von Gunnar Schedel
Als Julien Offray de la Mettrie am 11. November 1751 im Alter von 42 Jahren im preußischen Exil stirbt, frohlockt das christliche Abendland. Nicht allein, daß der materialistische Philosoph, der “Gottesverleugner”, der Autor des L’homme machine, endlich tot ist, bringt die Klerikalen zum Jubilieren, das Gerücht, er sei nach dem Genuß einer getrüffelten Fasanenpastete krepiert, ist für die Knechte des Herrn einmal mehr Beweis der Gerechtigkeit Gottes.
Seine aufklärerischen philosophischen Schriften hätten sicherlich ausgereicht, La Mettrie die entschiedene Gegnerschaft der theologischen Fakultäten einzubringen, den Haß der christlichen Intellektuellen zog er jedoch auf sich, weil er nicht bereit war, mit dem Unternehmen Aufklärung bei der Kritik christlicher Metaphysik stehenzubleiben. Er ging in seinem Anti-Seneca einen Schritt weiter, entwickelte eine Theorie vom “glücklichen Menschen”, der das Leben ohne Gewissensbisse genießt. Die Hinwendung zum Diesseits erschöpfte sich für La Mettrie nicht darin, ein “sittliches Leben” nach “vernünftigen Maßstäben” zu propagieren. Denn im Namen der Vernunft wurden zwar absurde christliche Ansichten vom vermeintlichen Sinn des menschlichen Daseins zurückgedrängt, zugleich jedoch ein System bürgerlicher Gebote und Verbote errichtet, das nicht weniger regulierend ins Leben des Einzelnen eingriff (niemand hat diese repressive Seite der Aufklärung klarer herausgearbeitet als Michel Foucault). Indem La Mettrie an Epikur anknüpfte und für eine Lebenseinstellung eintrat, die das Streben nach Glück in den Vordergrund rückte, schuf er ein Korrektiv zu jenen Zeitgenossen, die sich allzu sehr auf ein durchrationalisiertes Leben hin orientierten.
Und wie Epikur ereilte auch La Mettrie das Schicksal, für den Frevel, Glückseligkeit als philosophisches Ziel ausgegeben zu haben, mit Verachtung und Vergessen gestraft zu werden. Seinen Gegnern war es eine Freude, ihn als plumpen Materialisten, der bis zu seinem symbolträchtigen Ende eher auf Sinnesfreuden als auf Erkenntnis aus war, zu verunglimpfen. Die Ablehnung der “Kunst des Genießens”,1 beschränkte sich dabei keineswegs auf phimotische Kleriker; die Lustfeindlichkeit des Christentums war längst in die abendländische Philosophie eingesickert. Auch säkulare Weltanschauungen forderten individuelle Entsagung um höherer Ziele Willen und selbst große Teile der sozialistischen Arbeiterbewegung trugen, trotz ihres höchst irdischen Anliegens, die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu beseitigen, asketische Züge.
Nun sind Einwände, daß persönliches Luststreben ein Luxus sei, den sich vielleicht ein Philosoph leisten könne, nicht aber das Gros der für ihren Lebensunterhalt arbeitenden Bevölkerung, nicht völlig aus der Luft gegriffen. Tatsächlich stehen für nahezu die Hälfte der Menschheit die Mühen des täglichen Überlebens auf der Tagesordnung; die objektiv vorhandenen Rahmenbedingungen ermöglichen allenfalls vom Lebensglück zu träumen. Im real existierenden Kapitalismus sind die Glücksmöglichkeiten drastisch eingeschränkt, wenn jemand im “falschen” Land oder in der “falschen” sozialen Schicht geboren wird. Aber es macht trotzdem einen gravierenden Unterschied, ob Menschen überhaupt den Versuch unternehmen, ihre eigenen Wünsche und Interessen zu erkennen und zu formulieren, und sich zum Ziel setzen, selbst ein gutes Leben zu führen (und sei es im Rahmen noch so erbärmlicher Möglichkeiten), oder ob sie sich auf (je nach Religion) Manna oder Huris im Jenseits freuen, für die Kinder, die es mal “besser haben” sollen, schuften oder auf die Zeit “nach der Revolution” warten. Denn wer keine eigenen Ziele hat, übernimmt leichter die Ziele anderer, die Vorgaben der großen Kollektive, der Religionen, Ideologien, Nationen.
Insofern ändert das bewußte Streben nach persönlichem Glück zwar nichts an gesellschaftlichen Widersprüchen und bestehenden Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen, aber weil die Philosophie des Hedonismus sich eben nicht darin erschöpft, nur über den Verzehr der nächsten Pastete nachzudenken, kann sich gerade aus dieser Haltung heraus eine Reflexion über die Lust verhindernden Zustände entwickeln, die in die Lust zur Veränderung der Welt mündet. In Epikurs Garten, so wird berichtet, hätten Sklaven und Frauen als Gleiche unter Gleichen verkehrt - über 2000 Jahre vor der formellen Abschaffung der Sklaverei bzw. der formellen Anerkennung der Gleichberechtigung der Frau.
Die Hedonisten und Hedonistinnen also die revolutionären Subjekte des neoliberalen Zeitalters? Ich will’s nicht übertreiben. In unseren Breiten gibt es genügend Menschen, die “Hedonismus” tatsächlich als das egoistische Konzept, als das es die Herolde der Lustfeindlichkeit immer ausrufen, ausleben können. Aber wer sich und sein Bedürfnis auf Lebensglück und Lebensgenuß ernst nimmt, wird sich schwerer für die Ziele anderer, die als Gemeinwohl ausgegeben werden, instrumentalisieren lassen und auch kaum auf “positives Denken” hereinfallen, wo Frustration und Unlust einfach nur verdrängt werden.
Und außerdem macht es nicht nur Spaß, es hat auch einen nicht zu unterschätzenden Provokationswert, es sich zum richtigen Zeitpunkt gut gehen zu lassen. Am Karfreitag zum Beispiel, wenn es per Feiertagsgesetz streng verboten ist, fröhlich zu sein. Wer möchte da nicht, wenn alle Christen um ihn herum Trübsal zur Schau tragen, Schokolade essen (vgl. MIZ 3/02, S. 37).
Anmerkungen
1 La Mettrie veröffentlichte unter diesem Titel (L’art de jouir) 1751 eine Schrift über das betreffende Thema, die heute in deutscher Übersetzung vorliegt: Die Kunst, Wollust zu empfinden. Nürnberg: LSR-Verlag 1987.
Artikel aus MIZ 4/02
zurück zum Inhaltsverzeichnis