200 Jahre Säkularisation
200 Jahre Säkularisation – und noch immer hängen die Kirchen am Tropf des Staates lautete der Titel einer Tagung des Regionalverbands München-Südbayern der Humanistischen Union und der Petra-Kelly-Stiftung. Drei Vorträge beleuchteten verschiedene Aspekte der historischen Säkularisation und ihrer Folgen.
Johannes Neumann erläuterte Ursachen, Durchführung und Folgen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Zunächst stellte er die gesellschaftlich-politische Lage am Ende des 18. Jahrhunderts dar, die in Deutschland eher von Vorstellungen eines aufgeklärten Absolutismus denn durch die demokratisch-antiroyalistische Stimmung der Französischen Revolution geprägt war. Die mit dem Fall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einhergehende Neuordnung der deutschen Territorien brachte mit sich, dass sich die Fürsten für die an das republikanische Frankreich verlorenen linksrheinischen Gebiete aus dem Grundbesitz der Kirchenfürsten und Orden entschädigten. Allerdings wurde, so betonte Johannes Neumann, keineswegs sämtliches Kirchenvermögen enteignet. Der zur Aufrechterhaltung von Seelsorge und Caritas benötigte Besitz blieb den Kirchen erhalten (gebietsweise auch für die Fortsetzung des Unterrichts). Gleichzeitig sichern die seinerzeitigen Entschädigungsregelungen und die daran anknüpfenden Konkordate und Kirchenverträge bis heute die Stellung der Kirchen. Ökonomisch betrachtet (und flapsig formuliert) hat die Kirche ohnehin nur den Sektor gewechselt: War sie vor 1803 Großgrundbesitzer (in Bayern verfügte sie über 60% der Fläche) begann mit der Säkularisation ihr Aufstieg zum Sozialdienstleistungsunternehmen.
Der Vortrag von Carsten Frerk konzentrierte sich auf die finanziellen Verhältnisse der beiden christlichen Großkirchen. Wichtigste Erkenntnis war, dass die Kirchen heute in höherem Maße von staatlichen Zuwendungen (incl. Steuerbefreiung etwa 20 Mrd. Euro) als von ihren Kirchensteuereinnahmen leben (ca. 14 Mrd. Euro). Besonders gut kann dieses Missverhältnis anhand der Bezahlung der Beschäftigten in kirchlichen Einrichtungen verdeutlicht werden: Nur 24,2% der rund 1,35 Millionen Menschen, die dort arbeiten, werden aus kirchlichen Mitteln bezahlt. Oder anders herum: drei Viertel aller Kirchenangestellten, von hauptberuflichen Mesner bis zum Chefarzt im kirchlichen Krankenhaus, werden (direkt oder indirekt) aus öffentlichen Kassen entlohnt.
Abschließend stellte Gerhard Czermak die Frage: Ablösung historischer Staatsleistungen an die Kirchen oder Ewigkeitsrenten? Eigentlich war, wie auch in der Weimarer Reichsverfassung explizit festgelegt, vorgesehen, die auf der Säkularisation fußenden Leistungen irgendwann “abzulösen”, d.h. die Kirchen abschließend zu entschädigen, damit diese fortan ihre Ausgaben aus den eigenen Einnahmen und dem eigenen Vermögen bestreiten könnten. Diese Ablösung ist jedoch bis heute nicht erfolgt. Der ehemalige Verwaltungsrichter vertrat die Auffassung, dass die vom Staat an die Kirchen in den letzten 200 Jahren geleisteten Zahlungen die ursprünglich abzulösenden Leistungen ohnehin bereits um ein Vielfaches getilgt hätten. Insofern gäbe es denkbare Wege, diese finanzielle Verflechtung von Staat und Kirche zu beenden. Bei der derzeitigen politischen Konstellation sieht Gerhard Czermak allerdings keine realpolitische Perspektive.
Proteste gegen EU-Verfassung
Fast alle Interessenverbände der Konfessionslosen haben gegen den im Mai bekannt gewordenen Entwurf für eine Europäische Verfassung protestiert. Die Europäische Humanistische Föderation (EHF) hatte bereits vor längerem eine Erklärung abgegeben, die sich gegen die Bezugnahme auf Gott in der Präambel aussprach und forderte, den säkularen Charakter der Institutionen der Europäischen Union in Artikel 3 zu verankern. Außerdem verwies die EHF darauf, dass die Aufnahme der Erklärung 11 der Schlussakte des Vertrages von Amsterdam, in der es heißt, die EU achte “den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften nach deren Rechtsvorschriften genießen”, nur zur Erhaltung der Privilegien der betreffenden Kirchen führen werde.
