“Wider die falsche Toleranz”

Interview mit der deutsch-türkischen Soziologin Necla Kelek

Necla Keleks Buch Die fremde Braut hat große Aufmerksamkeit in Medien und Politik erregt. Nicht ohne Grund sah sich Bundesinnenminister Otto Schily dazu veranlasst, eine zweiseitige Rezension des Buchs für den Spiegel zu verfassen. Kelek enthüllt in ihrem aufrüttelnden “Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland” die skandalösen Bedingungen, unter denen türkische “Importbräute” hierzulande leben müssen (“moderne Sklaverei”). Wie kaum eine andere Studie macht Keleks Buch klar, dass der naive Traum von der “multikulturellen Gesellschaft” an den harten Kanten der Wirklichkeit zerschellt ist, ja dass gerade er dem blühenden Islamismus in Deutschland idealen Nährboden bereitet. Ausgehend von den Erfahrungen der eigenen Lebensgeschichte sowie umfangreichen Studien in der türkischen Migrantenszene fordert Necla Kelek ein Ende der “falschen Toleranz” und eine entschiedene Verteidigung jener rechtsstaatlichen, humanistischen Prinzipien, die aus der Tradition der Aufklärung erwachsen sind. MIZ-Redakteur Michael Schmidt-Salomon sprach mit der 1957 in Istanbul geborenen Autorin über ihr Werk, das mehrere Wochen auf der Spiegel-Beststellerliste stand.

MIZ: Frau Kelek, Ihr Buch Die fremde Braut hat für einigen Wirbel gesorgt. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für die starke Resonanz, die das Buch hervorruft?

Necla Kelek: Ich glaube, dass ich ein Tabu aufgebrochen habe. In der türkisch-muslimischen Community ist es nicht möglich, aus der Innenwelt zu berichten, schon gar nicht gegenüber den “Anderen”, den “Fremden”. Durch meinen Bericht wurden Realitäten sichtbar, die viele lange Zeit verdrängt haben…

MIZ: Bundesinnenminister Otto Schily hat in seiner (ansonsten durchweg positiv gehaltenen) Spiegel-Rezension Ihres Buches gerügt, Sie würden den “berechtigten Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung türkischer Frauen […] zu einer radikalen Kritik am Welt- und Menschenbild des Islam” ausweiten. Dass Schily, der der Glaubensgemeinschaft der Anthroposophen nahe steht, jeder Form konsequenter Religionskritik skeptisch gegenübertritt, mag verständlich sein. Aber: Kann man denn realistischer Weise erwarten, die Lebensbedingungen türkischer Frauen nachhaltig verbessern zu können, wenn man die tradierten Glaubensüberzeugungen außer Acht lässt?

Necla Kelek: Nein, bestimmt nicht! Ich habe den Islam zur Erklärung des Problems herangezogen, weil die traditionellen Normen und Werte der türkischen Community weitgehend über die Religion legitimiert werden. Wenn religiöse Vorstellungen gesellschaftliche Missstände verursachen, muss das auch offen ausgesprochen werden können. Religionen müssen ihre Verantwortung ebenso tragen wie eine verfehlte Politik. Sie bieten für viele nun einmal den Maßstab für Wertorientierungen, für die Vorstellungen von Gut und Böse, die Erziehungs-ideale, auf welche Weise Jungen und Mädchen aufwachsen sollten usw. Ich verstehe nicht, wie man die Verantwortung der Religion für die geschilderten Missstände ignorieren kann…

MIZ: Sie haben die “falsche Toleranz”, mit der die Deutschen islamischen Fundamentalisten gegenübertreten, mit der geschichtlichen Erblast Deutschlands erklärt. Das “besondere Schuldgefühl gegenüber Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und anderen” verstelle “den klaren Blick auf die heutigen Realitäten von Unterdrückung und Ausgrenzung”, heißt es diesbezüglich in Ihrem Buch. Könnten Sie das erläutern?

