von Frank Welker und Fabian Veith
Es gibt wohl kaum eine Musikrichtung, die in den letzten Jahren mehr kritisiert wurde als die des Black Metal. Allein schon das Aussehen der Bands und der Fans war für viele Kritiker, besonders aus dem christlich-konservativem Spektrum, bereits Grund genug in dieser Art der Musik den Untergang des christlichen Abendlandes zu sehen.
Black Metal ist musikalisch betrachtet eine extrem harte und düstere Spielart des Heavy Metal. Die Wurzeln des Black Metal reichen zurück bis zum Anfang der 80er Jahre. Als Begründer der Szene kann die Band Venom angesehen werden, die mit ihrem Album Black Metal (1982) der Szene ihren Namen gab. Textlich werden häufig satanische, antichristliche und paganistische Themen behandelt. Aber auch klassische Horrorgeschichten sind als Vorlage für Lyrics beliebt. Die heute wohl bekanntesten Bands sind Darkthrone, Dimmu Borgir und Cradle Of Filth.
Morde innerhalb der skandinavischen Black Metal Szene und das Niederbrennen zahlreicher Kirchen in Norwegen sorgten Anfang der 90er Jahre für ein starkes mediales Interesse. In Deutschland erregte insbesondere der Mord an Sandro Beyer für großes Aufsehen. Der 15-jährige wurde von drei Mitgliedern einer satanischen Jugendclique ermordet. Der als ein Haupttäter verurteilte Hendrik Möbius hat heute innerhalb der rechtsradikalen Black Metal-Szene mit seiner Band Absurd absoluten Kultstatus. Die meisten Bands und Fans distanzierten sich von diesen Taten, allerdings gab es und gibt es auch bewundernde Stimmen. Man sollte aber auf keinen Fall den Fehler machen, die Masse der Fans und Bands mit diesen schlimmen Gewalttaten in Verbindung zu bringen.
Auch ist es problematisch auf Grund der Kleidung und der verwendeten satanischen oder heidnischen Symbolik auf den ideologischen Hintergrund von Fans oder Bands schließen zu wollen, wie dies von der Presse und einigen Sektenbeauftragten immer wieder getan wird. Tatsächlich ist die satanische Zeichenwelt im Black Metal kaum wegzudenken. Satanische Symbole, wie Totenköpfe, Satansfiguren, Pentagramme, umgedrehte Kreuze, oder die Zahl 666 finden sich auf T-Shirts, Rückenaufnähern, auf den Plattencovern und den Konzertbühnen. Es stellt sich hier jedoch die Frage, wie denn die Fans mit diesen Symbolen umgehen. Sind die satanischen Symbole etwa ein Hinweis auf einen satanischen Lebensstil der Jugendlichen oder steckt möglicherweise etwas ganz anderes dahinter?
Aus Interviews mit jugendlichen Fans1 geht hervor, dass die verwendeten satanischen Elemente eben keine Identifikationsobjekte sind, denen die Jugendlichen hilflos ausgeliefert sind. So bedeuten für manche Black-Metal-Fans die Symbole nicht mehr als “Firlefanz, den keiner richtig ernst nimmt”, (Jörg, 17 Jahre) oder es gilt einfach als “geiles Teufelszeug, das ein bisschen Shocking ist” (Florian, 19 Jahre). Einige wenige gehen sogar soweit, die satanischen Symbole völlig zu ignorieren: “Alles Pupes und ziemlich bescheuert” (Boris, 15 Jahre) und ihre Begeisterung für die Metal-Musik nur über “den extremen und echten Sound” (Ronny, 20 Jahre) zu definieren. Andere Fans dagegen instrumentalisieren die satanischen Texte und Zeichen regelrecht, um damit ihre Protesthaltung gegenüber der Kirche zum Ausdruck zu bringen: “Was heute in der Kirche abgeht, hat etwas mit schwarzer Magie zu tun” (Rolf, 22 Jahre). Oder: “Im Namen der Kirche wurden mehr Leute umgebracht, als im Namen Satans” (Kai, 24 Jahre).
Der Umgang mit satanischen Emblemen und Ideen in der Metal-Szene verweist auf markante Unterschiede zwischen den Fans. Eine Art satanische Bricolage kommt hier zum Ausdruck. Die Fans bedienen sich im vorhandenen Fundus der satanischen Symbole und verleihen ihnen eine neue Bedeutung. So bedeuten dann umgedrehte Kreuze eben nicht unbedingt, dass die Träger sich als Satanisten verstehen, sondern hinter der scheinbar eindeutigen Symbolik, kann eine ganz andere Bedeutung stehen, wie beispielsweise die Ablehnung der christlichen Religion.
