von Wolfgang Proske
“Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe hindert die Christen von heute, uns – zu verbrennen.” – Friedrich Nietzsche veröffentlichte diesen Satz 1886, als es hierzulande schon längst nicht mehr üblich war, Un- oder Andersgläubige zur Volksbelustigung öffentlich hinzurichten. Vielmehr durften sich gerade auch die Freigeister des 19. Jahrhunderts in einer persönlichen Sicherheit wiegen, die sie den beharrlichen Anstrengungen aller ihrer Vorläufer zu verdanken hatten. Die Religionskritik war im Wesentlichen formuliert und als Flaschenpost für die Zukunft aufgegeben worden. Dennoch hielt Nietzsche die Situation der Dissidenten unverändert für prekär. Wer so von “Ohnmacht der christlichen Menschenliebe” spricht, rechnet weiterhin mit Rückfällen in die fromme Barbarei.
Alles Schnee von gestern? Wohl nicht. Weiterhin gibt es Mitmenschen, die am liebsten das Rad der Geschichte in die Zeit der Religionskriege zurückdrehen würden, ließe man sie nur. Über einen, der die Lunte für zeitgemäße Scheiterhaufen gelegt hat, soll im Folgenden die Rede sein. Am 3. Oktober 2003 erklärte der Fuldaer Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann in seiner Neuhofer Nationalfeiertagsrede: “Mit vollem Recht ... kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten blutigen Jahrhunderts.”
Alle schauten weg
Hohmann ist nicht der “verwirrte” Einzelgänger, als der er zum Beispiel von Verteidigungsminister Peter Struck dargestellt wurde. Wenn ich an die nur mühsam unter Kontrolle gebrachten Sympathisanten denke, die Hohmann inner- und außerhalb seiner Partei Unterstützung zusicherten, auch daran, dass er weiterhin Mitglied der CDU bleiben darf, so zeigt sich, dass die Dummheit von vorgestern weiterhin wirkt. Wundern tut’s mich freilich nicht wirklich. Denn immerhin gehörte die aggressive Abwehr freien Denkens jahrzehntelang innerhalb des rechtsgerichteten und christlich-konservativen Milieus zum guten Ton. In der jungen Bundesrepublik unmittelbar nach der Befreiung vom Faschismus wurde in diesem Zusammenhang sogar die Säkularisierung zum Schlüsselbegriff bei der Bewältigung der Vergangenheit umfunktioniert. Der spätere Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Erfinder des Begriffs “Soziale Marktwirtschaft”, der Ökonom Alfred Müller-Armack, erklärte 1948 in seinem einflussreichen, bis heute in seiner Bedeutung nicht ausreichend untersuchten Buch Das Jahrhundert ohne Gott, eine mit der “Renaissance” und dem “Luthertum” einsetzende, vom Entschluss des Menschen zur “reinen Diesseitigkeit” gekennzeichnete Epoche sei mit dem Nationalsozialismus zu Ende gegangen. Die soeben halbwegs überstandene Katastrophe sei Folge eines “gewaltigen Säkularisierungsvorgangs” gewesen, bei dem “Ersatzwerte” gesucht und gefunden worden seien: die Freiheit, “Gott zu leugnen, erkauft der Mensch mit dem Zwang, seine Welt mit Götzen und Gespenstern zu bevölkern. (...) Innere Verfassung und zeitlicher Ablauf aller Säkularisation [sind] einer Seinslogik unterworfen, die der Mensch ebenso wenig wie seinen Schatten überspringen kann.” Müller-Armack kam seinerzeit zu dem von seinen Lesern begeistert aufgenommenen Ergebnis: “Das eigentliche Rätsel, wie es möglich wurde, einem Volk in der Rassenlehre ein solches Glaubenssurrogat [gemeint ist der Nationalsozialismus, W.P.] aufzunötigen, muss von dessen innerer religiöser Auflösung erklärt werden. (...) Das letzte Motiv ... liegt in der metaphysischen Entwurzelung der breiten Massen.” (Müller-Armack, Alfred: Das Jahrhundert ohne Gott. Zur Kultursoziologie unserer Zeit, Regensburg usw. 1948.)
