
Eine Kreuzfahrt von Voltaire über Wilhelm Busch bis zu Joachim Meisner. Köln: KiWi 2005. 224 Seiten, kartoniert, Euro 8,90, ISBN 3-462-03646-7
Gleich vorab: der Titel des Buches ist irreführend. Denn eigentlich geht es dem ehemaligen Dominikaner-Mönch Hans Conrad Zander um eine andere Frage: Warum wird über Religion überhaupt – und das seit jeher – gelacht? Was macht das Komische aus an einer Sache, die ihrem Selbstverständnis nach so ausgesprochen ernst ist?
Um dies zu erklären, streift er durch die Literatur, präsentiert Textstellen von Boccaccio und Erasmus von Rotterdam, von Voltaire und George Bernard Shaw sowie vieler weiterer europäischer Autoren, die sich in satirischer Weise mit der Kirche oder Glaubensdingen auseinandergesetzt haben. Als Kern der Komik macht Zander die “Inkongruenz” zwischen zwei Elementen aus und in den real existierenden Religionen trete diese Inkongruenz sehr häufig zutage: als Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen den hehren Vorgaben des Glaubens und der alltäglichen Praxis, zwischen den Predigten über das Vertrauen in die göttliche Vorsehung und der Montage eines Blitzableiters auf dem Kirchturm. Kenntnisreich und unterhaltsam erläutert Zander den Unterschied zwischen christlicher Fröhlichkeit und unchristlichem Spott – und ihre Synthese im Kölner Karneval; er führt aus, welche Bedeutung der katholische Ventilwitz hatte und warum er heute verschwunden ist; und er beschreibt die Veränderung des kirchlichen Witzes nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (die er als Verflachung empfindet).
Am Beispiel Wilhelm Buschs demonstriert Zander, dass auch die Verspottung einer Religion nicht per se der Aufklärung dienen muss, sondern durchaus den Herrschenden dienstbar sein kann. Als Busch die Katholiken bzw. ihre Religion verspottete, bediente er die nationalliberal und protestantisch geprägte “Leitkultur” des Bismarck-Reiches. Er konnte sich des Applauses nicht nur der Bevölkerungsmehrheit, sondern auch von offizieller Seite sicher sein und trug somit dazu bei, dass sich das Feindbild des “Ultramontanen” verfestigen konnte. Hier bietet Zander einen Ansatzpunkt, im sog. Karikaturenstreit Stellung zu beziehen: “Satire darf sich nicht der staatlichen Verfolgung dienstbar machen.” Oder anders formuliert: wer über Religion lacht, bedarf einer sachlichen Begründung (auch satirische Kritik muss “wahr” sein) und sollte zudem die gesellschaftliche Wirkung seines Gelächters mitbedenken. Wenn die Verspottung eines Glaubens – so richtig sie in der Sache sein mag – kompatibel wird mit Ausgrenzungsdiskursen, läuft die Satire Gefahr, ihre subversive Wirkung einzubüßen und sie könnte sich plötzlich unversehens auf der falschen Seite der Barrikade wiederfinden. Über Wilhelm Busch dürfen wir heute freilich lachen. Bekanntermaßen fanden die Katholiken relativ schnell heim ins Reich und der § 166 StGB schützte bereits um die Jahrhundertwende auch ihre Glaubensvorstellungen vor Kritik. (In einem anderen Fall verfällt Zander der selektiven Wahrnehmung: Abraham a Sancta Clara war keineswegs allein “einer der bedeutendsten Theologen des Hochbarocks” und der “beste deutsche Prediger seiner Zeit” sondern zugleich ein verklemmter Frauenhasser, der keifte, wenn eine Frau ein Kruzifix an einer langen Kette um den Hals trage, so hänge Christus “zwischen zweien Mördern ..., wie eherzeit die gottlosen Jüden taten auf dem Berg Golgatha”, und insofern völlig zurecht von Schiller der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.)
