von Michael Schmidt-Salomon
Früher, in meiner Kindheit, hatte ich großes Vergnügen an Brettspielen – zumindest dann, wenn ich gute Aussichten hatte, das Spiel zu gewinnen. Geriet ich jedoch an einen Gegner, der besser war als ich und der mir deshalb auch schnell meine Grenzen aufzeigte, so konnte es passieren, dass ich die Spielfiguren wütend vom Tisch schmiss, wild drauflos heulte und mich hartnäckig weigerte, weiterzuspielen. An diesen kindlichen Narzissmus erinnert mich das Verhalten so mancher Vertreter von Religion und Politik. Ganz offensichtlich wollen auch sie nicht mehr „mitspielen“, ja, hätten sie die Gelegenheit dazu, würden sie das satirische Spiel freigeistiger Kritiker wohl gänzlich verbieten. Warum? Weil sie aus gutem Grund befürchten müssen, in einem intellektuellen Wettstreit hoffnungslos zu unterliegen.
Unbewusst zumindest scheinen Stoiber, Meisner & Co. zu ahnen, dass sie auf die Fundamentalkritik der Religion nicht mit guten Argumenten antworten und auch der satirischen Aufarbeitung des Glaubens nichts Gescheites entgegensetzen können. In dieser unbequemen Situation wählen sie eine bewährte Strategie aus fernen Kindertagen: Unfähig, selbst etwas Konstruktives zum Spiel beizutragen, gefallen sie sich in der Rolle der „beleidigten Leberwurst“. Weinerlich und mit schmerzverzerrtem Gesicht zeigen sie auf ihre ach so gebeutelten „religiösen Gefühle“ und rufen nach dem starken „Vater Staat“, der sie vor dem frechen „Kritiker-Pack“ zu schützen habe. Freilich, auch das kennen wir aus der Kindheit: „Das sag ich meinem großen Bruder!“, hieß es da. Was blieb einem Rotzbengel in aussichtsloser Lage auch anderes übrig, als nach dem großen Bruder zu rufen, in der Hoffnung, dass der Gegenüber angesichts dieser gemeinen Drohung klein beigeben würde?
Dass erwachsene Menschen meinen, sich so kindisch benehmen zu müssen, ist schon ein arges Armutszeugnis. Darf man darüber schmunzeln? Gewiss. Und doch, ich muss es gestehen, wirkt diese Form geistiger Armut auf mich auch zutiefst Mitleid erregend. Mitunter ertappe ich mich sogar bei dem Gedanken, die Stoibers und Meisners dieser Welt an die Hand nehmen zu wollen, ihre Krokodilstränen mit einem Seidentüchlein zu trocknen und ihnen sanft ins Ohr zu flüstern: „Ach, weißt du, so schlimm ist das doch alles gar nicht! Gleich geht’s dir bestimmt wieder besser! Don’t worry, be happy!“
Ich bin überzeugt, dass ich mit dieser sentimentalen Gefühlsregung keineswegs allein da stehe. Schließlich haben nicht wenige Freigeister in der Vergangenheit bereits zur Mäßigung in religionskritischen Angelegenheiten aufgerufen. Und müssen wir uns nicht tatsächlich fragen, ob wir die Gläubigen nicht endlich in Ruhe lassen und ihre verletzbaren religiösen Gefühle schonen sollten? Ist es nicht ein Akt „grober Unsportlichkeit“, wenn man auf einen Gegner einschlägt, der argumentativ schon derart auf dem Boden liegt? Sollten wir in Anbetracht des schmerzverzerrten Gesichts eines „religiös Verletzten“ nicht eine Art „satirische Beißhemmung“ entwickeln?