Hohmann hat eigentlich nichts anderes getan, als solche Gehässigkeit, mit der Opfer zu Tätern stilisiert werden, ein weiteres Mal aufzuwärmen. In seiner Partei hatte es damit nie Probleme gegeben, weil diese Schuldverlagerung auf die Ungläubigen das gläubige Lager entlastete. Zusätzlich aber vergaloppierte sich Hohmann in den abstrusen Begriff “Tätervolk”, mit dem er zunächst kollektiv “die Juden” belegte, um dann den unsäglichen Vergleich gewunden wieder zurückzunehmen. Die erst ein paar Wochen später einsetzende Debatte um das Hohmannsche Weltbild blieb an dieser Oberfläche stecken. Sie versäumte es, der von Müller-Armack vorgezeichneten historischen Linie gegen die Konfessionsfreiheit, die beispielsweise auch auf Namen wie Alfred Dregger, Norbert Geis oder Max Streibl geführt hätte, nachzuspüren und orientierte sich mit verengtem Blickwinkel nur an Hohmanns einfältigen Äußerungen über “die Juden”. Immerhin führte sie völlig berechtigt zu einer öffentlichen Wagenburg zum Schutz der jüdischen Mitbürger. Sein noch schärferer Angriff auf “die Gottlosen” aber, die er – absurd! – für das eigentliche “Tätervolk” hält, das für den Blutzoll eines ganzen Jahrhunderts verantwortlich sei, blieb so stehen und wurde in der öffentlichen Debatte von fast allen Beteiligten kommentarlos hingenommen. Bei mir kam das so an, dass im Deutschland des Jahres 2003 “die Gottlosen” in infamer Weise herabgesetzt und beschimpft werden können, ohne dass dies als Diffamierung empfunden und in angemessener Form zurückgewiesen wird. Der eigentliche Skandal liegt insofern weniger in Hohmanns armseligem Ressentiment gegen Anders- und Ungläubige als vielmehr im konsequenten Überlesen seiner Quintessenz durch die kritische Öffentlichkeit. Alle schauten weg, und keiner schien’s zu merken.
Mehr Selbstbewusstsein!
Immerhin reagierten die Konfessionslosenverbände. HVD, Freie Humanisten Niedersachsen und der bfg Erlangen stellten Strafanzeigen. Der IBKA verzichtete auf diesen Schritt, um sich nicht auf Paragraphen des Strafgesetzbuches zu stützen, deren Abschaffung er in seinem Politischen Leitfaden fordert. Doch auch von dieser recht differenzierten Reaktion nahm die breite Öffentlichkeit keinerlei Notiz. Sind also Konfessionslose in unserem Land Menschen zweiter Klasse, unserer freiheitlich-demokratischen Grund-ordnung zum Trotz? Im Grundsatz wohl eher nicht. Aber ich finde, das kollektive Wegschauen verweist auf die ungebrochene Tabuisierung der kontinuierlichen Verweltlichung, die inzwischen ja immerhin schon ein Drittel der deutschen Bevölkerung erreicht hat. Zwar werden in Artikel 3 und 4 des Grundgesetzes alle Staatsbürger unabhängig von ihrer Weltanschauung für gleich erklärt; jedwede Diskriminierung sei ausgeschlossen. Doch wird gleichzeitig mit frappierender Selbstverständlichkeit von vielen, nicht nur von Hohmann, weiterhin so getan, als wäre das Gute – statt eines Resultats gelungener Kommunikation – ein Ergebnis religiöser Gesinnung. Selbst solche, die persönlich nichts mehr mit Religion auf dem Hut haben, machen mit oder schweigen, wenn unterstellt wird, frei zu sein von Glaubensideen sei ein schwerwiegendes Defizit und führe in mörderisches Unrecht. Ich zitiere nochmals Hohmann. Er endet mit der Einschätzung, dass die “Rückbesinnung auf unsere religiösen Wurzeln und Bindungen ... ähnliche Katastrophen verhindern [werde], wie sie uns die Gottlosen bereitet haben.” Da ist keinerlei Rücknahme seiner Aussage zu erkennen, so wie er das mit Blick auf “die Juden” getan haben will, ganz im Gegenteil: Für “Gottlose” bleibt in diesem Weltbild kein gleichberechtigter Platz.
Doch nicht nur die kritische Öffentlichkeit, sondern auch die meisten von uns selbst haben zu alledem geschwiegen. Wir haben so getan, als gehe uns das alles nichts an. Wir nahmen hin, dass Glaubenskrieger à la Hohmann unfähig sind, die Existenz von Atheismus und Agnostizismus auch nur zu tolerieren, geschweige denn die konkreten Menschen, die dafür stehen, ohne wenn und aber als Gleiche anzuerkennen. Aber indem wir uns verhalten wie das Kaninchen vor der Schlange und glauben, die beste Reaktion auf Aggression sei es, sich tot zu stellen, zementieren wir unsere eigene Herabsetzung und ermutigen die Hohmänner zu weiteren Entgleisungen.
Tatsächlich müssen wir beginnen, unsere eigene Emanzipation selbstbewusster einzufordern. Wir müssen lernen, immer und überall unser Missfallen auszudrücken, wenn Gläubige uns “Gottlosen” ein ethisch-moralisches Defizit unterstellen. Als Voraussetzung dafür müssen wir begreifen, was mit uns selbst im Verlaufe der Säkularisierung geschehen ist. Was heißt das eigentlich, wenn man frei wird und schließlich frei ist von Religion? Eine gewaltige interne Bildungsanstrengung ist notwendig, damit Konfessionslose die Säkularisierung als Motor ihrer eigenen Entstehung erkennen und darüber hinaus als ihren ureigensten Perspektivbegriff annehmen. Insofern plädiere ich zuallererst für eine vertiefte Analyse der Säkularisierung. Wir müssen wissen, woher wir als freidenkende, humanistische Konfessionsfreie kommen und wohin die Reise geht.
