Blätterwald 3/05

Das atheistische Berlin

Der Humanistische Verband hat einen atheistischen Reiseführer durch Berlin herausgegeben. In einem ersten Teil werden etwa 100 Persönlichkeiten vorgestellt, die in Berlin gewirkt und aufklärerische, humanistische oder atheistische Positionen vertreten haben. Es finden sich nicht nur bekannte Namen wie Otto von Corvin, Bert Brecht oder Taslima Nasrin, sondern gerade auch die Lebenswege von Menschen, die zu Lebzeiten engagiert für die Sache des Humanismus gestritten hatten und trotzdem schon in der übernächsten Generation in Vergessenheit gerieten. Von Friedrich Wilhelm Stosch (1648-1704), einem frühen Aufklärer, bis Täve Schur reicht die Liste. Der zweite Teil bietet Einblick in die Geschichte der vielfältigen Organisationen der Dissidenten & Freidenker Berlins. Auch diese (notwendigerweise sehr geraffte) Darstellung ist aufs Ganze gesehen instruktiv; unerfindlich bleibt nur, warum die Gründung des Internationalen Bundes der Konfessionslosen (heute: IBKA) im Mai 1976 keine Erwähnung fand.

Damit die historischen Orte leichter aufzufinden sind, sind sie im Text mit Nummern gekennzeichnet, die im Stadtplan verzeichnet sind. Auch wenn nicht mehr alle erwähnten Gebäude existieren, manchmal also nur der Ort des Geschehens besucht werden kann, bietet das Büchlein die Möglichkeit, einmal mit ganz anderem Blick durch Berlin zu laufen.

Das atheistische Berlin. Metropole des Humanismus. Großer Innenstadt-Plan. Berlin: Humanistischer Verband Deutschlands 2005. 88 Seiten, mit Stadtplan, kartoniert, Euro 8,90, ISBN 3-924041-22-9

 


Weltjugendtag I

Die Tageszeitung Junge Welt hat, anders als die meisten anderen Tageszeitungen, auf tägliche Sonderseiten zum katholischen Weltjugendtag verzichtet und stattdessen eine achtseitige Sonderbeilage herausgebracht, die kritische Aufsätze enthielt.

Im Frontpage-Artikel fordert der Vorsitzende des Deutschen Freidenker-Verbandes Klaus Hartmann „Aufstehen statt niederknien“ (was angesichts des dargebotenen kurzen Überblicks über die vatikanischen Schandtaten nur allzu angebracht erscheint). Weitere Beiträge stammen von Carsten Frerk (über die Finanzen der Kirche), Horst Herrmann (über den allfälligen Kirchenaustritt) oder Reinhold Fertig (über die letzten progressiven Kräfte in der katholischen Kirche). Schließlich gibt Michael Schmidt-Salomon Ratschläge für den Weg in die Seligkeit – und plädiert dafür, trotzdem dem „Club der Unseligen“ beizutreten.

Die Beilage ist übrigens nicht frei zugänglich im Internet verfügbar. Nur wer ein Online-Abo abgeschlossen hat, kann die Texte nachträglich lesen.

 


Weltjugendtag II

Fritz Köhler, Mitglied im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.), hatte im Vorfeld des Weltjugendtages einige Zeitungsredaktionen angeschrieben und sie dazu ermuntert, kritisch über die Finanzierung des katholischen Spektakels aus öffentlichen Mitteln zu berichten. Soweit die Redaktion in Erfahrung bringen konnte, griff keiner der Journalisten diese Anregung auf. Eine explizite ablehnende Antwort erhielt Köhler von den Badischen Neuesten Nachrichten (Karlsruhe). Dr. Klaus Gaßner, bei den BNN stellvertretend verantwortlich für das Ressort Politik, schrieb: „Natürlich zahlt die öffentliche Hand für den Weltjugendtag. Wir sind freilich der Überzeugung, dass dieses Geld besser angelegt ist als für Polizisten, die eine Sport-Veranstaltung gegen junge Provokateure schützen sollen. Schließlich halten wir die christlich-jüdische Tradition als die Größe, die unsere Kultur maßgeblich geformt hat. Dies zu leugnen, hieße auch ein Stück unserer gesellschaftlichen Identität zu leugnen.“

