von Frank Welker
Aus der Sicht fundamentalistischer Christen ist die MIZ wohl eines der ärgerlichsten Organe, das die hiesige Presselandschaft zu bieten hat. Sicherlich stellt sich für überzeugte Christen nach der Lektüre einiger unserer Ausgaben die Frage nach der Motivation der Verfasser. Nun kann man diese Frage natürlich ganz rational beantworten, und zwar damit, dass es uns darum geht, über die negativen Auswirkungen von Religion und Esoterik kritisch zu berichten. Aus der Sicht eines fanatischen Religionsanhängers ist dies aber möglicherweise nicht nachvollziehbar, da muss dann schon eine andere Erklärung für das Tun der Macher her und was läge da näher als die Vermutung, dass hier der Teufel seine Hand im Spiel hat. Diese Schlussfolgerung mag jetzt einigen Lesern allzu weit hergeholt erscheinen. Allerdings ist es tatsächlich so, dass es nach wie vor eine Vielzahl an Leuten gibt, die diesbezüglich immer noch mit ihren Vorstellungen im Mittelalter leben. Dabei kann es sich auch durchaus um Personen handeln, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Gesellschaft haben. Entlarvend sind hier die Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Hohmann:
“Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts. Diese gottlosen Ideologien gaben den ‘Vollstreckern des Bösen’ die Rechtfertigung, ja das gute Gewissen bei ihren Verbrechen.”
Dieser Passus seiner umstrittenen Rede, der in den Medien zumeist unterschlagen wurde, zeigt, dass es von der Leugnung eines personifizierten Gottes zum “Vollstrecker des Bösen” bzw. zum Tiere schlachtenden Satanisten in der Vorstellung einiger Zeitgenossen nicht weit ist. Diese Erfahrung musste auch schon der Verfasser dieser Zeilen machen. Meine atheistische Überzeugung in Kombination mit meiner Vorliebe für schwarze Klamotten und Heavy-Metal Musik animiert immer wieder Leute zu der Frage, ob ich denn Satanist sei. Dass ich mit dieser Erfahrung sicherlich nicht allein bin, zeigt sich bei der Lektüre der einschlägigen Literatur zum Thema Satanismus. In einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen ist zu lesen, dass man Satanisten daran erkennen könne, dass sie sich schwarz kleiden, Heavy-Metal Musik hören und sich über Gott abfällig äußern.
Hinter solch plumpen Ansichten versteckt sich die Vorstellung, dass Menschen, die Gott leugnen, besonders empfänglich für Okkultismus seien. Dass sich dies empirisch nicht belegen lässt, stört dabei nicht weiter. Was kirchliche Kreise denken, zeigt eindrucksvoll das folgende Zitat aus einer Broschüre über Okkultismus des inzwischen verstorbenen Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche Friedrich Wilhelm Haack:
“Wo Gott in Jesus Christus nicht im Glauben angenommen wird, da ist Platz für Geister, Götter und Dämonen, für Satan und den brutalsten aller Ersatzgötter: den sich selbst vergottenden Menschen.”1
Es sind aber nicht nur die Inquisitoren der Kirchen, die über das Thema unsachgemäß berichten. Wenn es um Satanismus geht, dann ist auch auf die Mehrzahl unserer Medien kein Verlass. Vor allem spektakuläre Aktionen und Verbrechen in der Satanistenszene werden hier immer wieder zum Anlass genommen, diffuse Ängste zu schüren und Pauschalurteile zu forcieren. So war nach dem satanisch fundierten Ritualmord in Witten in der BILD am Sonntag Folgendes zu lesen: “Das Interesse für die Schattenwelt beginnt oft mit Gläserrücken. Kinder, die daran Gefallen gefunden haben, wollen mehr von dieser Mystik und beginnen, typische Symbole wie das auf dem Kopf stehende Kruzifix oder Pentagramm (fünfzackiger Stern) in ihrem Zimmer aufzuhängen oder als Schmuck zu tragen. Weitere Erkennungszeichen: schwarze Kleidung, schwarz gefärbtes Haar oder neue Freunde, die genauso aussehen. […] Auch wenn Kinder harte Black Metal-Musik hören, sich brutale Horrorvideos ansehen oder immer wieder Narben von Schnittwunden tragen, ist es höchste Zeit, sich an die Berater zu wenden.”2
Dieser Berichterstattung möchten wir uns natürlich nicht anschließen. Wir haben deshalb bei den Black Metal Fans genauer hingeschaut und können erstmal Entwarnung geben. Es gibt zum Glück keinen Grund die Fans “harter Black Metal-Musik” zu den Sektenbeauftragten der Kirchen zu zerren. Außerdem haben wir uns dazu entschlossen, mit Frater Poincare einem Satanisten die Chance zu gegeben, die Dinge aus der Perspektive der Minderheitsreligion darzustellen. Interessanterweise wird hier deutlich, dass Atheisten und die von ihm repräsentierte Gruppe der “philosophischen Satanisten” tatsächlich einiges gemeinsam haben. Allerdings nicht in dem Sinne, wie man sich das von kirchlicher Seite vorstellt.
Generell kann Entwarnung gegeben werden. Eine satanische Weltverschwörung gibt es nicht. Aber es gibt im Bereich des Satanismus auch höchst problematische Gruppierungen, wie die “satanischen Härtegruppen” aus, die der Trierer Jugendforscher Waldemar Vogelgesang untersucht hat. Auch die Verbindung von rechtsradikaler Ideologie und Satanismus, die sich in Teilen der Black Metal Szene breit macht, ist mehr als nur bedenklich.
Beim Satanismus kann man zwei Fehler machen: die Übertreibung und die Unterschätzung des Problems. Wir hoffen, dass es uns mit dem vorliegendem Heft eine ausgewogene Berichterstattung geglückt ist.
Anmerkungen:
1 Haack, Annette und Friedrich Wilhelm: Jugendspiritismus und Satanismus. München 1997.
2 Thormann-Löffeler, C./Wissbar, K./Schlichtmann, K.: Satansmörderin Manuela – Sie liebte Fesselspiele auf Friedhöfen. In: Bild am Sonntag vom 15.7.2001, S. 10-11.
Artikel aus MIZ 4/03
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