Zündfunke 1/04

Religionen in Europa

In Berlin fand im Februar eine “Europäische Studentenkonferenz” zum Thema “Religionen in Europa” statt, ausgerichtet von der Heinz Schwarzkopf Stiftung. In Podiumsdiskussionen und Arbeitskreisen stellten ExpertInnen und InteressenvertreterInnen ihre Positionen vor, darunter der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Wolfgang Huber, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland Nadeem Elyas oder der Historiker Julius Schoeps. Als einziger Vertreter einer säkularen Organisation war auch der Vorsitzende des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) Rudolf Ladwig eingeladen worden. Im Themenblock “Religion und die Einigung Europas” referierte er in einem Workshop über die Frage, in welchem Maße es sich bei der christlichen Verfassung um das “ultimative Fundament der Europäischen Union” handele, mit einem Referat und stand anschließend als Diskussionsteilnehmer zur Verfügung.

In seinem Vortrag lenkte Ladwig den Blick weg von der Debatte über den Gottesbezug in der Präambel und stellte die Kritik der Konfessionslosen am Kirchenartikel 51 in den Vordergrund. Auf besonders großes Unverständnis stieß er mit seinen Positionen bei deutschen katholischen Studenten, die sämtliche Privilegien ihrer Kirche vehement verteidigten.

An der “Studentenkonferenz” nahmen 85 ausgewählte StudentInnen aus zahlreichen Ländern teil. In acht Arbeitsgruppen wurden verschiedene Aspekten der Stellung der Religion in den europäischen Gesellschaften von ReferentInnen vorgestellt und von der StudentInnen erörtert (z.B. die Ausgestaltung der Trennung von Staat und Kirche oder die Möglichkeiten der Integration verschiedener religiöser Gemeinschaften in eine multikulturelle Gesellschaft). Jede Arbeitsgruppe sollte ein Thesenpapier verfassen, das dann auf dem Abschlussplenum gemeinsam diskutiert und zu einem Gesamtdokument zusammengefasst werden sollte.

In der konservativen Presse war die, was die Vortragenden anbelangte, tatsächlich stark protestantisch dominierte Veranstaltung auf Kritik gestoßen, weil die katholische Kirche (im Gegensatz zu einem kleinen atheistischen Verband, wie der Tagesspiegel meinte anmerken zu müssen) nicht präsent gewesen sei (bereits ein Blick in die ReferentInnen-Liste zeigt allerdings, dass es sich hierbei um eine Falschbehauptung handelte).

 


Gedenken an Max Sievers

Anlässlich des 60. Jahrestages der Hinrichtung des langjährigen Vorsitzenden des Deutschen Freidenker-Verbandes Max Sievers fand am 17. Januar in Berlin ein Kolloquium statt, auf dem seine Bedeutung für das freie Denken und den antifaschistischen Widerstand herausgearbeitet wurde. In mehreren Vorträgen versuchten Referenten aus dem DFV, Sievers’ Leben, Vorstellungen und Positionen so darzustellen, dass ein Bezug zur politischen Arbeit der Freidenker heute hergestellt werden konnte. Sein Einsatz für die Feuerbestattung – in den 1920er Jahren eines der zentralen Themen der atheistischen Verbände – fand dabei ebenso Erwähnung wie seine Überlegungen zur Stellung eines Weltanschauungsverbandes zu den Parteien.

Am Nachmittag fand, dann in Zusammenarbeit mit dem Berliner Landesverband des Humanistischen Verband Berlin, eine Gedenkfeier in der Feierhalle des Krematorium Wedding statt. Auch hier wurde in Reden an den ”kämpferischen Freidenker” erinnert. Auch wenn einige der Anwesenden kritisch anmerkten, die marxistischen Zielvorstellungen Sievers’ seien in der Rede des stellvertretenden SPD-Landesvorsitzenden Sven Vollrath auf das Niveau heutiger Sozialdemokratie verniedlicht worden, wurde an diesem Tag in würdiger Weise das Andenken an eine der zentralen Figuren des Atheismus in Deutschland bewahrt.

Die Beiträge des Max Sievers-Kolloquiums sollen als Broschüre erscheinen. Sie können bestellt werden beim DFV Berlin, c/o Gernot Bandur, Else-Jahn-Str. 37, 13088 Berlin.