In einer Stellungnahme des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) wird der nachträglich in den Verfassungsentwurf eingefügte Artikel I-51 “Status der Kirchen und weltanschaulichen Gemeinschaften”, der genau jene Amsterdamer Formulierung enthält, scharf kritisiert. “Jede Bezugnahme auf Kirchen oder religiöse Vereinigungen” in einer europäischen Verfassung sei “gänzlich unangemessen”, da die Gesetze von der Volksvertretung verabschiedet, und nicht im Namen einer religiösen Macht erlassen würden. Auch die im Entwurf enthaltene Gleichberechtigung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sieht der DFW argwöhnisch, da die Erfahrung gezeigt habe, dass eine formale Gleichstellung keineswegs die ungleichen Voraussetzungen im politischen Alltag aufhebt.
Auch der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) wandte sich in einem Schreiben an sämtliche Mitglieder des Verfassungskonventes gegen Artikel I-51 und forderte seine Streichung. Allerdings legte der IBKA in seiner Argumentation den Schwerpunkt auf die Bevorzugung der Kirchen vor anderen Nicht-Regierungsorganisationen; eine solche sei zu befürchten, da in Absatz 3 der “offene, transparente und regelmäßige Dialog” mit den Kirchen gesondert erwähnt wird, obwohl in Artikel I-46 den Organen der EU bereits der Dialog mit den gesellschaftlichen Kräften festgeschrieben sei. Daneben wird auf die problematischen Aspekte des “Selbstbestimmungsrechtes” der Kirchen verwiesen, die anhand von aktuellen Beispielen aus dem Arbeitsrecht belegt werden.
Freidenker-Seminar
Unter dem Titel “Mitdenken – umdenken – freidenken” fand am 1. März 2003 mit Beteiligung von Ulm/Neu-Ulmer, Heidenheimer und Münchner FreidenkerInnen ein Seminar in Heidenheim statt. Kurzvorträge mit den Themen: “Geschichte der deutschen Freidenkerbewegung”, “Die anhaltende Säkularisierung als Herausforderung für Konfessionslose” sowie “Philosophie des Geistes” sorgten ebenso für rege Diskussionen wie die Frage nach neuen Formen der Mitgliedergewinnung. Selbstverständlich spielte auch die aktuelle politische Lage im Irak-Konflikt eine wichtige Rolle.
Die Schwäche der freidenkerischen und -geistigen Bewegung nach 1945 wurde vor allem auf das Bündnis aller BRD-Regierungen mit den Kirchen, die teilweise Rechristianisierung (bzw. das Abgleiten in andere irrationale Konzepte) der Linken in der BRD, das unzureichende Verhältnis der DDR-Regierungen zu Fragen der Ideologie (Übernahme der Ideologie-Vermittlung durch den Staat) zurückgeführt. Für junge Menschen ist der Kircheneinfluss zudem oft wenig direkt “erfahrbar”. Kirchenaustritte haben häufig nur finanzielle Hintergründe, die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft(en) bietet zwar Chancen für konfessionsfreie Verbände – auf Grund der nur wenig entwickelten Debatte unter Konfessionslosen zu diesem Thema, so der Referent Wolfgang Proske, spiegelt sich das aber nicht in entsprechendem Engagement wieder. Seine These: “Säkularisierung befriedet: Immer öfter spielen religionsfreie Entscheidungsträger aus allen politischen Lagern bei religiös aufgepeitschten Konflikten eine ausgleichende Rolle” wurde kontrovers diskutiert.
Für die Mitgliederwerbung wurde u.a. vorgeschlagen, selbst an Jugendverbände mit einem Referatsangebot zur Freidenkerbewegung heranzutreten. Wegen des im Juni 2004 in Ulm stattfindenden und mit 1 Million Euro von der Stadtverwaltung unterstützten Katholischen Kirchentages ist eine weitere enge Zusammenarbeit der süddeutschen FreidenkerInnen geplant, zu der auch alle anderen Konfessionlosen herzlich eingeladen sind.
Thesen zum Irak-Konflikt sowie ein Referat “Kritische Theorie und Religion” können wie auch die obigen Themen unter freidenker-muenchen@t-online.de angefordert werden.
Christiane Kröll
Renaissance der Rituale?
