von Michael Schmidt-Salomon
Douglas Adams hat in seiner berühmten Science-Fiction-Parodie Per Anhalter durch die Galaxis eine hoch entwickelte Tarntechnologie beschrieben, die in der Lage ist, selbst das größte, intergalaktische Raumschiff unsichtbar zu machen. Der geniale Trick der Ingenieure: Sie nutzen das sog. “PAL-Feld”. Das Kürzel “PAL” kennzeichnet eine ganz besondere menschliche Wahrnehmungs- oder besser: Nicht-Wahrnehmungskategorie, nämlich das sog. “Problem anderer Leute”. Für “Probleme anderer Leute”, so groß sie auch immer sein mögen, fühlt man sich nicht verantwortlich und exakt aus diesem Grund übersieht man PALs notorisch – selbst dann, wenn sie uns direkt vor der Nase liegen bzw. in Form intergalaktischer Raumschiffe über uns schweben.1
Die Übertragung dieser Science-Fiction-Weisheit auf die gegenwärtige weltpolitische Lage fällt nicht schwer, denn was für “intergalaktische Raumschiffe” gilt, das gilt für “interkontinentale Wahnsysteme” allemal. Offenkundig wurde das Phänomen des religiösen Wahns (und damit verbunden die Praxis der religiös legitimierten Unterdrückung der Menschenrechte) in Europa lange Zeit als ein “Problem anderer Leute” empfunden. Dass sich die religiösen Wahnsysteme in den letzten Jahrzehnten wie Krebsgeschwüre ausbreiteten, fiel den meisten Europäern daher kaum auf. Zwar sorgten einige spektakuläre Ereignisse wie die Anschläge des 11. Septembers dafür, dass dem einen oder anderen schmerzlich bewusst wurde, wie schnell aus dem “Problem anderer Leute” ein “Problem der eigenen Leute” werden kann, aber letztlich setzte sich der “PALismus”, d.h. die mit dem PAL-Syndrom einhergehende Wahrnehmungsträgheit, doch durch. Folge: Der apokalyptische Wahn, der – siehe u.a. die jüngsten Veröffentlichungen von Victor und Victoria Trimondi2 – keineswegs nur in den Hirnen islamischer Gläubiger wütet, wurde und wird notorisch übersehen und somit in seiner Bedeutung für das politische Weltgeschehen kolossal unterschätzt.
Statt sich mit der Realität des Glaubenswahns auseinanderzusetzen und entsprechende Gegenstrategien zu entwerfen, haben es die “PAListen” vorgezogen, sich behaglich in der Illusion einzurichten, der sog. “Kampf der Kulturen” sei dadurch zu meistern, dass man seine Existenz hartnäckig leugnet. Dass eine solche Vogel-Strauß-Politik riskant ist, sollte einleuchtend sein, denn: Ebenso wie getarnte Raumschiffe gefährlicher sind als solche, die man schon aus Lichtjahrentfernung erkennen kann (jeder Star-Trek-Fan wird dies bestätigen können!), so sind auch Konfliktherde, die man aus der eigenen Wahrnehmung verdrängt hat, letztlich bedrohlicher als solche, deren Dimensionen man von Anfang an realistisch einzuschätzen vermag.
Gewiss: Für die fehlerhafte Einschätzung des fundamentalistischen Bedrohungspotentials ist nicht nur das PAL-Syndrom verantwortlich (auch wenn es beispielsweise für den Umgang mit den Problemen muslimischer Migranten hierzulande von zentraler Bedeutung ist3). Als mindestens ebenso bedeutsam muss man die illusionäre Hoffnung einschätzen, dass man einfach nur nett, freundlich und zurückhaltend (also keineswegs verletzend!) mit religiösen Fundamentalisten argumentieren müsse, um mit diesen in einen friedlichen, konstruktiven Dialog treten zu können. Wer so denkt, übersieht leider zwei maßgebliche Faktoren:
Erstens: Ein konstruktiver Dialog ist nur dann möglich, wenn die miteinander kommunizierenden Parteien prinzipiell von ähnlichen Denkvoraussetzungen ausgehen. Eben dies trifft aber auf den “Dialog” zwischen weltlich denkenden Menschen und religiösen Fundamentalisten nicht zu. Während die einen das individuelle Glücksstreben des Menschen als notwendige Prämisse anerkennen und sich der potentiellen Fehlerhaftigkeit jedes Arguments bewusst sind, begreifen die anderen dieses individuelle Glücksstreben als eine geradezu satanische Anleitung zur Missachtung heiliger Gebote und sich selbst als Verwalter göttlich offenbarter Wahrheit, die jeden noch so kleinen Irrtum per definitionem ausschließt und deshalb argumentativ “unantastbar”, d.h. nicht verhandelbar ist.4
Zweitens: Jedes noch so kleine Zugeständnis an die Adresse religiöser Obskurantisten wird von diesen als Ermutigung empfunden, das von ihnen verfolgte, “unvollendete Projekt der Gegenaufklärung” weiter voranzutreiben. Wenn Rechtsstaaten vor den militanten Protesten religiöser Fundamentalisten einknicken, so hat dies eben nicht nur zur Folge, dass Errungenschaften der Moderne unmittelbar zurückgefahren werden (etwa durch die rücksichtsvolle Zensur religionskritischer Kunst5). Bedrohlicher noch ist, dass durch die damit einhergehende positive Verstärkung fundamentalistischer Borniertheitsreaktionen – das ängstliche Zurückweichen auf der einen Seite belohnt den Gebrauch des Faustrechts auf der anderen! – eine höchst ungesunde Dynamik ausgelöst wird, die im schlimmsten Falle auf einen kontinuierlich fortschreitenden Prozess der Aushöhlung aller rechtsstaatlich garantierten Freiheiten hinausläuft.
