In vielen Städten war die Anatomie-Ausstellung “Körperwelten” bereits zu sehen; in München hat es nun erstmals heftige Auseinandersetzungen darüber gegeben, ob es gegen die Menschenwürde verstoße, Körperfunktionen anhand plastinierter Toter darzustellen. Die Stadt München wollte die Präsentation unter Hinweis auf das Bestattungsgesetz sogar verbieten – für die MIZ Anlaß, Gunther von Hagens einige Fragen über die Kontroverse, das Konzept seiner Ausstellung und seine Person zu stellen. Das Gespräch führte Colin Goldner.
MIZ: Es hat im Vorfelde der Ausstellung in München tief unter die Gürtellinie gehende Angriffe gegen Sie persönlich gegeben – “perverser Horrorprofessor”, “Leichenfledderer”, “Dr. Frankenstein” noch die harmlosesten davon –: wie gehen Sie damit um? Kränkt Sie das oder ist Ihnen das egal?
Hagens: Ich schaue nie ins Fernsehen oder in die Zeitung, wenn etwas über mich zu sehen oder zu lesen ist. Ich lasse das andere machen, die mir dann in geraffter Form davon erzählen. Das reicht mir. Und es schafft Distanz. Im übrigen kann es gar nicht ausbleiben, daß, wenn ich in der Gesellschaft etwas verändere, das mit dem Körper zu tun hat – also ein gesellschaftliches und familiäres Tabu antaste –, Aggression entsteht, die sich notwendigerweise gegen den richtet, der das Neue hervorbringt. Das ist das Übliche, was Erfindern, Entwicklern oder sonstigen gesellschaftlichen Veränderern – Joseph Beuys etwa – entgegenschlägt. Es besteht die große Gefahr, das nicht auszuhalten und daran zu zerbrechen. Das passiert, wenn man eitel ist, wenn man etwa jeden Tag in die Zeitung schaut, ob etwas über einen drinsteht. Solche Eitelkeit ist mir fremd.
MIZ: Hatten Sie Sorge, diese rein persönlichen Anwürfe, vor allem seitens der Boulevardmedien, könnten die öffentliche Meinung so weit beeinflussen, daß die Verhindererallianz aus Stadtverwaltung, Klerus und CSU obsiegte und die Ausstellung tatsächlich verboten würde? Oder daß einfach keine Besucher kämen?
Hagens: Ich war überzeugt, daß das nicht passieren würde. Man hatte uns in Mannheim aufgrund öffentlicher Meinungsmache gegen die Ausstellung den absoluten Bankrott vorausgesagt, dann kamen 87.000 Besucher. [Anm. d. Red.: Anfang Juni 2003 wurde in der Münchner Ausstellung der 500.000ste Besucher begrüßt.]
MIZ: Worauf führen Sie diese enorme Publikumsakzeptanz entgegen dem Diktat der großen Meinungsbildner zurück?
Hagens: Vielen ist der Erfolg dieser Ausstellung ein Rätsel. Ich meine, er ist begründet in der konsequenten Orientierung am medizinischen Laien. Wenn ich ein neues Plastinat mache, dann befrage ich buchstäblich Leute “von der Straße”, was sie davon halten, ob sie sich etwas vorstellen können. Wenn medizinisch nicht vorgebildete Menschen ein Präparat nicht verstehen, wenn es ihnen nichts sagt und sie nichts begreifen, sortiere ich es aus und mache ich ein besseres. Und das wird honoriert. Man erfährt: es geht dieser Ausstellung um echte Volksbildung, echte Aufklärung.
MIZ: Nicht jeder “Mann auf der Straße” honoriert Ihr Bemühen. In einem von AOL eigens eingerichteten Internet-Forum wurden sie in zahllosen Einträgen aufs Unflätigste beschimpft und auch bedroht: Man werde Ihnen die Haut abziehen, Sie zerstückeln, mit Ihnen just so verfahren, wie Sie das – ich zitiere –: schändlicherweise mit Ihren Leichen täten.
Hagens: Menschen, die sich weigern, die Ausstellung zu sehen und stattdessen ihre eigenen Phantasien auf deren Urheber und Macher projizieren, dürfen nicht mein Handeln bestimmen. Ich bekomme immer wieder Drohbriefe, mein Auto werde in die Luft fliegen und dergleichen. Meine Reaktion darauf: Ich nehme es zu Kenntnis, aber es bewegt mich nicht. Eine Grenze allerdings gibt es, die nicht überschritten werden darf: wenn ich etwa mit KZ-Arzt Mengele verglichen werde. Das empfinde ich als untragbare Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus. Wer nicht unterscheiden kann, daß sich hier Menschen ganz bewußt dafür entschieden haben, Ihren Körper der anatomischen Volksbildung zu spenden, und dort Menschen unter einem Verbrecherregime barbarisch gefoltert und zu hunderttausenden umgebracht wurden, bei dem stimmt irgendwas im Kopf nicht. Gegen Nazi-Vergleiche setze ich mich zur Wehr.
