Blätterwald 3/04

Freidenker-Blätter

Rechtzeitig zum Katholikentag, der im Juni in Ulm stattfand, ist eine neue Ausgabe der Freidenker-Blätter erschienen. Die Broschüre versammelt zwölf Aufsätze, die zum Teil bereits vorher veröffentlicht worden sind. Die Themen reichen dabei von eher theoretischen, grundsätzlichen Fragestellungen bis hin zu den aktuellen Staatsleistungen und Zuschüssen an die christlichen Kirchen in Bayern.

Zunächst führt Joachim Kahl den Begriff “Atheismus” ein, grenzt ihn gegen andere ungläubige Positionen wie “Antitheismus” oder “Agnostizismus” ab und erläutert die beiden “Säulen des Atheismus” (die Ablehnung des Glaubens an einen göttlichen Weltenschöpfer und an einen göttlichen Erlöser). Die Nicht-Existenz Gottes vesucht im folgenden Aufsatz Alfred Bahr aus der Perspektive eines Physikers zu beweisen, indem er die Möglichkeit Gottes in der Zeit vor dem Urknall reflektiert.

Die Texte des früh verstorbenen Jörg W. Franke zur Stellung der Frau im Christentum und zur christlichen Sexualethik können ihre Themen freilich nur anreißen und zum eigenständigen Weiterlesen und -denken anregen; ähnliches gilt für den Beitrag zu Religion und Obrigkeit, der einen Vergleich verschiedener Weltreligionen bietet. Aus der 2000jährigen Geschichte des Christentums haben sich die Herausgeber die Periode des Faschismus herausgesucht, um die Verstrickung der Kirchen mit verbrecherischen Herrschaften zu illustrieren.

Die aktuelle staatskirchenrechtliche Situation beleuchtet schließlich Gerhard Czermak. Er führt zahlreiche Beispiele dafür an, dass die grundgesetzlich festgeschriebene Neutralität des Staates in religiös-weltanschaulichen Fragen von einer Verfassungswirklichkeit kontrastiert wird, die “ein Kapitel Rechtsbruch zu Gunsten der Kirchen” darstelle.

Insgesamt bieten die Texte – bei aller Kürze – einen kurzweiligen Einstieg in die kritische Auseinandersetzung mit dem Traum vom Jenseits und dessen real existierenden Parteigängern im Diesseits. Gerade weil manches pointiert dargestellt wird, bleiben genug Anknüpfungspunkte für eine kontroverse Diskussion auch mit denen, die noch nicht davon überzeugt sind, dass da oben nur die Spatzen fliegen und eine wachsende Zahl an Satelliten kreist.

12 kritische Aufsätze zu Gott, Religion und Kirche. Hrsg. von den Freidenkerinnen & Freidenkern Ulm/Neu-Ulm. Ulm 2004. 45 Seiten, Euro 4.- (zzgl. Versandkosten)

Bestellungen an: Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm, Postfach 1667, 89006 Ulm, Fon (0731) 571 76, Fax 63 252

 


Atheisten bei der EZW

Auch für Konfessionslose interessant ist das soeben erschienene Heft der Texte-Reihe der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) Woran glaubt, wer nicht glaubt? Die von Andreas Fincke herausgegebene Broschüre lässt in elf Beiträgen Konfessionslose, mit einer Ausnahme Funktionsträger diverser Verbände, zu Wort kommen. So entsteht ein durchaus authentisches Bild der Vielfalt der säkularen Szene.

Die einzelnen Texte sind in ihrer Machart sehr unterschiedlich. Einige stellen einfach die jeweiligen Verbände oder Strömungen vor (so Klaus Hartmann den Deutschen Freidenker-Verband oder Renate Bauer die Freireligiösen); andere wählen einen eher systematischen Zugang. Der Vorsitzende des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.), Rudolf Ladwig, gibt zum Beispiel einen Überblick über Debatten innerhalb der säkularen Szene (z.B. im Internet-Forum Freigeisterhaus) und über die politischen Konfliktfelder, wo die Interessen der Konfessionslosen und der Kirchen gegeneinander stehen. Über die Möglichkeiten des Diskurses merkt er an, dass sich “im Vergleich mit den zahlreichen akademischen Disputen zwischen Christen und Atheisten an amerikanischen Universitäten [zeige], wie sehr hierzulande eine qualifizierte Streitkultur zwischen weltanschaulich unterschiedlichen Repräsentanten unterentwickelt ist”. Weiterhin wird erörtert, warum Sterbehilfe humanistisch sei (Gita Neumann), wo die Jugendweihe bzw. der dahinterstehende gleichnamige Verein weltanschaulich zu verorten ist oder welchen Weg die einstigen “Dissidenten” in den letzten Jahrzehnten genommen haben (Horst Groschopp).

Angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der Leserinnen und Leser der Heft-Reihe Funktionsträger der evangelischen Kirchen sein dürften, war das Projekt für die EZW sicherlich ein ungewöhnliches Experiment (“Neuland” schreibt Andreas Fincke im Vorwort). Dass sich jede Organisation für eine Publikation des weltanschaulichen Gegners im besten Licht (selbst)darstellt und selbstkritische Reflexionen weitgehend ausspart, ist prinzipiell verständlich, in einem Fall aber ausgesprochen ärgerlich. So schreibt der Präsident der Freien Akademie, Jörg Albertz, im Abschnitt über deren Gründung und Entwicklung, dass eine der beiden Vorläuferorganisationen “von dem Religionswissenschaftler Jakob Wilhelm Hauer” geleitet worden ist. Dass dieser Mann der Initiator der völkischen Deutschgläubigen Gemeinschaft und aktiver Nationalsozialist war, wird ebenso verschwiegen, wie die Tatsache, dass die Akademie lange Zeit für ähnlich obskure Personen offen stand. Angesichts dessen eine ungebrochene liberale Tradition zu suggerieren, muss als gezielte Desinformation beurteilt werden.

