Buddhistischer Flop
Das im Vorfelde enorm gehypte Kalachakra-Tantra-Ritual, das der Dalai Lama vom 11.-23.10.2002 in Graz veranstaltete (siehe MIZ 3/02), fiel weit weniger bedeutsam aus, als angenommen. Es kamen keineswegs die erwarteten 15.000 TeilnehmerInnen in die steirische Landeshauptstadt, vielmehr bestenfalls 6.000 (nach offiziellen Angaben: 9.000). Die übliche Jubelberichterstattung der Medien hielt sich in Grenzen, in einzelnen Beiträgen tauchten sogar kritische Töne auf. Lediglich der ORF als einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung übertrug das Geschehen in der Grazer Messehalle völlig distanzlos und rund um die Uhr via Internet. Außerhalb Österreichs gab es keine nennenswerte Berichterstattung in den Medien.
Der Grund für die Zurückhaltung der Medien (und damit das Ausbleiben der zahlenden Kundschaft) dürfte zum einen in der Veröffentlichung des neuen Buches von Victor und Victoria Trimondi (= Herbert und Mariana Roettgen) gelegen haben, die der Wiener Ueberreuter-Verlag unmittelbar vor Eröffnung des Grazer Kalachakra-Rituals mit großem Aufwand in Szene gesetzt hatte: Das Buch Hitler, Buddha, Krishna: Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute analysiert die Zusammenhänge der “politischen Theologie” des Nationalsozialismus mit den “spirituellen Traditionen” des Ostens, aus denen diese sich wesentlich gespeist hat. Vor allem das tantrisch-buddhistische Kalachakra-Ritual erweist sich dabei als das Gegenteil dessen, als was es in der Öffentlichkeit dargestellt wird: als Aufruf zu einer Art buddhistischen Glaubenskrieges anstatt eines Friedensrituals (vgl.www.trimondi.de).
Der zweite Grund dürfte in dem detailreichen Informationspapier gelegen haben, das der Alibri-Verlag (bei dem Colin Goldners Studie Dalai Lama: Fall eines Gottkönigs erschienen ist) zusammen mit dem Münchner Forum Kritische Psychologie an zahlreiche deutschsprachigen Medien versandt hatte. Dieses Papier (Das Kalachakra-Ritual: Buddhistischer Djihad?), das auch während der Veranstaltung in Graz verteilt wurde, enthielt eine Fülle kritischer Anmerkungen zum Ritual selbst, aber auch zum “Mythos Tibet” oder zu “Tibetischer Medizin” (vgl. www.fkpsych.de).
Eine interessante Sammlung an Texten und Berichten zum Grazer Kalachakra findet sich unter www.kalachakra-tantra.com, eine essayistische Nachbetrachtung unter www.jungle-world.com/2002/ 44/24a.htm.
Atheistische Partei?
Die Konfessionslosen haben in den Parteien keine Lobby; nach Ansicht von Christian Dicker ist es deshalb notwendig, eine “religionskritische atheistisch-laizistische Partei” zu gründen. Der 31-Jährige aus der Nähe von München sucht nun Gleichgesinnte, um sein Vorhaben in die Tat umsetzen zu können. Einige Kernziele atheistisch-laizistischer Parteipolitik sind auch schon formuliert; neben allgemein gehaltenen Forderungen wie der Gleichberechtigung der Frau oder einer Umweltpolitik “auf dem Fundament der Erkenntnisse der atheistischen Naturwissenschaften”, werden auch bereits konkrete Ziele benannt, etwa die Aufhebung der steuerlichen Benachteiligung von Kinderlosen, die Reform der Sonn- und Feiertagsregelungen oder die Liberalisierung der Sterbehilfe.
Die Reaktion aus den Organisationen der Konfessionslosen auf diese Initiative ist bislang eher verhalten bis offen ablehnend ausgefallen. In einer Stellungnahme wies der Vorstand des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) darauf hin, dass es für die Interessenverbände problematisch sei, sich an eine Partei zu binden. Hinzu komme, dass ein explizit atheistischer Staat mit dem Ziel der Weltanschauungsfreiheit kollidiere, hier also genau beobachtet werden müsse, ob eine etwaige laizistische Partei dies berücksichtige.
