Kontroverse in der Zeit
In der Wochenzeitung Die Zeit wurde Anfang Februar ein “Mehr Gerechtigkeit für Muslime” überschriebener Aufruf von 60 “Migrationswissenschaftlern” veröffentlicht, der Kritik am Islam ziemlich pauschal als unwissenschaftlich und unseriös abtut. Namentlich Necla Kelek und die Rechtsanwältin Seyran Ates hätten “eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt”. Die Analysen der Soziologin Kelek seien “nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über ‘den Islam’ und ‘die Türken’”. Vor allem wird den islamkritischen Autorinnen unterstellt, der herrschenden Politik in die Hände zu spielen und ihre Fehler auf dem Feld der Integration von MigrantInnen zu verschleiern. In ihrer Entgegnung warf Kelek den “Migrationswissenschaftlern” ihrerseits vor, diese sähen ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung und zur Integration offenbar nicht darin, “dass solche kriminellen Praktiken [wie der Ehrenmord] verhindert werden, sondern sie wollen sie bestenfalls ‘in ihrem Entstehungskontext’ erklären können”. Als Motivation für die Attacke gegen sie unterstellt sie, dass die Forschungsinstitute ihre Fördermittel in Gefahr sähen, wenn sich die Auffassung durchsetzen würde, dass die Migrationsforschung der vergangenen Jahrzehnte kein tragfähiges Konzept zur Integration zuwege gebracht habe.
Mittlerweile haben die angegriffenen Autorinnen Solidarität erfahren. Über 50 Wissenschaftlerinnen, Autoren und Menschenrechtsaktivisten unterzeichneten ihrerseits den von der Zeitschrift Hintergrund initiierten “Warnruf”: “Gerechtigkeit für demokratische Isklamkritikerinnen!” Darin heißt es, Ehrenmorde, Zwangsheiraten und eine patriarchalische Grundorientierung seien ebenso wie antijüdische Verschwörungsideologien und mangelnder Respekt gegenüber einer säkular-demokratischen Gesellschaftsordnung “ernst zu nehmende und nicht marginale Phänomene innerhalb der islamisch geprägten Kulturgemeinschaft”. Deshalb verbiete sich eine “undifferenzierte Generalamnestie für alle Muslime”. Die von den angegriffenen Autorinnen literarisch verarbeiteten Lebenserfahrungen müssten als “’dichte’ ... Beschreibungen der Umsetzung einer Religion in normative Alltagspraxis” anerkannt werden. Aus dem Bereich der Geschlechterbeziehungen werden anschließend auch Zahlen und Beispiele angeführt, die verdeutlichen, dass in relevanten Teilen der islamischen Gemeinschaft gepflegte Vorstellungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen führen, die sowohl quantitativ als auch qualitativ inakzeptabel sind.
Kritisiert an der Haltung der “Migrationswissenschaftler” wird vor allem, dass negative Erscheinungen bei Migranten immer aus dem “Rassismus der Aufnahmegesellschaft” abgeleitet werden, das antiemanzipatorische Potential des Islam hingegen außer Acht bleibe. Dagegen müsse festgestellt werden, dass die sozialisationsbedingte Übernahme konservativ-islamischer Grundüberzeugungen “bei zahlreichen Migrantenjugendlichen nach wie vor als gravierende Integrationsbarriere” und als Nährboden für extremistische Orientierungen wirke. Solange dies nicht erkannt werde, sei es “um die Herausbildung eines angemessenen Integrationsdiskurses schlecht bestellt”. Denn “soziokulturelle Grundvoraussetzung einer gelingenden Integration ist nicht selbstverleugnende Nachgiebigkeit, sondern das konsequente Einfordern von Respekt gegenüber der säkular-demokratischen Grundordnung”.
Karikaturenstreit
Innerhalb der säkularen Szene gibt es grundlegende Meinungsverschiedenheiten, wie auf den sog. Karikaturenstreit zu reagieren sei. Dies wird durch mehrere Beiträge in der Zeitschrift Freidenker deutlich. Während die meisten Verbände die Verteidigung der Meinungsfreiheit in den Vordergrund rückten, setzten die Freidenker in Auseinandersetzung mit einer Pressemitteilung des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) den Schwerpunkt anders.
