Feuerbach-Gesamtausgabe
Seit rund 50 Jahren wird an einer Ludwig-Feuerbach-Gesamtausgabe gearbeitet. Derzeit fehlen noch drei Bände: 15 (Nachlaß III, Erlangen 1835/36), 16 (Nachlaß IV, 1840-1869) und 22 (Briefe aus den letzten Lebensjahren). Nun scheint ihre Fertigstellung gefährdet. Nachdem die Förderung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Ende 2004 ausgelaufen war, musste eine alternative Finanzierung auf die Beine gestellt werden. Dies könnte über eine Beschäftigungsgesellschaft gelingen, allerdings ist dazu ein Eigenmittelbeitrag notwendig. Professor Werner Schuffenhauer, der die Edition wissenschaftlich betreut, ist seitdem auf der Suche nach Sponsoren.
Eine Kontaktaufnahme kann über die Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft erfolgen: Fon (0911) 437 937, georg-batz@t-online.de
Robert-Mächler-Preis für Horst Herrmann
Der bekannte Kirchenkritiker Horst Herrmann ist mit dem Robert-Mächler-Preis für kritische Aufklärung ausgezeichnet worden. Dem einstigen “gefährlichsten Theologen Deutschlands” (Heinrich Tenhumberg, Bischof von Münster) war 1975 die Lehrerlaubnis entzogen worden, weil er in einem Buch über Ein unmoralisches Verhältnis geschrieben hatte: die Beziehung von Staat und Kirche in Deutschland. In den folgenden Jahrzehnten verfasste Herrmann noch einige kritische Bücher über die höchst weltlichen Interessen der Kirche, über ihr Finanzgebaren und die Vermarktung der Nächstenliebe. Dabei, so MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon auf der Festveranstaltung, “hielt er fest am Prinzip des aufrechten Gangs, ließ sich nicht dazu bewegen, zu Kreuze zu kriechen, so schmackhaft man ihm dies auch immer machen wollte”. Der 1975 erfolgte “Knick in der Biographie” sei in die richtige Richtung gegangen: “In Richtung Freiheit, Toleranz, intellektueller Redlichkeit.”
Der Robert-Mächler-Preis wird durch die gleichnamige Stiftung vergeben. Sie widmet sich der Pflege des Werkes des schweizerischen Autors, der sich alle Menschen als “Selbstdenker” wünschte. Der Preis soll Schriftsteller, Wissenschaftler oder Institutionen außerhalb der Kirchen auszeichnen oder fördern, deren Arbeit der Ethik und dem sinnfreundlichen Agnostizismus Robert Mächlers sowie der zeitgemäßen Fortführung der historischen Aufklärung verpflichtet ist.
Die komplette Laudatio von Michael Schmidt- Salomon ist abgelegt unter: www.denkladen.de
Umworbene “dritte Konfession”
In Berlin fand Mitte November eine Tagung zum Thema “Dritte Konfession” statt, die von der Politischen Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Humanistischen Akademie Berlin und der Giordano-Bruno-Stiftung ausgerichtet wurde. Nach der Begrüßung durch den Herrn des angenehmen und funktionalen Tagungshauses, Dr. Johannes Kandel, eröffnete Horst Groschopp die Tagung mit einer hoch konzentrierten Darstellung der Entwicklung der freigeistigen Zusammenschlüsse in Deutschland. Interessant waren seine Ausführungen zum vielfältigen Gebrauch der Rede von der “dritten Konfession”; sie mündeten schließlich in die Frage, “wer und wie denn die Konfessionsfreien sind”. Sind sie (wirklich) religionslos und wie sind sie organisiert? Er kam zu dem Schluss, dass ihre Vielfalt, ihr Individualismus und ihre weltanschauliche Differenzierung die Möglichkeit wie die Bereitschaft, sich zu organisieren, erheblich vermindert. Um nicht zu glauben, muss sich heute niemand mehr organisieren.
