von Gunnar Schedel
Alle Jahre wieder... bricht nicht nur der vorweihnachtliche Kaufrausch mit seinen sentimentalen Nebenerscheinungen über uns herein, sondern auch eine Debatte, wie sich die Konfessionslosen effektiver organisieren könnten. Darin spiegelt sich zunächst wider, daß wir den Eindruck haben, unsere Äußerungen finden, gemessen an über 30% Bevölkerungsanteil und verglichen mit den beiden großen christlichen Kirchen, bei den Medien und in der Politik zu wenig Gehör. Und daß sich tatsächlich häufig, wenn es um Fragen von Religion und Kirche in unserer Gesellschaft geht, das bessere Argument nicht durchsetzen kann, läßt sich an Beispielen belegen (z.B. die Aussparung dieses Segments aus dem „Anti-Diskriminierungsgesetz“ der rotgrünen Bundesregierung).
Als jüngster Vorschlag, dies zu beheben, steht derzeit das Konzept eines „Zentralrates der Konfessionsfreien“ zur Diskussion. Michael Schmidt-Salomon betont in seinem Entwurf (siehe S. 3ff.) die pragmatische Seite des Projektes; der Zentralrat solle vor allem bewirken, daß die organisierte Konfessionslosigkeit besser wahrnehmbar ist, indem ein zentraler Ansprechpartner sichtbar wird. Ob dies gelingt und Folgen zeitigt, ließe sich durchaus überprüfen (und bei halbwegs professionellem Herangehen sollten die absehbaren organisatorischen Schwierigkeiten lösbar sein). Für mich liegt das ungelöste Problem auf einer anderen Ebene: eben weil sich das Konzept auf der pragmatischen Ebene bewegt, verbleibt völlig unklar, was es denn in der Praxis konkret bewirken soll. Denn zunächst wäre wohl eine wichtige Grundsatzfrage zu klären: was soll eigentlich an der real existierenden Gesellschaft verändert werden?
Einigkeit besteht offenbar darüber, daß etwas falsch läuft, daß Konfessionslose teilweise diskriminiert werden (z.B. in einigen Regionen Süddeutschlands auf dem Arbeitsmarkt für soziale Berufe) und daß ihre Verbände deutlich schlechter gestellt sind als die Verbände der Christen, die Kirchen. Um diesen Zustand zu verändern, gibt es im säkularen Spektrum seit je zwei Strategien: die Forderung, daß kirchliche Privilegien abgeschafft und Benachteiligungen aufgehoben werden müßten (was bislang nicht sonderlich erfolgreich war) und die Bemühung, die Situation positiv aufzuheben, indem die Verbände bestimmte, den Kirchen gewährte Rechte auch für sich reklamieren. Aktuell wären hier etwa die Bemühungen der Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD) um den Körperschaftsstatus oder die Forderung des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Bayern nach einem Sitz im Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks zu nennen.
Das System der institutionellen Bevorzugung der beiden großen christlichen Kirchen wird nicht allein von den Interessenvereinigungen der Konfessionslosen in Frage gestellt; auch kleinere Religionsgesellschaften drängen auf diese Form von Emanzipation: die Zeugen Jehovas stehen kurz vor der Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts, die staatliche Alimentierung der Ausbildung islamischer Theologen ist nur eine Frage der Zeit und auf die Gewährung des Kirchensteuerprivilegs für den Zentralrat der Regentanzschamanen warte ich gespannt. Allein, Emanzipation verstanden als Einrichtung der eigenen Nische im bestehenden Falschen stützt nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern entleert den Begriff Emanzipation auch seines Inhaltes.
