Editorial 4/05

von Gunnar Schedel

Privilegierung und Kontrolle

Die Strategie, Integration durch Einbindung von Religionsgesellschaften zu verbessern, verdient unsere Beachtung – und unseren Widerspruch

Daß Deutschland ein Einwanderungsland ist, wird mittlerweile bis in konservative Kreise hinein als Tatsache akzeptiert. Wahrscheinlich war die von Friedrich Merz auf die Tagesordnung gesetzte “deutsche Leitkultur” der letzte Versuch, die Illusion einer homogenen – “deutschen” – Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Hier schien noch einmal die vormoderne Vorstellung der Volksgemeinschaft durch, die in den Zeiten der Globalisierung und der damit einhergehenden Mobilität jedoch so lächerlich wirkt, daß sie schnell wieder in der Mottenkiste verschwand.

In der Realität herrscht in Deutschland eine Pluralität der Lebensentwürfe vor und Einwanderung kann als ein Aspekt der Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft angesehen werden. Dieser Zustand ist keineswegs ein stets harmonisches, als kulturelle Vielfalt beschreibbares Nebeneinander, wie es manche Multi-Kulti-Träumerei suggeriert. Gerade importierte Religiosität kann, sofern sie nicht ausschließlich im Status exotischer Staffage (kahlgeschorene, bimmelnde, rotgewandete Mönche auf dem Stadtfest) verbleibt, durch die von ihr geprägten sozialen Gewohnheiten mit der westlichen Idee der Menschenrechte kollidieren. Die im vergangenen Jahr einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewußtsein gekommenen Beispiele “Zwangsheirat” und “Ehrenmord” machen sofort klar, daß es einen Punkt gibt, an dem sich die Frage nach der “Hausordnung” stellt: Wieviel Differenz ist möglich, bis wohin kann das “Andere” für sich reklamieren, “anders” sein zu dürfen? Welche Gemeinsamkeiten muß es in einem Gemeinwesen geben? Ob in diesem Zusammenhang der Begriff “Leitkultur” bemüht werden muss oder – technokratischer – Rahmenbedigungen zur Regelung gesellschaftlicher Konflikte gesucht werden, sei fürs Erste mal dahingestellt.

Die Aufgabe der kommenden Jahre dürfte sein, die säkulare Gesellschaft (resp. ihre Ansätze) zu verteidigen, ohne das Ziel einer (auch für Einwanderung) offenen Gesellschaft aufzugeben. Die diesbezüglichen “Frontlinien” haben sich längst verändert. Während vor zehn Jahren die beiden christlichen Großkirchen allen Bemühungen ihrer nah- und fernöstlichen Konkurrenz um staatliche Anerkennung und Privilegierung tendenziell ablehnend gegenüberstanden, unterstützen sie diese heute (z.B. die Einführung eines analog zum konfessionellen Religionsunterricht strukturierten Islam-Unterrichts). Gerade die Maßnahmen zur Integration von Einwanderern haben sich hierbei als Einfallstor erwiesen, Religionsgemeinschaften mit öffentlichen Aufgaben zu betrauen. Nachdem den jüdischen Gemeinden die Betreuung russischsprachiger jüdischer Immigranten teilweise übertragen wurde (vgl. MIZ 2/03), dienen sich nun zunehmend auch islamische Gruppierungen an. Das deutsche Verständnis von Subsidiarität kommt dem entgegen und begünstigt so die Vermengung sozialer und pädagogischer Dienstleistungen mit Mission. Indem Moscheevereine als soziale Anlaufstelle für Menschen aus einem bestimmten Herkunftsland fungieren, Herkunft, Religion und soziale Bedürfnisse also verkettet werden, entstehen soziale Strukturen, die nicht nur aus säkularer Perspektive als bedenklich gelten müssen. Wer Menschen auf diese Weise nach ethnischen Kriterien sortiert, darf sich über die Entstehung von Parallelgesellschaften, die nicht von Freiheit und Gleichheit aller Menschen geprägt sind, nicht wundern.

