Humanistische Akademie
Zum fünften Male veranstaltete die Humanistische Akademie in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung ihre Novembertagung. In diesem Jahr ging es anlässlich des 200. Geburtstages von Ludwig Feuerbach um die Frage nach einer Säkularisierung der Menschenbilder. Horst Groschopp hatte eine ansehnliche Reihe kompetenter Referenten geladen, um die Folgen Feuerbachs für die Wesensbestimmung des Menschen in humanistischen Theorien, insbesondere in den freigeistigen Bewegungen zu bestimmen. Auffallend blieb, dass eine derartige Veranstaltung auch im 21. Jahrhundert – anders etwa als im Falle Immanuel Kants – offenbar immer noch nicht an einer Universität stattfinden kann, wenngleich, da waren sich alle Referenten einig, die Zeit des Totschweigens von Ludwig Feuerbach vorbei sein dürfte. Feuerbach ist mittlerweile verortet und, darauf wurde viel Wert gelegt: Feuerbachs Bedeutung geht nach inzwischen allgemeiner Ansicht weit über die eines Vorläufers von Marx hinaus. Wirklich neu war dennoch wenig, einmal abgesehen von der kritischen These von Joachim Kahl, der Atheist Feuerbach sei selbst als Religionsstifter anzusehen, nämlich als Theoretiker der freireligiösen Bewegung. Feuerbachs Auflösung der Theologie in Anthropologie sei „goldrichtig“ gewesen, seine Erhebung der Anthropologie zur Theologie hingegen „grundfalsch“.
Da die Kosten für eine zweitägige Veranstaltung inzwischen die Möglichkeiten der Ebert-Stiftung übersteigen, hatte dieses Jahr die Humanistische Akademie erstmals am Vorabend in die eigenen Räume in der Wallstraße geladen. Michael Schmidt-Salomon trug dabei seine Ideen zu einem „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ vor (vgl. diese MIZ), den er pragmatisch aus dem gegebenen Zustand der Medienlandschaft begründete. Er erntete damit viel Wohlwollen, gleichzeitig aber auch mancherlei Skepsis hinsichtlich der praktischen Realisierungsmöglichkeiten eines derartigen Projekts. Noch scheinen die Bedenkenträger in der Mehrheit zu sein.
Uneingeschränkte Zustimmung gab es hingegen für Günter Kehrer, als er über den gegenwärtigen „Atheismus light“ in den Altbundesländern sprach. Für seine Hörer mag von besonderem Interesse gewesen sein, dass es gemäß der üblichen Definition in Westdeutschland bedeutend mehr Atheisten gibt als solche, die auch bereit sind, sich selbst als Atheisten zu bezeichnen. Ein klassisches Image-Problem also, dessen Behebung die gemeinsame Aufgabe aller freigeistigen Verbände wäre.
Vielleicht ist die jährliche Novembertagung inzwischen selbst schon zu einem wichtigen Bestandteil für das Zusammenwirken der säkularen Verbände geworden. Nirgendwo sonst in unserer Szene trifft man wie dort auf die inzwischen alten Bekannten der verschiedenen Vereinigungen (sowie eine größer werdende Zahl von „Unabhängigen“!). Der Umgangston, vor fünf Jahren manchmal noch etwas schroff, ist heute freundlich und mehr denn je auch verbindlich geworden. Sollte es je zur Einheit der säkularen Verbände kommen (ein Ziel, das angesichts der vergleichsweise doch gar nicht so großen Unterschiede überhaupt nicht so utopisch sein muss, wie es manchem auf den ersten Blick noch erscheinen mag), dann wird diese Veranstaltungsreihe daran einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Gespannt warten wir auf die Jahrestagung 2005, die am 12./13. November unter dem Arbeitstitel „Umworbene 3. Konfession: Befunde über Konfessionsfreie in Deutschland“ stattfinden wird.
Die Beiträge der Tagung, darunter ein Vortrag von Werner Schuffenhauer, dem Herausgeber der Feuerbach-Gesamtausgabe, werden in Kürze in humanismus aktuell erscheinen.