Zwei andere Grenzen, die Zander zumindest implizit errichtet, sind hingegen fragwürdiger. So klingt mehrfach sein Bedauern an, dass der nachkonziliare christliche Humor geistlos sei und kirchenferne Komödianten das Christentum als beliebigen Steinbruch für ihre derben Pointen verwenden. “Da gibt’s keinen Kardinal Consalvi”, klagt der Autor (der soll auf die Drohung Napoleons, die Kirche zu zerstören, einst mit feiner Selbstironie geantwortet haben: “nicht einmal wir Priester haben das in achtzehn Jahrhunderten fertiggebracht”). Doch dabei übersieht er, dass auch zu Zeiten von Ercole Kardinal Consalvi oder Thomas Morus die überwiegende Mehrheit der Menschen über banale, leicht verständliche und teilweise äußerst zotige Pointen lachte. Das Lied “Es wollt ein Bauer früh aufstehn”, das mit den Zeilen endet “Und die Moral von der Geschicht / trau nicht des Pfaffen Arschgesicht”, ist ein Beispiel für antiklerikale Spottverse, die keinen Literaturpreis verdient haben, aber reale Erfahrungen aus dem Leben des einfachen Volkes verarbeiten; die geistreichen Bemerkungen der hochgebildeten Spaßvögel hätten nur die wenigsten überhaupt verstanden. Es kann also auch eine Immunisierungsstrategie sein, ein bestimmtes “Niveau” für Witz und Satire einzufordern – so können ganze Schichten vom Lachen über die Religion ausgeschlossen werden.
Auch die ‘vernichtende’ Kritik missfällt Zander: “Der Barbar ist daran zu erkennen, daß er die alte Religion, an die er nicht mehr glaubt, mit Gelächter kaputtschlägt. (...) Der kultivierte Mensch dagegen bringt gerade dem Bild, an das er nicht mehr glaubt, besondere Ehrfurcht entgegen.” Warum sollte es Kennzeichen des Barbaren sein, eine Ideologie, die oft genug barbarische Folgen für die Menschen mit sich brachte, im Gelächter untergehen zu lassen? Und warum sollte sich der kultivierte Mensch dadurch auszeichnen, dass er Ehrfurcht dem als falsch erkannten Glauben (resp. seiner Repräsentanten) als soziale Konvention weiterhin entgegenbringt, wenn er längst erkannt hat, dass es aus der Sache heraus eigentlich nie einen Grund gab, ehrfürchtig zu sein? Zugegeben, es ist nicht die feine Art “hinter den Altar zu scheißen”, wer die Religion hinter sich gelassen hat, hat sowas eigentlich nicht nötig; aber andererseits erscheint es mir intellektuell redlicher, als weiterhin vor dem Altar auf die Knie zu gehen.
Es gibt einige religionskritische Werke, die ihre breite Wirkung der Kombination von Klamauk und hintersinningen Anspielungen verdanken. Ich denke zum Beispiel an Monty Pythons Life of Brian. Dieser Film macht darüber hinaus klar, dass Zander eine “Inkongruenz”, die Religion gerade seit je Ungläubigen lächerlich erscheinen lässt, unberücksichtigt lässt: das Missverhältnis zwischen den religiösen Erzählungen von der Welt und der Welt, wie wir sie sinnlich wahrnehmen können. Die Vorstellung von Jenseits und Seligkeit für sich wirken überflüssig und damit komisch. Komik entsteht nicht allein daraus, dass Menschen dem Anspruch ihrer Religion nicht gerecht werden, sie liegt vielfach in deren Aussagen selbst begründet. Wenn die Seligkeit im Lachen untergeht – wem schadet’s?
Auf die Frage, ob man über Religion lachen darf, gibt Zander also durchaus Antworten, die Widerspruch herausfordern. Wer sich dagegen erklären lassen will, warum Religion prädestiniert ist, Komiker auf den Plan zu rufen, und wie sich dies in den vergangenen Jahrhunderten (literarisch) äußerte, wird gut informiert. Und gut unterhalten. Denn letztlich weist sich Zander selbst einen Platz auf der “Bank der Spötter” zu. Und seine spitze Feder gibt ihm Recht.