Vor diesem Hintergrund muss man die Reaktionen westlicher Politiker auf den sog. “Karikaturenstreit” als höchst problematisch einstufen. Zwar würdigten sie in ihren Stellungnahmen allesamt das hohe Gut der Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit, doch bemühten sich die allermeisten von ihnen, beinahe im gleichen Atemzug ihr tiefes Verständnis für die “verletzten religiösen Gefühle” und ihre Abscheu gegenüber den vermeintlich “geschmacklosen” Mohammed-Karikaturen6 zu demonstrieren. Auch auf diese subtile Weise können fundamentale Freiheitsrechte auf dem Altar der Diplomatie geopfert werden.7
Jede Zeitung, jeder Rundfunk- oder Fernsehsender wird sich von nun an noch ängstlicher fragen, wie weit sie/er in punkto Religionskritik überhaupt gehen darf. Will heißen: Die berühmte “Schere im Kopf” wurde durch den Karikaturenstreit erneut geschliffen, was für das Projekt der offenen Gesellschaft eine gefährliche und für die meisten unsichtbare Bedrohung darstellt.8 Denn wodurch zeichnet sich eine offene Gesellschaft vor allem aus? Keineswegs dadurch, dass sie durch die Gewährleistung entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen aufklärerische Kritik “gerade noch so toleriert”, sondern dass sie über diesen rechtlichen Rahmen hinaus ein kulturelles Klima schafft, welches zu Kritik regelrecht ermuntert. Wer nur auf den juristischen Apparat hinweist und meint, dass damit schon alles aufs Beste geregelt sei, der übersieht fahrlässig, dass Freiheitsspielräume, die aus Scham nicht genutzt werden, de facto bedeutungslos werden.
Worauf ich hinaus will: Man muss die für moderne Gesellschaften konstitutive “Leitkultur Humanismus und Aufklärung” in erster Linie als eine “Streitkultur” begreifen. Eine solche produktive Streitkultur kann, ja muss mitunter “weltanschauliche Verletzungen” miteinschließen. Religiöse Gefühle stehen keineswegs unter “Denkmalschutz”. Im Gegenteil: Hätten die Aufklärer der Vergangenheit nicht den Mut aufgebracht, religiöse Gefühle zu verletzen, würden in Europa wohl heute noch die Scheiterhaufen brennen…
Insofern war es für die Verteidigung der aufklärerischen Streitkultur wichtig, dass sich trotz aller Bedenkenträger, die infolge des Karikaturenstreits geradezu Amok liefen, doch noch einige Kommentatoren fanden, die sich unbeirrt über die religiös definierten Tabugrenzen hinwegsetzten. Besonders hervorzuheben ist dabei ein Beitrag von Wiglaf Droste, der am 10. Februar, also auf dem Höhepunkt des Karikaturenstreits, in der taz erschien.9 Droste gelang es hier auf eine genial-schnoddrige Art, sowohl die apokalyptische Matrix der Religionen als auch die gegenaufklärerisch wirkende Feigheit säkularer Appeasement-Politiker auf humorvolle (manche würden sagen: grob verletzende) Art zu demaskieren.
Als “Ausschankstelle(n) für kollektiven Irrsinn”, stellte Droste trocken fest, seien die Religionen “im Wahn vereint”. Und er fügte hinzu: “Statt froh und dankbar zu sein, dass man sie nicht in die Gummizelle packt, werden die Gläubischen auch noch frech. Ob sie sich im Aggregatzustand des fanatischen Mohammedaners oder des knuddeligen Christenschafes zeigen, macht nur einen graduellen Unterschied, keinen wesentlichen.” Den Apokalyptikern aller Religionen schrieb der Satiriker ins Merkbuch, dass es “keinen Kampf zwischen Gut und Böse” gebe, sondern “nur den zwischen Klug und Blöde”.