Es tut mir leid: Auch wenn es hartherzig klingen mag, so kann die Antwort auf diese Fragen nur „Nein!“ lauten. Es wäre falsch verstandene Rücksichtnahme, würde man das Projekt der Aufklärung zugunsten weltanschaulicher Engstirnigkeit aufkündigen. Schließlich ist es doch gerade die Funktion der Aufklärung, tradierte Denkblockaden zu sprengen, was notwendigerweise zu einer Verletzung lieb gewonnener Vorurteile führen muss! Wenn Menschen obskuren Heilsbotschaften anhängen, die eine schallende Ohrfeige für den kritischen Verstand darstellen, so können aufklärerisch gesinnte Menschen dies nicht achselzuckend hinnehmen – insbesondere dann nicht, wenn sich auf diese hirnvernebelnden Heilsbotschaften mächtige Institutionen stützen, die dem gesellschaftlichen Fortschritt auf vielen Gebieten (Bevölkerungspolitik, Sterbehilfe, Wissenschaft und Bildung etc.) im Wege stehen. Um es in aller gebotenen Deutlichkeit zu sagen: Wenn Glaubenssysteme ein Wachstum an Humanität und Erkenntnis behindern, so ist die Verletzung religiöser Gefühle oberste Aufklärerpflicht! Wer sich prinzipiell davor scheut, religiöse Gefühle zu verletzen, verrät die Ideale der Aufklärung.
„Nun gut“, wird da der eine oder andere vielleicht einwenden, „dass die Religionen offen kritisiert werden müssen, mag ja schon in Ordnung sein. Nur: Muss das wirklich auf verletzende Weise geschehen? Muss man sich tatsächlich solch „unfeiner Mittel“ wie der Satire bedienen? Kann man nicht stattdessen höflich den konstruktiven Dialog mit den Gläubigen suchen?“
Solche Fragen sind mir in den letzten Jahren häufig gestellt worden. Ich habe mir angewöhnt, in diesem Zusammenhang drei Dinge zu betonen:
1. Wenn man den konstruktiven Dialog mit den Gläubigen nicht nur sucht, sondern diesen auch findet, so ist das eine feine Sache. Allerdings kommt das in der Praxis nur höchst selten vor. Warum? Weil die Gläubigen in der Regel gar kein Interesse haben, in einen wie auch immer gearteten Dialog mit Religionskritikern zu treten – weder die folkloristisch inspirierten „Weichfilterreligiösen“, die sich für religiöse Fragestellungen ohnehin nicht interessieren, noch die echten Gläubigen, die jede kritische Infragestellung ihrer vermeintlichen „Heilsgewissheiten“ meiden wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Will sagen: Der konstruktive Dialog zwischen Gläubigen und Kritikern fällt regelmäßig aus – nicht etwa, weil Religionskritiker diesen Dialog nicht suchten, sondern weil sich außer ihnen fast niemand für einen solchen Dialog interessiert. Die Idee eines höflichen, konstruktiven Dialogs ist zweifellos eine ehrenwerte, eine gut gemeinte Idee, sie scheitert aber notorisch an den harten Kanten der Wirklichkeit. Will man als Religionskritiker die Menschen wirklich erreichen, so muss man nach anderen Kommunikationswegen suchen.
2. Es fällt schwer, religiöse Glaubenssysteme aufklärerisch, d.h. nicht vernebelnd, zu beschreiben, ohne dabei in irgendeiner Weise satirisch zu klingen. Ich wüsste beispielsweise nicht, wie man die zentralen Glaubenssätze des Christentums völlig satirefrei wiedergeben könnte. Zur Erinnerung: Christen glauben nicht nur trotz Hitler, Hunger, Haarausfall an die Allgegenwart eines allmächtigen, allgütigen Gottes. Ihr Gott leidet zudem noch an einer seltsamen multiplen Persönlichkeitsstörung (Dreifaltigkeit), was sich u.a. darin ausdrückt, dass er nach einem ärgerlichen Streit mit seinen Geschöpfen (Sündenfall) einen Teil seiner selbst (Gottsohn) von einer antiken Besatzungsmacht (den Römern) hinrichten lässt, um mit sich selbst und seiner Schöpfung wieder im Reinen zu sein (Erlösung). Im Andenken an diese hochgradig psychopathologische Erlösungstat feiern Christen Woche