von Gunnar Schedel
Es ist Donnerstag, später Abend. Joseph Ratzinger, bislang Chef der heute “Glaubenskongregation” genannten Nachfolgeorganisation der “Heiligen Inquisition”, ist vor zwei Tagen zum Papst gewählt worden. Die Bild-Zeitung hat mit ihrer Schlagzeile “Wir sind Papst” die Begeisterung für den “deutschen Papst” zur kollektiven Bürgerpflicht erhoben und ein entzückter Bundespräsident hat dem Papst versichert, daß “nicht nur die Katholiken, auch Protestanten, Orthodoxe, Juden, Muslime, Buddhisten und nicht zuletzt viele Menschen, die sich zu keiner Religion bekennen”, ihre Blicke nach Rom richten. Das war zwar nicht offen gelogen, aber streng genommen auch nicht die Wahrheit. Denn seit Ende März ist es schier unmöglich, sich eine Nachrichtensendung anzuschauen oder eine Zeitung aufzuschlagen, ohne nach Rom zu blicken, einem Papst, zumindest aber einem Kardinal zu begegnen. Eine Freundin hat mir eine eMail geschickt, ich soll doch mal in die Bestenliste bei amazon.de reinschauen. Schon das Grinsegesicht am Ende des Textes läßt mich ahnen, was ich dort entdecken werde...
Unter den Top Ten finden sich tatsächlich sieben Veröffentlichungen Joseph Ratzingers, nicht nur seine Sachbücher, selbst die Erklärung Dominus Iesus hat es bis auf Rang 6 geschafft. Und zum ersten Mal frage ich mich, ob es nicht eventuell doch an mir liegt, daß mich der ganze Papstwahl-Rummel so nervt. Daß Bild-Zeitung und Bundesköhler sich auf Kreuzzug befinden, war mir klar; daß sich die Medien auf ein solches Ereignis stürzen, kann ich mir als studierter Kommunikationswissenschaftler immerhin noch erklären; aber daß teilweise jahrzehntealte Bücher eines Theologen in einem weitgehend säkularen Land über Nacht zu Verkaufssschlagern werden, noch vor Harry Potter oder Dan Brown liegen, will mir nicht in den Kopf. Aber da es mittlerweile nach Mitternacht ist, denke ich erst mal nicht drüber nach und lege mich schlafen.
Natürlich sieht, bei Lichte besehen, die Angelegenheit anders aus. Zwar hatte die Kurie das Sterben des alten und die Wahl des neuen Papstes geschickt in Szene gesetzt und sich dadurch über fast vier Wochen hinweg eine außergewöhnliche Präsenz in den Massenmedien gesichert. Und sicherlich mag es bedenklich stimmen, daß sowohl die auflagenstarken Printmedien als auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten keinen differenzierten Nachruf zustande brachten, sondern sich in Ehrerbietung gegenseitig übertrafen, als Kritiker einzig “progressive Christen” präsentierten und geflissentlich verschwiegen, daß Karol Wojtyla (gerade in seinem vielfach hervorgehobenen Engagement gegen die staatssozialistischen Regime) sich ausdrücklich nicht Demokratie und Freiheit als Maßstab gesetzt hatte.1 Aber die Aufmerksamkeit von Medien und Bevölkerung gehorchte entgegen dem Anschein nicht den “Gesetzen” der Kirche, sondern denen der Mediengesellschaft.
In dieser ist das “Ereignis” von zentraler Bedeutung, sowohl was die Darstellung eines Themas in den Medien angeht als auch für das Rezeptionsverhalten des Publikums. Die kommunikationswissenschaftlichen Debatten der 1980er, die erörterten, wie komplexe Zusammenhänge mittels der Massenmedien vermittelt werden können, haben da kaum Wirkung hinterlassen. Im Gegenteil, das Ereignis wird stärker denn je als reines “Event”, ohne den Zusammenhang, der dem Geschehen eigentlich erst Bedeutung verleiht, dargestellt und wahrgenommen. Dadurch wird es aber auch austauschbar. Ob auf dem Bildschirm eine Prinzessin aus irgendeinem europäischen Adelsgeschlecht zum Traualtar geführt oder ein Papst zu Grabe getragen wird, ist für die Berichterstattung einerlei. Im Blickpunkt steht ausschließlich das Spektakel und berichtet wird über das eine wie über das andere und morgen (oder, wenn die Nachrichten rar sind, übermorgen) wird in gleicher Weise mit dem nächsten Vorfall verfahren.