Gunnar Schedel
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Peter Maslowski: Papstkirche ohne HeiligenscheinGeschichte der Konzile von Konstanz bis zum Vatikanum II. Hrsg. Von Felix Weiland. Aschaffenburg: Alibri 2006. 345 Seiten, kartoniert, Euro 20.-, ISBN 3-932710-83-5
Peter Maslowski (1893-1983) schrieb als sein Alterswerk eine kritische Geschichte der Konzile von Konstanz (1414-1418) bis zum Zweiten Vatikanum (1962-1965). Dabei stellte er die sechs neueren Konzile und den kirchlichen Machtapparat in den Mittelpunkt. Beginnend mit den so genannten “Reformkonzilien”, der Versammlung in Konstanz – hier wurden bekanntlich Jan Hus und Hieronymus durch Feuertod hingerichtet, drei Päpste entmachtet und ein neuer gekürt – beschreibt Maslowski durchaus spannend den Machtpoker der Kleriker. Den “ehrwürdigen Konzilvätern”, die in ihren Versammlungen nicht nur vordergründig um ideologische Richtungsentscheidungen und Verdammungsurteile stritten, ging es immer auch um Herrschaft und letztlich um die Verteilung der Pfründe, Steuern, Besitz und die Geschäfte die Papstkirche. In diese Auseinandersetzungen zwischen Kirchenfürsten, König und Papst, zwischen Kirche und Staat, zwischen Reaktion, Revolution und Säkularisierung bietet das vorliegende Werk Maslowskis einen kenntnisreichen Einblick. Historisch informativ ist der gespannte Bogen vom 15. Jahrhundert, die Zeit der Avignon-Schisma-Päpste, dem Scheitern der “Reformkonzile” und der absoluten Macht der Renaissance-Päpste, den Zeitalter von Reformation und Gegenreformation, der Zeit der Französischen Revolution, der Proklamierung der angeblichen “päpstlichen Unfehlbarkeit”, dem Kulturkampf und dem stürmischen 19. Jahrhundert, bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil der 1960er Jahre unter Johannes XXIII. und dem darauf folgenden konservativen Rückschlag, der unter dem Oberhirten Paul VI. folgte.
Ist der Geschichtsverlauf schon unterhaltend, so wohltuend ist die Sprache Maslowskis, die in glänzendem jounalistisch-aufklärerisch Stil gut lesbar ist. Der Band ist zudem sehr informativ editiert. Anmerkungen, Personen- und Sachregister, und vor allem ein sehr umfangreiches Glossar, zeigen die sorgfältige Handschrift des Herausgebers Felix Weiland . Allein das editorische Nachwort ist schon spannend zu lesen und wirft einen bezeichnenden Blick auf die Schwierigkeiten kirchenkritischer Literatur in Deutschland.
Zum Zweiten Vatikanums, von den klerikalen Meinungsmachern als große Reformation dargestellt, resümiert Maslowski: “Das Zweite Vatikanische Konzil ist als zweite Reformation bezeichnet worden, die stattgefunden habe. Aber das ist nicht nur übertrieben, sondern grundsätzlich und aus historischer Sicht im ganzen nicht zutreffend.” Die “Reformen” blieben meist nur in Äußerlichkeiten (Sozialenzykliken, Landesprache im Gottesdienst, interkonfessioneller Dialog), dagegen stehen immer noch die bekanten reaktionären Verlautbarungen (Pillen-Enzykika, Priesterzölibat, Teufelsreden Papst Paul VI. und vor allem keine Änderung im autoritären Machtapparat). Die Person des Papstes Johannes XXIII. wird überwiegend positiv zitiert. Der Rezensent hält es da schon mehr mit der Darstellung von Karlheinz Deschner, die bei diesem Politiker deutlich kritischer ausfällt.
Trotzdem sind dem neuen Buch Maslowskis viele LeserInnen zu wünschen. Sie werden mit bestem historischem Jounalismus belohnt.
Heiner Jestrabek
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Artikel aus MIZ 3/06
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