An der Kleidung lassen sich folglich Satanisten also nicht erkennen. Dennoch gibt es in der Szene viele Bands und auch Fans, die sich selbst als Satanisten bezeichnen. Aber auch hier muss man sehr genau differenzieren, denn nur wenige Satanisten entsprechen dem Bild des gewaltbereiten und über Leichen gehenden Teufelsanbeters. Von einigen bereits geschilderten Ausnahmen abgesehen, bewegen sich auch Satanisten im Rahmen der Gesetze. Auch beten die meisten von Ihnen keinen personifizierten Teufel an, wie es beispielsweise das Satanistenpärchen aus Witten tat. Vielmehr verstehen sich viele als Anhänger eines philosophischen Satanismus. Die Begründer der beiden Hauptrichtungen dieses Neosatanismus Aleister Crowley (1875-1947) und Anton Szandor La Vey (1930-1997) lehrten nämlich keineswegs die Verehrung eines personifizierten Teufels. “Es gibt keinen Gott außer dem Menschen” und “Tue was du willst sei das ganze Gesetz” sind die beiden Grundlehren der Philosophie Crowleys und ähnlich wie Crowley ging auch La Vey von der Nichtexistenz des Satans aus. Der Begriff Satan dient in La Veys Lehren primär als Synonym für deren antichristliche Ausrichtung. Aber auch hier ist es nicht so, dass diese Lehren nun nicht mehr hinterfragbare Dogmen wären. Zentral für Satanisten ist der Individualismus und aus diesem Grund eine Kategorisierung der verschiedenen Strömungen praktisch unmöglich.
Problematisch ist jedoch, dass der ausgeprägte Individualismus und das elitäre Selbstverständnis durchaus Anknüpfungspunkte für sozialdarwinistische oder gar rassistische Gedanken bietet. So heißt es in der Selbstdarstellung der Church of Satan, einer in den USA offiziell anerkannten Kirche :
“Wir wollen statt dessen den zeitgenössischen Satanismus als das sehen, was er wirklich ist: eine brutale Religion des Elitedenkens und Sozialdarwinismus, die danach trachtet, die Herrschaft der Fähigen über die Idioten wiederherzustellen, der prompten ausgleichenden Gerechtigkeit gegenüber Ungerechtigkeiten und einer pauschalen Zurückweisung der Gleichmacherei als den Mythos, der den Fortschritt der menschlichen Rasse in den letzten zweitausend Jahren gelähmt hat.”
In diesem Kontext wird es verständlich, dass von Szenekennern und auch vom Verfassungsschutz ein wachsender Einfluss von rechten Ideologien im Black Metal festgestellt wurde. Inzwischen hat sich sogar ein eigenes Subgenre gebildet: der so genannte NSBM (Nationalsozialistischer Black Metal). Ganz offen wird in den Texten einiger Bands der Kampf der weißen Rasse gegen die “jüdisch-christlichen Parasiten” propagiert. Zum ausgeprägten Antisemitismus kommt also noch ein massiver Hass gegen die christliche Religion, bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf heidnische Traditionen, hinzu. Dies wird auch in dem folgenden Textbeispiel der Band Absurd deutlich:
Absurd: Der Sieg Ist Unser
aus dem Album: Facta Lunquuntur, 1996)
Herr des Krieges, Herr der Nacht
Wenn der Morgen dämmert, es beginnt die Schlacht
Gegen Untermenschen, doch nichts stoppt unsern Lauf
Gott Jahwe, wir schlitzen Deinen Bastard auf
Der Sieg ist unser
Südland wird fallen, wie schon Ostland fiel
Es auszulöschen, das ist unser Ziel
Israel, Juda im Schmutz vernichtet
Die Legionen des Schicksals haben sie alle gerichtet
Welch’ Massaker, Blut und Nukleare Feuer
Wir sind Nordlands Wölfe, wahre Ungeheuer
Auf dem Kriegspfad, bewaffnet mit Schwertern aus Stahl
Bringend Verderben, und Tod und ewige Qual
Wir sind die Herren des Kriegs, die Herren der Nacht
Wenn der Morgen dämmert, beginnt die Schlacht
Gegen Untermenschen, doch nichts stoppt unsern Lauf
Gott Jahwe, wir schlitzen Deinen Bastard auf
Der Sieg ist unser
Absurd stehen mit ihrer extremen Meinung nicht allein. Es gibt eine ganze Menge an derartigen Bands, wie zum Beispiel Pantheon, Der Stürmer, Capricornus, Thors Hammer, um nur einige wenige aufzuzählen. Die Bands stammen primär aus Deutschland – hier insbesondere aus Ostdeutschland –, Osteuropa und den USA. Aber auch in anderen Ländern haben solche Gruppen Konjunktur, so dass man sogar von einer globalen Bewegung sprechen kann. Ein großer kommerzieller Erfolg blieb den Bands bislang aber versagt. Während es Bands wie Dimmu Borgir und Cradle Of Filth mit ihren Alben in die Charts schaffen und die Videos auch bei MTV und Viva laufen, sind die Verkaufserfolge der NS-Bands bescheiden. Was auch damit zusammenhängt, dass große Plattenfirmen derartige rassistische Machwerke nicht dulden, beziehungsweise berechtigterweise das Verbot der Produkte fürchten. So sind die Bands folglich auf den so genannten schwarzen Markt angewiesen. Die Platten werden also im Ausland produziert und sind dann über das Internet relativ problemlos erhältlich. Aber auch in den MP3-Tauschbörsen wird man schnell fündig und kann sich die Musik unproblematisch auf den Rechner holen.
