Zündfunke 2/06

Menschenrechte

Die Humanistische Union Frankfurt hat in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Rundschau im Frühjahr eine Veranstaltungsreihe „Leitkultur Menschenrechte“ durchgeführt.

In der Auftaktveranstaltung plädierte MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon für eine „Leitkultur Aufklärung und Humanismus“ und umriss den religionskritischen Aspekt seines Ansatzes. Dabei stellte er dar, dass der religiöse Zugang zur Welt an eine autoritäre Denk-struktur gekoppelt ist, die es zu überwinden gelte. In der Diskussion ging es nicht zuletzt darum, ob die Mehrheit hiesiger Kirchenmitglieder überhaupt noch auf dem Boden der kirchlichen Lehre steht. Daneben fragten mehrere Redebeiträge, wie sich ein zeitgemäßer Humanismus zum irrationalen und menschenverachtenden Potential unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung zu verhalten habe.

Michael Brumlik, Professor für Pädagogik an der Universität Frankfurt und ehemaliger Leiter des Fritz-Bauer-Instituts, erörterte den Unterschied zwischen „education about human rights“ und „education for human rights“. Wichtig sei, bei den Schülerinnen und Schülern eine ethische Motivation zu verankern; dies könne jedoch nur erfolgreich geschehen, wenn gewisse Voraussetzungen erfült seien. Denn die „Anerkennung der Integrität anderer ist an die Erfahrung eigener Integrität und Anerkennung ... gebunden“. Nur wer respektiert werde, könne auch Selbstachtung entwickeln, die wiederum Grundlage für die Einfühlung in Andere sei.

Die Missachtung der Menschenwürde in der Altenpflege ist seit vielen Jahren das Thema von Claus Fussek. In seinem Vortrag machte der Sozialarbeiter deutlich, dass es sich bei den immer wiederkehrenden Berichten über untragbare Zustände in der Betreuung alter Menschen nicht um bedauerliche Einzelfälle handelt, sondern dass hier trotz Pflegeversicherung eine strukturelle Fehlentwicklung eingetreten ist.

Der Friedensforscher Peter Strutynski behandelte das Problem der Durchsetzung von Menschenrechten mittels militärischer Gewalt. Zwar sei es richtig, dass Menschenrechte universelle Gültigkeit beanspruchen, doch mit den „humanitären Interventionen“ setze sich die UNO über ihre eigene Charta hinweg. Ein Militäreinsatz stelle selbst einen gravierenden Rechtsbruch dar, da das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit bedroht werde; zudem habe keine der Militärinterventionen nachhaltig Frieden gestiftet.

Als gerade über das „Anti-Diskriminierungsgesetz“ verhandelt wurde, referierte Carsten Frerk über Caritas und Diakonie, die in ihren Einrichtungen seit je gegen den ursprünglichen Gedanken der Richtlinie verstoßen. Neben dem besonderen kirchlichen Arbeitsrecht und den Folgen für die fast eine Million Beschäftigten erläuterte der Politologe und Buchautor auch, wie sich soziale Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft finanzieren: der Zuschuss aus Kirchenmitteln beläuft sich im Durchschnitt auf gerade einmal 2% der Gesamtkosten.

Die Vorträge stießen auf großes Interesse, so dass die Reihe im Herbst fortgesetzt werden soll.

 


Jesus klebt!

Unter dem Titel „Jesus klebt!“ präsentierte der Künstler Jacques Tilly im Club Voltaire in Tübingen Werke aus einem bislang unveröffentlichten antiklerikalen Skizzenbuch. Tilly zeigte seine Cartoons und kommentierte die Bilder mit kritischen Überlegungen zu theologischen Positionen, Fakten aus der Kirchengeschichte und Bibelstellen; unterstützt wurde er dabei vom Religionssoziologen Günter Kehrer. Da im Pubikum zahlreiche Gläubige anwesend waren, kam es im Anschluss zu einer sehr lebhaften Diskussion, die engagiert, aber weitestgehend sachlich verlief. Insofern lieferte Tillys „illustrierte Lesung“ einen Beleg dafür, dass auch provozierende Bilder eine konstruktive Debatte auslösen können.

