Lebenshilfe oder Wahn?
“Glaube zwischen Lebenshilfe und Wahn” war am 17. März das Thema der SWR-Fernsehtalkshow Nachtcafe. Eingeladen waren Sabine Müller, eine ehemalige Zeugin Jehovas; Elke Meister, die in einem katholischen Kinderheim erzogen wurde; Reza Hajatpour, der sich im Iran zum Mullah ausbilden ließ, dann aber nach Deutschland flüchtete und heute kein Kleriker mehr ist; Rosi Gollmann, die motiviert durch ihren katholischen Glauben seit über 40 Jahren Hilfsprojekte in Indien betreut; Bruder Paulus Terwitte, Kapuzinermönch und klerikaler Medienprofi, sowie MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon. Sie sollten ausloten, inwieweit Glaube menschendienlich sein kann und wann Frömmigkeit ins Wahnhafte umschlägt.
Während Sabine Müller und Elke Meister von ihren schlechten Erfahrungen berichteten, die sie in den betreffenden religiösen Zusammenhängen machen mussten, versuchte Reza Hajatpour zwischen Glauben und Religion zu differenzieren: erst wenn Glaube nicht mehr reine Spiritualität sei, sondern in die Hände von Theologen mit ihrem Anspruch auf alleinige Wahrheit gerate, könne er zum Wahn führen. Bruder Paulus flüchtete in die üblichen Phrasen: die Menschenwürde hängt an Gott und bei allen Ereignissen, die diese Vorstellung in Frage stellen, handelt es sich um Einzelfälle ohne allgemeine Aussagekraft... Dem konnte Michael Schmidt-Salomon entgegenhalten, dass es sich keineswegs um “menschliches Versagen” handele, sondern bereits die Basisschriften der Religionen jene Vorstellungen einführen (z.B. ewige Verdammnis), die Grundlage religiösen Wahns werden können.
Gegen “Religiöse Mobilisierung”
In Osnabrück fand auf Initiative der Hintergrund-Redaktion eine Tagung “Religiöse Mobilisierung und gesellschaftliche Krise” statt, die als “Initialkonferenz” zu einer besseren Vernetzung all jener religionskritischen Initiativen und Autoren führen soll, die einen gesellschaftspolitischen Ansatz verfolgen. In seinem einleitenden Vortrag wies Hartmut Krauss darauf hin, dass in der gegenwärtig feststellbaren Mobilisierung des Religiösen ein “kulturübergreifender Ausdruck einer reaktionär-regressiven Widerspruchs- bzw. Krisenverarbeitung” zu sehen sei. Dem müsse ein “herrschaftskritisch-emanzipatorischer Humanismus” entgegengesetzt werden, der sich an den Bedürfnissen des “freien, sich selbst bestimmenden Subjekts” ebenso orientiert wie am Gebot einer allgemeinen Gerechtigkeit.
Am zweiten Tag plädierte zunächst Walter Schmid von den Ulmer Freidenkern für ein Ende des “divide et impera”. Es gebe zahlreiche Anzeichen für einen “Rückfall in die Prämoderne”, was die Notwendigkeit nach sich ziehe, dass die säkularen Kräfte intensiver zusammenarbeiteten. Dafür sollte eine Plattform an gemeinsamen, unhintergehbaren Grundwerten ausgearbeitet werden. Anschließend berichtete Mina Ahadi von ihrer Arbeit im Internationalen Komitee gegen Steinigung. Ausgangspunkt war die Revolution gegen das Schah-Regime im Iran, die nicht in eine freie Gesellschaft sondern in die Machtübernahme der Mullahs mündete. In der Folge verschlechterte sich die Menschenrechtslage dramatisch, so dass sogar die barbarische Vollstreckung der Todesstrafe durch Steinigung wieder häufiger vorkam. Eingebunden in ein weltweites Netzwerk von Emigrantinnen engagiert sich die Kommunistin Ahadi für die derart vom Tod bedrohten Frauen. Entschieden wandte sie sich gegen jeden Werterelativismus; alle Frauen müssten die gleichen Rechte haben, ganz gleich in welcher Kultur sie leben.
Daran knüpfte der Vortrag von Klaus Blees, Mitarbeiter der Aktion 3. Welt Saar, an. Innerhalb der Organisation erwuchs das Bewusstsein dafür, dass kulturrelativistische Ansätze fragwürdig sind, aus der alltäglichen Arbeit in der Flüchtlingsberatung. Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem die Aktiven zu diskutieren begannen, warum sie bei Flüchtlingen Verhaltensweisen zu akzeptieren bereit waren, die sie ansonsten scharf kritisiert hätten (z.B. patriarchales Auftreten bis hin zur Zwangsverheiratung weiblicher Familienmitglieder). Sehr differenziert stellte Klaus Blees diese Selbstreflexion dar, erläuterte daran anschließend die verschiedenen Ausdeutungen des Kulturbegriffs und die jeweils darauf aufbauenden politischen Konzepte.