Wolfgang Proske
Ludwig-Feuerbach-Jahr
Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. (DFW) hat im Rahmen seiner Hauptversammlung im Oktober in einer Festveranstaltung des atheistischen Philosophen Ludwig Feuerbach gedacht. In seiner Einführung würdigte DFW-Präsident Dr. Volker Mueller dessen Leben, Werk und Wirkungsgeschichte. Feuerbach markiere das Ende der idealistischen Philosophie, er stelle die Philosophie vom Kopf auf die Füße durch die Entwicklung eines anthropologischen Materialismus. Die Kernaussage seiner berühmten Projektionsthese lautet: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Gott ist nicht die Liebe, sondern die Liebe ist göttlich.
In Grußworten betonten Oberbürgermeister Thomas Jung und weitere Lokalpolitiker Feuerbachs Aktualität und anknüpfend an seine humanistischen Auffassungen die Bedeutung der Toleranz für ein friedliches Zusammenleben.
Auch Renate Bauer, Landessprecherin der Freireligiösen Landesgemeinde Pfalz, verwies in ihrer Festansprache die Bedeutung Feuerbachs für die Gegenwart. Überall könne ein heftiges Aufflammen des Fundamentalismus beobachet werden, der Trend zur Esoterik sein ungebrochen, sogar in Computerspielen feierten Götter und Dämonen ihre Wiederauferstehung. Der Wunsch nach eigener Identität sei eine Notwendigkeit unserer individualisierten Welt. Ein Grundmythos unserer Gesellschaft sei, dass wir die Gestalter unseres Lebens sind. Offene Beziehungen ermöglichen zwar Freiheit, werden aber auch als Bedrohung empfunden. Wer die Sicherheit nicht in sich finden könne, suche Anlehnung an Gruppen auch religiöser Art. Oftmals bastelten sich Menschen eine Art Patchwork-Religion zusammen. Die religiöse Einbettung in die Naturabläufe sei dagegen stark zurückgegangen. Da der Mensch heute oft nur noch als „homo oeconomicus“ betrachtet wird, werde Religion wieder attraktiv. Allerdings dominierten jene Religionen, die tendenziell nach Allmacht streben. Dem setze der DFW die Forderung nach Toleranz gegenüber Andersdenkenden entgegen.
Im Anschluss an den Festakt beschlossen Volker Mueller und viele Delegierte das sehr erfolgreich verlaufene Ludwig-Feuerbach-Jahr mit der Niederlegung eines Blumengebindes auf dem Grab des Philosophen im Johannisfriedhof zu Nürnberg.
Keine PSI-Fähigkeiten
Im August und September 2004 führte die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit insgesamt 13 Probanden mit angeblich paranormalen Fähigkeiten Tests durch. Sie sollten unter kontrollierten und doppelblinden Bedingungen ihr Können unter Beweis stellen. Diese gehörten zum klassischen Repertoire der Grenzwissenschaften: verborgene Gegenstände mit der Wünschelrute finden, einen Gegenstand durch bloße Konzentration verbiegen (Psycho-Kinese) und per Ferndiagnose eine medizinische Diagnose stellen.
Die Untersuchungen, die teilweise unter Anwesenheit von James Randi durchgeführt wurden, ergaben, dass das von der James Randi Educational Foundation ausgelobte Preisgeld von einer Million Dollar nicht ausgeschüttet werden muss. Niemand konnte die behaupteten paranormalen Fähigkeiten nachweisen. In einem einzigen Fall erreichte ein Kandidat im ersten Anlauf ein so deutlich über dem statistisch zu erwartenden Mittelwert liegendes Ergebnis, dass ein zweiter Test angesetzt wurde (obwohl er die vereinbarte Trefferquote von 90% verfehlte). Doch in der Kontrolluntersuchung schaffte es der Mann nicht, erneut überdurchschnittlich häufig ein durch „Energetisieren“ angeblich im Geschmack verbessertes Wasser zu erkennen, er lag sogar etwas unter der Zufallserwartung.
