Zündfunke MIZ 2/09

Religionsfreie Zone

Zum zweiten Mal fand am Karfreitag in Köln eine “Religionsfreie Zone” statt. Im Filmhaus präsentierte der nordrhein-westfälische Landesverband des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ein Kontrastprogramm zur staatlich verordneten Trauer und Andacht. In seiner Begrüßungsansprache verdeutlichte NRW-Landessprecher Rainer Ponitka anhand des Feiertagsgesetzes, dass christliche Vorstellungen nach wie vor hegemonial wirken und auch das konfessionslose Drittel der Bevölkerung dazu zwingen, sich religiösen Normen entsprechend zu verhalten. So ist am Karfreitag, wie an weiteren “Stillen Tagen”, christliche Besinnlichkeit Pflicht. Dann sind öffentliche Feiern außerhalb der eigenen Wohnung untersagt – selbst wenn diese die Andacht der Christen weder akustisch noch räumlich stören.

Die ausgewählten Filme opponierten solche christliche Lustfeindlichkeit, indem zwei der verführerischsten Lustbarkeiten behandelten: Sex und Süßigkeiten. Zunächst lief Kinsey – Let’s Talk About Sex und danach ein Klassiker, der auf Protestveranstaltungen gegen die Feiertagsgesetzgebung schon oft gezeigt wurde: Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Der Streifen befasst sich mit den Verwicklungen, die entstehen können, wenn eine Atheistin in der Fastenzeit eine Chocolaterie eröffnet... Zwischendurch wurde eine “Enttaufungsstation” in Betrieb genommen. Hier konnten sich aus der Kirchen ausgetretene Personen “enttaufen” und diesen Schritt beurkunden lassen. Diese von amerikanischen Atheistenorganisationen übernommene Aktionsform soll gegen eine weitere Anmaßung der Kirchen protestieren, nämlich die Behauptung, dass ein Mensch durch die Taufe unabänderlich zur Gemeinschaft der Gläubigen gehöre und diese nicht durch einen selbstbestimmten “Vereinsaustritt” verlassen könne; tatsächlich wird kirchlicherseits ein Kirchenaustritt nur als Verlassen der Steuergemeinschaft verstanden.


Kirchenprivilegien

Am 28. Mai hielt René Hartmann, Zweiter Vorsitzender des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), im Mörfelder Bahnhof einen Vortrag zum Thema “Den Seinen gibt’s der Herr vom Staat – Privilegien der Kirchen in Deutschland”. Veranstalter war der in Mörfelden ansässige Verein Ku²Phi – Verein für Bildung und Kultur. Im ersten Teil des Vortrags wurden die finanziellen Privilegien der Kirche angesprochen, speziell die Kirchensteuer und staatliche Subventionen. Anschließend ging es um Zensur im Namen der Religion und den Paragraphen 166 StGB, den “Gotteslästerungsparagraphen”. Neben einer Darlegung der Hintergründe wurden dem Publikum einige Abbildungen von Werken gezeigt, die wegen angeblicher Verletzung religiöse Gefühle für Unmut gesorgt hatten. Danach wurden die Privilegien der Kirchen im Bildungswesen behandelt, insbesondere der konfessionelle Religionsunterricht und der Ethikunterricht als Ersatzunterricht für die, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Dabei kam auch das Pro Reli-Referendum zur Sprache. Im letzten Teil ging es um die kirchlichen Sozialeinrichtungen mit ihren Schattenseiten wie den eingeschränkten Arbeitnehmerrechten.

An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Dabei gab es weitgehend Einigkeit darüber, dass eine stärkere Trennung von Staat und Kirche wünschenswert sei. Eingewandt wurde hingegen, ob nicht Kirchen und Religion einen unverzichtbaren Beitrag zur Werteerziehung leisteten. Der Gegeneinwand, dass die Kirchen aus einer Reihe von Gründen nicht glaubwürdig beanspruchen können, die Werte der modernen Gesellschaft zu begründen, stieß jedoch bei vielen Teilnehmern auf Zustimmung. Auch wurden Zweifel geäußert, ob Werte überhaupt wirksam vermittelt werden können, indem sie als Normen gelehrt werden; entscheidend seien letztlich die Werte, die im sozialen Umfeld vorgelebt werden.

