von Gerhard Rampp
Die Kirchen erinnern heuer an das Jubiläum des “Augsburger Religionsfriedens” von 1555. Doch die historische Faktenlage ist keineswegs so rühmlich, wie beispielsweise der Religionswissenschaftler Günter Kehrer in einem Vortrag (mit eben diesem Titel) auf Einladung des Bunds für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg ausführte.
Augsburg rühmt sich als “Stadt des Friedens” und führt zwei Argumente dafür ins Feld: Zum einen ist der Religionsfrieden von 1555 mit dem Namen der Stadt verbunden, zum anderen ist Augsburg weltweit die einzige Kommune, die ein Friedensfest als Feiertag begeht. Aber mit Recht?
Der Augsburger Religionsfriede von 1555 war die Folge von ständigen Reibereien der neuen lutherischen Konfession mit der “alten Kirche” (wie sie bis ins 18. Jahrhundert genannt wurde), die ihre Monopolstellung nicht freiwillig aufgeben wollte, nachdem sie in den beiden vorangegangenen Jahrhunderten mehrere Reformbewegungen in Frankreich und Italien blutig, aber erfolgreich vernichtet hatte (u.a. die Waldenser, Katharer, Albigenser). Trotz der Erfolge der alten Kirche im Schmalkaldischen Krieg 1547 und der Abrechnung mit den Protestanten auf dem Augsburger “Geharnischten Reichstag” von 1548 wuchs bei den Beratern Kaiser Karls V. die Einsicht, dass eine konfessionelle Einheit auf dem Wege der Gewalt diesmal nicht mehr zu erreichen war. Also handelten sie ein Abkommen mit den Lutheranern aus, wonach jeder Landesherr die Konfession frei bestimmen durfte. Die Untertanen hatten dann die Wahl zwischen der Anpassung an die religiöse Ausrichtung des Gebietsherrn und der Auswanderung unter Verlust ihres immobilen Besitzes. Schmackhaft wurde diese Übereinkunft für die Katholiken durch die Zusatzbestimmung, dass geistliche Herren bei einem Übertritt ihren Besitz verlieren sollten, was faktisch eine Bestandsgarantie des katholischen Grundvermögens darstellte. Überdies wurden alle anderen neuen Konfessionen (Zwinglianer, Calvinisten, freie Reformierte) von dem Abkommen ausgeschlossen und verloren damit ihre Existenzberechtigung. In Augsburg verschwanden vier der sechs bis dahin zugelassenen Konfessionen.
Und die Juden? In Augsburg wurden sie gefragt, warum sie sich nicht an den Feierlichkeiten zum 450er-Jubiläum anschließen wollten. Da hätte man genauso naiv fragen können, warum die Juden nach 1945 so wenig im öffentlichen Leben Deutschlands präsent waren! Tatsächlich wurden die Juden nämlich bereits 1439 aus Augsburg nach dem 2. Augsburger Pogrom so nachhaltig vertrieben, dass sie erst ab 1805 wieder das Aufenthaltsrecht in Augsburg erhielten – und auch das nur, weil ein reicher Jude aus einem Vorort mit einer großzügigen Spende die Stadt vor dem Bankrott bewahrte. (Die wenigen Ungläubigen wurden von beiden Konfessionen sowieso unerbittlich verfolgt.)
Im Ergebnis war der Augsburger “Religionsfriede” von 1555 also keineswegs ein Friedensschluss, sondern die Beendigung von Kriegshändeln zwischen Katholiken und Protestanten auf Kosten aller übrigen Konfessionen – aus der Einsicht heraus, dass es andernfalls keinen Sieger, sondern zwei Verlierer mehr geben würde. Doch Abwesenheit von Krieg schafft noch lange keinen Frieden. Dazu hätte Religionsfreiheit für alle Menschen und alle weltanschaulichen Richtungen gehört – einschließlich derer, die keinen Glauben haben. In Wirklichkeit wurde nicht einmal eine friedliche Koexistenz zwischen den beiden Vertragspartnern zugelassen: Man duldete im selben Territorium nur entweder Katholiken oder Lutheraner, nicht aber beide gleichzeitig.
Bezeichnenderweise hielt dieser Kompromiss auch nur knapp 70 Jahre. Dann wurde bestimmt, dass künftig jene Konfession verbindlich sein sollte, die am 1.1.1624 im jeweiligen Gebiet das Sagen hatte. Aber während des 30-jährigen Kriegs hielten sich die Konfessionen daran nicht mehr. Augsburg wurde z.B. zwölfmal erobert, musste jedesmal die Konfession wechseln und schrumpfte von 42.000 auf 18.000 Einwohner. (Deutsch-landweit verloren 9 Millionen Menschen ihr Leben.)
Aber warum feiert man dann in der Fuggerstadt das Friedensfest? Vielleicht eine Feier anlässlich des Westfälischen Friedens von 1648, der zufällig gleichfalls an einem 8. August geschlossen wurde? Diese Mär wurde jedenfalls bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts offiziell aufrecht erhalten, ehe im Vorfeld des 1983 neu geschaffenen und 1985 erstmals verliehenen Augsburger Friedenspreises1 die Erkenntnisse der Historiker öffentlich registriert werden mussten: Das evangelische Friedensfest geht auf den 8. August 1629 zurück, als die Augsburger Protestanten unter besonders schimpflichen Bedingungen ihre Heimatstadt verlassen mussten. Am 8.8.1649 feierten sie die 20. Wiederkehr dieses denkwürdigen Tages erstmals und danach regelmäßig; nach dem letzten Weltkrieg wurde er in besonderer Weise gewürdigt und zum gesetzlichen Feiertag erhoben.
Was indes seit 1649 blieb, war die “Augsburger Parität”, die Gleichberechtigung der beiden großen Konfessionen, welche sich zwar bis Anfang des 19. Jahrhunderts als stabil erwies, aber nur funktionieren konnte, solange andere ausgeschlossen blieben. Und selbst dieses erste halbwegs friedliche Nebeneinander-Leben wurde nur in etwa 20 meist kleineren Freien Reichsstädten praktiziert.
Trotz all dieser Vorbehalte stellt der Augsburger Religionsfrieden einen kleinen, aber beachtlichen Schritt nach vorn dar. Erstmals setzte sich die Einsicht durch, dass religiöse Konflikte auf die Dauer nicht durch kriegerische Handlungen zu lösen sind. Eine echte Gleichberechtigung auch der kleineren Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen haben wir indes bis heute nicht.
Gerhard Rampp Vorsitzender des bfg Augsburg. Den vorliegenden Artikel hatte er für eine Broschüre des Forum solidarisches und friedliches Augsburg verfasst und für die MIZ aufgrund der Informationen von Prof. Günter Kehrer noch etwas ergänzt bzw. einige lokale Bezüge weggelassen.
Anmerkung:
1 Pikanterweise ging der erste Augsburger Friedenspreis 1985 ausgerechnet an einen evangelischen Militärbischof, der 1935 als einfacher Pastor und Feldprediger in eindeutiger Weise Werbung für die Hitlerarmee gemacht hatte. Dies hatte damals der Bund für Geistesfreiheit in Zusammenarbeit mit der MIZ aufgedeckt.
Artikel aus MIZ 2/05
zurück zum Inhaltsverzeichnis