Die GWUP betonte, dass die Forderungen der Probanden im Hinblick auf den Versuchsablauf – soweit diese die Doppelblindheit nicht gefährdeten – berücksichtigt und die Tests in entspannter Atmosphäre durchgeführt worden seien. Im Hinblick auf den Medienrummel um einen hinlänglich bekannten mittelmäßigen Illusionisten lobte die GWUP die Bereitschaft der Probanden, sich einer Überprüfung ihrer Fähigkeiten zu stellen: „Wir glauben, dass sie ehrlich von ihren Fähigkeiten überzeugt sind“, unterstrich James Randi, der derartige Tests weltweit bereits mehrere hundert Male begleitet hat. „Warum Uri Geller sich wohl nicht testen lassen möchte?“, fügte er augenzwinkernd hinzu.
Diskussion mit MSS
In der Radiosendung SWR 2 Forum fand am 12. November unter dem Titel „Woran glaubt, wer nicht glaubt? – Atheismus in Deutschland“ eine Diskussion zwischen Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Hilke Lorenz und MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon statt. Anknüpfend an die unlängst von Fincke herausgegebene Broschüre, die VertreterInnen der Verbände der Konfessionslosen zu Wort kommen lässt (vgl. MIZ 3/04), wurde zunächst die Frage „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ in den Raum gestellt (woraufhin zuerst geklärt werden musste, in welchem Sinne „glauben“ für einen Ungläubigen überhaupt ein relevanter Begriff sein kann). Interessant war zu hören, dass der Atheist recht klar angeben konnte, was die Grundlagen seiner Weltsicht sind und inwiefern sich diese deutlich vom Christentum abheben (Schmidt-Salomon griff hierbei auf die „Humanistische Basissetzung“ zurück, dass alle Menschen gleichberechtigt und frei in ihrem Streben nach dem guten Leben im Diesseits sein sollten). Fincke hingegen setzte dem keinen Glauben im spezifisch christlichen Sinne entgegen, präsentierte eher ein „Christentum light“ mit Zügen einer gutmeinenden Zivilreligion. Zur Abgrenzung verwies er darauf, dass das Konzept eines gelingenden Lebens nicht umsetzbar sei, der Mensch vielmehr lernen müsse, Grenzen zu ertragen. Auch bei der Frage nach „Gott nach Auschwitz“, auf die sich die Theodizeeproblematik zuspitzen lässt, wich der Theologe aus, anstatt die christliche Glaubensvorstellung des allmächtigen und zugleich allgütigen Gottes zu verteidigen.
Nach 45 Minuten war dann einerseits ein recht klares Bild entstanden, wie eine atheistische, auf unser aktuelles Wissen über die Gesetze der Natur gegründete Weltsicht aussehen kann, und zugleich konnten die ZuhörerInnen einen Eindruck von der Konturlosigkeit heutiger Theologie mitnehmen.
Von der Sendung kann ein kostenpflichtiger Mitschnitt (Kassette 10 Euro, CD 13,50 Euro) bestellt werden: SWR Media GmbH, 76522 Baden-Baden, Fon (07221) 929 6030, Fax (07221) 929 4511, http://www.swr.de/swr2/service/mitschnittdienst.html
Diskussion ohne MSS
„Das Kreuz mit dem Kreuz – Ist die Kirche ein Auslaufmodell?“ lautete der Titel eine Talkrunde, die am 12. November 2004 in Frankfurt stattfand und im HR3-Fernsehen zeitversetzt ausgestrahlt wurde. Eigentlich hätte es eine spannende, kontroverse Diskussion werden können, denn die Redaktion hatte neben dem Limburger Bischof Franz Kamphaus, dem CDU-Politiker Heiner Geißler und Sigrid Grabmeier von Wir sind Kirche auch den ausgewiesenen Christentumskritiker und MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon eingeladen. Das freilich passte dem stets als „liberal“ eingestuften Kamp-haus nicht; in erpresserischer Manier machte er seine Teilnahme davon abhängig, dass jemand anderes die kirchenkritische Position einnehmen würde (auch den zweiten Vorschlag, die Theologin Uta Ranke-Heinemann, lehnte er auf gleiche Weise ab). Mit Sarah Wagenknecht hingegen, der Europa-Abgeordneten der PDS, war der Bischof zufrieden.