Zielkonflikte sind dabei vorprogrammiert, denn innerhalb des fortschrittlichen Lagers besteht derzeit keine Einigkeit, in welcher Hierarchie die zentralen Werte stehen, und auch die Analysen, wer diese Werte am stärksten gefährdet bzw. auf welchem Weg sie am effektivsten erreicht werden können, unterscheiden sich. Auch innerhalb des linken Spektrums gibt es Stimmen, die zur Abwehr antisemitischer oder rassistischer Tendenzen für die staatliche Unterstützung jüdischer und muslimischer Religionsgemeinschaften plädieren. Die Folgen eines größeren Einflusses der religiösen Gruppierungen auf das Gemeinwesen werden entweder nicht gesehen oder als das “geringere Übel” bewußt in Kauf genommen. Dies ist auch ein Aspekt des Beitrags von Hartmut Krauss, der untersucht, welche Rolle die Religion bei der globalen Durchsetzung der “Leitkultur” Kapitalismus einnimmt und wo Gegenstrategien ansetzen müßten.

Steffen Rinks Plädoyer, die religiöse Identität der Eingewanderten in stärkerem Maße als bislang zu berücksichtigen und für die Integration nutzbar zu machen, dürfte bei vielen unserer Leserinnen und Leser auf Skepsis oder Widerspruch stoßen. Die politischen Realitäten – sowohl Sozialdemokraten und Grüne als auch die Union befürworten die stärkere Einbindung zumindest eines Teils der Religionsgesellschaften in Integrationsprozesse – zwingen das säkulare Lager jedoch zu einer Stellungnahme, die eine weitere Frage mitbeantwortet: welche Möglichkeiten der Teilhabe eröffnet eine “Leitkultur Aufklärung und Humanismus”, die explizit den Einfluß der Religion und damit ihrer organisierten Bannerträger auf die Gesellschaft beschränken will, gerade jenen, die diesen Traditionen bislang eher fern standen? Die Warnung, daß die Säkularität als zentrale Grundlage der Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft durch eine Ausweitung der Privilegien auf immer mehr Religionsgesellschaften gefährdet wird, ist ebenso berechtigt wie der Hinweis, daß die Hoffnung auf dadurch angestoßene Demokratisierungsprozesse sich als Illusion erweisen könnte. Dies vorzubringen dürfte allerdings kaum ausreichen, diese Entwicklung zu stoppen. Um der religiösen Lobby etwas entgegenzusetzen, wird es notwendig sein, die Integrationsfähigkeit des Säkularismus nicht nur zu behaupten und zu begründen, sondern auch zu belegen. Da es kaum denkbar erscheint, daß die kleinen säkularen Verbände diese Aufgabe alleine stemmen, könnte eine Strategie darin bestehen, Organisationen anzusprechen, die in diesem Bereich tätig sind und defacto auf säkularer Basis arbeiten, dies in ihrer Selbstdefinition aber nicht betonen. Wenn es gelingt, “Säkularität” als Wesens- und Qualitätsmerkmal im Profil der betreffenden Einrichtungen zu verankern, könnte dies eine Debatte über zwei grundverschiedene Integrationsmodelle nach sich ziehen. Wohlgemerkt: dies wäre ein laizistischer Ansatz, der Platz läßt für die religiöse Identität des (oder der) Einzelnen und nur bedingt religionskritisch ist. Doch immerhin ergibt sich dadurch vielleicht die Möglichkeit, die Präsenz religiöser Organisationen in diesem Bereich einzuschränken. Die Durchsetzung einer “Leitkultur Aufklärung und Humanismus”, in deren Zuge thematisiert werden müßte, ob die Bezugnahme auf die Religion tatsächlich die Integration des Individuums begünstigt oder nur den religiösen Institutionen ein weiteres öffentlich finanziertes Betätigungsfeld schafft, wäre hier dann das darüber hinausgehende, langfristige Ziel.

