von Gunnar Schedel
Der Zusammenhang von religiöser Einstellung und politischer Karriere unter besonderer Berücksichtigung der beiden Kandidaten für das Bundespräsidentenamt
Jausa! Wir haben einen neuen Bundespräsidenten! Es hat zwar ein bißchen gedauert, bis die politische Elite dieses Landes sich auf einen Kandidaten geeinigt hatte, der die Mehrheit der Bundesversammlung hinter sich vereinigen konnte, dann aber fiel ihre Wahl auf einen klugen Kopf. Das ist keine Selbsverständlichkeit in Deutschland, wo eine unverkennbare Neigung besteht, grenzdebile Gestalten zum Staatsoberhaupt zu machen, die anschließend die Welt durch eigenwilligen Interpretationen der englischen Sprache bereichern oder rastlos durch die deutschen Gaue wandern.
Horst Köhler aber ist ein Mann von Welt und ein Mann der Wissenschaft. Unter seiner Leitung hat der Internationale Währungsfond (IWF) mit zahlreichen Vorgaben tatkräftig zur wirtschaftlichen Entwicklung Argentiniens beigetragen. Daß die Mehrheit der Bevölkerung das Ergebnis anders bewertete als der promovierte Ökonom und einstige Honorarprofessor, ist wissenschaftlich gesehen kein Beweis dafür, daß die empfohlenen Maßnahmen falsch waren. Ebensowenig wird dadurch Köhlers Konfirmationsspruch – “Gott lädt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch” – widerlegt, der ihm nach eigener Aussage im Leben Orientierung gebe. Denn die Bitte am Ende seiner Dankesrede nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Mai – “Gott segne dieses Land” – bezog sich eindeutig auf Deutschland. Nix für ungut, aber Argentinien muß halt noch ein bißchen auf Gottes Intervention warten.
Von Kollegen aus dem Wissenschaftsbetrieb bekommt Köhler zudem gute Noten für seine interdisziplinäre Herangehensweise an die drängenden Probleme der Welt. “Das ist kein ultraliberaler Ökonomist”, betont der Theologe Hans Küng und verweist auf eine Ausstellung seiner Stiftung Weltethos World Religions – Universal Peace – Global Ethic, die Köhler seinerzeit im Hauptquartier des IWF untergebracht hatte. Denn Köhler plädiert nicht nur für einen globalen Markt, sondern auch für eine globale Ethik – die zumindest in Deutschland auf dem Fundament der christlichen Religion gründen soll. Das sieht verdammt danach aus, als hätte Deutschland diesmal das große Los gezogen: der weise Herrscher, das Universalgenie auf dem Bundespräsidentensessel.
Und selbst die unterlegene Gegenkandidatin hat noch ihren Anteil am neuen Bündnis von Forschung und Politik, Wissen und Schaffen. Daß “die Praxis von Religion sehr wichtig ist für die Lebendigkeit der Demokratie”, ist in Deutschland ja allgemein bekannt und wird durch die besondere Form der Trennung von Staat und Kirche gewürdigt. Gesine Schwans besonderes Verdienst auf wissenschaftstheoretischem Gebiete liegt nun darin, die Verbindung von Religion und Wissenschaft nachhaltig propagiert zu haben. In einem Anfang 2003 in der ZEIT veröffentlichten wegweisenden Aufsatz untersuchte sie die Ideale der Wissenschaft: “Wenn der zentrale Grund für die Unfreiheit gegenwärtiger Wissenschaft im sozial bedingten mentalen Verlust der Verpflichtung auf eine verbindliche und umfassende Wahrheit liegt, dann wäre der Beitrag von Religion, soll sie zur Befreiung von Wissenschaft verhelfen, in einer Rückbindung an die Wahrheitsverpflichtung zu suchen.” Wie wahr, sind doch Religion und Wahrheit im christlichen Abendland gewissermaßen Synonyme. Ihr Fazit klingt nach tiefer Erkenntnis und schönster Poesie: “Vor diesem Horizont ist Wissenschaft gottgewollt und sinnstiftend. In solchem ganzheitlichen Wahrheitsverständnis ist sie auch Quelle der Freude und des Lebens, weil sich alle Erkenntnis der Welt letztlich auf Gott richtet.” Kein Einwand bitte, daß dieses Wissenschaftsverständnis an eine Zeit erinnert, als die empirische Erforschung der Welt noch nicht sehr hoch im Kurs stand. Der Eindruck trügt, es wirkt nur “voraufklärerisch”, gemeint war es selbstverständlich “nachaufklärerisch”.
Schade eigentlich, daß wir diese beiden Geistesgrößen nicht beide haben können, als bundespräsidiale Doppelspitze gewissermaßen. Aber vielleicht ist ja noch nicht alles verloren. Mein Vorschlag zur Güte: Horst Köhler tritt aus integrationspolitischen Gründen zum Islam über, dann kann er Gesine Schwan zur Nebenfrau nehmen und sie kann als Second Lady an allen Amtsgeschäften teilhaben und ihre gemeinsame Weisheit rettet Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland. Jausa!
Artikel aus MIZ 2/04
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