für Woche ein merkwürdiges Ritual, währenddessen profane Teig-Oblaten in den sich anscheinend milliardenfach replizierenden Leib des hingerichteten Erlösers verwandelt werden, welcher von den Gläubigen sogleich verspeist wird. Der Zweck dieses rituell-kannibalischen Aktes ist ebenso obskur wie der Vorgang selbst: Angeblich soll er die christlichen Jesu-Leib-Vertilger vor Todsünden und dem Einfluss Luzifers bewahren und verhindern, dass die Gläubigen nach ihrem Tod in dem ewigen Flammenmeer einer imaginären Hölle darben müssen. Kurzum: Das Ganze ist so grotesk, dass man ohne Verwendung antiaufklärerischer Vernebelungstaktiken den Eindruck der Lächerlichkeit kaum vermeiden kann. Difficile est satiram non scribere, sagt dazu der Lateiner…
3. Selbst wenn es möglich wäre, in der Auseinandersetzung mit der Religion jede satirische Nuance zu vermeiden, so wäre es doch ein strategischer Fehler, würden wir auf das vermeintlich „unfeine Mittel“ der Satire verzichten, denn die Satire ist seit jeher eine der wichtigsten Waffen im Kampf gegen den Obskurantismus. Das hat drei gewichtige Gründe: a) Eine gute Satire vermag größere Zielgruppen zu erreichen als jede intellektuelle Debatte, b) sie entlarvt auf unwiderstehliche Weise das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit bei jenen Großkopferten, die sich selbst als besondere Autoritäten verstanden wissen wollen, und sie kann c) dadurch, dass sie die Finger erbarmungslos in die Wunde legt, in ganz besonderer Weise Denk- und Verhaltensänderungen bei ihren Adressaten hervorrufen. Dieser dreifachen, subversiven Kraft des Humors ist es geschuldet, dass gerade die Satire von den Hütern des Status quo besonders kritisch beäugt wird und dass man gerade ihr so gerne zu Leibe rückt – entweder mit Morddrohungen und Gewaltexzessen wie im Falle islamischer Fundamentalisten oder mit einer Verschärfung von Zensurparagraphen wie im Falle Edmund Stoibers, der unlängst im Zentralorgan bundesdeutscher Geistlosigkeit, der Bild-Zeitung, drei Jahre Haft für die ach so bösen Gotteslästerer forderte.(1)
Wenn es um die Religion geht, dann ist offensichtlich „Schluss mit lustig!“ – in diesem Punkt sind sich Bush und Bin Laden, Stoiber und Ahmadinedschad erstaunlich einig. Warum nur? Um dies zu verstehen, müssen wir uns die oben angedeutete, dreifache, subversive Wirkung des satirischen Humors etwas genauer anschauen:
a) Dass die Satire eine größere Zielgruppe als die intellektuelle Debatte erreicht, ist historisch bestens belegt. So hätten sich im 18. Jahrhundert sicherlich nur einige wenige Gebildete für eine theoretische Widerlegung des Leibnizschen Satzes von der „Vollkommenheit der besten aller denkbaren Welten“ interessiert, Voltaires bitterböse Leibniz-Satire Candide, in der die zwangsoptimistischen, von der Vollkommenheit der Welt überzeugten Protagonisten von einer grauenhaften Situation in die nächste schlittern, avancierte jedoch zu einem fulminanten Bestseller, über den halb Europa lachte.
Den Hütern des Status quo ist die gefährliche Popularität der Satire sehr wohl bewusst, wie ich u.a. 1994 vor Gericht erfahren durfte. Als ich damals (vergeblich!) für die Aufhebung des Verbots meines religionssatirischen Musicals Das Maria-Syndrom stritt, fragte ich die Richter, weshalb dieses vergleichsweise harmlose Stück verboten werde, während meine weit drastischeren religionskritisch-philosophischen Aufsätze ungestraft blieben. Der vorsitzende Richter antwortete darauf, dass meine philosophischen Aufsätze nur von einer verschwindend kleinen Minderheit gelesen würden, während das Musical ein Massenpublikum erreichen könnte und deshalb weit eher geeignet sei, den öffentlichen Frieden ernsthaft zu stören.