Im Themenbereich “Importierte Religiosität” lauern noch andere Kurz- und Fehlschlüsse. Auch dies läßt sich anhand der Beispiele “Zwangsheirat” und “Ehrenmord” illustrieren. Denn beide Phänomene traten und treten keineswegs nur in islamischen Gesellschaften auf. Die patriarchale Vorstellung, daß die Frauen gewissermaßen zum “Hausstand” der Familie gehören, ist zu verschiedenen Ideologien kompatibel. Und so ist bei jedem Zustand oder Ereignis genau hinzuschauen, welchen Anteil Faktor Religion daran tatsächlich hat. Bernhard Schmid tut dies für die Novemberunruhen in den Banlieues des französischen Städte, die vielfach als Aufstand muslimischer Jugendlicher dargestellt wurden. Sein Fazit lautet, daß es dabei weit mehr um soziale denn um religiöse Motive ging; trotzdem hat das Ereignis einen religiösen Aspekt, dessen Folgen möglicherweise weit über den Tag hinausreichen, an dem das letzte ausgebrannte Auto abgeschleppt wurde.

Auch die Diskussion über angebliche oder tatsächliche Parallelgesellschaften hat oft eine befremdliche Tendenz. Denn die davon ausgehende Gefahr trifft zunächst keineswegs für die “Mehrheitsgesellschaft”, sondern für hier lebende Migranten, die sich nicht den religiösen Bestimmungen unterwerfen wollen. Gerade wenn Moscheen zu sozialen Zentren ausgebaut werden und Alternativen fehlen, geraten sie unter den Druck sich anzupassen und sind bei Zuwiderhandlung Bedrohungen ausgesetzt. Da immerhin 30% der Einwanderer als explizit nicht-religiös eingeschätzt werden, existiert hier tatsächlich ein Konfliktpotential, doch sind bei genauerem Hinsehen die in erster Linie Betroffenen ganz andere, als von konservativen Kreisen suggeriert.

Die Debatte über den Zusammenhang von Religion und Integration wurde in den Verbänden und Medien der Konfessionslosen bislang noch nicht intensiv geführt. Welche Strategie verteidigt die Säkularität des Gemeinwesens, ohne die Religionsfreiheit der Einzelnen unverhältnismäßig einzuschränken? Inwieweit läuft “Integration” zwangsläufig auf “Assimilation” hinaus und wieviel “Fremdenfähigkeit” muß in einer Einwanderungsgesellschaft geben? Welche Auswirkungen haben die jeweiligen Grundkonzeptionen der säkularen Verbände (weltanschauliche Neutralität vs. Pluralität vs. “Leitkultur Humanismus und Aufklärung”) auf ihre Positionierung zu diesem Thema und welcher Ansatz hat die Aussicht, “realpolitisch” umgesetzt zu werden? Im Kontext der Gleichberechtigung der Religionen wird für die Frage, wie säkular unsere Gesellschaft in Zukunft sein wird, zentral wichtig sein, welche Ergebnisse hier erzielt werden. Dabei geht es nicht allein um die Trennung von Staat und Kirche. In Zeiten der Privatisierung von Dienstleistungen – und Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse oder Sozialarbeit vor Ort werden durchaus als solche verstanden – können Religionsgemeinschaften sich über neue Wege in der Gesellschaft verankern. Am Ende steht schließlich nicht die Integration des Einzelnen, sondern die Einbindung religiöser Vereinigungen ins Netz staatlicher Privilegierung und Kontrolle. Die Einwanderer werden dann doppelt gegängelt: von den Behörden und “ihrer” Religionsgemeinschaft. Vom Traum eines Lebens in Freiheit und Gleichheit könnte dieser Zustand kaum weiter entfernt sein.

P.S. Auch im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung findet sich übrigens die Tendenz, Kultur und Religion in einem Atemzug zu nennen und gerade letzterer eine große Bedeutung bei der Integration von Migranten zuzuweisen. In Kapitel 1.2 “Migration steuern – Integration fördern” heißt es: “Wir werden einen intensiven Dialog mit den großen christlichen Kirchen und mit Juden und Muslimen führen. Ein interreligiöser und interkultureller Dialog ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil von Integrationspolitik und politischer Bildung; er dient auch der Verhinderung und Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Extremismus. Gerade dem Dialog mit dem Islam [wohlgemerkt: nicht mit den Menschen, den Muslimen; gs] kommt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle zu.”

 


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