Necla Kelek: Mit “falscher Toleranz”, meine ich, dass es so etwas wie einen “Kulturbonus” für jene Eltern gibt, die ihre Kinder zwangsverheiraten, über deren Leben bestimmen, ein selbst bestimmtes Leben nicht zulassen. Die deutsche Gesellschaft akzeptiert diese elterlichen Entscheidungen weitgehend, statt ihnen klare Forderungen entgegen zu stellen, die den Prinzipien unserer Verfassung entsprechen. Einen der Gründe für diese Form der falschen Toleranz sehe ich in der deutschen Geschichte: Die Deutschen haben sich engagiert mit ihrer nazistischen Vergangenheit und den Verbrechen an anderen auseinandergesetzt, was sicherlich viel zu dem zivilen und demokratischen Gepräge dieser Republik beigetragen hat. Doch leider scheinen gerade die gut meinenden Deutschen vor diesem Hintergrund dazu zu neigen, in jedem hier Asyl suchenden Ausländer den Wiedergänger eines vor dem Holocaust zu rettenden Juden zu sehen. Solches Schuldbewusstsein ist vielen hierzulande anscheinend wichtiger als die Verteidigung der Verfassung…

MIZ: Könnte ein weiterer Grund für die hierzulande praktizierte Toleranz gegenüber religiöser Intoleranz darin bestehen, dass Religionskritik selbst heute noch weitgehend tabuisiert ist? Ist es in diesem Zusammenhang nicht symptomatisch, dass das Wort “Gotteskrieger” zum “Unwort des Jahres” erklärt wurde, weil nach Meinung der Jury “wirklich gottgläubige Menschen” keine Kriege führen würden, ergo islamistische Attentäter nicht “religiös”, sondern bloß “pseudoreligiös” motiviert seien? Muss man angesichts solcher weit verbreiteten Deutungen nicht einräumen, dass Orientalistik und Religionswissenschaft bezüglich der Aufklärung über die Gefahrenpotentiale des Islam hoffnungslos versagt haben?

Necla Kelek: Ja, das kann man so sehen. Die islamische Religion hat gerade erst angefangen, Modernisierungs- oder Individuationsprozesse ihrer gläubigen Mitglieder zuzulassen. Doch bis die Aufklärung den Islam wirklich erreicht, ist es noch ein weiter Weg. Die meisten Imame gehen immer noch davon aus, dass der Koran “unveränderbares Gotteswort” ist, statt ihn symbolisch und im Zeitkontext zu lesen. Auf einer Veranstaltung hat mir ein strenggläubiger Araber einmal gesagt, der Islam sei kein Spielzeug, das man so oder so auslegen könne. Alle, die es wagten, ihn zu kritisieren, seien keine Muslime. Fairerweise muss man einräumen, dass es auch fortschrittliche “Kultur-Muslime” gibt, die für einen “individualisierten Islam” eintreten.

MIZ: Die 23-jährige Türkin Hatin Sürücü wurde am 7. Februar dieses Jahres in Berlin auf offener Straße erschossen. Die allein erziehende Mutter war aus einer Zwangsehe geflüchtet, hatte als einzige Frau in ihrer Familie das Kopftuch abgelegt und ein Leben nach westlichem Strickmuster geführt. Als dringend tatverdächtig gelten drei ihrer Brüder, die, so vermuten die Ermittler, einen so genannten “Ehrenmord” begangen haben. Allem Anschein nach handelt es sich hier nicht um einen Einzelfall. Können Sie in etwa einschätzen, wie häufig es zu Straftaten in Zusammenhang mit der sog. “Familienehre” kommt?

Necla Kelek: Zum Hintergrund: Blutrache, Ehrenmorde, Zwangsverheiratung (als Babys werden die Kinder sich gegenseitig versprochen) sind Rudimente stammesgemeinschaftlicher Kulturen, die nur unter sich heiraten. In der Türkei betrifft das vor allem die Kurden, die alevitischen oder arabische Stämme, die an der syrischen Grenze leben. Was die Praxis des Ehrenmordes betrifft: Ehrenmord ist auch in der Türkei ein Verbrechen. Allerdings gelingt es der türkischen Regierung ebenso wenig wie dem deutschen Staat, die Frauen zu beschützen. Zwischen 1996 und 2004 gab es allein in Berlin 246 Ehrenmorde. Es ist ungeheuerlich, dass so etwas mitten im zivilisierten Europa stattfinden kann! Ich frage mich: Welche Werte und Normen muss man seinen Kindern mitgeben, dass sie im Stande sind, die eigene Schwester zu ermorden? Nicht einmal die Tatsache, dass Hatin Sürücü Mutter eines fünfjährigen Sohnes war, konnte ihre Brüder von dieser Wahnsinnstat abbringen…