Der IBKA hatte in seiner Stellungnahme zu den Demonstrationen von Muslimen in Deutschland die Auffassung vertreten, dass deren Forderung, ihr Religionsstifter dürfe “weder bildlich dargestellt noch gar karikiert werden”, in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht legitim sei. Auch die Religion und ihre Repräsentanten müssten sich der Kritik und der Satire aussetzen. Darüber hinaus sei es “ethisch zweifelhaft”, wenn Muslime gegen ein paar Zeichnungen auf die Straße gingen, hingegen nicht öffentlich vernehmbar dagegen auftreten, wenn ihre Religion zur Begründung von Terror, “Ehrenmord” oder Homophobie herangezogen wird. In einer Hintergrund-Information zur Pressemitteilung wies der IBKA darauf hin, dass Kirchenvertreter und zahlreiche Poltiker im Windschatten des Karikaturenstreits auch die Kritik am Christentum zurückdrängen wollen.
Die Debatte im Freidenker leidet ganz offensichtlich darunter, dass nicht nur dieser ganze Abschnitt weder dokumentiert noch erwähnt wird, sondern zudem durch Umstellung und (ebenfalls nicht als solche gekennzeichnete) Hereinnahme einer Fußnote in den Text der Pressemitteilung der Schwerpunkt derselben völlig verändert wird. Im Vordergrund steht nun nicht mehr die Verteidigung der Möglichkeit von Religionskritik, sondern die Bewertung des Islam an sich. Darauf nimmt die Entgegnung von Hassan Swelim Bezug. Er verweist darauf, dass “Islam” keineswegs als “Heilserlangung durch Unterwerfung” bedeute, sondern “Frieden schließen, den Gottesfrieden und Heil erlangen”. Seine Behauptung stützt er durch die Erläuterung der Bedeutung weiterer vom Stamm sallama abgeleiteter Wörter. Sein Vorwurf an den IBKA: “Ignoranz und Unkenntnis”, es werde nur dort abgeschrieben, wo man seine Vorurteile bestätigt bekommt, und heraus komme ein Beitrage zur “allseits geschürten Islamophobie”. Schon hier sind Einwände möglich, denn Swelims Übersetzungen werden offenbar nicht von allen Orientalisten geteilt. Selbst Annemarie Schimmel, die für ihre völlig unkritische Einstellung zum Islam bekannt war, übersetzt den Begriff in ihrer Einführung mit “Unterwerfung unter Gottes Willen”. Noch bedenklicher ist Swelims Unterstellung, der IBKA verteidige “ein rassistisches islamophobes Blättchen aus Dänemark”. Denn Jyllands Posten wird in der betreffenden Pressemitteilung überhaupt nicht erwähnt. In einem diese ergänzenden Artikel (der in der Webversion sogar im Text angegeben ist), bezeichnet der IBKA-Vorsitzende Rudolf Ladwig die Zeitung als “xenophob”, die Karikaturen als “klischeehaft”. Offenbar hat sich Hassan Swelim bei seiner Entgegnung am Leitspruch “Ignoranz und Unkenntnis” orientiert. Und wer auseinanderhalten kann, dass die Verteidigung des Rechtes auf Meinungsfreiheit keineswegs bedeutet, damit zugleich all dem zuzustimmen, was im Rahmen dieser formuliert wird, täte gut daran, einmal zu recherchieren, in welchen Kreisen der Begriff “islamophob” mit besonderer Vorliebe benutzt wird.
Ein anderer Beitrag stellt der Karikaturenstreit in einen Zusammenhang mit dem drohenden Krieg der USA gegen den Iran. Die Autorin sieht darin den Teil einer “Medienkampagne zum ‘Kampf der Kulturen’”, die die Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung befördern und die Verbindungen der EU zum arabischen Raum schwächen soll.