Innerhalb der Konfessionslosen-Szene werden Rituale unterschiedlich beurteilt; manche halten sie für eine wichtige und unentbehrliche symbolische Bewusstmachung von Veränderungen, wie sie in jedem Leben vorkommen, andere winken ab. Eine Fachtagung im Februar 2003 sollte Antworten geben auf die Fragen nach der “Funktion traditioneller Passageriten in aktuellen Jugendkulturen”. Dabei konzentrierte sich die Humanistische Akademie, die Ausrichterin der Konferenz, auf den Übergang von der Kindheit in die Erwachsenenwelt, also auf Firmung, Konfirmation, Jugendweihe und Jugendfeier. Eingeladen waren Kirchenvertreter, Wissenschaftler, Freunde von Jugendweihe Deutschland – also Vertreter von durchaus konkurrierenden Konzepten. Diese kamen im entsprechenden Arbeitskreis und nach dem Referat von Albrecht Döhnert (Theologe in Berlin) deutlich zur Sprache. Er hat in einem umfänglichen Buch Jugendweihe und Konfirmationen verglichen und stellte seine Befunde aus heutiger Sicht zur Debatte.
Zunächst wurde diskutiert, was denn Rituale sein könnten. Namhafte Wissenschaftler stellten ihre Befunde zum Thema vor: Hartmut M. Griese (Erziehungswissenschaftler und Soziologe aus Hannover) vertrat die These, dass Jugend heute generell als extrem verlängerter Initiationsritus aufzufassen sei. Und Axel Michaels (Heidelberg) stellte als Indologe eine Inflation des Ritualbegriffs fest und meinte, man solle nicht nach einem allgemeinen Ritualbegriff suchen, sondern anschauen, was diejenigen, die einen zu haben glauben, damit beobachten und sagen wollen – worauf er flugs und unterhaltsam indische Initiationsriten (jährlich 700.000 mal ausgeübt) mit Jugendweihen verglich (immerhin 110.000 in Deutschland).
In deutlichem Kontrast dazu standen Fragen, die Prof. Dr. Peter Wicke (Musikwissenschaftler, Humboldt-Universität zu Berlin) aufwarf. Er sprach über Rock- und Popmusik im Kontext von Jugendritualen – ein Referat, bei dem es im anschließenden produktiven Streit ums Ganze ging, um Jugend, Rituale, Kommerz, Protestverhalten, Nazi-Rock und Michael Jackson und die Stones und Jugendliche, die nie alt werden und wo die ältere Mama und der jüngere Sohn ihre Ritual-anforderungen kennen, wenn sie getrennt in ähnliche Konzerte gehen.
Zeitweise nahmen bis zu sechzig Personen an der Tagung teil. Das hat besonders zwei Arbeitskreisen gut getan. Der eine verhandelte den Wandel und die Geschlechtstypik von Statuspassagen bei Jugendlichen (moderiert von Uta Schlegel, Soziologin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg). Der andere ist besonders für Lebenskunde wichtig gewesen. Ihn leitete Wiebke Berking, führte in die Debatte ein und diskutierte mit LER- und Religionslehrern über Schule und Rituale, über Konzepte im Religions-, Ethik-, LER- und Lebenskundeunterricht.
Die Zeitschrift der Akademie – humanismus aktuell, Heft 13 (Mai/Juni 2003) – publiziert die Texte der Tagung; Heft 11 (Dezember 2002) enthält eine Einführung in die Ritual-Debatte.
Ausstellungen
“Auf den Spuren freiheitlicher Bewegungen in deutschen Südwesten” bewegte sich der Deutsche Freidenker-Verband (DFV) Ostwürttemberg, als er einen Ausflug ins Haus der Geschichte Baden-Württembergs in Stuttgart unternahm und die gleichnamige Ausstellung dort besichtigte. Das neue Landesmuseum ist sehr anschaulich und mit modernsten Medien gestaltet (www.hdgbw.de). Dargestellt werden die vergangenen 200 Jahre, beginnend mit der Säkularierung, der Auflösung der Klosterherrschaften, bis zur unmittelbaren Gegenwart. Der Schwerpunkt des Rundgangs mit Heiner Jestrabek lag in den Objekten freiheitlicher und freigeistiger Erinnerungen. Stichworte: Johannes Ronge, Gustav Struve, Friedrich Hecker, Friedrich David Strauß, Revolution 1848/49, Georg Herwegh, Badischer Kulturkampf, Frauenemanzipation, Arbeiterbewegung, Novemberrevolution, Antifaschismus, bis hin zur Ökologie- und Friedensbewegung der letzten 20 Jahre.