 


Europa-Konferenz

Ende November fand in Rom eine von der Europäischen Humanistischen Föderation (EHF) und der Unione degli Athei e degli Agnostici Razionalisti (UAAR) ausgerichtete Konferenz zum Thema “Säkularismus” statt. Rund 100 VertreterInnen europäischer säkularer Verbände waren angereist, wobei neben dem Gastgeberland die Länder mit ausgeprägt laizistischer (Frankreich) bzw. pluralistischer (Belgien & die Niederlande) Tradition besonders stark vertreten waren. Für den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) war der zweite Vorsitzende Notker Bakker als Beobachter angereist.

Gegenstand der Tagung im engeren Sinne war die zukünftige Rolle der Kirchen in einem vereinigten Europa. Dabei zeigten die Vorträge, dass von herausragender Bedeutung der Artikel I 51 des Verfassungsentwurfes ist – und nicht die in Deutschland viel intensiver diskutierte Bezugnahme auf “Gott” in der Präambel. Georges Lienard, Generalsekretär der EHF, verdeutlichte in seinem Referat die Rechtsauffassung der Katholiken: Unter Konsultationsrecht verstehen die vatikanischen Diplomaten keineswegs, dass sie um ihre Auffassung gefragt werden, wenn Gesetzesvorhaben anstehen, welche die katholische Kirche direkt betreffen. Sie erwarten in allen Fragen, die die katholische Moral berühren vorab unterrichtet und gehört zu werden. In dieses weite Feld fallen sämtliche Debatten um Sterben und Tod ebenso wie die Gleichberechtigung der Frau oder die Einschränkung der Diskriminierung von Homosexuellen. Auch Valerie Ajovalasit, Präsidentin der italienischen Frauenvereinigung Archidonna aus Palermo, verdeutlichte, dass Artikel 51 in seiner politischen Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte. Sie fürchtet, dass er zur Beschneidung von Frauenrechten auf europäischer Ebene dienen könne, indem die katholische Kirche ihn als Vehikel benutzt, ihr Verständnis geschlechterspezifischer Rollen in Gesetzgebungsverfahren einzubringen.

Die schriftlichen Beiträge können bei der UAAR (Postfach 989, I-35100 Padova) angefordert werden. Auf deren Webseite findet sich eine englischsprachige Zusammenfassung der Konferenz (www.uaar.it/documenti/english/05.html).

 


Hart, aber fair

Um die Kirchen, ihre Stellung in der Gesellschaft und ihre Glaubwürdigkeit ging es in der WDR-Talkshow Hart, aber fair. Unter dem Slogan “Schlechte Noten fürs Bodenpersonal – Kirche bald ohne Gemeinde?” erörterten christliche Funktionäre, das Fleisch gewordene ”Wort zum Sonntag”, Jürgen Fliege, der stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen) sowie der Buchautor Carsten Frerk, woran es denn liegen könnte, dass die Kirchen an Akzeptanz in der Bevölkerung verlieren.

Die Antworten der Kirchenvertreter fielen sehr verschieden aus. Pater Eberhard von Gemmingen, ein für Radio Vatikan arbeitender Jesuit, betonte, Kirche müsse sich wieder stärker auf die Verkündigung von Gottes Wort konzentrieren – eine Forderung, die seit längerem vor allem aus eher konservativen und evangelikalen Kreisen zu hören ist. Seine Kollegin Petra Bosse-Huber, Vize-Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, sah hingegen keinerlei Reformbedarf bei den Kirchen. Dies könnte freilich daran gelegen haben, dass ihre Wahrnehmung der Realität ein wenig verzerrt erschien (oder sie baute auf die verbreitete Desinformation). So beharrte sie, von einer Gewerkschafterin mit der Lohndumping und fehlenden Arbeitnehmerrechten in kirchlichen Sozialeinrichtungen konfrontiert, darauf, dass die berüchtigten “Mitarbeitervertretungen” auch nicht weniger Möglichkeiten bei der Vertretung der Interessen der Beschäftigten hätten, als ein normaler Betriebsrat. Und in der Debatte um die kirchlichen Ausgaben für soziale Einrichtungen griff sie zu dem alten Taschenspielertrick, die Aufwendungen bezogen auf den Gesamthaushalt zu referieren. So kam sie auf stolze 18%, die ihre Evangelische Kirche im Rheinland für soziale Zwecke aufwende; wobei sie dezent verschwieg, dass die Kirchen eine Reihe von Zuwendungen genau deswegen erhält, sie in Sozialeinrichtungen zu stecken.