Der Schlüssel zum Verständnis der unterschiedlichen Einschätzungen findet sich möglicherweise in einem Kommentar von Klaus Hartmann. Der Vorsitzende des Deutschen Freidenker-Verbands (DFV) schreibt in der Tageszeitung junge Welt, als Bündnispartner seien den Freidenkern auch “Muslime, die ihr Glauben zu antiimperialistischem Engagement motiviert”, willkommen. Ganz offensichtlich verkennt ein Teil der Freidenker den Charakter des vermeintlichen islamischen “Antiimperialismus”. Dies bekommt tragische Züge, da es in jüngster Vergangenheit ein Beispiel für die Folgen einer derartigen Fehleinschätzung gab: die Revolution im Iran. Auch Ayatollah Khomeini bediente sich von Beginn an einer antiimperialistischen Rhetorik, und nicht nur die “Volksmudschaheddin” (die sich sowohl auf den Islam als auch auf den Marxismus berufen) sondern auch linke Parteien (z.B. die kommunistische Tudeh Partei) gingen daraufhin nach dem Sturz des Schahs ein Bündnis mit dem “Revolutionsführer” ein. Fünf Jahre später existierten sämtliche Gruppierungen mit annähernd linkem Profil nur noch im Untergrund, zehntausende Genossinnen und Genossen verloren ihr Leben.
Philosophischer Roman
Die Vermittlung philosophischer Fragestellungen in belletristischer Form kann ein Mittel sein, neue Leserkreise dafür zu gewinnen. Verpackt in eine spannende Handlung, könnte – so das Kalkül – die Barriere, sich mit derlei als “trocken” und “schwierig” eingestuften Sachen zu befassen, gesenkt werden. Michael Murauer hat nun einen philosophischen Roman vorgelegt, der nicht auf Handlung und Spannung baut, sondern ganz von den Dialogen lebt, die der Ich-Erzähler Manfred mit seinem Onkel Curioso, seiner Tante Sapientia und einigen bekannteren Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte führt. Dabei kommen philosophische Grundfragen zur Sprache sowie die Antworten, die verschiedene Denker darauf gegeben haben. Manfred, Curioso und Sapientia stellen humanistische Zeitgenoss(inn)en dar und repräsentieren zugleich durch die von ihnen zitierten Philosophen diverse historische aufklärerische Traditionen. Dass dabei auch der Stellenwert der Religion für die Gesellschaft diskutiert wird, liegt in der Natur der Sache (dass die Religion dabei nicht so gut weg kommt, liegt möglicherweise in deren Natur...).
Das Buch ist ein Lesevergnügen für alle, die in Philosophiegeschichte gut bewandert sind und sich durch Zitate zum Weiterdenken und -lesen anregen lassen. Im zweiten Teil wird jedoch weniger erzählt als reflektiert, die Handlung tritt in den Hintergrund, so dass sich der Roman in diesen Kapiteln stark dem Essay annähert – mit der Folge, dass nun doch ein bisschen mehr Mühe beim Lesen investiert werden muss.
Michael Murauer: Curioso, Sapientia und ihr Fiat Lux. Eine Geschichte in der Bilderwelt der Philosophinnen. Norderstedt 2005. Books on Demand; 187 Seiten, gebunden, Euro 24,80
Über die Entstehung von Religion
An den Anfang ihrer Arbeit hat Eva-Maria Hesse-Jesch die Frage gestellt, ob “die Tatsache, dass der Mensch überall in der Welt Religionen gebildet hat, als Beweis für die Existenz eines Gottes akzeptiert werden” muss. Die Autorin versucht in ihrer Arbeit, das Phänomen Religion auf der Grundlage einer Gegenthese zu erklären: das Bedürfnis nach Religion könnte entstanden sein zu Zeiten des archaischen Menschen, als unsere Vorfahren den Tod eines Mitmenschen als Verlust zu begreifen begannen und sich der eigenen Sterblichkeit bewusst wurden. Der frühe Totenkult und die “religionsbildnerische Erweiterung” wären dann als Strategie zur Bewältigung der sich einstellenden Todesangst zu verstehen, die einen evolutionären Vorteil verschaffte.