Auf diese von Horst Groschopp aufgezeigten Fragen versuchte Carsten Frerk an Hand der bei FoWiD zusammengestellten Daten zu antworten. Ihre Vielfalt und unterschiedliche Deutbarkeit verbietet jeden Versuch einer pauschalen Zusammenfassung. Das beginnt schon bei der “Kirchenzugehörigkeit”. Die in Deutschland übliche Vereinnahmung aller Getauften als Kirchenmitglieder mag theologisch noch einigermaßen korrekt sein, sie verschleiert jedoch die Tatsache, dass sowohl ein – wenn auch unterschiedlich großer – Teil der Gläubigen nicht an Gott glaubt, als auch umgekehrt ein – wesentlich kleinerer – Teil der Konfessionslosen vorgibt an Gott zu glauben. Insgesamt belegen alle Befragungen eine abnehmende Gläubigkeit und ein Anwachsen des Zweifels sowie die Tatsache, dass die Konfessionsfreien eine größere Homogenität hinsichtlich ihrer Einstellungen aufweisen als die Gläubigen. Zudem geht das Bedürfnis nach religiösen Ritualen kontinuierlich zurück. Dagegen wächst das Bedürfnis nach persönlichen Formen der Lebensgestaltung und gruppenspezifischen Ritualen. Würde man die – heute feststellbare – Abnahme der kirchlichen Hochzeiten fortschreiben, so eine flapsige Randglosse, gäbe es im Jahr 2020 keine kirchlichen Trauungen mehr. Mag sein, dass das Gegenteil eintritt. Durch Frerks kundige Interpretation bekamen die scheinbar trockenen Daten ungeahnte Aussagekraft. Dabei verschwieg er keineswegs, dass es nicht nur Christentum “light” gibt, sondern auch Glaubenslosigkeit in leichteren Varianten, vor allem in absolutem Desinteresse an jeglicher geistigen Position.
Christel Gärtner ging in ihrem Referat dem Zusammenhang nach, ob und inwieweit “Krisenbewältigung und Religionslosigkeit” zusammenhängen (können). Eine auch nur halbwegs eindeutige Antwort war – wenigstens für den Schreiber dieser Zeilen – kaum erkennbar.
Leider teilte man sich bald nach der Mittagspause in drei Arbeitskreise:
Der Arbeitskreis “Wandel der ‘Weltsichten’ in ostdeutschen Familien” wurde von Uta Karstein geleitet. Sie zeigte die Gründe, warum die Säkularisierung in Ostdeutschland so nachhaltig wirkt. Westliche und kirchliche Kreise hatten ja erwartet, dass nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes die Menschen in Scharen in die Kirchen zurückströmen würden. Es ist bedauerlich, dass die hier gezeigten Ursachen und Entwicklungen aus Zeitgründen nicht weiter verfolgt werden konnten.
“Irgendwie sind wir doch alle Humanisten” – die einführenden Bemerkungen von Michael Schmidt-Salomon erwiesen sich als die zentralen Fragestellungen dieser Tagung: Er plädierte für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem ernst zu nehmenden Christentum und einem ernst genommenen evolutionären Humanismus (und nicht zwischen zwei light-Fassungen, die es tatsächlich weder gibt noch die irgendjemand ernst nehmen kann). ‘Wir Humanisten haben keinen Grund, uns vor den Gläubigen jedweder Form zu verstecken!’ Ihm ging es darum, die sozialen Quellen und die Entwicklungspotentiale des Humanismus in Deutschland auszuloten. Es ist äußerst schade, dass dieses programmatische Referat in einem Arbeitskreis gehalten wurde und nicht von allen gehört werden konnte.
Im Arbeitskreis “Empirische Befunde zu Weltanschauungen der Konfessionsfreien” unter der erklärenden Führung von Michael Terwey zeigte sich, dass sich die Konfesssionsfreien zwar deutlich von “Theistischer Metaphysik” absetzen, die Unterschiede zwischen beiden Gruppen hinsichtlich des Umgangs mit “Magie” und “Mystik” jedoch geringer sind. Diesbezüglich überwiegen Desinteresse bzw. Ablehnung.