 


25 Jahre bfg Kulmbach

Zu einer Vortragsveranstaltung aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens hatte der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Kulmbach/Bayreuth nach Bamberg ins idyllisch gelegene Bootshaus am Hain eingeladen. Festredner war der Religionswissenschaftler, Philosoph und Theologe Hubertus Mynarek, dessen Thema “Die Evolution im Streit der Weltanschauungen” auf großes Interesse stieß.

Drei grundsätzliche Weltanschauungen in Bezug auf die Gottesproblematik machte der Referent aus: den Atheismus, der die Existenz eines persönlichen Gottes strikt leugnet; den Theismus, der sich ebenso entschieden zu dieser Existenz bekennt; und den Agnostizismus, der unser ganzes menschliches Wissen bejaht, aber bezüglich der hauptsächlichen Seins- und Sinnfragen wie der Existenz Gottes, der Frage eines Fortlebens nach dem Tod oder der Seelen- und Geistproblematik ein letztes Nichtwissen anerkennt. Im Fokus dieser drei Weltanschauungen, so Prof. Mynarek, stehe heute der Streit um die richtige Deutung der Evolution, weil alle drei Weltbilder diese mehr oder minder für die Richtigkeit der eigenen Position zu vereinnahmen versuchen.

Der Referent machte in sehr anschaulicher, verständlicher Sprache klar, dass zwar die Evolution als Phänomen des Aufstiegs zu immer organisierteren, komplizierteren Bauplantypen Fakt sei, dass aber der Kausalmechanismus dieser Höherentwicklung durchaus noch nicht geklärt ist. So seien zum Beispiel die Gene und ihre Mutationen keineswegs die einzigen Ursachenfaktoren dieser Entwicklung. Viel wichtiger seien nach neuesten Erkenntnissen jene Steuermoleküle, die die Gene nach noch nicht von uns durchschauten Gesetzen an- und abschalten. Auch hänge die Evolution von Vorgegebenheiten und Vorbedingungen ab, die durch die Evolution selbst nicht mehr erklärbar seien, weshalb auch Charles Darwin selbst, der eigentliche Begründer der Evolutionstheorie, sich zum Agnostizismus bekannte mit den berühmten Worten: “Das Geheimnis des Anfangs aller Dinge ist von uns nicht zu lösen, und ich muss damit zufrieden sein, Agnostiker zu bleiben.”

 


Darwin-Code

Auf Einladung der Ulmer FreidenkerInnen war Thomas Junker zu Gast im Ulmer Haus der Gewerkschaften und referierte aus seinem Buch: Der Darwin Code – Die Evolution erklärt unser Leben. Anlässlich von Charles Darwins 200. Geburtstag brachte er den gut 30 Zuhörern die Reichweite des Darwin’schen Menschenbildes zu Gehör. Auf humorvolle und gut verständliche Weise erläuterte Junker Darwins Theorie der Entstehung der Arten, die Natur der Menschen, evolutionäre Strategien sowie Entwicklungen, die keiner religiösen Verbrämungen und Verschleierungen bedürfen.

Gibt es noch eine natürliche Auslese? Sozialdarwinsmus? Survival of the fittest? Sexuelle Selbstbestimmung? Das Erfolgsgeheimnis der modernen Menschen? Der Sinn des Lebens? All diese Themen wurden in seinem Referat und der anschließenden regen Diskussion besprochen. Dabei vertrat der Referent die Auffassung, dass die Religion “ein Abkömmling der Kunst” sei (und nicht umgekehrt). Ebenso verteidigte er den Hedonismus. Organismen seien darauf “programmiert”, für ihr persönliches Überleben und Wohlergehen zu sorgen, denn nur dann könnten sie sich fortpflanzen. So gesehen sei “Lebensfreude” auch unter einer biologischen Perspektive ein sinnvolles Konzept.