Kontakt: Christian Dicker, Koloniestr. 21, 85614 Kirchseeon, Fon (08091) 7906, eMail: gottloserketzer@web.de, http://gottloserketzer.de
Erlangen feiert Ludwig Feuerbach
Zum 1000.Geburtstag der Stadt Erlangen wurde am 7. Juli 2002 durch Hunderte von Erlanger Gruppen ein Festumzug veranstaltet. Darunter auch eine Fußgängergruppe des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen. In bester Geburtstagslaune spendete das zu Tausenden, wenn nicht Zehntausenden die Straßen säumende Publikum allen Gruppen stürmischen Beifall; auch der gottlosen bfg-Fußgängergruppe. So stürmisch und zahlreich wurde der Gottlosigkeit in Erlangen noch nie applaudiert. Selbst die Erlanger Nachrichten erwähnten in ihrem Bericht Ludwig Feuerbach unter den geistigen Größen in Erlangens Geschichte. An der Spitze der Gruppe trugen Ludwig Feuerbach und eine seiner Frauen persönlich die gottlosen Lehren und Mahnungen des im 19. Jahrhundert einflussreichsten atheistischen Philosophen auf einem großen Plakat voran: “Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.” - “Tue das Gute um des Menschen willen.” Die übrige bfg-Gruppe trug weitere Plakate mit rebellischen Aussprüchen Feuerbachs - alles begeistert gefeiert vom Publikum. Rote und schwarze Fahnen brachten belebende Farbtupfer in die Gruppe. Schließlich war Ludwig Feuerbach Sozialdemokrat und wollte sich, doch wohl anarchistisch, vom Staat ebenso lösen wie von der Kirche.
Kurz zuvor hatten die Stadt Erlangen und die Universität endlich einen (neu errichteten) Platz nach Ludwig Feuerbach benannt. Bis dahin waren jahre- und jahrzehntelange Bemühungen vor allem des bfg Erlangen und der später gegründeten Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft vergeblich, obwohl oder vielleicht gerade weil die Erlanger Universität und staatliche Behörden Ludwig Feuerbach mit einem unausgesprochenen, aber lebenslangen “Berufsverbot” verfolgt hatten. Moralische Wiedergutmachung ist also längst angesagt. Am Freitag nach dem Festumzug setzte der bfg noch eine Veranstaltung am neuen Ludwig-Feuerbach-Platz drauf: Lesung von Feuerbach-Texten durch Horst W. Blome und ebenso rebellische Texte des Liedermachers Werner Lutz zur Jetztzeit. Der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft (zu ihren korporativen Mitgliedern zählt auch der bfg Erlangen) ist es inzwischen gelungen, dass zusätzlich am 130.Todestag Ludwig Feuerbachs ein Gedenkstein zur Erinnerung an den Religionskritiker auf dem Ludwig-Feuerbach-Platz gesetzt wird - sogar mit einer Begrüßungsansprache des agilen Erlanger CSU-Oberbürgermeisters Ballais.
Hermann Kraus
Taufe rückwärts
Auf der Mitgliederversammlung des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) hat sich dessen zweiter Vorsitzender Rudolf Ladwig in einer feierlichen Zwei-Minuten-Zeremonie “enttaufen” lassen. Barbara Stocker von der Rationalist Society of St. Louis sprach Ladwig, nachdem dieser die menschliche Vernunft anerkannt und den Vorstellungen des Übersinnlichen sowie der “sündhaften” Natur des Menschen abgeschworen hatte, von seinen vormaligen irrationalen Bindungen frei, trocknete das Taufwasser von seiner Stirn (oder war es doch eher der Schweiß nach einer anstrengenden Tagungsleitung) und begrüßte ihn in der “Gemeinde der frei denkenden Menschen”.