Die Schlussveranstaltung fand in den Räumen des HVD in der Wallstraße statt. Der erste Vortrag am Vormittag war eine kritische Betrachtung der “Säkularen Szene – von außen”. Pfarrer Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen beleuchtete die kleine säkulare Szene aus der überlegenen Sicht einer großen Organisation. Als zwei deutliche Erscheinungsweisen dieser Szene wurden einmal die sozialen Tätigkeiten des HVD gewürdigt und zum anderen die Aktivitäten der jungen Giordano-Bruno-Stiftung. Seine Ausführungen verdeutlichten, dass große Organisationen oft den Fehler begehen, große Zahlen gegen kleine aufzuwiegen. Die große Bedeutung des Religiösen auch in der gegenwärtigen Gesellschaft belege seiner Meinung nach die Tatsache, dass 3 Millionen Zuschauer die Wiedereinweihung der Frauenkirche in Dresden am Fernseher verfolgt hätten. Doch das ist eine vergleichsweise geringe Zahl: Tatsächlich sehen täglich 6,5 Millionen Zuschauer die Tagesschau und – um nur ein Beispiel zu nennen – am 4. Dezember 2005 schauten 5,1 Millionen Menschen die Wiederholung eines James Bond-Films. Die Schlussbemerkung des Referenten, das Rennen zwischen Religion und Humanismus sei offen, entsprang wohl einer unbewussten Einschätzung.
Rudolf Ladwig, Vorsitzender der IBKA, hatte es übernommen, die “Innenansicht” der säkularen Szene darzustellen. Angesichts der manchmal gegensätzlich und quer laufenden Vorstellungen bei den verschiedenen Verbänden, war das keine einfache Sache: Bei der Aufstellung der säkularen Szene kommt dem Bund für Geistesfreiheit (bfg) Bayern quasi eine Schlüsselstellung zu, nicht zuletzt weil er traditionell “Körperschaft des Öffentlichen Rechts” ist und damit einige Privilegien genießt, die anderen Verbänden ein Gräuel sind. Bezüglich dieser Auseinandersetzungen in der Szene waren seine Ausführungen ein Muster für ehrliches Benennen der Gegensätze einerseits und Herausstellen der Gemeinsamkeiten andererseits. Tatsächlich dominieren konkrete politische Zielsetzungen und bürgerrechtliche Interessenvertretung. Die Diskussion musste aus Termingründen kurz sein und war ungemein sachlich. Man kann hoffen, dass das frühere Misstrauen zwischen den säkularen Verbänden endgültig einer vertrauensvollen Zusammenarbeit gewichen ist.
Johannes Neumann
Offener Brief
In einem Offenen Brief hat der Fachverband Ethik e.V. gegen eine von mehreren ehemaligen Regierenden Bürgermeistern der Stadt Berlin, darunter Richard von Weizsäcker, Eberhard Diepgen und Hans-Jochen Vogel, unterzeichnete Anzeige protestiert. Diese war auf Initiative der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz zustande gekommen und am 8. Dezember 2005 in zahlreichen Berliner Tageszeitungen geschaltet worden. Unter der Überschrift “Berlin ist eine freie Stadt des Denkens und Glaubens” war dort behauptet worden, der von den derzeitigen Regierungsparteien SPD und PDS ins Auge gefasste für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtende Werte-Unterricht sei ein “staatliches Monopolfach” und verletze “die Neutralitätspflicht des Staates”.