Die Diskussionen waren lebhaft und teilweise – zum Beispiel in der Frage, wie sich das säkulare Lager angesichts des iranischen Atomprogramms positionieren sollte – auch kontrovers. Trotzdem überwogen die gemeinsamen Interessen und Einschätzungen. Auf dem Tisch liegt nun der Vorschlag, die islamische Herrschaftskultur mit ihren zahlreichen Themenfacetten in einer größeren Veranstaltung eingehend zu untersuchen.
Protest gegen Erziehungs-Bündnis
Vehementen Widerspruch aus den Verbänden der Konfessionslosen hat Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen mit ihrem “Bündnis für Erziehung” und ihren Aussagen zur christlichen Fundierung unserer Gesellschaft geerntet. Die Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union kritisierte, die Ministerin habe mit ihrer auf die beiden christlichen Großkirchen beschränkten Einlassung gegen die Neutralitätspflicht verstoßen. Auch die nachträglich geäußerte Bereitschaft, weitere gesellchaftliche Gruppen hinzuzuziehen, könne nicht verdecken, dass die “Grundzüge der Arbeit des Bündnisses” festgelegt seien. Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) stellte die Frage, ob die über 30% der Bevölkerung, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, “kirchlich missioniert werden” sollen. Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) sah im Vorgehen von der Leyens sogar einen Verfassungsbruch, “da mit der Zielstellung ‘christlicher Werte’ die weltanschauliche Neutralität des Staates missachtet” werde.
Die Giordano Bruno Stiftung (gbs) startete eine Online-Petition “gegen die religiöse Fundierung von Bildung und Erziehung”. Die Erklärungen der Bundesfamilienministerin stellten “nicht nur eine Beleidigung der aufklärerischen Vernunft dar, welche die fundamentalen Menschenrechte in einem Jahrhunderte währenden Emanzipationskampf gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpfen musste, sondern auch eine Verhöhnung der Opfer christlicher (Heim-) Erziehung.” Diesbezüglich verweist die gbs darauf, dass in Irland gerade eine Milliarde Euro an die Opfer christlicher Heimerziehung ausgezahlt werden. Die Petition kann unterzeichnet werden: http://www.leitkultur-humanismus.de/petitionerz.htm.
Mit einer virtuellen Bildergalerie “Die Heilige Ursel – Unbekannte Meisterwerke der Kunstgeschichte” hat das Heidenspaß-Kunst-Komitee (HKK) der Familienministerin ein Denkmal gesetzt: “Wir ahnten schon im Vorfeld, dass Ursula von der Leyen eine Sonderstellung in der abendländischen Kulturgeschichte zukommt”, verkündete ein bis dahin in der säkularen Szene unbekannter Dr. Peter Piranha. Die unter www.religionsfreie-zone.de zu besichtigende Bilderschau zeigt die konservative Politikerin als “geheimes Leitmotiv” der europäischen Kunst. Besonders treffend erscheint dabei ausgerechnet ein Bild, dessen Authentizität umstritten scheint: Ursula von der Leyen als “Die Rückwärtsgewandte”.
Fachtagung zur Sterbehilfe
Vom 31. März bis 2. April veranstaltete die Humanistische Akademie Bayern eine prominent besetzte Fachtagung mit dem Titel “Komm, süßer Tod? Aspekte der Selbstbestimmung am Ende des Lebens”. Medizinische und rechtliche Fragen wurden dabei ebenso behandelt wie soziologische, ökonomische, ethnologische und historische Aspekte.
Die Tagung wurde mit einem grundsätzlichen Vortrag von Frieder-Otto Wolf, Dozent für Philosophie an der FU Berlin, eröffnet. Er fragte: “Was kann Selbstbestimmung heißen – und was nicht?” Prof. Norbert Hoerster und RA Wolfgang Putz trugen Referate zur gesetzlichen Situation und rechtsethischen Bewertung des Sachverhalts vor. Prof. Frank Erbguth, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Nürnberg, und Gerda Hofmann-Wackersreuther, Leiterin der Palliativstation der Medizinischen Klinik, klärten zu den Themen “Koma – was ist das?” und “Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin” auf. Der Medizin-ethiker Prof. Andreas Frewer, Universität Hannover, analysierte die Bedeutung der NS-“Gnadentod”-Verbrechen für die heutige Debatte um die Euthanasie, und Prof. Reiner Sörries, Leiter des Museums für Sepulkralkultur Kassel, stellte eine Ethnographie des Lebensendes in außereuropäischen Kulturen vor. Der Soziologe Prof. Klaus Feldmann, Universität Hannover, zeigte die Konturen der Soziologie des Lebensendes in Deutschland auf, und Georg Marckmann, Medizinethiker an der Universität Tübingen, fragte nach den sozioökonomischen Aspekten der Sterbehilfe. Gita Neumann, Leiterin der Bundeszentralstelle für Patientenverfügungen des HVD, klärte über Vorsorgemöglichkeiten am Lebensende und die aktuellen fachlichen und politischen Diskussionen zur Patientenverfügung auf.