Insofern war Carsten Frerks Statement in der Schlussrunde sehr zutreffend. Die Kirche, so der Politologe, solle sich darum kümmern, dass sie ihren eigenen Ansprüche gerecht werde, bevor sie beanspruche, der gesamten Gesellschaft Vorschriften zu machen.

Teile der Sendung können im Internet eingesehen werden: http://www.wdr.de/tv/hartaberfair03/ 20040317/index.phtml

 


Infos zum Mullah-Staat

Vor 25 Jahren fand im Iran die so genannte Islamische Revolution statt. Dies und die sich zunehmend verschlechternde Situation iranischer Flüchtlinge in Deutschland nahm der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) zum Anlass, auf dem Koordinationsausschuss im März den Iran zum inhaltlichen Schwerpunkt zu machen. Als Referent war Wahied Wahdathagh eingeladen, ehemaliger Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte.

Seinem Vortrag stellte der Politologe die Einschätzung voran, dass er von der “Krisenhaftigkeit einer stabilen Diktatur” ausgehe, derzeit also trotz der Proteste und Widerstandsaktionen im Land keine Perspektive für einen Sturz des islamistischen Systems zu erkennen sei. Die Konflikte seien in erster Linie sozialer Art (das Einkommensniveau liegt nur noch etwa halb so hoch wie in den letzten Jahren des Schah-Regimes; der Lebensstandard ist vielfach unter das Existenzminimum gesunken), die Ursachen lägen jedoch im herrschenden Klerikalismus begründet.

Wenig schmeichelhaft fiel die Bewertung der Politik der rot-grünen Bundesregierung aus. Ihre fortgesetzten Versuche, die Reformislamisten um Präsident Khatami als demokratische Hoffnungsträger darzustellen, stehen nämlich im krassen Widerspruch zur Beurteilung der Lage durch die iranische Bevölkerung, die den Reformern längst das Vertrauen entzogen hat. Dabei sei es durchaus fraglich, ob die Spekulation auf ökonomische Vorteilen aufgehe, das sich der Iran außenwirtschaftlich derzeit eher nach Ost- und Südasien orientiere, wo Meschenrechtsverletzungen ofenbar noch weniger zählen als in Deutschland.

Dem sehr ausführlichen Referat folgte eine intensive Diskussion, die allen Anwesenden neue Erkenntnisse brachte, aber auch ein Problem deutlich machte: unter den größeren exiliranischen Vereinigungen einen zum Profil des IBKA passenden Ansprechpartner zu finden, dürfte nicht einfach werden. Sowohl gegenüber den Royalisten als auch den real existierenden Kommunisten sind aufgrund ihrer sonstigen Positionen Vorbehalte angebracht; die Republikaner sind durch ihre teilweise enge Verflechtung mit den Reformislamisten ebenfalls mit kritischer Distanz zu betrachten.

 


Mythen, Märchen, Massenmord

Unter diesem Titel veranstaltete der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen gegen Ende des ”kirchlichen Jahres der Bibel” einen wie gewohnt kritischen Vortrags- und Diskussionsabend. Bei der Vorbereitung der Veranstaltung gab es auch skeptische Stimmen: Das – noch dazu vorwiegend Alte! – Testament sei zu – na eben alt. Alle belesenen Menschen wüssten über die dort enthaltenen Grausamkeiten Bescheid. Zu scharfe Formulierungen würden die Menschen abstoßen und vom Besuch unserer Veranstaltung abhalten. Doch siehe da: Der Besuch war dann sehr ordentlich, das Interesse groß und die Diskussion angeregt. Als der Referent Klaus Uppendahl bei Überschreiten der üblichen Redezeit von ReferentInnen seinen Vortrag beenden wollte, stimmte das Publikum spontan für die Fortsetzung.