 


Diskriminierungsgesetz

Auf heftigen Widerspruch ist der Kompromiss der Großen Koalition zum sog. Gleichstellungsgesetz im säkularen Lager gestoßen. Waren bereits die diversen Entwürfe scharf kritisiert worden, weil sie für die Kirchen und ihre Sozialeinrichtungen Ausnahmeregelungen vorsahen und somit die Diskriminierung konfessionsloser Kindergärtnerinnen oder Krankenpfleger gesetzlich absicherten anstatt sie aufzuheben, löste die endgültige Fassung Empörung aus. Denn CDU und SPD hatten sich darauf geeinigt, nur die Diskriminierung aus Gründen der Religionszugehörigkeit zu verbieten, Weltanschauungen hingegen kommen im Gesetzestext nicht mehr als schutzbedürftig vor. In einem Artikel in der Tageszeitung junge Welt sprach der Vorsitzende des Deutschen Freidenker-Verbandes (DFV), Klaus Hartmann, vom „dümmsten gemeinsamen Nenner“. In der offiziell vorgetragenen Begründung, Rechtsextremisten könnten davon profiteren, wenn auch (nicht-religiöse) Weltanschauungen geschützt würden, sieht er eine „windige Ausflucht“ und er empfiehlt „gesetzgebenden Diskriminierungsexperten“ den Blick ins Grundgesetz: dort könnten sie nicht nur nachlesen, dass die Weltanschauungsgemeinschaften den Religionsgesellschaften gleichgestellt seien, sondern auch entdecken, dass sich niemand auf seine nationalsozialistische Weltanschauung berufen könne, da sämtliche diese tragende Organisationen nach Art. 139 aufgelöst sind.

Auch der Humanistische Verband (HVD) Nürnberg sieht das Grundgesetz verletzt und im Gleichbehandlungsgesetz de facto ein Ungleichbehandlungsgesetz: „der Moslem, der Buddhist oder Christ darf eine Gleichbehandlung einfordern, aber diejenigen Menschen, die sich keiner Religion verbunden fühlen, sollen sich gegen Diskriminierung nicht wehren dürfen“. Sollte das Gesetz in dieser Form verabschiedet werden, erwägt der HVD eine Verfassungsklage.

 


Ausstellung

In Berlin war im Juni im Rathaus Schöneberg eine Ausstellung mit dem Titel „Humanismus – Geschichte und Gegenwart“ zu sehen. Sie zeigte auf 22 Tafeln die historische Entwicklung des Humanismus von seinen Anfängen in der Antike über die Wiederentdeckung humanistischer Ideen in der Renaissance bis hin zu den liberalen und sozialistischen Vereinigungen, die sich seit dem 19. Jahrhundert der Freidenkerei verschrieben hatten. Um wirkmächtig zu werden, musste sich zur Idee jedoch eine humanistische Praxis gesellen. Darauf verwies der Vorsitzende des Humanistischen Verbands (HVD), Horst Groschopp, in seiner Eröffnungsrede: „Wer Humanismus außerhalb des Lebens der kleinen wie der bessergestellten Leute verortet, wird fehlgehen in der Würdigung der wirklichen Leistung, wird das über die Antike hinausgehende Kunststück nicht erkennen, nämlich die Entdeckung der allgemeinen Menschlichkeit, der Menschlichkeit schlechthin, der erst noch die konkrete Menschlichkeit, die Toleranz und Gleichberechtigung kennt, in der Aufklärung und der Erfindung der Menschenrechte hinzugefügt werden muss – ganz abgesehen von der Idee der Gleichheit, die ihre sozialen Implikationen hat, die von der Arbeiterbewegung aufgegriffen werden.“ Anlass für die Ausstellung ist das 100-jährige Bestehen des Humanistischen Verbandes bzw. seiner Vorläuferorganisationen.