Das Internet ist für die Szene ohnehin ein wichtiger Treffpunkt. Hier werden Gedanken ausgetauscht, Texte diskutiert oder Musiktipps veröffentlicht. Das Netz ist natürlich auch eine ideale Plattform zur Verbreitung rassistischer Ideen. Eine regelrechte Vereinigung in diesem Sektor stellt zum Beispiel die Pagan Front dar die von vielen verschiedenen Bands und kleinen Plattenfirmen unterstützt wird und öffentlich NS-Ideologien vertritt.
Glücklicherweise gibt es aber auch Gegenbeispiele. So hat beispielsweise die aus Thüringen stammende Combo Eisregen einen Song verfasst, der sich gegen den nationalsozialistischen Wahn wendet:
Eisregen: Heer der Ratten
(aus dem Album Leichenlager, 2000)
Ein Führer befiehlt –
Das Heer der Ratten folgt
Gleichgeschaltet in Reihe
Kein Gedanke an Rebellion
Ein Führer befiehlt –
Das Heer der Ratten pariert
Bittre Maske der Konformität
Was zählt, ist das Ziel
Krieg nur das Mittel zum Zweck
Ein Führer befiehlt den nächsten Schritt
Das Heer der Ratten folgt
Den Abgrund passiert
Tod für das Vaterland
Hirnwäsche für die Masse
Propaganda zur Kunstform verklärt
Selbstaufgabe als Lebensziel
Und das Heer der Ratten folgt...
Ihr Führer befiehlt –
Und die Ratte nagt an den Toten
Die Leichen von Millionen
Die Welt als Massengrab
Stirb an vorderster Front
Denke nicht an Frau und Kinder
Ritterkreuz für ein Dutzend Morde
Es verschönert die Uniform
Im Sperrfeuer tanzt der Leib der Ratte
Ihr braunes Kleid zerfetzt
Ein paar Teile finden zurück in die Heimat
Benetzt von des Weibchens Tränen...
Der Name der Ratte
Leuchtet fahl am Gedenkstein im Park
Den Befehl ihres Führers befolgt
Dies sei ihr Lohn...
Doch die Ratte schläft nie
Sie hat mehr als 1000 Leben
Wenn du denkst, sie sei ausgerottet
Trifft dich ihr Biss im Hinterhalt
Wenn ein Führer befiehlt
Formiert sich neu das Heer der Ratten
Hirntod als Eintrittskarte
In die Welt der Kameraden...
...und das Heer der Ratten folgt..
Aber auch die Fans wehren sich gegen die Vereinnahmung ihrer allgemein unpolitischen Szene durch die rechte Szene. So finden sich im Internet sehr viele Gegenstimmen und auch Organisationen (z.B. http://come.to/fuckfascism), die rechtsradikales Gedankengut nicht tolerieren. Allerdings gibt es auch Leute, die zwar selbst keine Nazis sind, aber dennoch die Musik hören und meinen Ideologie und Musik trennen zu können. Eine gefährliche Gratwanderung, zumal sie durch Plattenkäufe die Macher derartiger Musik unterstützen.
Die Black Metal-Szene ist übrigens nicht die einzige Jugendkultur, die sich mit rechtsradikalen Einflüssen auseinander setzen muss. Inzwischen gibt es nicht nur rechtsradikalen Punk oder Metal. Die rechte Szene hat inzwischen für jeden Geschmack etwas zu bieten. Wem danach ist, kann sich auch beispielsweise Techno von DJ Hitler anhören und auch im Bereich Pop, Schlager und Rock finden sich rechte “Künstler". Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass es sich auch beim NS Black Metal nicht um eine szenespezifisches Problem handelt, sondern um ein gesamtgesellschaftliches.
Fazit: Die Entwicklung innerhalb der Szene ist insgesamt bedenklich. Positiv zu bewerten ist in jedem Fall, dass sich viele Fans gegen rechte Ideologien aussprechen und auch aktiv etwas tun. Man sollte jedenfalls auf keinen Fall verallgemeinern und sagen, dass der Black Metal heutzutage maßgeblich von radikalem und/oder rechtsextremistischen Gedankengut bestimmt sei. Dies entspricht sicherlich nicht den Tatsachen und würde viele Liebhaber dieser Musik, die kritisch gegenüber dieser Entwicklung der Szene eingestellt sind in eine ganz falsche Ecke rücken.Die meisten Fans Black Metal-Musik sind alles andere als brutale Typen, überzeugte Satansverehrer oder rechte Krawallmacher.
Anmerkungen:
1 Die Interviews wurden im Rahmen einer Jugendstudie in Trier (Leitung Dr. Waldemar Vogelgesang) geführt.
Artikel aus MIZ 4/03
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