Andreas Fincke (Hrsg.): Woran glaubt, wer nicht glaubt? Lebens- und Weltbilder von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten in Selbstaussagen. Berlin 2004. EZW-Texte 176. 122 Seiten

Zu beziehen über: EZW, Auguststr. 80, 10117 Berlin

 


Ein Ende der Religionen?

Die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion zählt zweifellos zu den spannendsten Fragestellungen der Gegenwart (siehe u.a. die Artikel des Schwerpunkts der vorliegenden MIZ). Mit diesem heiß diskutierten Themenkomplex setzt sich auch Ferdinand Cap in seinem 2003 erschienenen Buch Ein Ende der Religionen? Naturwissenschaftliche und religiöse Weltbilder auseinander. “Das Buch”, schreibt Cap im Vorwort, “ist ein Versuch, die jahrtausendealte Auseinandersetzung zwischen Religion und Naturwissenschaft modernen Erkenntnissen entsprechend in toleranter und objektiver Weise darzustellen. Es stellt keine Kriegserklärung, sondern eine wissenschaftliche Diskussion dar, die dem Einzelnen Wissen und die Möglichkeit liefern soll, sich selbst für eine Weltanschauung zu entscheiden.”

Die Stärken des Buches liegen sicherlich in der Darstellung naturwissenschaftlicher Perspektiven (insbesondere auf seinen angestammten Fachgebieten Physik und Mathematik gelingt es Cap, selbst schwierigste Sachverhalte mit großer Leichtigkeit zu präsentieren, so dass auch echte Laien sie verstehen dürften). Die Erläuterungen auf philosophischem und religionswissenschaftlichem Gebiet wirken allerdings weit weniger stringent. Vielleicht liegt es daran, dass der Autor “religiöse Gefühle” nicht verletzen möchte oder dass er sich nicht traut, außerhalb seiner eigenen Wissensdomäne eindeutige Urteile zu fällen, jedenfalls neigt Cap dazu, religionskritische Positionen, die sowohl aus wissenschaftlicher (logisch-empirischer) als auch ethischer (humanistischer) Perspektive zwingend sind, unnötigerweise zurückzunehmen, zu entschärfen, zu relativieren. Dadurch verliert seine Darstellung an Klarheit, erscheint beliebiger, als es die Sachlage eigentlich erfordert.

Das soll keineswegs bedeuten, dass das Buch nicht mit Gewinn zu lesen wäre! (Cap formuliert einige bemerkenswerte Gedanken und versteht es, sie anhand von griffigen Beispielen und interessanten Zitaten – diese leider ohne Seitenangaben! – unterhaltsam zu verdeutlichen.) Dennoch wird es für die Zukunft notwendig sein, Wissenschaft und Religion weit deutlicher voneinander abzugrenzen, als es bei Cap geschieht Gewiss: Ein baldiges “Ende der Religionen” wird auch dies kaum bewirken können, aber zweifellos würde das “Projekt der Aufklärung” von einer klareren, pointierteren (auch kämpferischeren!) Selbstdefinition enorm profitieren.

Ferdinand Cap: Ein Ende der Religionen? Naturwissenschaftliche und religiöse Weltbilder. Studienverlag, Innsbruck 2003. 204 Seiten, kartoniert, Euro 16, ISBN 3-7065-1881-3

 


Freidenker-Kalender

Nach einer kurzen Pause gibt es für 2005 wieder einen Freidenker-Kalender. Zwölf Monatsblätter informieren über “Schwäbische Rebellen”. Darunter befinden sich Klassiker der deutschen Literatur wie Christoph Martin Wieland, Friedrich Schiller oder Hölderlin, aber auch unbekanntere Publizisten wie der demokratische Journalist Ludwig Pfau (1821-1894) oder der Autor der Allgemeinen Geschichte des großen Bauernkrieges Wilhelm Zimmermann. Aus dem 20. Jahrhundert sind es Albert Einstein sowie die Geschwister Scholl, an die jeweils auf dem Kalenderblatt ihres Todesmonats erinnert wird.

Freidenker-Kalender 2005. Schwäbische Rebellen. 13 zweifarbige Blätter, A4, Euro 7,50 (zzgl. Porto); ab 5 Exemplare Euro 6.-

Bestellungen an: Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm, Postfach 1667, 89006 Ulm, Fon (0731) 571 76, Fax 63 252 oder an den Alibri Verlag.

 


Humanismus aktuell

Das im Frühjahr erschienene Heft von Humanismus aktuell befasst sich mit dem Thema “Patientenwille und gesetzliche Regelung der Sterbehilfe”. Aus verschiedenen Perspektiven werden juristische, philosophische und medizinische Aspekte des selbstbestimmten Todes erörtert.

In einer Hinsicht verzeichnen die Beiträge unterm Strich ein erfreuliches Ergebnis: bei allen Hindernissen lässt sich eine Stärkung des Selbstbestimmungsrechtes Sterbewilliger in Deutschland in den letzten Jahrzehnten feststellen.

Humanismus aktuell 14 (Frühjahr 2004). Patientenwille und gesetzliche Regelung der Sterbehilfe in Deutschland. Hrsg. von der Humanistischen Akademie Berlin, 128 Seiten, Euro 8,50, ISBN 3-937265-02-3

 


Artikel aus MIZ 3/04

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