Wie weit es führen kann, wenn die eigene Privilegierung durch eine Integration ins Bestehende erkauft wird, veranschaulicht der Artikel eines „Humanistischen Beraters“ aus diesseits 3/04. Dort berichtet der junge Mann, er habe in einem fernen Land als psychologischer Berater gearbeitet, habe sich um die Belegschaft seines Arbeitgebers gekümmert und zur Lösung menschlicher Probleme beigetragen (z.B. habe er eine Urlaubserlaubnis für einen Angestellten, der zuhause heiraten wollte, duchgesetzt). Daß dieser „Humanistische Berater“ im Dienste des niederländischen Militärs stand, das an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilnahm, in dem täglich gestorben wird, in dem Kriegsgefangene gefoltert und wahllos Zivilisten entführt und massakriert werden, war in dem Aufsatz nicht zu lesen. Die grundlegende Frage, inwiefern die Welt besser sei, wenn im Irak neben einer Hand voll Militärseelsorgern auch ein „Humanistischer Berater“ Dienst tut, wurde nicht einmal gestellt. Und die konkrete Frage, was ein „Humanistischer Berater“ im Krieg zu leisten imstande ist, wurde in einer ziemlich zynischen Weise beantwortet: Flitterwochen organisieren. Dieses Beispiel macht klar: wenn wir Emanzipation als Befreiung aller Menschen aus bedrückenden Verhältnissen verstehen, ist es zumindest keine hinreichende Bedingung für entsprechende gesellschaftliche Veränderungen, daß das säkulare Lager dem religiösen gleichgestellt wird. Die Gegenwart eines sich „humanistisch“ nennenden Militärpsychologen macht aus Krieg noch kein humanistisches Unterfangen.
Die „Emanzipation“ nur der eigenen Gruppe (als Erlaubnis der privilegierten Beteiligung am Bestehenden) ist ein Konzept, das kleine religiöse Vereinigungen seit der Abschaffung des Staatskirchentums betreiben. Ziel solcher „Emanzipation“ war und ist es, die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft dazu zu nutzen, eine möglichst gute Ausgangsbasis für die eigenen Missionsbestrebungen zu bekommen. Ein gesamtgesellschaftlicher Anspruch (bzw. die Ambition, alle zum „richtigen“ Glauben zu bekehren) besteht nicht, es geht ausschließlich um die Konsolidierung und Stärkung der eigenen Organisation. Für die politischen und sozialen Verhältnisse ist es aber völlig unbedeutend, ob zum Jahresende Neo-Pfingstler, Zeugen Jehovas oder die Alleinseligmachende Katholische Kirche 1.000 Mitglieder mehr oder weniger haben.
Was für Sektierer aller Couleur ein Weg ins Glück ist, wäre für Humanisten eine Sackgasse: die Vorstellung, dauerhaft eine „humanistische Insel“ kultivieren zu können, ist illusorisch. Ein humanistischer Anspruch (der nicht Phrase ist) läßt sich nur aufrechterhalten, wenn die Emanzipation der Konfessionslosen nicht als Selbstzweck verstanden wird, sondern darauf abzielt, die Voraussetzungen für eine Emanzipation aller Menschen zu verbessern. Doch während es im säkularen Lager noch möglich sein sollte, Einigkeit über die allgemeine Behauptung zu erreichen, daß eine Welt ohne Religionen eine bessere sein könnte als die heutige, beginnen mit dem nächsten Schritt die Schwierigkeiten. Was ist darunter zu verstehen, den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt unserer Bestrebungen zu stellen und sich für das „gute Leben“ im Diesseits einzusetzen? Welche politischen Maßnahmen müßten ergriffen, welche gesellschaftlichen Felder vorrangig bearbeitet werden?
Wenn der „Zentralrat der Konfessionsfreien“ eine Bewegung nach vorne bringen soll, müßte er hier (zumindest in einer relevanten Zahl der Fälle) mit einer Stimme sprechen. Das wird aufgrund der in den Verbänden vorherrschenden unterschiedlichen Traditionen und Gesellschaftsanalysen nicht einfach. Das Bemühen könnte allzu oft dadurch erkauft werden, daß Verlautbarungen zu strittigen Fragen auf dem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ erfolgen und auf konkrete Positionierungen verzichten, um das Projekt Zentralrat nicht zu gefährden (die Rede von der „dritten Konfession“ täuscht gleichfalls eine nicht existierende Homogenität des säkularen Lager vor). Gesellschaftliche Veränderungen werden aber nur über Aktivitäten zu konkreten politischen Fragen erreicht; und hier war die punktuelle Zusammenarbeit in den letzten Jahren ein vielversprechender, aber keine Illusionen nährender Ansatz.
Artikel aus MIZ 4/04
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