Negative und positive Säkularisierung
Was also ist Säkularisierung? Meine Antwort lautet: Sie ist Befreiung der Kultur aus religiöser Bevormundung. Sie bewirkt immer wieder schrittweise Emanzipationsprozesse sowie eine Zurückdrängung von irrationalen Vorstellungen und Weltbildern.
Auf Grundlage dieser Arbeitsdefinition möchte ich zur weiteren Präzisierung zwischen zwei Formen der Säkularisierung unterscheiden, die ich negative und positive Säkularisierung nenne. Anfänglich zeigt sich Säkularisierung als spontanes und freies Denken, das Befreiung aus einschränkenden Normen und Werten sucht, was zu deren Entzauberung führt. Dieses ungestüme Denken streut nach Kräften Sand ins Getriebe, oft unbeholfen und naiv, ohne Rücksicht auf Verluste, aber immer dem subjektiv als wahr, schön und gut Erkannten verpflichtet, was immer zu einiger Resonanz führt. Trotz Repression und trotz vieler Fehlschläge gelingt es zunehmend, Unzeitgemäßes zu identifizieren und zu kritisieren. Diese erste Stufe der Säkularisierung nenne ich negative Säkularisierung.
Negative Säkularisierung kippt, wenn die Religionskritik im Wesentlichen geleistet und die Welt aus ihrer eigenen Dynamik heraus immer weltlicher wird. Negative Säkularisierung verliert dann an ihrer bisherigen politischen Sprengkraft und wird, wo sie weiterhin Hauptthema der freidenkerischen Bemühung ist, zunehmend zum biografisch begründeten Anachronismus bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit. Gereiftes freies Denken hingegen setzt die Religionskritik voraus und sucht auf dieser Grundlage alternative politikfähige Handlungsstrukturen herzustellen. Ziel ist die Durchsetzung einer säkularen Ökumene, in der die Religion als Privatsache an öffentlicher Bedeutung verliert und keine besonderen Beziehungen zwischen Staat und Kirchen mehr begründet. Allgemein geht es darum, Humanismus und Pluralismus zu fördern und immer mehr individuelle und soziale Menschenrechte ausnahmslos für alle zu verankern. Diese zweite Stufe der Säkularisierung nenne ich positive Säkularisierung.
Nun entstehen im Zeitalter der kapitalistischen Globalisierung die Probleme vor allem wegen der ungleichen und ungerechten Verteilung des Reichtums, woraus dann Religionen ihr Kapital zu schlagen versuchen und sich – als wäre es das Selbstverständlichste in dieser Welt – beständig in staatliche Belange einmischen. Mit mehr oder weniger offen geäußertem totalem Wahrheitsanspruch wollen sie ihr Weltbild als rettende Erlösung von allem Übel durchsetzen. Doch die Absolutheit ihres Wahrheitsanspruches verhindert den im demokratischen Staat eigentlich gebotenen Pluralismus und die von der Mehrheit der Menschen erwünschte Toleranz. Deshalb tragen die Religionen, die doch angeblich den Frieden bringen, selbst wesentlich zu dessen Verhinderung bei. Um friedensstiftend zu wirken, müssten sie ihre Glaubenswahrheiten relativieren und dem Andersdenkenden eigene, als gleichwertig angesehene Grundüberzeugungen zubilligen. Beispielsweise müssten sie sich überlegen, wie es ankommt, wenn in ihrer heiligen Schrift den Gottlosen immer wieder Folter, Tod und ewige Höllenqualen angedroht werden.
Unter säkularisierungstheoretischem Blickwinkel spielt heute die wichtigste Rolle der Konflikt zwischen dem oft schon pauschal als “ungläubig” angesehenen Westen auf der einen Seite und der islamischen Welt andererseits. Das Konfliktpotential entsteht aus der Ungleichzeitigkeit von Christentum und Islam. Während das Christentum seine besten Zeiten hinter sich hat und der Pluralismus im öffentlichen Leben zumindest offiziell unbestritten ist, handelt es sich beim Islam um eine historisch junge Religion, der die zivilisierenden Erfahrungen von Reformation, Aufklärung und Säkularisierung noch fehlen. Während die eine Kultur mehr und mehr die Menschenrechte als zentrales politisches Ziel anerkennt, wünscht sich die andere mehrheitlich weiterhin den Gottesstaat.
In dieser Situation hängt viel von den Trägerinnen und Trägern der positiven Säkularisierung ab. Ihre persönliche Indifferenz gegenüber der Religion führt sie überdurchschnittlich oft in maßgebliche Rollen beim Ausgleich der religiös aufgepeitschten Emotionen einschließlich der Abwehr aller pluralitätsfeindlichen Bestrebungen hierzulande, für die Hohmann beispielhaft steht. Ihre konfessionsfreie Säkularität wird auch künftig ein entscheidendes Kriterium für die Bewahrung des Friedens sein. Wir sollten uns dessen bewusst werden und entsprechend nach bestem Wissen und Gewissen tun, was in unserer Macht steht.
Artikel aus MIZ 1/04
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