Was manchen vielleicht erschien wie eine Karikatur religiöser Initiationsrituale, hatte in diesem Fall einen etwas ernsteren Hintergrund. Nach theologischer Auffassung kann niemand, der einmal getauft ist, aus eigenen Stücken die Herde der christlichen Schafe verlassen; ein Kirchenaustritt bei staatlichen Stellen bedeutet nur ein Ausscheiden aus der Gemeinschaft der Kirchensteuerzahler. Möglicherweise deshalb fühlen sich Kirchengemeinden befugt, die Daten von Menschen zu speichern, die seit Jahren keine Mitglieder mehr sind. Jedenfalls erhielt Rudolf Ladwig, bereits in den 1980ern ausgetreten, im Juli 2002 von der Pfarrerin der Hagener Paulusgemeinde eine Einladung zur “Silbernen Konfirmation”. Nun, nach seiner “Enttaufung”, konnte er zurückschreiben und unter Vorlage der betreffenden Urkunde um einer Streichung aus dem Taufregister resp. die Löschung seiner Personendaten bitten - “auch, um zu vermeiden, ... in 25 Jahren - so das Unsichtbare Rosa Einhorn, gepriesen sei sein Dung, mich dies Alter noch erleben lässt - zu einer ‘Goldenen Konfirmationsfeier’” eingeladen zu werden.
Predigt für Augstein
Heftigen Protest von Seiten der Konfessionslosen hat die Entscheidung des Hamburger Senats ausgelöst, die offizielle Trauerfreier für den im November verstorbenen Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein im Hamburger Michel durchzuführen. Die Redakteurin des Rundbriefes des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.), Heike Jackler, hatte davon erfahren, dass Augstein, der 1968 aus der katholischen Kirche ausgetreten war und sich stets explizit, zuletzt 1999 im Vorwort der Neuauflage seines Buches Jesus Menschensohn, von Kirche und Christentum distanziert hatte, in einer kirchlichen Trauerfeier gedacht werden sollte. Als sich trotz umfangreicher Korrespondenz nicht abschließend klären ließ, ob es sich nun um einen Gottesdienst oder einen Staatsakt handele (die Meinungen gingen hier zwischen der Senatsverwaltung und dem zuständigen Pfarrer auseinander), verfassten mehrere Interessenverbände von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten einen Offenen Brief an den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Die Vereinnahmung des erklärten Nicht-Christen Augstein durch die Kirche sei “eine Verhöhnung des Verstorbenen, seiner Weltanschauung und seines Lebenswerkes”, heißt es in dem Schreiben.
Die Kritik stieß auf große Resonanz bei den Medien und auch Hauptpastor Helge Adolphsen hat in seiner Predigt offenbar darauf reagiert. Denn entgegen der Ankündigung sprach er nicht über Auferstehung, sondern ging ausführlich auf Augsteins Religionskritik ein, lobte die journalistische Tätigkeit des Spiegel-Herausgebers und bekannte: “Er glaubte an die christlichen Grundwahrheiten unserer beiden Kirchen nicht in der vorgeschriebenen Form. Ihn nachträglich zu vereinnahmen, verbietet der Respekt vor seiner Wahrheitssuche und seiner Wahrheit, der er sich verschrieben hatte.” Das letzte Urteil über den Ungläubigen Rudolf Augstein überlasse er Gott.
Eine Chronologie der Vorgänge, der behördlichen und kirchlichen Reaktionen auf den Vorstoß der Konfessionslosen-Verbände sowie ein Überblick über die Berichterstattung der Presse findet sich unter: www.humanist.de/politik/augstein.html
Religiöse Frauenunterdrückung
Unter dem Titel “Monotheistische Religionen und Frauenunterdrückung” stellte der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen das immer noch heiße Thema der Frauenunterdrückung zur öffentlichen Diskussion. Dem Referenten, Rainer Schepper aus Münster, gelang eine Zuspitzung des Themas, indem er den diesbezüglichen negativen Einfluss von Religionen, der sonst eher tabuiert ist, eindrucksvoll von der Entstehung des Patriarchats bis heute schilderte. Hier könnten die FeministInnen manches neue Argument für ihre emanzipatorische Arbeit aktivieren, wenn sie sich zur Kritik an patriarchischen Religionen wie Christentum, Judentum und Islam entschließen würden.