Dass es dabei nicht um persönliche Vorlieben, sondern um politisches Kalkül ging, zeigte der Verlauf der Diskussion. Denn innerkirchliche Themen wie Zölibat oder Priesterkinder dominierten. Von den einleitenden Filmeinspielungen bis zu den Meldungen aus dem Publikum war alles auf „konstruktive Kritik“ abgestellt. Die Kirche, so die unüberhörbare Botschaft zwischen den Zeilen, kommt heute zwar ein bisschen altbacken rüber, aber ihre Botschaft, das Christentum, ist prinzipiell schon ganz in Ordnung.
In diesem Rahmen hatte auch Sarah Wagenknecht ihre Rolle zu spielen. Wie zu erwarten, vertrat sie eine Position, wie sie für unter der Perspektive des „christlich-marxistischen Dialogs“ sozialisierte Linke typisch ist: bei aller Distanz zur Kirche „verbündete“ sie sich mit Heiner Geißler und warf Kamphaus vor, die Kirche müsse ihr soziales Profil schärfen und gegen Hartz IV eintreten. Dass sie mit einer solchen Forderung die Vorstellung unterstützte, Kirche habe eine über ihre Mitgliedschaft hinausgehende Verantwortung bzw. sogar gesamtgesellschaftliche Aufgabe (z.B. als soziales Gewissen), bediente exakt den kirchlichen Anspruch – und genau deshalb war sie als Diskussionsteilnehmerin akzeptiert worden.
So blieb es IBKA-Vorstandsmitglied René Hartmann vorbehalten, in einer Meldung aus dem Publikum an ebendiesem Anspruch Kritik anzumelden. Den durch die Sendung dem Publikum vermittelten Eindruck, dass die Kirchen irgendwie doch noch gebraucht werden, wenn sie sich nur ein bisschen modernisieren, konnte seine Wortmeldung freilich nur unwesentlich verschieben.
„Weihnachtsamnestie“?
Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) hat in einem Schreiben an den EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber eine „Weihnachtsamnestie im Kirchensteuerstreit“ gefordert. Die Evangelische Kirche solle die „Fahndung nach Kirchensteuerschuldigen Ost“ einstellen und anerkennen, dass zu Zeiten der DDR viele Bürgerinnen und Bürger nach ihrem Verständnis aus der Kirche ausgetreten sind (auch wenn dies von den Gerichten heute zumeist nicht anerkannt wird). Sollte bis Mitte Januar keine positive Antwort vorliegen, plant der HVD, den Sachverhalt den Petitionsausschüssen des Bundestages und der betreffenden Länderparlamente vorzutragen.
Hintergrund der Auseinandersetzung ist das unterschiedliche Verhältnis von Staat und Kirche in BRD und DDR, das sich auch auf das Verständnis von Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft auswirkte. In den letzten Jahren hat vor allem die Evangelische Kirche die Übertragung bundesrepublikanischer Staatskirchenrechtstraditionen auf die Neuen Bundesländer dazu genutzt, von Menschen, die sich seit Jahrzehnten als „konfessionslos“ verstanden, Kirchensteuernachzahlungen einzufordern.
Rechtshilfefonds
Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) hat einen Rechtshilfefonds eingerichtet. Hintergrund der Entscheidung stellten Überlegungen dar, dass es durchaus ein Weg sein könne, die Weltanschauungsfreiheit und die Trennung von Staat und Kirche voranzubringen, indem Grundsatzentscheidungen vor Gericht angestrebt werden. Allerdings war der IBKA in der Vergangenheit nicht in der Lage, solche Prozesse in nennenswertem Umfang finanziell zu unterstützen. Da absehbarer ist, dass dies aus dem Beitragsaufkommen auch zukünftig nicht geschehen kann, hat der Vorstand nun beschlossen, einen Rechtshilfefonds einzurichten, der sich aus zweckgebundenen Spenden speisen soll.