Doch auch die Fraktion der – wie ich sie bezeichnen möchte – “pseudoliberalen Fundamentalistenversteher” bekam ihr Fett weg: “Das appeasementhafte Gerede vom ‘Respekt vor religiösen Gefühlen’ hat”, so Droste, “nichts mit Toleranz zu tun; es ist entweder Teil der religiösen Propaganda oder schlicht Ausdruck einer Feigheit, die sprichwörtlich geworden ist: Der Klügere gibt nach. Das hat der Dummheit noch immer zum Sieg verholfen.”
Treffender kann man es nicht formulieren! In der Tat bilden die “apokalyptischen Reiter”, damit meine ich jene, die zwanghaft auf der Wahnidee der Apokalypse herumreiten, eine höchst gefährliche Achse der Blöden. Man kann sich des Eindrucks kaum noch erwehren, dass die Menschheit mittlerweile weit weniger von Naturkatastrophen oder skrupellosen Konzernchefs bedroht wird als von dieser schier allumfassenden, munter von Kontinent zu Kontinent hüpfenden, jeden Hauch von Rationalität im Keim erstickenden Riesenblödheit.
Doch so sehr dieser Eindruck auch zutreffen mag, so darf die Analyse an dieser Stelle selbstverständlich nicht abbrechen. Denn natürlich fiel auch diese interkontinentale Riesenblödheit nicht plötzlich “vom Himmel” – so sehr sich die von dieser Geisteskrankheit betroffenen Individuen solches herbeihalluzinieren mögen. Kollektiver Irrsinn bedarf notwendigerweise eines entsprechenden gesellschaftlichen (sozialen, ökonomischen, kulturellen) Nährbodens, um überhaupt gedeihen zu können. Leider, so muss man feststellen, ist ein solcher Nährboden vielerorts reichlich vorhanden – nicht nur in den muslimischen Ländern. Schaut man sich die bestehenden weltgesellschaftlichen Verhältnisse genauer an, so braucht man sich nicht zu wundern, dass sich mehr und mehr Menschen in den Wahn stürzen, sich aus der harten bzw. überkomplexen Wirklichkeit fortlügen, um sich auf diese Weise noch einen allerletzten Rest an Bedeutung, an Identität, zu sichern. Wohl wahr: “Von Menschen, die keinen Zugang zu vernünftigen Sozial- und Bildungssystemen haben, die unter solch kümmerlichen Bedingungen leben, dass am Ende die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Volksgruppe das Einzige bleibt, worauf sie in ihrem Leben stolz sein können, kann man kaum etwas anderes erwarten.”10
Es wäre ein schwerwiegender Fehler, würden wir damit fortfahren, die im höchsten Maße wahngenerierenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Missstände als “Probleme anderer Leute” zu begreifen und damit als blinde Flecken aus unserem Gesichtsfeld auszublenden. Wir sollten vielmehr einsehen, dass es heute auf dieser kleinen, blauen Planetenkugel namens “Erde” keine scharf abgrenzbaren “Probleme anderer Leute” mehr gibt. Früher oder später fallen “Probleme anderer Leute” auf uns selbst zurück. Dabei ist der weltweit grassierende Fundamentalismus sicherlich nur eine Ausdrucksform dieses Rückkopplungsprozesses, wenn auch wohl die zurzeit gefährlichste.11
Was lernen wir nun aus alldem?
Erstens: Die Ingenieure der Aufklärung wären gut beraten, baldmöglichst wirksame “Anti-Tarntechnologien” zu entwickeln, die den Wahrnehmungsverzerrungen des “PALismus” entgegenwirken können. Damit wären wir nicht nur gegen intergalaktische Raumschiffe des Douglas-Adams-Universums gefeit, sondern wohl auch gegen die weitere Verbreitung interkontinentaler Wahnsysteme.
Zweitens: Gelingt es nicht, diesen so dringend erforderlichen “Anti-PALismus” gesellschaftlich zu verankern, werden die Offenbarungswütigen möglicherweise über kurz oder lang die Oberhand gewinnen. Welche Konsequenzen dies für die Weltgesellschaft haben könnte, mag man sich kaum ausmalen. Dass “Offenbarung” im Griechischen “Apokalypse” bedeutet,12 könnte unter solchen Bedingungen einen erschreckend realen Sinngehalt entfalten: Während die “apokalyptischen Reiter” früherer Generationen den Weltuntergang bloß herbeisehnen konnten, stehen ihren heutigen Nachfahren die technologischen Mittel zur Verfügung, um ihre Wahnideen zumindest teilweise Wirklichkeit werden zu lassen. So könnte die Apokalypse (im Sinne von “Offenbarung”) tatsächlich zu einem wesentlichen Motor der Apokalypse (im Sinne von “totaler Katastrophe”) werden.