Ganz so allgemein und vollständig ist anscheinend der Bibeltext heute denn doch nicht bekannt. Als Klaus Uppendahl vom ”biblischen Kannibalismus” als grausamer Strafe Gottes (immer laut Bibeltext!) berichtete, schien ein Gruseln durch die Publikumsreihen zu gehen. Wären solche Untaten und Unmenschlichkeiten altbekannt, wäre das Publikum für derartige Reaktionen zu abgebrüht. Auch wäre es nicht so begierig nach den doch sichtlich neuen Informationen.

Anlass zum Gruseln gab das Referat auch sonst noch eine ganze Menge. So wenn Klaus Uppendahl folgende drei Prinzipien biblischer Ethik ausmachte: 1) Je gottesfürchtiger, desto blutrünstiger; 2) Irdisches Leid als Garantie für Gotteslohn im Himmel; 3) Prügel- und Totschlagspädagogik: Wen Gott liebt, den züchtigt er. Gewiss hätten auch Kriege mit solch göttlicher Züchtigung zu tun. So, wenn Jahwe Zebaoth als Kriegsgott wirkt und würgen läßt. Ganze Heldengeschichten gebe es aus der Zeit der ”Landnahme” Kanaans. Hasserfüllte Vernichtungsfantasien gegenüber den ”Falsch-gläubigen” lassen von solchen patriarchalischen Religionen möglicherweise auch künftig noch Schlimmes erwarten.

Bleibt für den Berichterstatter dieser bfg-Veranstaltung die Frage offen: Warum distanzieren sich kirchliche Obere nicht von solchen göttlichen Unmensch-lichkeiten? Der seinerzeitige Dekan in Nürnberg und jetzige bayerische Landesbischof Friedrich hat das immerhin gegenüber dem antisemitischen Gründer der evangelischen Religion und Kirche Martin Luther fertiggebracht, indem er sich dem entsprechenden Vorgehen einer evangelischen Kirche in den USA anschloss. Der bfg Erlangen hatte vorher, zum damaligen Luther-Jahr, gemeinsam mit anderen humanistischen Organisationen ein Anti-Luther-Flugblatt verbreitet, das sogar ober- und dann beförderungshalber (!) generalstaatsanwaltliches Interesse fand.

Hermann Kraus

 


Kopf + Tuch

Zu Beginn dieses Jahres griff die Humanistische Union (HU) München-Südbayern mit ihrer Podiumsdiskussion unter dem Titel: ”Der Streit um das Kopftuch. Religionsfreiheit und Toleranz an unseren Schulen” in die tagespolitische Debatte über den sog. Kopftuchstreit ein.

Rund hundert Leute ganz verschiedener Couleur hatten sich im EineWeltHaus München zu diesem aufregenden Abend eingefunden. Eine besondere Aktualität erhielt die Veranstaltung durch den Umstand, dass wenige Tage zuvor der Gesetzesentwurf der Bayerischen Staatsregierung ”Änderung des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG)” veröffentlicht worden war, der mit seinem Verbot des Kopftuches für Lehrerinnen während des Unterrichts bei gleichzeitiger Duldung christlichen und auch jüdischen Ornats auf – teilweise heftigen – Widerstand stieß. Bis in den späten Abend wurde unter der Moderation von Diethard Seemann (HU) engagiert, kontrovers, auch polemisch, aber letztlich fair und ohne Aggressionen über dieses in der Tat diffizile Thema diskutiert. Auch hier bestätigte sich deutlich der Eindruck, den man aus der Lektüre der zahlreichen Veröffentlichungen dazu in den vergangenen Wochen und Monaten gewinnen konnte: Die Meinungen und interessanterweise auch die Koalitionen gehen quer durch alle Parteien und Parteiungen, die gängigen politischen ‚Lager’ wirken wie aufgehoben.

Der Abend wurde eröffnet mit einer Podiumsrunde, die zunächst die rechtlichen und rechtspolitischen Aspekte der Kopftuchproblematik ausleuchten sollte.