Gedacht ist dabei etwa an Prozesse um Schulfragen, um die Kirchenaustrittsgebühr oder das „Besondere Kirchgeld“. Da bei juristischen Auseinandersetzungen in staatskirchenrechtlichen Fragen die Aussichten in den unteren Instanzen erfahrungsgemäß gering sind, will der IBKA solche Prozesse unterstützen, die in der Absicht begonnen werden, nötigenfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Der Fonds wird demensprechend vorrangig dazu dienen, das Kostenrisiko in den oberen Instanzen abzufedern.
Der Rechtshilfefonds ist durch die Spende eines Vorstandsmitglieds mit einer Grundausstattung von 1000 Euro versehen. Zweckgebundene Zuwendungen auf das Konto des IBKA (Ktonr. 3920-463, Postbank Dortmund, BLZ 440 100 46) sollen mit dem Stichwort „Rechtshilfefonds“ gekennzeichnet werden.
Mord & Ehre
Jährlich werden weltweit (auch in Deutschland) tausende Mädchen und Frauen im Namen der „Ehre“ von ihrer eigenen Familie ermordet. Die Täter haben meist nur geringe Strafen zu erwarten. Aus diesem Grund hat Terre des Femmes Ende November eine zweijährige Kampagne „Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre“ gestartet. Ziel der Bemühungen ist zunächst, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren und langfristig durch Gesetzesänderungen und internationale Ächtung Schutz für die betroffenen Frauen zu erreichen. Auch wenn Terre des Femmes explizit betont, dass Verbrechen im Namen der Ehre „kein religiöses Phänomen“ seien, keine Religion diese schweren Menschenrechtsverletzungen legitimiere oder gar vorschreibe, ist eine große Kompatibilität der zugrundeliegenden patriarchalen Ehrvorstellungen mit Vorstellungen von der Rolle der Frau, wie sie etwa in konservativen Auslegungen des Islam vorherrscht, festzustellen. Auch ist bislang keine Kritik islamischer Rechtsgelehrter an der Praxis der „Ehrenmorde“ vernehmbar geworden.
Bis Mitte Februar läuft eine Unterschriftenaktion, die u.a. „die Schaffung von spezifischen Beratungsangeboten und Zufluchtstätten“, spezielle Schulungen für Betreuungspersonal für die Opfer und die rechtliche Besserstellung der Betroffenen bei Asylanträgen fordert. Die Unterschriften sollen im März anlässlich eines Fachgesprächs PolitikerInnen übergeben werden.
Zum Thema ist ein Buch mit Hintergrundinformationen und Fallbeispielen erschienen: Tatmotiv Ehre. Tübingen 2004. 104 Seiten, kartoniert, Euro 9,90, ISBN 3-936823-05-7
Nähere Informationen: Terre des Femmes, Postfach 25 65, 72015 Tübingen; die Unterschriftenliste kann als pdf-Datei heruntergeladen werden unter: www.frauenrechte.de/pdf/Unterschriften_ Ehrverbrechen.pdf
Feuerbachpreis für Franz Buggle
In einem Festakt des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg wurde Prof. Franz Buggle für seine bibel- und religionskritische Arbeit der Ludwig-Feuerbach-Preis 2004 verliehen. Im nahezu vollbesetzten Musiksaal des Augsburger Zeughauses wies der stellvertretende Vorsitzende des bfg Augsburg, Dr. Gerhard Czermak, zunächst auf die bahnbrechende Leistung von Feuerbach hin, die selbst im Jubiläumsjahr und trotz der Herausgabe einer Briefmarke nicht in der wünschenswerten Breite publiziert wurde. Nach einem musikalischen Zwischenspiel des Gitarristen Dominik Zimmermann, der im Laufe des Abends mehrmals kurze Werke von lateinamerikanischen Klassikern vortrug, ging der örtliche bfg-Vorsitzende Gerhard Rampp auf das Thema ein „Was hat Ludwig Feuerbach mit Augsburg zu tun?“. Er wies u.a. auf die zahlreichen religionskritischen Persönlichkeiten hin, die in Augsburg und Umgebung gewirkt hatten, und setzte sich kritisch mit dem Anspruch des heutigen Augsburg auseinander, sich angesichts des stadteigenen Feiertags und des Augsburger Religionsfriedens von 1555 als „Friedensstadt“ zu profilieren. Solange immer nur vom religiösen und nicht auch vom weltanschaulichen Frieden gesprochen werde, würden Konfessionsfreie ausgegrenzt.