Ihre These einer “hirnorganischen Verankerung der Religionsbildung” stützt die Autorin im zweiten Teil ihrer Studie (ursprünglich eine Magisterarbeit an der Universität Gießen) durch die Analyse der Schriften von Descartes, Spinoza, Kant, Heidegger und Sartre. Denn auch in den Texten der rational argumentierenden und sogar atheistischen Denker macht sie die “Durchsetzungskraft der religionsbildnerischen Invariante” aus.
Eva-Maria Hesse-Jesch: Die Geburt der Kultur als Religionsaufkommen aus Todesangst und Lebenswillen. Marburg 2001. Tectum Verlag; 118 Seiten, kartoniert, Euro 25,90
Humanismus aktuell
Zum Jahreswechsel ist eine neue Ausgabe der Zeitschrift humanismus aktuell erschienen. Unter dem Titel “Atheismus und Humanismus” nähern sich die Beiträge – ausformulierte Referate einer gleichnamigen Tagung der Humanistischen Akademie – im Hauptteil dem Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen bzw. Denktraditionen aus unterschiedlichen Perspektiven. Jan Philipp Reemtsma stellt die Frage nach dem Stellenwert der Religion in einer säkularen Gesellschaft; Susanne Lanwerd behandelt die Religionskritik Sigmund Freuds; Gerhard Czermak gibt einen sehr gerafften Überblick über den “Atheismus in Geschichte und Gegenwart”.
Ein zweiter Schwerpunkt hat sich in dem Heft dadurch ergeben, dass mehrere, aufeinander Bezug nehmende Texte sich mit dem neuen Buch Joachim Kahls Weltlicher Humanismus auseinandersetzen. Anlass dieser Kontroverse war eine Einladung Kahls zu einem Kolloquium der Humanistischen Akademie; in einem Offenen Brief wandten sich einige Mitglieder des Humanistischen Verbands gegen dessen Vorstellungen von menschlicher Sexualität und Bindung. Daraus entwickelte sich eine Debatte, die sich zu einer Kritik des von Kahl vertretenen Familienbildes ebenso wie seines gesamten Ansatzes, weltlichen Humanismus zu verstehen, ausweitete (zentral ist dabei der Vorwurf, nur unzureichend gesellschaftskritische Perspektiven zu entwickeln).
humanismus aktuell 17: Atheismus und Humanismus. Hrsg. von der Humanistischen Akademie. Berlin 2005. 120 Seiten, kartoniert, Euro 10.-
Turm der Sinne-Tagungsband
Der Sammelband vereinigt die Vorträge des turmdersinne-Symposiums aus dem Jahr 2004. Namhafte Autorinnen und Autoren (u.a. Bernulf Kanitscheider, Holm Tetens, Sabine Maasen) liefern Argumente für die Debatte, inwieweit die Vorstellung menschlicher Entscheidungsfreiheit im Rahmen eines kausal erklärbaren Naturgeschehens aufrechterhalten werden kann. Die Beiträge thematisieren die neurophysiologischen Vorgänge bei der Planung von Handlungen ebenso wie die soziale Funktion des Konstruktes “Willensfreiheit” oder die Bedenken gegen ein naturalistisches Weltbild aus moraltheologischer Sicht.
Helmut Fink / Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Freier Wille – Frommer Wunsch? Gehirn und Willensfreiheit. Paderborn 2006. Mentis; 259 Seiten, kartoniert, Euro 29,80, ISBN 3-89785-445-7
Freidenker-Blätter
In der Reihe Freidenker-Blätter ist eine neue Broschüre erschienen. Heiner Jestrabek stellt darin die Kolonisierung des amerikanischen Kontinents durch die Europäer dar. In Form einer Zeittafel führt er die Leserinnen und Leser durch 500 Jahre militärische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung. Die Kirche spielte dabei eine wesentliche Rolle, vor allem bei der Vernichtung indigener Kulturgüter und der Zerstörung der Identität der Menschen durch ihre “Missionierung”.
Heiner Jestrabek: Konquistadoren, Kapital und Kirche. Eine kleine Kriminalgeschichte des Christentums der Neuen Welt und vom Widerstand und den Freiheitskämpfen der Völker Amerikas. Ulm 2006. 36 Seiten, Abbildungen, Euro 4,50
Artikel aus MIZ 1/06
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