Dass Dr. Gaßner der Unterschied zwischen „leugnen“ und „kritisieren“ nicht geläufig ist und ihm bei seinen Recherchen offenbar entgangen war, dass sich auch beim Weltjugendtag ein paar Polizisten im Einsatz befanden, sind kleinere Defizite, die er sicherlich beheben kann, bevor er zum Leitenden Politik-Redakteur der BNN aufgestiegen sein wird. Dass er aber die angeblich so wirkmächtige Tradition mit öffentlichen Geldern gepäppelt sehen möchten, deutet darauf hin, dass er den Stuss, den er schreibt, selbst nicht glaubt.

 


Festschrift für Horst Herrmann

Horst Herrmann, einer der publikationsfreudigsten zeitgenössischen Kirchenkritiker, ist 65 geworden. Aus diesem Anlass hat Roland Seim zwei Dutzend Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen, um den ehemaligen Theologen und jetzigen Professor für Soziologie mit einer Festschrift zu ehren. Da dessen Forschungsinteressen ein weites Feld (oder zahlreiche, weit auseinander liegende Felder) umfassen, ist ein vielseitiger Sammelband entstanden.

In sechs Abschnitte gegliedert handeln die Aufsätze von „Sinn, Moral und Glück“, vom „rechten Handeln“, von Ideologie & politischen Analysen, vom Leid der Tiere und den unvermeidlichen Dingen des Lebens. Zahlreiche Texte befassen sich unvermeidlich oder explizit mit weltanschaulichen Fragen. So entwirft MIZ-Redakteur Michael Schmidt-Salomon das Projekt der Aufklärung fürs 21. Jahrhundert und Bernulf Kanitscheider erörtert das Verhältnis von Atheismus und moralisch verantwortlichem Handeln. Hermann Josef Schmidt zeigt, welchen Einfluss das weltbejahende antike Heidentum auf Friedrich Nietzsche ausübte. Michael Klöcker analysiert die Forschung über Nationalsozialismus als Religion resp. die Stellung der Religionen während der NS-Zeit. Und Gerhard Breloer schreibt über die „Kunst, älter zu werden“. Es finden sich unter den Beiträgern weitere bekannte Namen wie Karlheinz Deschner, Adolf Holl oder Gerhard Streminger.

Roland Seim (Hrsg.): „Mein Milieu meisterte mich nicht...“ Festschrift Horst Herrmann. Münster: Telos Verlag, 2005. 392 Seiten, kartoniert, Euro 24,80, ISBN 3-933060-19-2

 


Feuerbach und Kant

1804 war das Todesjahr von Immanuel Kant und das Geburtsjahr von Ludwig Feuerbach. Aus diesem Anlass veranstaltete die Freie Akademie eine Tagung, auf der die beiden Philosophen „in ihren überaus interessanten Ähnlichkeiten und Unterschieden“ untersucht werden sollten. Dabei sollte weniger die historische Rekonstruktion ihrer Denkgebäude als die Bedeutung ihrer vernunft- und religionskritischen Grundaussagen für heutige Debatten im Vordergrund stehen.

Nach einer Einführung in ihr Verhältnis zur Religion und ihre Bedeutung für das freie Denken (Volker Mueller) erörtern neun weitere Aufsätze unter der vorgegebenen Perspektive „Aufklärung, Vernunft, Religion„ einzelne Aspekte der Philosophie Kants und Feuerbachs. Ausführlich wird Kants Vernunftbegriff dargelegt (Manfred Kugelstadt), Feuerbachs Philosophie wird als „neue Religion“ betrachtet (Falko Schmieder) und beide müssen sich dem Test stellen, wie das Mischungsverhältnis von Mystik und Aufklärung in ihren Texten geraten ist (Reinhard Margreiter). Die ins Auge gefasste Aktualisierung gelingt nicht immer bzw. wirkt teilweise etwas gezwungen. Insofern richtet sich der Band doch eher an ein philosophisch interessiertes Publikum, das Details über zwei wichtige Aufklärer erfahren möchte.