 


Wissenschaft unter Beschuss

In Hamburg fand die Konferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) statt. Das Schwerpunktthema lautete “Wissenschaft unter Beschuss”. Dies bezog sich auf Bestrebungen vor allem aus alternativmedizinischen Kreisen, wissenschaftliche Standards aufzuweichen und das Ziel, subjektive Fehler bei Durchführung und Auswertung von Forschungsprojekten zu vermeiden, aufzugeben.
In einer gewissermaßen programmatischen Einführung stellte der GWUP-Vorsitzende Amardeo Sarma dar, warum Homöopathie und Anthroposophische Medizin auf Prüfungsmethoden setzen, die einen größeren Spielraum für subjektive Interpretationen lassen (bei kontrollierten, randomisierten, doppelverblindeten Verfahren konnten sie bislang keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen). Dabei suchen die Fürsprecher der sog. Alternativmedizin weniger im wissenschaftlichen Diskurs zu überzeugen, als sich der Unterstützung aus der Politik zu versichern. Die fehlenden positiven Forschungsergebnisse sollen durch Hinterzimmergespräche kompensiert werden. Sarma verwies auch auf breit angelegte Marketingkampagnen und die Versuche, über Stiftungsgelder auf wissenschaftliche Institutionen Einfluss zu nehmen. Als Beispiel nannte er die Einrichtung einer Stiftungsprofessur an der Berliner Charité, die von der einschlägig bekannten Carstens-Stiftung mit jährlich 200.000 Euro finanziert wird und den “weiteren Ausbau des Forschungszweiges zur Komplementärmedizin” verfolgt.

Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums, stellte in seinem Vortrag dar, dass in den letzten Jahren weltweit Maßstäbe erarbeitet worden sind, die systematische Fehler bei Untersuchungen ausschließen sollen. Gleichwohl gebe es auch unzählige fehlerhafte Studien – von denen Antes eine ganze Reihe präsentierte. Dabei wurde deutlich, dass die eigentliche Opposition nicht Schulmedizin versus Alternativmedizin lautet, sondern Medizin, die ihre Wirksamkeit in einer sauber durchgeführten (und wiederholten) Studie nachgewiesen hat, versus Medizin, die diese Anforderung nicht erfüllt. Auch in der Schulmedizin spielen persönliche und wirtschaftliche Interessen eine Rolle, was sich auch auf die Wissenschaftlichkeit einer Studie auswirken kann. Die Befürchtungen, die Qualitätskriterien könnten in absehbarer Zeit aufgeweicht werden, teilte Antes nicht; dazu arbeiteten weltweit zuviele Wissenschaftler nach diesem Modell. Allerdings sei Deutschland in dieser Hinsicht “drittklassig”.
Deutlicher als früher positionierte sich die GWUP als Lobby für Verbraucher. Es sei notwendig, wissenschaftliche Methoden in der Öffentlichkeit zu erklären und gegen Angriffe zu verteidigen, meinte Amardeo Sarma.

 


Open Ohr

Das Open Ohr in Mainz ist eines der wichtigen politischen Open Air-Festivals in Deutschland. Neben den zahlreichen Band-Auftritten gibt es immer eine ganze Reihe Lesungen, Workshops und Podiumsdiskussionen, die sich diesmal unter dem Motto “Himmel, Arsch & Zwirn” um Religion drehten. In dem bunten Programm gab es auch einige Veranstaltungen mit religionskritischen Teilnehmern.

Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, war für die Debatte über die Frage, ob Glaube an Bedeutung gewinnt, vorgesehen, kam jedoch staubedingt zu spät. Mit seiner Position, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, an religiösen Positionen festzuhalten, brachte er eine bis dahin wenig kontroverse Diskussion erst so richtig in Schwung. Wie aktuell die Frage, was Wissen ist und was Glaube, gerade wieder ist, wurde anschaulich, als in der Publikumsrunde ein muslimischer Zuhörer die Evolution leugnete – und einigen Beifall erhielt.
An der Gesprächsrunde über das Verhältnis von Witzigkeit und Religion nahm neben dem ehemaligen Chefredakteur der Titanic Thomas Gsella und den Journalisten Jörg Thomann (FAZ) und Heike Rost auch Alibri-Verleger Gunnar Schedel teil. Richtiger Streit wollte allerdings nicht aufkommen, da die Meinungen nicht allzuweit auseinanderlagen: Niemand wollte dem Paragraphen 166 StGB oder anderen Zensurinstrumenten das Wort reden. Allerdings zeigten sich doch unterschiedliche Perspektiven; während Gunnar Schedel die emanzipative Wirkung als Maßstab für Satire oder Karikatur ansah, meinte Thomas Gsella die Witzigkeit sei das entscheidende Kriterium. Auf die Nachfrage, wie er diesbezüglich den im Iran initiierten Holocaust-Karikaturenwettbewerb sehe, stellte er klar, dass Witz und Hetze nicht verwechselt werden sollten.

 


DFV bleibt in KORSO

Der Deutsche Freidenkerverband (DFV) bleibt vorerst Mitglied im Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO). Im Vorfeld des diesjährigen Verbandstages hatten die Landesverbände Nord und Nordrhein-Westfalen einen Austritt gefordert. Begründet wurde dies unter Hinweis auf die nicht eindeutige Haltung von KORSO zur Trennung von Staat und Kirche. Der stellvertretende Landesvorsitzende Nord, Cornelius Kaal, hatte angeführt, dass der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) den Koordinierungsrat dominiere und die Gleichbehandlung mit den Kirchen im Privileg durchgesetzt habe. KORSO sei für den HVD nur Teil seiner Expansionsstrategie, mit der er eine Vorherrschaft im Lager der Konfessionslosen durchsetzen wolle. Der Landesverband NRW verwies auf die Beteiligung des Dachverbands Freier Weltanschauungsgemeinschaften, dem die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft angehört, die im Antrag als “völkisch” eingestuft wird. Die Landesverbände Berlin und Thüringen hatten sich hingegen für einen Verbleib in KORSO ausgesprochen. Die Delegierten folgten schließlich mit großer Mehrheit dem Vorschlag der Antragskommission, dass die Frage nach einer intensiven innerverbandlichen Diskussion im Herbst 2010 vom Vorstand entschieden werden solle.

 


Austria-Buskampagne

Auch in Österreich haben sich die Verkehrsbetriebe aller größeren Städte geweigert, Busse mit atheistischen Werbesprüchen fahren zu lassen. In Wien wurde eine zunächst erteilte Zusage unter Hinweis auf einen angeblich bestehenden Grundsatz, “keine Werbung für politische Parteien oder religiöse Glaubensgemeinschaften auf den Fahrzeugen der Wiener Linien zuzulassen”, wieder zurückgenommen. Die Innsbrucker Verkehrsbetriebe schrieben der Kampagne, es werde keinerlei Werbung zugelassen, “die für einzelne Personen oder Gruppen beleidigend wirken könnte”.

Die Initiatoren – AtheistInnen und AgnostikerInnen für ein säkulares Österreich (AG-ATHE), die Allianz für Humanismus und Atheismus (AHA) und der Freidenkerbund Österreichs – sind daraufhin auf ein anderes Trägermedium ausgewichen und plaktieren ab Mitte Juli in Wien sog. City Lights (das sind freistehende, beleuchtbare Plakatständer). Dort wird dann der Slogan “Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott. Werte sind menschlich. Es liegt an uns” zu lesen sein.