Vom Großinquisitor zum Papst

Joseph Ratzinger steht als Benedikt XVI. auf dem Höhepunkt seiner Karriere

von Horst Herrmann

Wer als Favorit ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus, lautete eine der alten Regeln zur Papstwahl. Doch diese kann nun getrost übergangen werden. Kein Name wurde bei den Spekulationen über den Nachfolger von Johannes Paul II. so häufig genannt wie der Joseph Ratzingers. Und doch verließ der überzeugte Bayer die Sixtinische Kapelle nicht als einer von 114 Kardinälen, sondern als Papst Benedikt XVI.

Jedermanns Kandidat war er gewiß nicht, der “Oberste Glaubenswächter” am Hof des Wojtyla-Papstes. Aber das brauchte er auch nicht zu sein. Wojtylas Mann war er allemal, und das reichte. Johannes Paul II. hatte den treuen Bayern nicht vergessen, der ihm 1980, zum Abschluß der ersten Papstvisite in der Bundesrepublik, nachgerufen hatte, von diesem Besuch des Herrn bei seinen Knechten sei “ein Strom der Freude, von neuem Mut des Glaubens und der Bereitschaft zu Nachfolge Christi” ausgegangen.

1981 berief Johannes Paul II. ihn nach nur wenigen Amtsjahren als Erzbischof von München und Freising nach Rom. Als Chef der Glaubenskongregation, dem Nachfolgeramt des berüchtigten Großinquisitors, verfocht Kardinal Ratzinger den strengen Kurs des Vatikan. Und er tat alles, um sich oben zu halten; kein Wort, das falsch gedeutet werden könnte, kein bißchen Abweichung, nur Glaubenstreue – und die möglichst oft öffentlich beredet und bewiesen. So etwas beruhigt den Chef, und selbst hat man sein Auskommen.

Die Tageszeitung Die Welt hatte seinerzeit so unrecht nicht, als sie die Erhebung Ratzingers zum Leiter der Nachfolgeorganisation der Heiligen Inquisition als “späte Anerkennung der Leistungen der deutschen Theologie” beschrieb. Ratzinger, durch und durch orthodoxer Denker, leistete in der Tat viel, was vom Papst anerkannt werden mußte. So und nur so kann jemand, der sich voll mit der “konkreten Kirche” und einem sich in sich selbst drehenden Weltbild identifiziert, Karriere machen.

Drei Tage nach seinem 78. Geburtstag wurde aus Joseph Kardinal Ratzinger Papst Benedikt XVI. Ein Erzkonservativer auf dem Stuhl Petri? Die schnelle Wahl und das Alter des neuen Pontifex deuten eher darauf hin, daß der vatikanische “Chefdenker” das Erbe Wojtylas verwalten soll, bis der eigentliche Nachfolger übernimmt.

Garant des rechten Glaubens

Ratzinger, mehr Theologe als Seelsorger, gilt – besonders in Deutschland – als streng konservativ. Doch ist kaum anzunehmen, daß er seinen Vorgänger darin übertrifft. Schließlich prägte er die katholische Kirche an der Seite von Johannes Paul II. über zwanzig Jahre lang wie kaum ein anderer. Ob Schwangerenberatung, Empfängnisverhütung, Zölibat oder das Verbot der Priesterweihe von Frauen – Ratzinger und Wojtyla waren, so der Spiegel-Journalist Dominik Baur, auf einer Wellenlänge.

Die beiden trafen sich mindestens einmal pro Woche, keiner in der Kurie stand dem Papst näher. Doch so nah sich die beiden kirchenpolitisch standen, so augenfällig war der Unterschied der Persönlichkeiten. Galt Karol Wojtyla als charismatischer “Papst der Herzen”, der die Menschen mitreißen konnte kein zweiter, war seine rechte Hand mehr der kühle Denker.

Den Kritikern bleibt die Hoffnung, daß sich bei Ratzinger nun eine gewisse Altersmilde zeigt. Er selbst will bereits festgestellt haben, daß er “milder und langsamer” geworden sei. Früher sei ihm dagegen öfters das “bayerische Temperament” durchgegangen. Die Kritik aus Deutschland läßt ihn dabei nicht völlig kalt. Er leide darunter, zum Buhmann gemacht zu werden. “Aber man kann nicht große Dinge betreiben, ohne dafür Prügel zu beziehen.”

Große Dinge? Ein Theologe im Vatikan sagte tatsächlich einmal, seit Martin Luther habe kein Deutscher die Kirche so sehr geprägt wie Ratzinger. Sollte das auf den Präfekten der Glaubenskongregation noch nicht zugetroffen haben, auf Papst Benedikt XVI. könnte es zutreffen.

Zielstrebiger Aufstieg zur Macht

Den Weg in die Führungsetage der katholischen Kirche verfolgte Ratzinger recht zielstrebig: Nach dem Abitur studierte der Klassenprimus, der, “ein unmilitärischer Mensch”, doch “inzwischen ins militärische Alter gekommen”, 1943 auch Luftwaffenhelfer und Mitglied des Reichsarbeitsdienstes (mit seinem “Kult des Spatens und der Arbeit”) gewesen, der Meldung zur Waffen-SS gerade noch entgangen und 1945, “als Soldat identifiziert”, in amerikanische Kriegsgefangenschaft gekommen ist, Theologie und Philosophie. 1946 also, nachdem “die Pforten der Hölle” es nicht geschafft hatten, Kirche und Priestertum zu überwältigen, Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising, später der Philosophie und Katholische Theologie an der Universität München. Es folgte die Priesterweihe (1951): “Man soll nicht abergläubisch sein. Aber als in dem Augenblick, in dem der greise Erzbischof mir die Hände auflegte, ein Vöglein – vielleicht eine Lerche – vom Hochaltar in den Dom aufstieg und ein kleines Jubellied trällerte, war es mir doch wie ein Zuspruch von oben: Es ist gut so, du bist auf dem rechten Weg.”