Vom 2. November bis 15. Dezember werden die Tafeln erneut zu sehen sein und zwar im Projekt-raum Alte Feuerwache, Marchlewskistr. 6, Berlin-Friedrichshain.

Zur Ausstellung ist eine Broschüre zum Preis von 3.- Euro erschienen. Sie ist erhältlich beim HVD, Wallstr. 65, 10179 Berlin, Fon (030) 61 390 40 oder unter www.denkladen.de.

 


Vorträge

Im Rahmen der Versammlung aller Ortsgemeinschaften des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Bayern  beleuchtete Rob Tielman in einem Vortrag die holländischen Verhältnisse und die Bedeutung des weltlichen Humanismus bei unseren Nachbarn. Er zeichnete sehr lebhaft und anschaulich ein anregendes Bild vom „humanistischen“ Zustand bei ihm zu Hause und von den Aktivitäten, die mit staatlicher Unterstützung dort möglich sind.

Der zweite Referent, der gemaßregelte Göttinger Theologie-Professor Gerd Lüdemann, berichtete über die Situation in Deutschland, wobei er dies sehr aktuell am Beispiel seiner eigenen Person tat. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeiten am Institut für evangelische Theologie ist er zu dem Schluss gekommen, dass es den biblischen Jesus so nicht gegeben haben kann und damit ein wesentliches Fundament für christlichen Glauben entfällt. Als Wissenschaftler ist er damit quasi ins gesellschaftliche Aus befördert worden, weil er aktuell um Erkenntnisfreiheit betrogen wird; als evangelischer Theologie-Professor muss er in der Lehrtätigkeit – auch entgegen seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse – dem christlichen Glauben verbunden sein und auch den biblischen Jesus aufrechterhalten. Anhand der laufenden Gerichtsverfahren schildert Lüdemann eine Bundesrepublik, die von den Zuständen in den Niederlanden wohl weit entfernt ist.

Beide Referenten stießen auf interessierte Zuhörer/innen im gut besuchten Hörsaal der Universität München, die gleichzeitig umrandet wurde von den „Dauercampern“ unter den Studenten/ Studentinnen, die in der Universität durch Sitzstreiks für die Streichung der geplanten Studiengebühren protestierten.

 


Dritte Kraft

Angesichts des sich zuspitzenden Konflikts um das iranische Atomprogramm fordert eine Proklamation, die von iranischen Exilanten initiiert wurde, sich nicht vor die Alternative „Islamische Atombombe versus US-Militärschlag“ stellen zu lassen. Als „dritte Kraft“ sollten „alle humanitären, säkularen, gegen Krieg eingestellten und freiheitsliebenden Organisationen ... und Persönlichkeiten“ sowohl gegen die Verbrechen der Islamischen Republik Iran als auch gegen einen drohenden Krieg einzutreten. Insbesondere wird darauf verwiesen, dass die iranische Bevölkerung, die seit 27 Jahren unter dem Terror des Mullah-Regimes und den wirtschaftlichen Folgen zu leiden hat, ihr Schicksal selbst bestimmen soll. Eine als „Demokratisierung“ etikettierte Installierung einer reaktionären Marionettenregierung durch die USA biete keine Perspektive für die Menschen im Iran. Das Hegemonialstreben der USA und der politische Islam werden als zwei extreme Strategien beschrieben, die beiden keine „Lösung für die gegenwärtige Krise und die damit verbundenen Fragen“ parat haben, vielmehr seien sie „selbst Verursacher dieser Krisen und ihrer Verschärfung und Vertiefung“.