Aufklärung, Vernunft, Religion. Feuerbach und Kant. Hrsg. von Jörg Albertz. Bernau 2005. 212 Seiten, kartoniert, Euro15.-, ISBN 3-923834-23-3 (Schriftenreihe der Freien Akademie, Bd. 25)

 


DVD-Edition

Vor über zehn Jahren lief auf Kanal 4 ein viel beachteter zwölfteiliger Fernseh- ­Essay von Karlheinz Deschner. Darin setzte sich der kritische Kirchenhistoriker mit dem Verhältnis der katholischen Kirche zu den faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts auseinander. Es zeigt sich, dass in der Ablehnung liberaler und sozialistischer Gesellschaftskonzepte zwischen Faschisten und dem höheren Klerus weitgehend Übereinstimmung herrschte, was in sämtlichen katholischen Ländern Kollaboration zur Folge hatte, und dass viele der heute als „Widerständler“ gehandelten deutschen Kardinäle diese Bezeichnung nicht verdienen.

Anlässlich der Aktion „Religionsfreie Zone“ hat das KAOS Kunst- und Video-Archiv nun eine Sonderedition der insgesamt knapp zweistündigen Sendungen auf DVD aufgelegt. Noch in diesem Jahr sollen auch der zum 70. Geburtstag von Karlheinz Deschner gedrehte Film Ketzerverbrennung sowie das Porträt „Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch“ wieder erscheinen.

Karlheinz Deschner: Mit Gott und den Faschisten. Zwölf Fernseh-Essays zur Politik der Päpste im 20. Jahrhundert. Video-DVD, 120 Minuten, Euro 19,90
Die DVD kann bezogen werden über KAOS Kunst- und Video-Archiv e.V., Gladbacher Str. 33, 50672 Köln, Fon (0221) 952 12 97, info@KAOS-archiv.de oder www.denkladen.de

 


Freidenker-Veröffentlichungen

Nach zwei Heften, die mit dem 1944 ermordeten Max Sievers und dem 2004 verstorbenen Heinz Feuchter aktive Freidenker würdigten, befasst sich die jüngste Ausgabe der Reihe Freidenker-Blätter mit dem Zusammenhang von krisenhafter Entwicklung des Kapitalismus und erstarkendem Fundamentalismus (als reaktionärer Widerspruchsverarbeitung). Hartmut Krauss stellt dar, wie in einer Zeit, in der zunehmend mehr Menschen von einer Teilhabe am Wohlstand ausgeschlossen sind (da weltweit gesehen die Arbeitslosigkeit insbesondere bei der jungen Generation steigt), prämoderne Herrschafts- und Sozialisationsverhältnisse bewirken, dass der Widerstand gegen diese ökonomische Ausgrenzung keine emanzipatorische Richtung einschlägt.

In diesem Zusammenhang verweist er auch auf die Folgen der (nicht zuletzt durch prekäre Lebenssituation und represssive gesellschaftliche Zustände ausgelöste) Migration. Es sei eine „schleichende Ausbreitung von gegenaufklärerischen Diasporakulturen in westlichen Ländern“ feststellbar, wodurch es zu einer „Überlagerung von kapitalistischen und traditionalistischen Herrschaftsstrukturen“ komme, die für viele nicht-westliche Länder heute bereits typisch sei. Ausdrücklich kritisiert Krauss den Teil der Linken, die diesen „Migrationsimport zusätzlicher reaktionärer Denk- und Verhaltensweisen“ verharmlost und jegliche Kritik daran als „rassistisch“ oder „islamophob“ etikettiert.

Außerdem erscheint auch für 2006 wieder ein Freidenker-Kalender, der sich diesmal den Literaten der Aufklärung widmet.

Hartmut Krauss: Zwischen Marktreligion und Djihad. Triebkräfte der neuen Weltunordnung. Ulm 2005. 11 Seiten, geheftet, Euro 2.-
Freidenker-Kalender 2006. 12 Blatt, A4, zweifarbig, Euro 6,50, ab 5 Exemplaren Euro 5, ab 10 Exemplaren Euro 4.-
Zu beziehen über: Freidenkerinnen und Freidenker Ulm / Neu-Ulm e.V., Postfach 1667, 89006 Ulm, Fon (0731) 57 176 oder www.denkladen.de

 


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