Dr. Jürgen Kühling, ehemaliger Bundesverfassungsrichter und Mitglied im Bundesvorstand der HU, zeichnete die wesentlichen Passagen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts (BVG) vom 24. September letzten Jahres nach, das die erregte öffentliche Debatte ausgelöst hatte. Dem stellte er den gerade eingetroffenen bayerischen Entwurf gegenüber, erst einmal ohne diesen zu bewerten. Später, als Alt-Richter befragt, äußerte er seine Skepsis, dass der Entwurf der Staatsregierung vor dem BVG Bestand haben werde; er verstoße gegen die Verpflichtung des Staates zur Neutralität, weil nach dem Grundgesetz allen Religionen gleich Rechnung getragen werden müsse: Man könne ”nur alles verbieten oder nichts”.

Martin Neumeyer, MdL der CSU und stellvertretende Vorsitzender der Arbeitsgruppe Islam seiner Fraktion sowie Mitglied des Ausschusses für Verfassungs-, Rechts- und Parlamentsfragen im Landtag, verteidigte den CSU-Entwurf. Aufgrund der in Europa wirksamen abendländisch-christlichen Kulturtraditionen gäbe es seiner Auffassung nach gute Gründe, diese auch in der Erziehung zu privilegieren. Er verwies mehrfach auf sein beachtliches persönliches Engagement für den christlich-islamischen Dialog, um zu verdeutlichen, dass aus seiner Sicht mit dem Verbot keinerlei Diskriminierung verbunden sei. Neumeyer, der immer wieder ins Kreuzfeuer kritischer Nachfragen geriet, räumte schließlich ein, dass auch er sich nicht sicher sei, ob der Entwurf seiner Partei vor dem Bundesverfassungsgericht bestehen werde.

Dr. Margarete Spohn von der Stelle für Interkulturelle Arbeit der LHSt. München plädierte für eine ”entemotionalisierte” und vor allem differenzierte Diskussion, weg von den Schablonen. Das ihrer Meinung nach von Vorurteilen geprägte und somit einseitige Bild einer Kopftuch tragenden Lehrerin (”Mythos der unterdrückten Frau”) verkenne deren gewandelte Lebensrealität, die mit dem (selbstgewählten) Kopftuch als Teil dieser Gesellschaft anerkannt werden will. Spohn sieht ‘im Kopftuch’ gewissermaßen den Testfall für die interkulturelle Toleranz, welche sich auf diese Weise bereits im Schulunterricht seitens der Jugend erfahren und erlernen ließe. Entschieden wandte sie sich gegen die unterschiedliche Behandlung der Religionen, wie die im bayerischen Gesetzesentwurf zum Ausdruck komme.

Diethard Seemann

 


“Islamophobie”-Debatte

In der linken Wochenzeitung Jungle World gab es zum Jahreswechsel über mehrere Ausgaben hinweg eine Debatte über das Verhältnis westlicher Gesellschaften zum Islam und den eingewanderten Muslimen. Ausgelöst wurde die intensive Beschäftigung mit dem Thema durch das neue Schlagwort “Islamophobie”; ob bzw. inwiefern ein solches Phänomen existiere und was dies für eine linke Religionskritik bedeute, war Gegenstand der Kontroverse.

Den Auftakt machten Caroline Fourest und Fiammetta Venner (der Beitrag war ursprünglich in der linksliberalen Tageszeitung Libération erschienen). Die beiden französischen Feministinnen wiesen darauf hin, dass sich der Diskurs über Religion, insbesondere über den Islam, in Frankreich verändert habe. Unter Verwendung des Begriffes “Islamophobie” werde ReligionskritikerInnen immer häufiger Rassismus unterstellt. Dabei gerieten nicht nur Werke und Personen ins Visier, deren Kritik am Islam rassistische Untertöne trägt (etwa Oriana Fallacis Die Wut und der Stolz), sondern gerade auch atheistische Intellektuelle muslimischer Herkunft. Die Wahrnehmungsverschiebung sei so nachhaltig, dass rechte Christen versuchen das Muster zu imitieren. So bemüht sich auch die Allgemeine Vereinigung gegen Rassismus und für die Bewahrung der französischen Identität (Agrif), eine Gruppierung um den Front-National-Politiker Bernard Antony, Blasphemie mit diesem neuen Instrument zu bekämpfen: Prozessen wegen “antichristlichen Rassismus”.