Sollte es einmal dazu kommen, wird uns leider nicht einmal ein intergalaktisches Raumschiff mit “Bistr-O-Matik-Drive” und integrierter “PAL-Feld-Tarntechnologie” retten können. Denn so etwas, liebe Leser, gibt es – dem Babelfisch sei’s geklagt – bedauerlicherweise nur in den wunderbar absurden und doch streckenweise erschreckend wahren Romanen des Douglas Adams…
Anmerkungen
1 Eine kurze Einführung in die “PAL-Feld-Technologie” gibt es im dritten Buch der “fünfbändigen Trilogie” Per Anhalter durch die Galaxis: Adams, Douglas: Das Leben, das Universum und der ganze Rest. München 1983, S.29ff.
2 siehe den Schwerpunktartikel der Autoren in der vorliegenden MIZ sowie (weit ausführlicher): Trimondi, Victor und Victoria: Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse. München 2006.
3 vgl. hierzu u.a. die Veröffentlichungen von Necla Kelek (u.a. Die fremde Braut. Köln 2005; oder: Die verlorenen Söhne. Köln 2006).
4 Selbstverständlich ist dies eine idealtypische Darstellung. In der Realität gibt es unzählige Mischformen von säkularem Denken und religiösem Fundamentalismus, siehe hierzu meine Ausführungen zum Phänomen “Religion light” im Manifest des evolutionären Humanismus (Aschaffenburg 2005).
5 So strahlte der WDR im Zuge des Karikaturenstreits einen Sketch der Stunk-Sitzung über Ratzinger und Meisner (“Ratze & Meise”) aus “Rücksicht vor religiösen Gefühlen” nicht aus. Ohnehin war im diesjährigen Karneval eine weitgehende Tabuisierung religiöser Themen zu beobachten.
6 Bei unvoreingenommener Betrachtung waren diese in Wirklichkeit weit harmloser als beispielsweise Monty Pythons Das Leben des Brian. Dass die politische Motivation der dänischen Zeitung Jyllands Posten, in der die Karikaturen erstmals abgedruckt wurden, keineswegs unproblematisch war, spielt dabei keine entscheidende Rolle. Die Karikaturen selbst waren von unterschiedlicher Qualität. Manche waren eher banal, andere trafen aber durchaus humorvoll ins Schwarze (beispielsweise jene Zeichnung, in der weitere Selbstmord-aktionen im Diesseits mit der Begründung abgesagt wurden, dass im Jenseits einfach keine Jungfrauen mehr zur Verfügung stünden).
7 siehe hierzu auch die Online-Petition der Giordano Bruno Stiftung unter: www.leitkultur-humanismus.de.
8 Mit diesem Phänomen wird sich der Schwerpunkt der kommenden MIZ (2/06) ausführlich auseinandersetzen.
9 Droste, Wiglaf: “gut gegen böse nein, klug gegen blöde ja”. Erschienen in: taz Nr. 7894 vom 10.2.2006, S. 28
10 Schmidt-Salomon, Michael: Manifest des evolutionären Humanismus. Aschaffenburg 2005, S. 115
11 Weitere Rückkopplungsprozesse finden auf sozialem, ökonomischem und ökologischem Gebiet statt (u.a. globale Wanderungsbewegungen, Markteinbrüche, Reduktion der Artenvielfalt und Vernichtung natürlicher Ressourcen). Die einzelnen Krisenphänomene sind dabei nicht isoliert zu betrachten. So sind die im wahrsten Sinne des Wortes “hochexplosiven” Konflikte im “Heiligen Land” nicht nur auf die von sämtlichen Parteien geteilte “apokalyptische Matrix” zurückzuführen, sondern u.a. auf den erbitterten Kampf um eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen der Menschheit – nicht Erdöl, sondern Wasser…
12 Ursprünglich bedeutete das griechische Wort “apokalypsis” schlicht “Enthüllung” oder “Offenbarung”. Da aber die berühmteste aller “Offenbarungen” die sog. “Offenbarung (bzw. Apokalypse) des Johannes” ist (letztes Buch des “Neuen Testaments”) und da diese “Offenbarung” nun von nichts anderem handelt als von dem angeblich kurz bevorstehenden “Weltende”, avancierte der Begriff “Apokalypse” in Folge zu einem Synonym für “Weltuntergang” bzw. für “totale Katastrophe”.
Artikel aus MIZ 1/06
zurück zum Inhaltsverzeichnis