Seit ferner Vergangenheit wurde das Frauenbild derart geformt und durch die damit verbundene Praxis auch die gesellschaftlichen Strukturen dementsprechend geprägt, dass sich die Frau als die Minderwertige dem Mann unterzuordnen hat. Der Mann tritt als Eroberer auf, eben auch der Frau gegenüber, die darum wirbt, von ihm genommen zu werden. Wo diese Werbung gerade nicht in den Kram passt, gilt sie als die Verführerin, die ihm schadet. In Judentum und Christentum wirkt vor allem die Erzählung von der Sünderin Eva (im beliebten Paradies) bis in die Gegenwart nach wegen ihrer verführerischen Rolle im Bündnis mit dem Teufel.
Bei Moses gehörte, laut biblischer Legende, die Frau schlichtweg zum Besitzstand des Mannes. Der mit polygamen Rechten privilegierte Mann wurde deshalb nur insoweit bestraft, als er durch zusätzliche “Eroberungen” den Besitzstand eines anderen Mannes verletzte. Die im Besitzstand eines Mannes befindliche Frau aber wurde gesteinigt, wenn sie einen anderen Mann “verführte”. Im Islam, wenn er auch verschieden praktiziert wird, gilt nach dem Koran, dem Wort Gottes, die Frau als Werkzeug des Mannes, der sie verstoßen kann. Noch die Französische Revolution hielt die Frau in der Sklaverei gefangen: brach sie die Ehe, wurde sie zu einer Haftstrafe verurteilt. In Österreich wurden verzweifelte Mädchen wegen Kindstötung streng bestraft, nicht die eigentlichen, männlichen Kindsmörder. Bei solchen jahrtausendelang religiös gepflegten Traditionen ist es kein Wunder, dass Frauen in vielen Ländern auch heute noch geringer entlohnt werden als Männer und auch bei der Vergabe leitender Positionen in der Gesellschaft benachteiligt werden.
Hermann Kraus
Panorama der Zuschüsse
Das ARD-Politmagazin Panorama hat in seiner Oktober-Ausgabe ausführlich über die staatliche Subventionierung der Kirchen berichtet und einige besonders dreiste Fälle kirchlicher Beutelschneiderei vorgestellt. Dabei stützte sich die Redaktion wesentlich auf die Studie über Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland von Carsten Frerk zurück und gab dem Hamburger Politikwissenschaftler Raum für zwei kritische Statements. Besonders deutlich wurde die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Kirche, in ihren Einrichtungen das alleinige Sagen zu haben (bis hin zur Aussetzung von Arbeitnehmerrechten) und ihren finanziellen Aufwendungen hierfür. So resümierte der Bürgermeister der württembergischen Gemeinde Neckarwestheim: “Wir haben einen Kindergarten, der zu 83% von der Gemeinde finanziert wird, und es steht eben evangelischer Kindergarten außen drauf. Und normalerweise sollte ja das außen drauf stehen, was innen drin ist. Und innen drin ist eigentlich Gemeinde zu 83%. Also müsste eigentlich, genauer genommen, ‘gemeindlicher Kindergarten sponsored by evangelische Kirche’ draufstehen.” Neben dem finanziellen Aspekt kam die Sprache auch auf das kirchliche Dienstrecht. Hier zeigte sich die unverhohlen zur Schau gestellte Demokratiefeindlichkeit kirchlicher Arbeitgeber. Markus Rückert vom Verband der Diakonischen Dienstgeber erläutert seine Vorstellungen von “Dienstgemeinschaft”: “Streik, müssen Sie wissen, kommt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Mottenkiste dieser Zeit. Ich sag Ihnen ehrlich, mir tun immer die Leute leid, die da mit rotem Regenmantel, roter Kapuze, roter Trillerpfeife dastehen müssen, irgendwo und bisschen Remmi-Demmi machen.” Gewagte Worte für den Repräsentanten einer Organisation, deren “Grundgesetz” fast 2000 Jahre alt ist.
Artikel aus MIZ 4/02
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