Zündfunke 3/05

IHEU Welt-Kongress

In Paris fand Anfang Juli der 16. Weltkongress der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) statt. Im 100. Jahr der Gesetze zur Trennung von Staat und Kirche in Frankreich war Le Libre Pensée Ausrichter der Konferenz, die unter dem Slogan „Für die Trennung von Religion und Staat“ stand. Dabei gab es zahlreiche Vorträge und Arbeitsgruppen zur Situation in diversen Ländern (u.a. Frankreich, Russland, Mexiko oder Nigeria) sowie umkämpften gesellschaftlichen Bereichen (z.B. das Schulwesen). Ein eigener Arbeitskreis widmete sich dem Thema „Frauenrechte in Religionen und säkularen Staaten“.

Den Namen „Weltkongress“ hatte das Treffen völlig zurecht, denn es waren Delegierte aus allen Kontinenten zugegen. Dass die Ausgangslage für gelebten Humanismus durchaus verschieden ist, spiegelte sich auch in den Arbeitsgruppen wieder. So trafen sich afrikanische Teilnehmer, um sich darüber auszutauschen, mit welchen Strategien in muslimisch geprägten Ländern die Trennung von Politik und Religion überhaupt thematisiert werden kann. Unter den europäischen Organisationen kam es hingegen wieder einmal zu einer Kontroverse über die Frage, ob sich Humanismus staatlich alimentieren lassen darf oder nicht; und sie endete – wie zumeist – mit der Feststellung, dass in diesem Punkt wohl nie Einigkeit unter den Mitgliedsorganisationen der IHEU erzielt werden wird.

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) war durch Dragan Pavlovic auf der Konferenz vertreten. Er brachte zahlreiche Anregungen aus dem Workshop mit, der sich mit Öffentlichkeitsarbeit befasste. Vor allem die Erfahrung der britischen Humanisten wirft die Frage auf, ob atheistische und freidenkerische Organisationen die Bandbreite der von ihnen abgedeckten Themen erweitern und sich stärker in tagespolitische Debatten einmischen sollten.

 


Besuch von Vikas Gora

Die Kontakte zwischen dem Atheist Centre und den europäischen Verbänden der Konfessionslosen sind traditionell gut. Nachdem einige Delegierte im Januar die 5. Atheistische Weltkonferenz in Vijayawada besucht hatten, kam im Sommer Vikas Gora – ein Enkel des Gründers, der im Centre für die Koordination der Katastrophenhilfe zuständig ist – anlässlich des IHEU-Weltkongresses nach Europa.

Nachdem Vikas in Paris über den Zusammenhang von Säkularität und nachhaltiger Entwicklung referiert hatte, reiste er weiter nach Utrecht, um dort die einzige humanistische Universität Europas zu besuchen, bevor er in Deutschland eintraf. Hier traf er mit Volker Mueller vom Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) zusammen, der sich seit langem im deutsch-indischen Jugendaustausch engagiert. Am Wochenende vor seinem Rückflug kam es zu einer Begegnung mit Vorstandsmitgliedern des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.). Dabei wurden nicht nur Erfahrungen im politischen Kampf für eine  säkulare Gesellschaft ausgetauscht, sondern auch die Möglichkeiten ausgelotet, in Zukunft noch enger zusammenzuarbeiten.

 


Podiumsdiskussion

Zu einem Podiumsgespräch zur Frage des Verhältnisses der politischen Parteien zu Bekenntnis-, Religions- und Staat-Kirche-Fragen hatte die Humanistische Akademie ParteienvertreterInnen eingeladen. Anknüpfend an den viel zitierten Satz Gregor Gysis über Religion und moralische Normen, sollte diskutiert werden, welche politischen Perspektiven für das säkulare Lager bestehen. Gregor Gysi war eingeladen, das einführende Referat zu halten; seine Kontrahenten auf dem Podium bekleiden alle leitende Positionen im Humanistischen Verband (HVD) und gehören verschiedenen Parteien an: Wolfgang Lüder (FDP, MdB und Bürgermeister a.D.), Siglinde Schaub (PDS, MdA Berlin) und Gert Wartenberg (SPD, Staatssekretär a.D.).

Die Katholische Nachrichtenagentur hatte den Spitzenkandidaten der Linkspartei im März mit den Worten zitierte: „Ich glaube, dass Religion die Grundlage für allgemeinverbindliche, eine Mehrheit erreichende Moralnormen ist.“ Moralische Grundsätze könnten – so Gysi weiter – „nur aus der Religion kommen“. In seinem „Die Linke und die Religion“ betitelten Vortrag verwies Gysi darauf, dass der oben zitierte Spruch aus dem Zusammenhang gerissen sei. Er kritisierte an vielen Stellen der Debatte die konservative Kirche, bemängelte deren Demokratiedefizite, klagte fehlendes Arbeitsrecht an usw. – so sahen das die anderen auf dem Podium auch, die jeweils aus ihrer persönlichen Sicht auf ihre Partei, deren Geschichte und gegenwärtiges Handeln blickten und versuchten, die Zuschauer an ihrem Credo teilhaben zu lassen.