Merke: Nicht die Schärfe eines religionskritischen Angriffs ist justiziabel, sondern die potentielle Gefahr, dass eine größere Anzahl von Menschen davon Wind bekommen könnte. Wenn Nietzsche schreibt: „Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit...“,(2) so ist dies selbstredend eine weit schärfere Verunglimpfung des christlichen Bekenntnisses als sämtliche Späßchen der MTV-Comicserie Popetown zusammengenommen. Dennoch wird sich kaum ein Kirchenvertreter dazu aufraffen, ein Verbot der Nietzsche-Werke vor Gericht zu fordern, wie es im Falle der harmlosen Popetown-Satire bekanntlich geschah. Warum? Weil die Vatikan-Comic-Serie via MTV eine weit größere Zielgruppe erreicht als das Philosophieseminar. Das macht Popetown in den Augen der katholischen Sittenwächter um ein Vielfaches gefährlicher als das Werk Nietzsches. Für noch so ketzerische philosophische Abhandlungen interessieren sich die Zensoren längst nicht mehr, wohl aber für die harmloseste Satire.
b) Der Humor macht religiösen und konservativ-politischen Autoritäten vor allem deshalb zu schaffen, weil es zu den Grundprinzipien des Humors gehört, Autorität zu untergraben. Der englische Philosoph Herbert Spencer fasste das Wesen des Komischen einmal recht treffend mit dem Begriff „descending incongruity“, der „absteigenden Inkongruenz“. Komisch ist es nach Spencer, wenn zwei inkongruente Informationen aufeinander treffen und die eine die andere absichtsvoll herunterzieht.(3) Je krasser dabei die Differenz zwischen gewolltem Schein und realem Sein ausfällt, desto größer ist der komische Effekt – und aus exakt diesem Grund liefert die Religion seit jeher der Satire ihre besten Pointen. Denn nirgends ist das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit, von verkündeter Wahrheit und praktiziertem Schwindel, von weltfremdem Ideal und gemeinem Alltag so offensichtlich wie im Falle der Religion. Der Priester, der sonntags mit heiliger Inbrunst seinem Kirchenvolk das blinde Gottvertrauen predigt, aber montags einen Blitzableiter am Kirchturm montieren lässt, ist gewissermaßen der Prototyp unfreiwilliger Komik. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Apologeten der Religion mit dem satirischen Humor auf Kriegsfuß stehen. Nichts holt die wolkigen Ideale konsequenter auf den Boden der Tatsachen zurück, nichts entzaubert religiöse Autoritäten nachhaltiger als die satirische Attacke. „Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man“, heißt es bei Nietzsche(4) und er hat damit zweifellos Recht. Wenn es irgendetwas gibt, das die religiösen Grundemotionen Angst und Demut wirkungsvoll abtöten kann, so ist es das befreiende, humoristische Lachen.
c) Die dritte subversive Wirkung des Humors ist, obgleich sie meist übersehen wird, die unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen bedeutsamste. Denn sie betrifft nicht das (hierzulande) verschwindend kleine Grüppchen verängstigter Glaubensfanatiker, sondern die große Masse der „Irgendwie-Religiösen“,(5) die die Angst vor der Hölle und die Demut vor religiösen Autoritätspersonen längst verloren haben. Was treibt diese Menschen dazu, weiterhin Kirchenmitglieder zu sein? Warum bezeichnen sie sich als „Christen“, obwohl ihre eigene Weltanschauung mit dem originären christlichen Glauben nahezu gar nichts mehr zu tun hat?(6) Die Antwort auf diese Frage ist relativ einfach: Weil ein solcher „Irgendwie-Glauben“ recht bequem ist, weil er niemanden stört. Der Meinungsbildungsprozess im kulturellen Mainstream geht, wie das Wasser, das im Boden versickert, den Weg des geringsten Widerstandes. Warum sollte man auch die Richtung ändern, wenn es keinen äußeren Anlass dafür gibt? Exakt an diesem Punkt setzt die dritte Wirkung des subversiven Humors an. Indem er all die Glaubenselemente der Lächerlichkeit preisgibt, die genuin bereits lächerlich sind, stört er die Bequemlichkeit des Weichfilterglaubens in empfindlicher Weise.