Der Säkularisierung ist auch die große Landesaustellung im Neuen Kloster von Bad Schussenried gewidmet: “Alte Klöster, neue Herren – Säkularisation im deutschen Südwesten” (www.saekularisation.de). Auch diese aufwendig und modern gestaltete Ausstellung ist für frei denkende Menschen sehr sehenswert. Neben den unvermeidlichen nostalgischen Verharmlosungen (“Unterm Krummstab ist gut leben”) einer feudalen und die persönliche und geistige Freiheit unterdrückenden Vergangenheit, dokumentiert die Ausstellung auch sehr objektiv die zeitgenössische Kloster- und Religionskritik in einer eigenen Abteilung: “Klosterkritik von der Reformation bis zur Aufklärung”: Eine “Bildergalerie klösterlicher Missbräuche”, südwestdeutsche Klosteraufhebungen unter Kaiser Joseph II., das Wirken von Aufklärern, Philosophen, katholischen Reformern und die Wirkung der Französischen Revolution, bis hin zu Religionkritikern und Freigeistern wie Christoph Martin Wieland, Georg von La Roche und Elogius Schneider. Auch wenn, wie anhand zahlreicher Ausstellungsgegenstände dokumentiert, die Säkularisation den weltlichen Fürsten lediglich zur persönlichen Bereicherung gedient hatte, bleibt ihre nachhaltig positive Wirkung, die den nachfolgenden Generationen den Kampf für demokratischere Verhältnisse erleichterte, unbestritten.
Die Ausstellung ist täglich geöffnet und noch bis 5. Oktober 2003 zu sehen.
Islam und Gewalt
Seit dem 11. September 2001 wird die Frage, in welchem Verhältnis Islam und Gewalt stehen, häufig gestellt; die Antworten reichen dann von völliger Verharmlosung (etwa wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder verlauten lässt, die Anschläge hätten nichts mit Religion zu tun) bis hin zur Dämonisierung sämtlicher Muslime. Zwei Autoren, die sich seit längerem mit dieser Frage befassen und bereits 1998 eine Tagung dazu organisierten, stellen derzeit auf Veranstaltungen unter dem Titel Salam oder Dschihad? ein neues Buch vor.
Bereits kurz nach den Attentaten von New York hatten Gernot Lennert, Landesgeschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) Hessen, und der langjährige MIZ-Redakteur Gunnar Schedel in Diskussionen die These vertreten, dass die Friedensbewegung (und nicht nur die) aufgrund der Befürchtung, der Islam könne das neue Feindbild des Westens werden, zu lange auf eine kritische Analyse dieser Religion und der sich aus ihr ableitenden politischen Konzepte verzichtet habe. Tatsächlich jedoch biete der Islam viele Anknüpfungspunkte für autoritäre oder militante Anschauungen, wohingegen nur äußerst spärliche pazifistische Traditionen bestehen.
Auf der letzten Veranstaltung, die in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung in Mainz durchgeführt wurde, kam es zu einer besonders lebhaften Diskussion, weil ein Teil des Publikums das Gefahrenpotential des Islam noch größer einschätzte als das Podium, ein anderer Teil die Kritik als bereits zu weitreichend und “unfair” ansah. Im Kern der Debatte stand die Frage, ob der Islam bzw. das Streben nach einer “islamischen” Gesellschaft als ursächlich für die Militanz zum Beispiel der Islamischen Heilsfront (FIS) in Algerien anzusehen sei oder ob sich gewaltbereite Gruppen des Islam als Rechtfertigung bedienen, der jeweilige Konflikt jedoch seine Wurzeln ausschließlich im politischen oder wirtschaftlichen Bereich hat.
Der nächste Vortrag findet Ende September in Offenbach statt, nähere Informationen unter www.alibri.de.
Verschnupfter Dalai Lama
Zwei Tage nach seinem umjubelten Auftritt beim Ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin kam “Seine Heiligkeit” am 1. Juni wieder einmal auf München hernieder. Und das gleich in doppelter Ausfertigung: Zuerst sprach er am Vormittag an der Technischen Universität im Rahmen einer von ihm höchstpersönlich angeregten Konferenz “Medizin im Kontext der Kulturen”, dann am Nachmittag über “Weltfrieden” in der Olympiahalle. Beide Veranstaltungen wurden von Nina Ruge moderiert.