Gysis These, die Linke sei zu schwach, „allgemeinverbindliche, eine Mehrheit erreichende Moralnormen“ aufzustellen, und sein Verweis auf die Religionen ernteten Widerspruch. Zwar habe er Recht, wenn er darauf verweise, dass ethische Wertmaßstäbe „überkonfessionell“ verständlich und akzeptabel sein müssten – für gläubige wie für ungläubige Menschen. Dass moralische Grundsätze aber generell „nur aus der Religion kommen“ (können), weil (so zitierte ihn das Neue Deutschland) „angesichts der aktuellen Schwäche der Linken … die von ihr entwickelten Moralvorstellungen … kaum eine Chance auf Allgemeinverbindlichkeit“ hätten – dem wurde vehement widersprochen.

Siglinde Schaub verwies auf die Debatte über den Werteunterricht in Berlin, in dem sich die PDS für ein alle erreichendes staatliches Fach einsetze, aber zugleich den Religions- wie den weltanschaulichen Lebenskunde-Unterricht des HVD als zusätzliches freiwilliges Angebot unterstütze, also unterschiedliche Werthaltungen in den „letzten Fragen“ akzeptiere und die Trennung von Staat und Kirche auf diese pluralistische Weise voranbringe.

Wolfgang Lüder hatte Zeitungsberichte nur eines einzigen Tages parat, um die unvollständige Trennung von Staat und Kirche zu belegen, zu kritisieren und darauf zu verweisen, dass wahre Liberalität deren Trennung bedingt. Es sei doch schon erstaunlich, wie unwidersprochen in der Gesellschaft bleibe, dass Geistliche zum einen vom Wehrdienst befreit seien, aber sie zugleich aus Anlass des 50. Geburtstages der Bundeswehr mit einem ökumenischen Gottesdienst die Festlichkeit und die Sinngebung dominieren. An weiteren Beispielen spitzte er seine These zu: Christen können moralisch handeln, aber sie müssen es nicht. Daraus leite er sein Engagement für den organisierten Humanismus ab.

Gert Wartenberg erzählte anschaulich an seiner Biographie und seinem Einsatz als Vorsitzender in Brandenburg, wie schwer es in seiner Partei und in staatlichen Einrichtungen geworden sei, selbstverständlichen Maximen eines säkularen Gemeinwesens Gehör zu verschaffen. Das werde mit dem neuen Papst noch schwerer, da dieser nicht nur Deutscher sei, sondern ein kluger Analytiker der geistigen Situation im Interesse seiner Kirche und für ein Programm der gezielten Entsäkularisierung. Er empfahl die Lektüre der Schriften und folgerte für sich selbst und für den HVD eine offensivere Politik, Religions- und Kirchenkritik nicht zu vernachlässigen, aber zugleich den Menschen praktische Angebote zu machen, z.B. Lebenskunde, da ein Kompromiss aller Religionen in Deutschland gegen das Säkulare zu erwarten sei.

Wer der Veranstaltung beiwohnte erhielt den Eindruck, dass der organisierte Humanismus in der Hauptstadt selbst pluralistisch ist, sich intellektuell anregend zu präsentieren vermag und zugleich sehr politisch sein kann. Das macht Hoffnung, dass sich die Säkularen auch bekennen und zeigen.

 


Radiodebatte

Anlässlich der Gegenaktionen zum Weltjugendtag gab es eine ganze Reihe von Interviews und Berichten zu „Religionsfreien Zone“ sowie den dahinterstehenden Organisationen und Ideen. Besonders aufschlussreich war dabei eine anderthalbstündige Live-Diskussion im Deutschlandfunk mit Hörer-Beteiligung.  

Unter der Perspektive „Glaubenssuche im Riesenformat“ setzten sich MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon, der Sekretär des Weltjugendtages, Pfarrer Georg Austen, sowie der evangelische Landesjugendpfarrer Udo Bussmann mit dem Kölner Glaubensspektakel auseinander. Zu einer Auseinandersetzung im ­eigentlichen Sinne des Wortes kam es allerdings nicht. Dies lag weder daran, dass durch die anrufenden HörerInnen die Themen recht flott wechselten, noch an der mangelnden Angriffslust Schmidt-Salomons, sondern an der offensichtlichen Unwilligkeit der Kirchenvertreter, sich gegen die Kritik zu verteidigen bzw. auf die vorgetragenen Argumente etwas zu entgegnen. Gebetsmühlenartig wiederholten sie, dass es ihnen eine große Freude sei, mit Jugendlichen zu arbeiten – und schluckten alle kritischen Anmerkungen zu Reichskonkordat, Kirchenprivilegien und christlicher Drohbotschaft widerspruchslos. Selbst als Landesjugendpfarrer Bussmann die Ökumene lobte und Schmidt-Salomon daraufhin an den von Benedikt XVI. verfügten „vollkommenen Ablass“ erinnerte und darauf verwies, dass doch genau dieses Thema einst zur Reformation und zur Spaltung der Kirche geführt hatte, konnte er seine Gegenüber nicht aus der Reserve locken. Fazit: es ist schwierig mit Funktionären zu diskutieren, die eigentlich nichts zu sagen haben, aber aufgrund des Einflusses ihres Arbeitsgebers recht häufig die Gelegenheit dazu bekommen.

Dass nicht alle TeilnehmerInnen des Weltjugendtages mit der Devise „Aussitzen“ auf Kritik reagierten, zeigte sich, als eine Schwulengruppe, die gegen die kirchliche Haltung zu Kondomen und zur Homosexualität protestierte, tätlich angegriffen wurde. Es gibt immer noch genügend Christen, die ihrem Herrgott offenbar nicht ganz trauen und die jenseitigen Strafen ins Diesseits vorverlagern wollen.

 


Artikel aus MIZ 3/05

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