Fachverbandsvorsitzender Peter Kriesel wies dies als “unsachlich und darüber hinaus diffamierend” zurück. Denn in der Anzeige wird verschwiegen, dass es in Berlin auch nach Einführung des neuen Faches Religionsunterricht zu denselben Konditionen wie heute geben wird. Zudem habe das Bundesverwaltungsgericht bereits 1998 festgestellt, dass es einem Bundesland unbenommen bleibe, “Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler vorzusehen”; die staatliche Neutralitätspflicht sah es dadurch nicht verletzt.
Der Fachverband Ethik begrüße die Pläne der Berliner Landesregierung ausdrücklich: “Denn Dialog und Gemeinsamkeit lassen sich nachhaltig nur in einem allgemeinbildenden und gemeinsamen Unterricht zu Fragen des Lebens, der Ethik und der Religions- und Weltanschauungskunde erlernen. Wer einzelne Religionen oder Weltanschauungen authentisch aus der Sicht der Bekenntnisgemeinschaften kennen lernen will, hat dazu in Berlin im freiwilligen Religions- und Weltanschauungsunterricht ausreichend Gelegenheit.”
Caritas und Diakonie
Während einer Vortragsreise durch neun Städte hat Carsten Frerk zentrale Ergebnisse seiner Studie über Caritas und Diakonie vorgestellt. Dabei informierte er über die grundlegenden Strukturen der beiden kirchlichen Sozialkonzerne, über die Finanzierung der von ihnen organisierten Dienstleistungen und über die Zukunftsaussichten im sozialen Sektor. Obwohl Carsten Frerk einen Zugang zum Thema gewählt hatte, der die Präsentation umfangreichen Zahlenmaterials mit sich brachte, wurden seine Vorträge durchweg als “kurzweilig” beschrieben. Zu einer kontroversen Diskussion kam es aber kaum, da die “Gegenseite” leider nicht präsent war.
Die einzelnen Veranstaltungen vor Ort wurden von verschiedenen Vereinigungen durchgeführt; beteiligt waren regionale Gruppierungen des Bundes für Geistesfreiheit (bfg), der Freidenker (DFV), des Humanistischen Verbands (HVD), der Humanistischen Union sowie kleinere, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) nahestehende Organisationen, so dass ein schönes Beispiel für eine überverbandliche Zusammenarbeit vorliegt. Die Funktion solcher Vortragsreisen wird allerdings nicht überall gesehen. Ein anonymer Schreiber im vom IBKA betriebenen Internet-Forum Freigeisterhaus denunzierte die Tour als “Werbeveranstaltung” und mokierte sich darüber, daß in München Eintritt verlangt wurde. Trotzdem planen Autor und Verlag fürs Frühjahr eine weitere Rundreise.
Erwin-Fischer-Preis 2006
Der Erwin-Fischer-Preis 2006 geht an Nesin Vakfi, eine von Aziz Nesin begründete Stiftung – und damit erstmals an eine Organisation. Die Stiftung hat das Ziel, Kinder und Jugendliche ohne Eltern oder aus Familien, die nicht in der Lage sind, für die Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen, zu unterrichten. Sie orientiert sich dabei an den pädagogischen Prinzipien des atheistischen türkischen Schriftstellers Aziz Nesin. Religion ist nicht Gegenstand des Unterrichts, es erfolgt jedoch auch keine Indoktrination in atheistischem Sinne.
Der Vorstand des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) möchte mit der Vergabe des Erwin-Fischer-Preises an die Nesin-Stiftung darauf aufmerksam machen, dass Säkularisten ihren Beitrag zum praktischen Humanismus leisten. “Die kinderfreundlichen Erziehungsprinzipien von Aziz Nesin stehen im Gegensatz zu neuerdings auch hierzulande wieder beliebten Rufen nach autoritärer Pädagogik.” Dem Gerede vom “christlichen Abendland” ebenso wie dem religiös-politischen Islamismus müsse die Idee entgegen gesetzt werden, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft auf der Grundlage von Menschenrechten und Humanität gut miteinander zusammen leben können. Die Preisverleihung findet am 21. Oktober in Berlin statt.
Artikel aus MIZ 4/05
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