Dann kamen die Promotion zum Dr. theol. mit einer Arbeit zum Thema “Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche” und – im Alter von nur 30 Jahren – die – zunächst wegen Unwissenschaftlichkeit mit dem Scheitern bedrohte – Habilitation über “Die Geschichtstheologie des hl. Bonaventura” (1957). Als Dogmatikprofessor lehrte er dann in Freising, Bonn (1959), Münster (1963), Tübingen (1966) und Regensburg (1969).

Im Jahr 1962 hatte er den Kölner Kardinal Frings als Sachverständiger zum Zweiten Vatikanischen Konzil begleitet und war schließlich zum offiziellen Konzilstheologen berufen worden. 1977 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising und machte ihn noch im selben Jahr zum Kardinal. 1981 folgten die Ernennungen zum Präsidenten der Päpstlichen Bibelkommission und zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre in Rom. Ratzinger war damit wichtigster Mann in der katholischen Hierarchie nach dem Papst in Fragen der Glaubens- und Sittenlehre. 1982 erreichten ihn die Berufungen zum Mitglied der Kongregation für die Bischöfe und zum Mitglied des Päpstlichen Rats für die Öffentlichen Angelegenheiten der Kirche. 1984 erfolgte die Berufung zum Mitglied der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen. 1986 wurde Ratzinger zum Vorsitzenden der Kommission für den Katechismus ernannt. 1993 erhob ihn Johannes Paul II. zum Kardinalbischof (suburbikarische Diözese Velletri-Segni); damit gehörte er zu den sechs ranghöchsten Kardinälen. 1996 wurde er in seinem Amt als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre bestätigt, 1998 wurde er Vize-Dekan des Kardinalskollegiums und 2002 trat er sein Amt als Dekan des Kardinalskollegiums an.

Gewiß dürfte sich der 78-Jährige bei der diesjährigen Papstwahl nicht förmlich aufgedrängt haben. Aber einer wie er entzieht sich der Pflicht nicht, sondern arbeitet in aller Stille daran, daß sie ihn nicht übergeht. Und Pflicht dürfte es in seinen Augen jetzt sein, den Kurs der Kirche in den von Papst Wojtyla in seinem Testament stürmisch und belastet genannten Zeiten zu halten.

Der vatikanische Biberbau

Blicken wir in Richtung Vatikan, schauen wir an den düster abweisenden Zentralbauten der Heiligen Römischen Kirche hoch, erscheint alles geordnet, aufgeräumt, kategorisiert. Nichts da mit einer “Zweiten Reformation”! Schon die erste war überflüssig; sie hat den Vatikan nicht wirklich erschüttert. Doch schauen wir in die Augen des kaum anders als ein lächelnd Überlegener sich gebenden Joseph Ratzinger (der sich selbst durchaus wichtig nimmt), so sehen wir Angst. Um eines seiner Worte aus dem Zusammenhang der Verlautbarung zur Homo-Ehe zu reißen und auf ihn selbst anzuwenden: ein “beunruhigendes moralisches und soziales Phänomen”.

Der Mann pfiff im Wald. Unter dem Vorwand, den intaktesten Glauben zu vermitteln und ausgerechnet das “Gewebe der öffentlichen Moral” zu retten, baute der purpurne Greis Dämme, ein Biber seltsamster Art, der ringsum die Bäume des freien Denkens und Handelns fällte, um den eigenen Dammbau zu stabilisieren.

Die Oberhirten wollten es meist nicht bemerken. Die Dogmatismen des Vatikans und seines Retters Ratzinger, auf dessen Ideologien sich Papst Wojtyla noch lieber stützte als auf den Hirtenstab, beruhten auf dem Glauben an die eigene “Berufung”, an die eigene Macht. Sie blieben gerade deswegen arrogant. Das kardinalsübliche Lächeln kannte kein lautes Wort, nur Disziplin, und die war eiskalt bis ans Herz. Keine Einladung, keine Bitte, keine Akzeptanz der möglichen Verneinung, nein, Befehlshaltung, Gewissensknebelung, Glaubenszwang.

Natürlich sollen auch Christen auf Altes zurückschauen und Traditionen pflegen. Zukunft braucht auch Herkunft. Aber muß diese in der Düsternis eines vatikanischen Biberbaus zu Hause sein?

 


Horst Herrmann, Jahrgang 1940, ist Professor für Soziologie an der Universität Münster. 1975 wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis als Theologe entzogen – der erste Fall dieser Art in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Horst Herrmann veröffentlichte zahlreiche Bücher zu kirchen- und gesellschaftskritischen Themen. Zuletzt erschien im Aufbau-Verlag das Buch Benedikt XVI. – Der neue Papst aus Deutschland, auf das der vorliegende Aufsatz zurückgreift.

 


Artikel aus MIZ 2/05

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