In der darauffolgenden Ausgabe betonte Bernhard Schmid, gewissermaßen Frankreich-Korrespondent der Jungle World, dass es sehr wohl einen Rassismus gebe, der sich als Religionskritik tarne und belegte dies anhand zahlreicher Beispiele aus den vergangenen 20 Jahren. Tatsächlich zeigt sich, dass MigrantInnen immer wieder über ihre Religion als Kollektiv identifiziert werden und sich die Ablehnung an ihrem Glauben festmacht. Überraschend mag hierbei erscheinen, dass nicht nur Jean-Marie Le Pen zahlreiche Kampagnen gegen eine angeblich drohende Islamisierung der Republik durchführte, sondern auch sozialisitische Politiker die Vorstellung bedienten, sämtliche Muslime seien Anhänger des Ayatollah Khomeini. Schmidt schloss seine Entgegnung mit Karl Marx und erinnerte daran, dass es ein durchaus erfolgreicher Weg für Religionskritik sein könne, “religiöse Fragen systematisch in weltliche zu verwandeln”.

In Eberhard Seidels Beitrag ging es dann um die Situation in Deutschland. Ausgehend von den Ergebnissen einer Umfrage zum Verhältnis der Deutschen zum Islam, gelangt Seidel zu der These, dass dieses zwar zwiespältig sei (zwei Drittel der Befragten vertraten die Auffassung, die muslimische Kultur passe nicht in unsere westliche Welt, trotzdem sprachen sich drei Viertel dagegen aus, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte), dass aber von einer wirklichen Feindbildfunktion des Islam nicht gesprochen werden könne. Der “Islamophobie”-Diskurs sei nicht zuletzt Ausdruck der zunehmenden Akzeptanz kulturrelativistischer Argumentationen und nutze vor allem den islamischen Verbänden, die dadurch verhindern könnten, dass kritische Fragen auf die Tagesordnung kommen: “So gibt es im interreligiösen Dialog eine ganze Reihe von Themen, die unerledigt bleiben: Menschenrechte, Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Religion, Frauen.”

Udo Wolter schließlich lenkte den Blick darauf, dass Muslime bzw. die islamische Welt in Teilen der Linken als vorrangiges Ziel von Rassismus und Imperialismus angesehen werden. Die daraus resultierende Solidarisierung führe oft dazu, dass Kritik an den gesellschaftlichen Vorstellungen islamischer Intellektueller als “islamophob” etikettiert werde und dieser Begriff immer häufiger synonym mit “rassistisch” verwendet werde. Angesichts der politischen Realitäten in Europa bleibe Antirassismus eine wichtige Einstellung, die aber “unabdingbar an die Selbstreflektion des emanzipatorischen Universalismus der Aufklärung gebunden” sei.

Die Beiträge finden sich auch im Internet: www.jungle-world.com

 


Auf der Suche nach dem Heil....

Unter dieser Überschrift präsentiert die Ausgabe Herbst 2003 der Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW ihren Themenschwerpunkt “Neuheidentum und Germanenkult”. In seinem einleitenden Artikel weist Jan Raabe auf die Funktion der germanischen Religion und des Germanenkults für den heutigen Rechtsextremismus hin: “Weil es von dem, was den germanischen Clans tatsächlich als Religion gedient hat, kaum wirkliche Zeugnisse gibt, kann diese Leerstelle von Faschisten ideal als Projektionsfläche für die Verlängerung der eigenen rassistischen Phantasien ins Religiöse genutzt werden.” In weiteren Artikeln geht es um die neofaschistische Verehrung  der sog. Exsternsteine bei Bielefeld und der einstigen SS-Kultstätte Wewelsburg, sowie um die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Nützlich ist auch der Überblick über die in NRW aktiven neuheidnischen Gruppen und Vereine. Eine Scharnierstelle zwischen Rechtsextremismus und Wissenschaft bildet offenbar die in der Tradition des SS-Ahnenerbes stehende Gemeinnützige Gesellschaft für europäische Urgeschichte – Ur-Europa. e.V.

Bezug: LOTTA, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen oder per e-mail: lotta@koma.free.de. Das Heft kostet 2,50 Euro.

