wirklich wesentlich und wichtig ist doch nur, dass wahre HumanistInnen allen wie immer gearteten Anfängen von Behinderungen und Einschränkungen der Freiheit, des Berufs- und Existenzrechts von Individuen und Minderheiten entgegenzutreten haben, egal, aus welcher Ecke diese Behinderungen und Einschränkungen kommen, und egal, ob sie nun um ein paar Grade leichter oder schwerer sein mögen als in etwa Vergleichbares.”

Auch der IBKA-Vorstand distanzierte sich von einem solchen Vergleich, da er geeignet sei, revisionistische Positionen zu befördern, und verkenne, dass zur Religionskritik auch die Kritik der Sekten und Psychokulte gehöre.

 


Artikel aus MIZ 2/02

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