Und hier liegen die Grenzen des medialen Erfolges, den die katholische Kirche im Frühjahr verzeichnen konnte. Denn weil ein Ereignis auf das andere folgt, hinterläßt die Darstellung in den Medien beim Publikum keine bleibenden Spuren. Selbst ein aus Perspektive der katholischen Kirche wirklich wichtiger Vorgang wie eine Papstwahl verbleibt im Status des “Events” und wird entsprechend konsumiert; insofern ist es sehr fraglich, ob der Medienrummel um alten & neuen Papst bei vielen Menschen zu einer Einstellungsveränderung geführt hat. Den eilig in Auftrag gegebenen Umfragen, die tatsächlich eine gestiegene Bedeutung von Religion bei den Befragten auswiesen,2 dürfen wir mißtrauen bzw. auf ihre Wiederholung in wenigen Wochen und die dann erzielten Ergebnisse warten.
Das nächste kirchliche Großereignis steht freilich schon vor der Tür: im August findet in Köln der Weltjugendtag statt und Papst Benedikt XVI. wird aus diesem Anlaß als “Top Act” erwartet. Doch dem Vernehmen nach soll das Interesse, trotz des Einsatzes ganz beträchtlicher Werbemittel, deutlich geringer sein, als nach außen hin verkündet und vor allem den Bereich der ohnehin in der Kirche Engagierten bislang kaum übersteigen. Und so erhärtet sich der Verdacht: gut besuchte Massenveranstaltungen, die das Interesse der Medien auf sich ziehen, führen nicht unbedingt dazu, daß Menschen, die der dahinterstehenden Organisation bislang fernstanden, ihren Standpunkt verändern. Selbst die Tatsache, daß sie beim Event zugegen sind, sagt zunächst nicht mehr aus, als daß sie ein Angebot der Erlebnisgesellschaft nutzen – möglichst kostenlos und ganz sicher unverbindlich. Wenn das Angebot sie anspricht, vorhandene Bedürfnisse befriedigt und vor allem: ihnen desöfteren begegnet, kann es eventuell sein, daß sie es nutzen...
Insofern haben derartige Unternehmungen (trotz aller Vorbehalte) ihre Bedeutung. Insofern ist es auch gerechtfertigt, wenn vom 15.-21. August unter dem Motto “Religionsfreie Zone: Heidenspaß statt Höllenqual” ein religionskritisches Alternativangebot zum Weltjugendtag stattfinden wird. Aber wir sollten im Auge behalten, daß die Entwicklungen, die den Religionen in die Hände spielen, häufig struktureller Art sind und weitgehend unspektakulär ablaufen. Die Einschränkung diesseitiger Perspektiven durch die Verschlechterung der sozialen Situation für immer mehr Menschen auch in der “ersten Welt” hat diesbezüglich sicherlich größere Auswirkungen als die Berichterstattung über die Papstwahl. Insofern sollten wir uns auch nicht allzulang damit aufhalten und einen angemessenen Anteil unserer Aktivitäten auf die strukturellen Probleme verwenden.
Es ist Sonntagabend, Mitte Juni. Ich schreibe gerade das Editorial fertig. Aus Spaß schaue ich schnell mal bei amazon.de in die Bestenliste rein. Der erste Ratzinger-Titel findet sich auf Platz 132.
Anmerkungen:
1 Die ärgerlichsten Artikel freilich waren weniger entschiedener Parteinahme für klerikale Positionen als kompletter Ahnungslosigkeit entsprungen. Das entschuldet natürlich niemanden. Wenn Robin Alexander in seinem Nachruf in der taz meint, daß “die Aufklärung in Deutschland auch Auschwitz möglich gemacht” habe, ist es gleichgültig, ob er dies als bloßer Dummkopf oder willfähriger Handlanger der Faschisten schreibt. Doch zeigt sich an seinem Text weniger die Wirkung kirchlicher Propaganda als die leider bis heute sehr eingeschränkte Wirkung der Aufklärung.
2 Vgl. Die Welt vom 22.5.2005; hier werden Ergebnisse einer entsprechenden Studie von Infratest dimap veröffentlicht.
Artikel aus MIZ 2/05
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