Während das Aufzeigen logischer Widersprüche nur wenige Menschen dazu treibt, ihre Weltanschauung kritisch zu überdenken, zielt die Satire dort hin, wo es wirklich weh tut: Denn an etwas völlig Lächerliches mag nun wirklich niemand glauben, schließlich macht man sich auf diese Weise selbst lächerlich. Klar ist: Wer heute noch meint, dass die Erde eine Scheibe sei oder dass Masturbation Rückenmarksschwund verursache, mit dem wird nicht mehr ernsthaft diskutiert, er wird ausgelacht und gerät somit in eine gesellschaftliche Außenseiterposition. Wer hingegen sein Kind zur Erstkommunion bringt, ist gesellschaftlich noch voll akzeptiert, obwohl die dahinter stehenden Glaubensüberzeugungen kaum weniger absurd sind. An dieser Akzeptanz der Kommunion wird sich erst dann etwas ändern, wenn den Menschen die groteske Lächerlichkeit dieses Aktes voll bewusst ist. Erst wenn sie beginnen, über die wahnhafte Annahme zu lachen, dass man über das symbolische Verspeisen eines Verstorbenen (Kommunion) dessen Kräfte in sich aufnehmen kann, erst wenn es als peinlich gilt, zu jenen „steinzeitlichen Schrumpfköpfen“ zu gehören, die an einem solch absurden, archaischen Kannibalismusritus teilnehmen, wird der „Weiße Sonntag“ ein Spuk der Vergangenheit sein. Spätestens dann werden sich die Eltern auch dagegen wehren, dass ihre hilflosen Kinder in der Schule oder gar im Kindergarten „rituellen Kannibalen“ ausgeliefert sind.
Gewiss: Von einer solchen Situation sind wir noch meilenweit entfernt. Bislang wird es noch ohne Kichern hingenommen, dass ein Gynäkologe an die jungfräuliche Geburt und ein Pathologe an die Auferstehung der Toten glaubt. Damit derartige psychopathologischen Geistesspaltungen als solche erkannt und auch überwunden werden können, bedarf es nicht nur der präzisen, logischen Argumentation (diese, werte Freunde des höflichen, konstruktiven Dialogs, interessiert – wie gesagt – leider nur die wenigsten!), sondern in erster Linie der subversiven Kraft des Humors, der den real existierenden Wahnsinn in sinnlicher Weise entlarvt und zugleich den notwendigen gesellschaftlichen Druck zu dessen Überwindung erzeugt.
Lassen wir uns also nicht irritieren durch die kreischende Schar „beleidigter Leberwürste“, die das freie Spiel der Gedanken und des subversiven Humors strikt unterbinden wollen! Wer meint, der Einsatz bissigen Humors sei „unfair“ und schicke sich nicht in der weltanschaulichen Debatte, der beweist damit doch nur seine eigene Humorlosigkeit (wahrlich keine Tugend!) sowie sein fehlendes Verständnis für die Leit- und Streitkultur der Aufklärung, der wir unsere rechtsstaatlichen Prinzipien zu verdanken haben.
Dem zensurwilligen Herrn Stoiber sei daher ins Merkbuch geschrieben: Wer den mit Witz vorgetragenen weltanschaulichen Widerstreit nicht ertragen kann und aus Rache für diese eigene Unfähigkeit zum Faustrecht greift, der darf dafür keineswegs belohnt werden! Im Gegenteil: Ihr, der aggressiv agierenden, „beleidigten Leberwurst“, sollte mit Gefängnis gedroht werden, nicht dem satirischen Künstler, der einen Beitrag zur aufklärerischen Streitkultur leistet! Dies, Herr Stoiber, sollten Sie zur Grundlage Ihrer Gesetzesinitiative zum Paragraphen 166 StGB machen, wenn Sie unsere freiheitliche Verfassung denn wirklich ernstnehmen, was ich Ihnen allerdings keinesfalls arglistig unterstellen möchte!
Fest steht: Die Verletzung religiöser Gefühle ist keine Freveltat, sondern (in der Regel zumindest) eine überaus honorige Angelegenheit. Wer religiöse Gefühle verletzt, der fördert damit die Denkfähigkeit! Daher mein dringender Appell: Liebe MIZ-Leserinnen und -Leser, lassen Sie Ihre Mitmenschen nicht dumm sterben, sondern verletzen Sie religiöse Gefühle, wo Sie dies nur können!