Die Tagung wurde mit einer Podiumsdiskussion zum Thema “Muss der Mensch leiden?” abgeschlossen, an der Frau Ursula Seitz, Dekanin der evangelischen Kirche in Nürnberg, Horst Groschopp, Bundesvorsitzender des HVD, und Ludwig A. Minelli von dignitas teilnahmen. Auch wenn sich die Diskutanten hinsichtlich der Bedeutung der Palliativmedizin und der menschlichen Zuwendung am Lebensende einig waren, gab es hinsichtlich der Beurteilung des assistierten Suizids auf dem Podium sehr unterschiedliche Sichtweisen. Seitz lehnte diese Möglichkeit aus dem christlichen Menschenbild heraus ab und wollte sie auch gesetzlich verhindert sehen, während Minelli und Groschopp dafür votierten, alle Möglichkeiten zu eröffnen und die Wahl dem Einzelnen zu überlassen.
Die Organisatoren der Tagung freuten sich besonders über die rege Beteiligung des Publikums an der Diskussion und das Entstehen eines lebhaften Dialoges der Referenten untereinander. Künftig will die 2005 gegründete Humanistische Akademie Bayern jährlich eine solche Frühjahrstagung organisieren, auf der gesellschaftlich und politisch umstrittene Fragen für ein breites Publikum aufgegriffen und qualifiziert diskutiert werden sollen.
Michael Bauer
USA – Gottesstaat?
Der Journalist Conrad Schuhler stellte am 13. Februar im Kulturzentrum Giesinger Bahnhof in München die Ergebnisse seiner jüngsten Analyse der Entwicklung der USA vor.
90% der US-Bürger sind religiös. Ein Viertel der Gesamtbevölkerung (ca. 65 Mio.) gehören den evangelikalen Fundamentalisten an, die Bushs Wählerschaft stellen. Der “wiedergeborene Christ” Bush verschmilzt Daseinsangst und Perspektivlosigkeit der US-Bürger und verspricht die Errettung Amerikas, wenn es seine Werte der Welt aufzwingt. Die Religion bildet die Basis der herrschenden Ideologie. Viele Anhänger radikaler Sekten (Puritaner u.a.), aus Europa vertrieben, gründeten die Vereinigten Staaten mit, daraus entstand eine neue Gesellschaftsform: die Heilsgesellschaft mit ihrer Ordnungslehre (Civil Religion).
Die drei mächtigsten konservativen Strömungen bilden
1. Neoliberale, die kostenoptimale Produktions- und Absatzbedingungen für das Kapital fordern, ohne ideologische Ansprüche,
2. Neokonservative, die die nationale Sicherheit in den Vordergrund stellen,
3. Religiöse Rechte, deren radikalster Flügel, die Evangelikalen, fordert, dass christliche Religionsgüter Gesetzeskraft erhalten und mit Staatsgewalt durchgesetzt werden.
Der Einsatz einer gewaltigen Medienmaschine (Mega-Churches, Kirchensender in 1600 Städten) und die Dominanz der Fundamentalisten in sozialen Einrichtungen können allerdings den wachsenden Unmut in der Bevölkerung nicht ersticken. Die Verschuldung des Staates und der Bürger nimmt weiter zu.
Soziales Engagement, Gewerkschaften und die Friedensbewegung werden stärker, erreichen aber nicht den politischen Raum. Der Oberste Gerichtshof ist mittlerweile mehrheitlich besetzt von Fundamentalisten, die ihre Ämter auf Lebenszeit ausüben und das durchgängige Mehrheitswahlrecht verhindert eine linke Partei als dritte Kraft.
Fazit: Die USA treiben auf ein autoritäres System mit starkem religiösen Charakter, einen radikalen Gottesstaat zu.
Christine Vogelsang, DFV
Humanistische Akademie
Nachdem auf Landesebene in Berlin und Bayern bereits entsprechende Einrichtungen existierten, ist im März die Humanistische Akademie Deutschland e.V. (HAD) gegründet worden. Ziel ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen von Natur, Mensch und Gesellschaft unter humanistischen Prinzipien sowie die Verbreitung der Ergebnisse durch Tagungen und Veröffentlichungen. Der zum Präsidenten gewählte Philosoph Frieder Otto Wolf (Freie Universität Berlin) wies darauf hin, dass der Bedarf an einem wissenschaftlichen Diskurs über den theoretischen, praktischen und gelebten Humanismus in unserer Gesellschaft genauso stark wachse wie der Bevölkerungsanteil der Konfessionsfreien: “Auch in der politischen Bildungsarbeit braucht Deutschland ein Pendant zu den vielen katholischen und evangelischen Akademien und anderen religiösen Studien- und Forschungseinrichtungen.” In den kommenden Jahren soll der Aufbau weiterer Landesakademien forciert werden.
Artikel aus MIZ 1/06
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