Dr. Kurt Schobert, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) und Mitglied des bfg Augsburg, hielt die Laudatio auf den Preisträger. Er würdigte nicht nur dessen Analyse des Alten und Neuen Testaments aus humanitärer Sicht, sondern dass Prof. Buggle in seinem bekannten Buch Denn sie wissen nicht, was sie glauben auch die Verhaltensweisen jener Menschen untersucht hat, die sich trotz der vielen brutalen Bibelstellen nicht von diesen Inhalten lösen wollten oder konnten. Anschließend überreichte Dietmar Michalke (stellvertretender Vorsitzender des bfg Bayern) dem Preisträger eine Urkunde sowie eine Goldmedaille mit dem Porträt Ludwig Feuerbachs. Der sichtlich erfreute Preisträger bedankte sich in einer lebendigen und spontanen Rede für die Auszeichnung, die ihn sehr ermutige. Er schilderte in überaus witziger Weise die bisherigen Reaktionen von Klerus und Presse auf sein Buch und gab einen Ausblick auf sein nächstes religionskritisches Buchprojekt, das allerdings noch in Arbeit sei.
Im Anschluss an die Preisverleihung erfreuten sich die Besucher noch an einem Stehempfang mit Sekt, Orangensaft und kulinarischen Spezialitäten. Der rundum gelungene Abend fand auch in der Augsburger Allgemeinen seinen (kurzen) Niederschlag – das von Prof. Buggle befürchtete Totschweigen fand also zumindest diesmal nicht statt.
Humanist Award des HVD Würzburg
Der langjährige MIZ-Redakteur Gunnar Schedel ist mit dem Humanist Award des Humanistischen Verbands Würzburg (HVD) ausgezeichnet worden. Der Vorsitzende Frank Stößel lobte den Verleger für sein Engagement im publizistischen Bereich – nicht nur, was die Herausgabe der MIZ als wichtiger atheistischer Zeitschrift anbelangt, zudem sei mit dem profilierten Verlagsprogramm im Laufe der Jahre eine beachtliche „Bibliothek der Konfessionslosen“ entstanden.
Anstelle von Laudatio und Dankesrede gab es nach einem kurzen einführenden Referat des Preisträgers eine lebhafte offene Diskussion über die Möglichkeiten konkreter Zusammenarbeit der verschiedenen säkularen Verbände in Unterfranken, an der sich auch Mitglieder des IBKA und des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Schweinfurt beteiligten.
Topitsch-Preis für M.S. Salomon
Die neu gegründete Kellmann-Stiftung Humanismus und Aufklärung hat erstmals den Ernst-Topitsch-Preis verliehen. Die Auszeichnung soll „Personen oder Institutionen, die besondere Leistungen auf dem Gebiet der Religions- und Ideologiekritik erbracht haben“, würdigen. Erster Preisträger ist MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon, der als Autor zahlreicher philosophischer Aufsätze „wichtige Impulse für das ‘unvollendete Projekt der Aufklärung’ gegeben“ habe. Besonders hervorgehoben wird Salomons Roman Stollbergs Inferno, da hier „in inhaltlicher wie in formaler Hinsicht ein Musterbeispiel für zeitgemäße Ideologiekritik“ vorliege. Es sei des Preisträgers besondere Leistung, eine Sprache gefunden zu haben, die auch jene Menschen erreiche, die normalerweise einen weiten Bogen um philosophische und ideologiekritische Veröffentlichungen machten. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.