Selbstverständlich sollten Sie dies stets mit Sinn und Verstand tun. Auch wenn Satire nach Tucholsky „alles darf“, so ist doch nicht alles Satire, was sich als solche bezeichnet. Eine Satire unterscheidet sich vom dummen Spaß, von bloßer Geschmacklosigkeit oder antiaufklärerischer Hohn-Propaganda dadurch, dass sie auf humorvolle Weise existentiell bedeutsame Wahrheiten aufdeckt, die bis dahin nebulös verborgen waren.(7) Hier zeigt sich der aufklärerische Impetus der Satire, ihre subversive Kraft. Deshalb können und dürfen wir auf das wirksame Instrument der Satire nicht verzichten, selbst wenn die „Internationale der beleidigten Leberwürste“ uns dies immer wieder abverlangen möchte.
Ich gebe zu: Die Rolle der „beleidigten Leberwurst“ abzulegen, ist nicht ganz einfach, aber mit ein wenig geistiger Anstrengung durchaus möglich. Mir zumindest ist es halbwegs gelungen: Ich weine längst nicht mehr, wenn ich beim Brettspiel verliere. Ich meine, irgendwann sollte die „Phase des kindlichen Narzissmus“ auch bei den Herren Meisner und Stoiber abgeschlossen sein, oder etwa nicht? Also strengen Sie sich an, meine Herren! Enttäuschen Sie uns nicht! Es kann eigentlich nur besser werden!
In diesem Sinne wünsche ich all jenen, die wie Meisner, Stoiber & Co. unter dem schmerzhaften Syndrom der „beleidigten Leberwurstigkeit“ leiden, von ganzem Herzen „gute Besserung“ und allen anderen, viel Spaß bei der Lektüre des vorliegenden, lästerlichen Heftes…
Anmerkungen
1 Stoiber kündigte im Juni eine Verschärfung des sog. „Gotteslästerungsparagraphen“ 166 StGB an, da dieser seiner Meinung nach viel zu selten, nämlich nur bei einer „Gefährdung des öffentlichen Friedens“, angewendet werde. Der bayrische Ministerpräsident will daher die einschränkende Bedingung der Geeignetheit zur Gefährdung des öffentlichen Friedens aus dem Gesetzestext streichen, d.h. jegliche Verunglimpfung eines religiösen Bekenntnisses unter Strafe stellen, so wie dies auch noch vor der großen Strafrechtreform der späten 1960er Jahre möglich war. Käme Stoiber mit seiner Initiative durch, wäre prinzipiell auch Nietzsches philosophischer „Fluch auf das Christentum“ (Der Antichrist) vom Zensurparagraphen bedroht. Die Prognose, die wir in der letzten MIZ gestellt hatten, dass die konservativen Kräfte sich als Trittbrettfahrer des islamischen Fundamentalismus erweisen und die Lage ausnutzen werden, um die Streitkultur der Aufklärung zurechtzustutzen, hat sich also als wahr erwiesen (vgl. hierzu auch www.leitkultur-humanismus.de/).
2 Friedrich Nietzsche: Der Antichrist. Fluch auf das Christentum. In: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Herausgegeben von Karl Schlechta. Bd. 2. München 1954, S. 1235
3 vgl. hierzu: Hans Conrad Zander: Darf man über Religion lachen? Köln 2005, S. 59ff.
4 Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. In: Nietzsche: Werke in drei Bänden. Bd.2, S. 307
5 vgl. hierzu meinen Artikel: „Irgendwie sind wir doch alle Humanisten…“ – Über die soziale Verankerung und die Entwicklungspotentiale des Humanismus in Deutschland. In: humanismus aktuell 18/2006.
6 So glauben nur 23,3 Prozent der evangelischen und 35,5 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder an einen persönlichen Gott, obgleich dies eine der fundamentalen Grundbedingungen des christlichen Glaubens ist, siehe das Dokument „Christenquote“ unter www.fowid.de/.
7 Aus diesem Grund sollte man die von Ahmadinedschad im Anschluss an den „Karikaturenstreit“ geforderten Holocaust(leugnungs)-Karikaturen keineswegs in die Kategorie „Satire“ einordnen. Sie decken nämlich keine existentiell bedeutsamen Wahrheiten auf, sondern verdecken diese in ideologischer Weise. Es handelt sich hier also nicht um Satire, sondern bloß um antiaufklärerische Hohn-Propaganda.
Artikel aus MIZ 2/06
zurück zum Inhaltsverzeichnis