 


Christliche Arithmetik

Im Bayernkurier vom 20.11.2003 erschien ein Artikel von Helmut Matties, dem Leiter der Evangelischen Nachrichten (idea) mit der Überschrift: “200 Millionen bedrohte Christen”. In diesem Artikel wird unter anderem die Verfolgung der Christen als eine der am meisten verbreiteten Menschenrechtsverletzungen bezeichnet: “Tatsächlich sind zurzeit etwa 200 Millionen Christen an Leib und Leben bedroht”. Für viele bleibe es nicht bei der Bedrohung, denn es “werden jährlich zwischen 90.000 und 165.000 Menschen getötet, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen”.

In dem von idea herausgegebenen Märtyrer 2003/Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute, suchte ich nach genauen Zahlen zu dieser Behauptung. Es werden darin 50 Länder in einem Weltverfolgungsindex vorgestellt: von 0 = völlige Glaubensfreiheit bis 80 = schwerste Verfolgungen. In diesen 50 Ländern müssen die 200 Millionen bedrohten Christen zu finden sein. Jedoch wie viele und wo im Einzelnen wird nicht aufgelistet. Noch dürftiger sind die Belege für die große Zahl von jährlich wegen ihres Glaubens getöteten Christen. Die wenigen konkreten Zahlen stammen nicht, wie man vermuten könnte, aus dem Jahr 2003, sondern umfassen teilweise einen Zeitraum bis zu 20 Jahren – Aufschlüsselung unmöglich. Auf Anfrage bei idea erhielt ich einen Beitrag von Thomas Schirrmacher aus dem Märtyrer 2002: “Zur Zahl der Märtyrer”. Thomas Schirrmacher ist einer der Herausgeber der Jahrbücher und aus seinem Text geht eindeutig hervor, dass die Skepsis über die veröffentlichen Zahlen der Verfolgten (200.000.000) und Getöteten (165.000) selbst bei ihm beträchtlich sein muss:

“Zur Frage der Zuverlässigkeit zitiere ich aus meiner diesbezüglichen Stellungnahme für die Kommission für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz: Ich möchte Euch kurz auf den neuesten Stand der Debatte um die geschätzte Zahl der Märtyrer pro Jahr von 165.000 (jetzt 167.000 für 2001, siehe http://gem-werc.org/Zeile 31) bringen. Die Zahl stammt aus der jährlich erscheinenden Tabelle der evangelikalen Autoren David Barrett und Todd M. Johnson ‘Status of Global Mission’ in der katholisch-ökumenischen Zeitschrift International Bulletin of Missionary Research. Diese Tabelle ... wird weltweit viel zitiert, auch von der WEF, und liegt z.B. auch den meisten Zahlen zu den weltweiten Entwicklungen in idea zugrunde.

Ich habe ebenso wie andere Religionsstatistiker wiederholt Barrett kontaktiert, um entweder die der Märtyrerzahl zugrunde liegende Datenbank einsehen zu können oder wenigstens eine Liste zu bekommen, wie sich die Zahl auf einzelne Länder verteilt. Schließlich wurde ich ... auf das Erscheinen der renommierten World Christian Encyclopedia verwiesen, die die Länderzahlen enthalten werde, die leider vor Erscheinen nicht bekannt gegeben werden dürften. (...) Das Erscheinen der Enzyklopädie verzögerte sich immer wieder, insgesamt um 10 Monate. Oxford University Press übersandte mir vor Erscheinen ein Freiexemplar, in dem ich zwar viele Zahlen zu den Märtyrern in vergangenen Jahrhunderten fand, ... aber keine Länderliste, obwohl zu jedem Land zahllose Detailzahlen geliefert werden.

Auf meine Rückfrage, dass ich die versprochenen Zahlen nicht finden könne, verwies mich Barrett auf bestimmte Seiten der Enzyklopädie – wieder Fehlanzeige. Schließlich hat er mir jetzt mitgeteilt, dass er für 2002 die Publikation eines Buches über Märtyrer geplant hat, das dann die Zahlen enthalten wird.

(...) Aufgrund dieser Erfahrungen halte ich die Zahlen zwar weiter für recht realistisch, aber nicht zu belegen. Im Übrigen muss man auch auf die unterschiedlichen Definitionen hinweisen: vom engen Begriff ‘Märtyrer’ als Christen, die wegen ihres Bekenntnisses oder weil sie glaubende Christen sind, getötet wurden, bis hin zum weiten Begriff von Barrett, der alle getöteten Christen in Religionskriegen und rassischen Auseinandersetzungen hinzuzählt.”