MIZ: Sie brechen mit Ihrer Ausstellung in das Monopol der Medizin schlechthin ein: den Umgang mit dem menschlichen Körper, von dessen Funktion und Innenansicht die meisten Menschen weniger Ahnung haben als von Funktion und Innenansicht ihres Automobils. Durch diese Unkenntnis werden sie in vollkommener Abhängigkeit von eben der Medizin und ihren Vertretern gehalten...
Hagens: ...was der Grund ist für die teils vehemente Ablehnung meiner Aufklärungsarbeit seitens einiger Kolleginnen und Kollegen. Derlei akademische Schelte ist für mein Anliegen irrelevant.
MIZ: Sie brechen noch in ein weiteres Monopol ein, noch dazu in ein tabubesetztes: das der Verwaltungsbehörden und vor allem der Kirchen im Umgang mit dem toten Körper. Wie gehen Sie mit den beiden Amtskirchen um, die in Ihnen den Totengräber christlich-abendländischer Zivilisation und Kultur ausgemacht haben?
Hagens: In der Tat war es die Erzdiözese München und Freising, die die Stadt München schriftlich aufgefordert hat, dem “allgemeinen Bevölkerungswillen” zu entsprechen und die Ausstellung zu verbieten. Woher sie diesen Bevölkerungswillen kannten, teilten die Herren Soutanenträger nicht mit. Die Stadt zeigte sich willfährig und setzte die geballte Macht ihrer Administration ein, die Ausstellung zu verhindern, die ursprünglich auf ausdrückliche Einladung von SPD-Oberbürgermeister Ude nach München gekommen war. Hätte ich gewußt, wie sehr der bayerische Klerus und einige CSU-Funktionäre das rot-grün regierte München im Klammergriff haben, wäre ich erst später hierher gekommen, mit vielleicht sechs Millionen Besuchern im Rücken statt nur mit drei Millionen wie jetzt. Letztlich aber hat alles nichts geholfen, die “Körperwelten” werden erfolgreich gezeigt. [Anm. d. Red.: Die Ausstellung wurde des großen Publikumsandranges wegen sogar verlängert und ist jetzt bis 17. August 2003 in der München Arena auf dem Olympiagelände zu sehen. Infos: www.koerperwelten.de.]
MIZ: Ein wesentlicher Punkt, auch und gerade der Kirchen, im gegen Sie erhobenen Vorwurf der Verletzung der Menschen- bzw. Totenwürde ist die ausdrücklich künstlerische Gestaltung der Plastinate. Warum betreiben Sie diese Art der Ästhetisierung Ihrer Präparate, wenn es, wie Sie sagen, doch um Didaktik und Instruktion geht, um die Vermittlung von Wissenschaft?
Hagens: Will ich Anatomie popularisieren, ohne sie zugleich zu banalisieren, muß ich sie attraktiv machen, das heißt: expressiv und bis zum ästhetischen Schock hin in Szene setzen. Ob das nun als Kunst bezeichnet wird oder als SciArt oder sonst etwas, ist völlig egal. Entscheidend ist, daß der Laie Wissenschaft, hier Anatomie, emotional erlebt. Ich billige gerne zu, daß das Ergebnis meiner Arbeit wohl ein Künstlerisches ist, ein Künstler wäre aber auf anderem Wege dorthin gelangt. Ich komme zu einer ungewöhnlichen Skulptur nicht durch einen künstlerischen Gestaltungsdrang, sondern dadurch, daß ich einen Körper ganz gezielt expandiere, lateral, longitudinal, total, und ihn dann noch in eine dynamische Pose bringe, um sein instruktives Potential bestmöglich zu erschließen. Der Laie, der staunend davor steht, versteht das. Er erfährt etwas über sich.
MIZ: Unter den zahllosen Mutmaßungen und Spekulationen, die sich um Ihre Person ranken, hält sich hartnäckig auch das Gerücht, Sie seien Anthroposoph oder Scientologe; oder gar Anhänger einer nekrophil-satanistischen Sekte.
Hagens: Ich lehne grundsätzlich jede Art von einseitiger weltanschaulicher Interpretationsphilosophie ab. Gerade als Erfinder nehme ich meine Kraft aus dem Zweifel und nicht aus dem Glauben. Mir steht am ehesten der Agnostizismus nahe. Eine solche Geisteshaltung ist mit Anthroposophie und Scientology, von satanistischem Wirrsinn ganz zu schweigen, nicht in Übereinstimmung zu bringen. Solche Gerüchte sind Teil von mir in letzter Zeit immer mehr zu Ohren kommenden Absurditäten über meine Person und ich bin dankbar, daß die MIZ dazu beiträgt, derlei Unfug den Boden zu entziehen.
Artikel aus MIZ 2/03
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