Auf der TU-Konferenz plauderte er mit seinem langjährigen Freund, dem Münchner Religionswissenschaftler Prof. Michael von Brück, über “Gesundheitssysteme in Ost und West”. Dabei musste der an einer Grippe erkrankte Dalai Lama einräumen, dass er gegenwärtig Antibiotika einnehme, nachdem die von ihm vertretene tibetische Medizin nichts geholfen hatte. “Dalai Lama schluckt Antibiotika” titelte denn auch die Münchner Abendzeitung. Ansonsten schrieb die Lokalpresse weitgehend unkritisch über den Besuch des “Gottkönigs”, der als Höhepunkt seines München-Besuches am Nachmittag Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) eine auf Pergamentpapier handgeschriebene Botschaft überreichte: “Glück und Frieden ist abhängig von der mitfühlenden, freundlichen Haltung aller Menschen.” In der Münchner Boulevardzeitung tz hieß es passenderweise, die mehr als 10.000 BesucherInnen in der Olympiahalle hätten den Dalai Lama begrüßt, “als wäre er ihr neuer Führer, ihr Heilsbringer.”
Das Antifa-Referat des AStA der Uni München verteilte kritische Flugblätter an einem Infotisch vor der TU und am Eingang des Olympiageländes (nachzulesen über www.stuve.uni-muenchen.de). Unterstützt wurden die Aktionen des AStA vom Forum Kritische Psychologie München e.V. und vom Alibri Verlag.
David Goldner
Auszeichnung für Atheisten
Verhalten haben die Konfessionslosen-Verbände auf die Verleihung des Leipziger Menschenrechtspreises an den norwegischen Freidenker Andreas Heldal-Lund reagiert. Lediglich der Bundesvorsitzende des Humanistischen Verbands, Rolf Stöckel, hatte sich in die Liste der Gratulanten eingetragen. Die Auszeichnung wird jedes Jahr vom Europäisch-Amerikanischen Bürgerkomitee für Menschenrechte und Religionsfreiheit in den USA vergeben, wobei der Einsatz für Menschenrechte und Religionsfreiheit sich bislang stets auf den Kampf gegen Scientology bezogen hat. Obwohl der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche Thomas Gandow als treibende Kraft gelten kann, betont das Komitee, es sei nicht als religiöse sondern als politische Organisation zu sehen.
Heldal-Lund, der sich als Humanist versteht (in seiner Dankesrede betonte er, “dass alle Menschen frei sein sollten zu glauben, woran immer sie möchten – einschließlich Scientology”), unterhält seit 1996 eine Internet-Präsenz (Operation Clambake, www.xenu.net), auf der er anhand von Texten der Scientology Church aufzeigt, dass die Auffassungen dieser Glaubensgemeinschaft mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar sind. Für sein Engagement ist er von Scientology immer wieder angegriffen worden. Da Heldal-Lund sich nicht unter Druck setzen ließ, versuchten es die Anhänger L. Ron Hubbards bei den Internet-Providern – und feierten immer wieder Erfolge: im März vergangenen Jahres etwa nahm die Suchmaschine Google die Seiten vorübergehend aus dem Index.
Bislang ist der zum vierten Mal vergebene Leipziger Menschenrechtspreis im säkularen Spektrum eher als Instrument in der Auseinandersetzung der christlichen Konfessionen mit einer unliebsamen Konkurrenzorganisation wahrgenommen worden; besonders die Verleihung an Norbert Blüm wurde als peinlich bewertet (vgl. MIZ 2/02). Nachdem bereits 2002 mit Alain Vivien, dem Vorsitzenden der Interministeriellen Mission zum Kampf gegen die Sekten (MILS), eine Persönlichkeit ausgezeichnet worden war, der nicht als Vertreter kirchlicher Positionen im engeren Sinne angesehen werden kann, zeichnet sich mit der Ehrung eines erklärten Atheisten möglicherweise eine Öffnung der Zielsetzung ab.
Freidenkerpreis für IBKA
Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) ist im April von der Atheist Alliance International (AAI) mit dem Freidenkers’ Award ausgezeichnet worden. Auf der Convention der AAI in Tampa/Florida wurde die Urkunde dem IBKA-Vorsitzenden René Hartmann überreicht. Der Preis wurde erstmals vergeben und soll Organisationen oder Personen auszeichnen, die sich um die Verbreitung des freien Denkens verdient gemacht haben.
Die Benennung des Preises begründet die AAI damit, dass es in der Geschichte gerade deutsche Freidenker gewesen seien, die die Idee der Geistesfreiheit in Europa und Amerika verbreitet hätten. Möglicherweise um diese Einschätzung zu unterstreichen, fiel die Wahl auf den einzigen deutschsprachigen Mitgliedsverband in der AAI.
Artikel aus MIZ 2/03
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