So sind sie, die christlichen Rechenkünstler: Obwohl Thomas Schirrmacher keinerlei Belege für die Zahl von rund drei Millionen getöteter Christen in den letzten 20 Jahren vorlegen kann und zudem eingestehen muss, dass die Zahl der “Märtyrer” auch Christen umfasst, die in politischen und “rassischen” Auseinandersetzungen oder Bürgerkriegen getötet werden, lässt er als Herausgeber des Jahrbuchs zur Christenverfolgung zu, dass mit dieser falschen Zahl bei idea operiert wird. Obwohl er für kein Land konkrete Zahlen benennen kann, hält er die Summe für “recht realistisch”. Bleibt die Frage: Was wird mit der Veröffentlichung solcher Zahlen bezweckt?

Ruth Hofbauer

 


Esoterik & Protest

Die Journalisten und Gewerkschaftsmitglieder Hans Detlev von Kirchbach und Elmar Klevers haben in einem Schreiben an die Redaktion der Neuen Deutschen Schule (nds) gegen die unkritische Haltung des Blattes gegenüber Esoterik protestiert. In der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte es zuletzt einige einschlägige Anzeigen und sogar Veranstaltungshinweise gegeben.

Inseriert hatte nicht nur eine Ayurveda-Klinik sondern auch der bekannte Psychotrainer Werner “Tiki” Küstenmacher (ein gelernter evangelischer Pfarrer), der Problemlösungen in der Tradition des “Positiven Denkens” anpreist. Da hiermit aber bestenfalls “die individualistische ‘Fitness’ im sozialdarwinistischen Tageskampf” (anstelle von Arbeitnehmer-Solidarität) gefördert werde, hätten solche Angebote in der nds nichts verloren: “Auch für Annoncen muss in einer gewerkschaftlichen Mitgliederzeitung eine Grenze gezogen werden, jenseits derer der Widerspruch zur Aufgabenstellung einer Gewerkschaft bei geschärftem politischen Bewusstsein direkt augenfällig sein sollte.”

Noch gravierender sei, dass in der Rubrik “Fortbildungen” mehrere Veranstaltungen ausgewiesen sind, die auf pseudowissenschaftlichen bzw. esoterischer Grundlage stehen. Im Einzelnen geht es um NLP (“Neuro-Linguistisches Programmieren” nach Richard Bandler und John Grinder, USA) und um “Familienaufstellung nach Hellinger”. Darüber hinaus werde auch für einen bundesweiten Aktionstag unter Federführung des Verbandes des Waldorfkindergärten geworben. Die beiden Verfasser äußerten die Befürchtung, dass über eine solche “Multiplikatorenschiene” – durch die scheinbare gewerkschaftliche Befürwortung mit Seriosität ausgestattet – die Hellinger-Methode Einzug in den Kindergarten- und Schulbereich halten könnte und “womöglich zu Zwecken der Disziplinierung an Kindern angewandt wird”. Auch im Hinblick auf die Waldorfpädagogik sei zu fragen, “ob die GEW als der Aufklärung und Emanzipation verpflichtete Gewerkschaftsorganisation im Verbund mit einer Großsekte, die an Karma und Reinkarnation glaubt, wirklich am richtigen Platz” sei.

In einem Antwortschreiben verwies der verantwortliche Redakteur darauf, dass die Möglichkeiten der Redaktion, solche Inhalte aus der nds zu verbannen, eher gering seien. Er fürchte, dass sie “in der GEW auf interessierte Nachfrage stoßen”. Viele KollegInnen würden “ohne den theoretischen Hintergrund zu durchschauen, diesen ‘Heilslehren’ nachlaufen, weil sie Veränderung und Entwicklung individualisieren und harmonisieren”. Allerdings befürwortete er eine inhaltliche Auseinandersetzung. Zwar hole die GEW als Teil der Einheitsgewerkschaft die Kolleginnen und Kollegen dort ab, “wo sie bewusstseinsmäßig stehen. Aber wir müssen sie dort ja nicht stehen lassen...”

 


Artikel aus MIZ 1/04

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