Die Third Camp-Proklamation kann online unterzeichnet werden: http://www.thirdcamp.com/

 


GWUP-Konferenz

Auf der Jahrestagung der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in Essen stand dieses Jahr das Thema Medizin im Mittelpunkt. Dabei ging es nicht ausschließlich um mehr oder weniger obskure Alternativverfahren, auch die real existierende Schulmedizin wurde ins Viser genommen. Vor allem die Ärztin Gabi Hoffbauer wies in ihrem Vortrag auf „Mythen und Defizite in der Medizin“ hin. Als ein zentrales Problem benannte die Wissenschaftsautorin dabei, dass zu oft nicht der Patient im Mittelpunkt der Therapie stehe („Behandlung von Befunden statt von Menschen“). Werner Hessel bemühte sich, die „Evidenzbasierte Medizin“ als eine sinnvolle Grundlage ärztlichen Handelns vorzustellen (wobei die Bezeichnung „Wissensbasierte Medizin“ treffender erscheint, da nicht auf „Evidenz“ sondern auf die erwiesene Wirksamkeit einer Behandlung rekurriert wird). Dieser Ansatz soll die bestmögliche individuelle Behandlung gewährleisten und zugleich ärztliche Entscheidungen für die Patienten transparenter machen. Allerdings gab der Vortrag nur ein bruchstückhaftes Bild des Konzeptes, da in der Fülle der Detailinformationen allzu häufig der rote Faden verloren ging. Martin Lambecks Beitrag führte dann klar vor Augen, dass es nicht allein eine Frage der Ergebnisse klinischer Studien ist, welche Therapien angewandt und von den Krankenkassen bezahlt werden, sondern die Lobbyarbeit der Anbieter von Außenseiterverfahren Früchte trägt. Selbst in Fachorganisationen finden sich mittlerweile Befürworter eines „Pluralismus in der Medizin“, in dessen Rahmen Methoden, die explizit gegen physikalisches Grundwissen verstoßen, in den Kanon der Medizin aufgenommen werden sollen.

Weitere Vorträge der GWUP-Konferenz, die am ersten Tag im selbstverwalteten Unperfekt Haus stattfand, beschäftigten sich mit Marienerscheinungen, so genannten Chemtrails (angeblich Kondensstreifen aus giftigen Chemikalien, die zur Reduzierung des Treibhauseffektes in den Himmel geblasen werden) oder dem Bibel-Code (dem Buch eines amerikanischen Journalisten, der Vorhersagen aktuellen Weltgeschehens in der Bibel entdeckt habe will). Die Notwendigkeit, größeren Einfluss auf die Politik zu gewinnen, verdeutlichte das Referat von Dittmar Graf, Professor für Biologie und ihre Didaktik an der Universität Dortmund. Er zeigte anhand von Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien, wo parawissenschaftliche Auffassungen in den Biologieunterricht eingesickert sind. Das Problem, wie skeptisches Denken an Kinder und Jugendliche herangetragen werden kann, wurde auch in einer Arbeitsgruppe diskutiert, mit dem Ergebnis, dass sich die GWUP stärker um diese Zielgruppe sowie den schulischen Bereich kümmern möchte.

 


Landesverband

Seit Anfang Juni hat der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) im bevölkerungsreichsten Bundesland wieder einen Landesverband. Beiratsmitglied Carsten Frerk stellte in seiner Funktion als Leiter der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) zahlreiche Daten vor, die nahelegten, dass gerade in Nordrhein-Westfalen eine starke und aktive Vertretung der Interessen der Konfessionslosen geboten ist. Nachdem die Formalitäten und Wahlen abgeschlossen waren, wurde über mögliche Arbeitsfelder debattiert. Vor allem im schulischen Bereich zeichnen sich Konflikte ab. So berichtete ein Mitglied, das Beschwerde gegen Schulkreuze an einer öffentlichen Schule in NRW erhoben hat, über seine anschließenden Erfahrungen.

 


Artikel aus MIZ 2/06

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