Benannt ist die Auszeichnung nach dem Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Ernst Topitsch (1919-2003), an dessen wichtige erkenntnis- und ideologiekritische Arbeiten auf diese Weise erinnert werden soll. Warum die Stiftungsgewaltigen ausgerechnet Ernst Topitsch als Namensgeber für den Preis ausgewählt haben, wirft allerdings Fragezeichen auf. Zwar hatten dessen Werke in der christlich-abendländischen Adenauer-Ära eine ideologiekritische Funktion, spätestens Ende der 1960er jedoch schwenkte Topitsch auf eine konservative Position um, nahm mainstreamkompatible antimarxistische Positionen ein und verabschiedete sich mit seinem Buch Stalins Krieg (1985) endgültig von jeglichem Anspruch, Mythen zu zerstören, indem er ein Stecken-pferd aller Geschichtsrevisionisten ritt: die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unter Verdrehung der Tatsachen der Sowjetunion zuzuschieben. Die Wahl eines Wissenschaftlers, der von einem liberalen Ausgangspunkt auf seinem Weg zur „ideologiefreien Gesellschaft“ sich von antikommunistischen Ideologemen blenden ließ und die Orientierung verlor, als Namensgeber für einen sich ideologiekritisch verstehenden Preis, darf jedenfalls Widerspruch ernten.
Cartoonausstellung
Anlässlich des 100. Gründungsjubiläums seiner Vorläuferorganisation führt der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) 2005 eine Vielzahl von Veranstaltungen durch. Als Teil des kulturellen Rahmenprogramms soll es im Frühsommer eine Ausstellung antireligiöser Karikaturen geben.
„Für die Themenwahl könnte man es sich ja einfach machen und das Ganze mit ‘100 Jahre Religionskritik’ überschreiben“, schreibt der HVD in seiner Ankündigung. „Nur ist unsere Vermutung sicher nicht falsch, dass das wohl kaum großes Interesse wecken würde. Spannender fänden wir eine thematische Eingrenzung auf heutige Auseinandersetzungen mit und in den Religionen.“ Als Arbeitstitel sei vorstellbar: „Es treffen sich ein Christ, ein Moslem und ein Atheist...“ Womit freilich nicht angedeutet werden solle, dass Menschen ohne Glauben in den täglichen Auseinandersetzungen um Ethik und Moral automatisch stets als Sieger hervorgingen. Ein bisschen Selbstkritik erfrische.
Als Themen bieten sich an: Bioethik-debatte, EU-Verfassung, Patientenverfügung und Sterbehilfe... Erwünscht sei auch, dass die Künstlerinnen und Künstler, heikle Themen angehen, etwa indem sie versuchen, die nicht-christlichen Religionen zu kritisieren, was sich schwieriger gestalte als bei der Dominanzreligion. Und auch wenn Sekten, selbsternannte Wunderheiler und esoterische Weltverbesserer aufs Korn genommen würden, passe dies zum Konzept der anvisierten Ausstellung.
Nähere Informationen gibt es über die diesseits-Redaktion: Fon (030) 613 90 441, diesseits@humanismus.de
Literaturpreis
Im Literaturwettbewerb, den der Alibri Verlag anlässlich seines 10-jährigen Bestehens unter dem Motto „Der Pfaff’, der schrie: ‘oh Schreck, oh Graus, und hielt den Arsch zum Fenster ’naus“ ausgelobt hatte, hat die Jury (Alibri-Autor Colin Goldner, MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon, diesseits-Chefredaktrice Patricia Block und Verleger Gunnar Schedel) im November das Ergebnis bekannt gegeben. Unter den über 300 eingereichten kurzen Prosatexten wurde die Narzisse von Saron von Beate Rosner als bester bewertet. Auf den zweiten Platz kam Fundus von Carsten Frerk, gefolgt von Marcus Hammerschmidts Satire Eilmeldung. Die drei Satiren liegen dieser Ausgabe der MIZ als Sonderdruck bei.
Weitere Exemplare können gegen Einsendung von Euro 1,44 in Briefmarken beim Verlag bestellt werden: Alibri Verlag, Postfach 100 361, 63703 Aschaffenburg.
Artikel aus MIZ 4/04
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