MIZ: Im Rahmen der Berichterstattung über den Mord an Hatin Sürücü meldeten die Presseagenturen, dass türkischstämmige Berliner Schüler die Tat begrüßt hätten, da Sürücü gelebt habe “wie eine Deutsche”. Sie selbst haben Schülerinnen und Schüler aus der Migrantenszene im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Arbeit untersucht. Halten Sie solche Aussagen für bloß pubertäre Provokationen oder steckt doch mehr dahinter?

Necla Kelek: Ich bin überzeugt, dass das nicht bloß pubertäre Provokationen waren! Als ich mit meiner ersten Untersuchung in Berlin mit Schülerinnen und Schülern einer Gesamtschule gesprochen habe, gab es bereits eine massive Kulturdifferenz. Die Jugendlichen definierten sich selbst vorwiegend über die Abgrenzung zu deutschen/europäischen Werten. Das ist ein zentraler Bestandteil ihrer Identität. Heute ist dies nicht anders, es ist sogar extremer geworden. Besonders Jugendliche, die außerhalb der Familie keine Hilfen bekommen, fühlen sich allein gelassen und reagieren darauf mit militanter Abgrenzung.

MIZ: Sie unterstützen Gesetzesinitiativen zum Verbot der Zwangsehe sowie weitere flankierende Maßnahmen, die dazu beitragen sollen, dass diejenigen, die in Deutschland leben, auch in der hiesigen Gesellschaft “ankommen”. Müsste zu dem Paket der Maßnahmen nicht auch eine Initiative zur Neuordnung des Religions- und Ethikunterrichts gehören? Konkret: Bräuchten wir nicht statt eines “flächendeckenden Islamunterrichts an deutschen Schulen”, wie ihn Vertreter der Bundesregierung fordern, einen deutsch-landweit zu etablierenden, für SchülerInnen jeglicher Herkunft verbindlichen “Werteunterricht” (LER?), der auf wissenschaftlichem Fundament über Religionen und Weltanschauungen aufklärt, ethische Konfliktsituationen analysiert und nach Möglichkeiten eines verträglichen Zusammenlebens sucht?

Necla Kelek: Unbedingt! Solche integrativen Maßnahmen sollten nicht nur im Interesse des Staates und der Schulen liegen, sondern auch im Interesse der Eltern, ja sogar der Islamvereine. Letztlich sollten auch sie das Ziel verfolgen, dass die Kinder muslimischer Herkunft in der hiesigen Gesellschaft ankommen, statt am Ende als Verlierer da zu stehen.

MIZ: Ihre Studien Islam im Alltag und Die fremde Frau vermitteln ein eindrucksvolles Bild der islamischen Parallelgesellschaft in Deutschland. Offensichtlich war es tatsächlich ein Fehlschluss zu glauben, die bloße Gewährung von Grundrechten mache Menschen automatisch zu Demokraten. Heißt das nun, dass der Traum von der multikulturellen Gesellschaft ausgeträumt ist?

Necla Kelek: Ich will es einmal so sagen: Ein realistischerer Traum müsste mit einer neuen Vorstellung von Gesellschaft beginnen, einer Gesellschaft, die von uns allen mit Verantwortung getragen wird. Notwendige Grundvoraussetzung dafür wäre, dass alle Seiten erkennen und akzeptieren, dass die Verfassung dieses Landes schützenswert ist und daher auch gegen Angriffe offensiv verteidigt werden muss. Ein solcher interkultureller Konsens würde eine gute Grundlage bieten für ein friedliches Zusammenleben aller hier lebenden Menschen, gleich aus welcher Kultur sie ursprünglich stammten.

MIZ: Vielen Dank für das Gespräch.

 


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