Index
Bereits durch die selektive Einladung zu ihrem “Bündnis für Erziehung” hatte Familienministerin Ursula von der Leyen unmissverständlich signalisiert, welchen Denktraditionen sie Zugang zu den Köpfen der Kinder verschaffen möchte und welchen nicht. Doch weil anzunehmen ist, dass in einer Mediengesellschaft eine solch schlichte Indoktrinationsstrategie nicht ausreicht, um gehorsame Untertanen heranzuziehen, bemüht sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend darüber hinaus, die Erinnerung an widerständige Lebensformen zu tilgen. Als Mittel dazu soll offenbar die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien dienen, die dafür zuständig ist, Bücher, Filme, Tonträger usw. aufzulisten, die z.B. durch verherrlichende Darstellung exzessiver Gewalt einen schädlichen Einfluss auf Jugendliche nehmen könnten. Medien, die in diesem Index verzeichnet werden, sind de facto aus dem Markt genommen. Sie dürfen nicht beworben werden oder in Läden ausliegen, der Verkauf darf nur gegen den Nachweis der Volljährigkeit erfolgen.
Im Frühjahr erhielt der Verlag Assoziation A eine entsprechende Mitteilung: das Familienministerium habe die Indizierung des vor vier Jahren erschienenen Buches Autonome in Bewegung beantragt. Der Sammelband beschreibt die Geschichte dieser linken Strömung seit 1980 und dokumentiert zahlreiche Bilder und Selbstzeugnisse. Der christdemokratischen Vorzeigemutter und ihrem Haus erschienen derlei Geschichte einiger Passagen wegen, in denen Zeitzeugen auch über Militanz reflektieren, jugendgefährdend. Da sämtliche politischen Traditionen, die sich für gesellschaftlichen Fortschritt eingesetzt haben, auch militante Flügel oder Phasen in ihrer Geschichte hatten, hätte ein Erfolg des Antrages nachhaltige Folgen für das öffentlich vermittelbare Geschichtsbild haben können. Hättte. Denn auf ihrer Sitzung im Juli hat die Kommission der Bundesprüfstelle entschieden, dass Autonome in Bewegung nicht indiziert wird. Trotzdem zeigt diese Episode, dass die stets freundlich lächelnde Ursula von der Leyen ihre gesellschaftspolitischen Ambitionen auf vielfältigen Wegen und unter Einsatz repressivster Maßnahmen umsetzen versucht.
Humanismus aktuell
Unter dem Titel Umworbene “dritte Konfession” stellt die neue Ausgabe der Zeitschrift humanismus aktuell empirische Befunde über die Konfessionslosen in Deutschland vor. vor allem die Beiträge von Carsten Frerk und Michael Terwey präsentieren umfangreiches Datenmaterial (wobei letzterer Beitrag allerdings für Menschen, die nie eine Statistik-Vorlesung besucht haben, stellenweise schwer verständlich ist). Frerk, der auch die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) leitet, konzentriert sich dabei auf die Darstellung der formalen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion bzw. Weltanschauung sowie der Zustimmung zu deren zentralen Aussagen. Terwey stellt die Ergebnisse einer Umfrage vor, die sich (unter anderem) auf die Einstellungen der Bevölkerung zu Phänomenen der “klassischen” und der “neuen” Religiosität bezogen. Dabei zeigt sich, dass Konfessionslose die “theistische Metaphysik” erwartungsgemäß zu über 90% ablehnen; gegenüber “magischer” und “mystischer Metaphysik” zeigen sie zwar gleichfalls mehrheitlich keine bzw. nur geringe Affinität, mit einem knappen Viertel diesbezüglich Interessierter liegen die Werte hier jedoch auf demselben Niveau wie bei Kirchenmitgliedern.
Weitere Aufsätze befassen sich mit der historischen Entwicklung der Konfessionslosigkeit (dem Schritt von den “Dissidenten” zu einer vermeintlichen “dritten Konfession”) oder den “säkularen Weltsichten” der Ostdeutschen. Eine mögliche politische Schlussfolgerung aus den sich aus den Daten abzeichnenden Trends postuliert Michael Schmidt-Salomon: die Ablösung der “Lightkultur Humanismus und Aufklärung” durch eine “Leitkultur Humanismus und Aufklärung”.
humanismus aktuell 18: Umworbene “dritte Konfession”. Befunde über die Konfessionsfreien in Deutschland. 130 Seiten, kartoniert, Euro 10.-, ISBN 3-937265-06-6
Feuerbach I
Im Mai 2004 fand anlässlich des 200. Geburtstages von Ludwig Feuerbach in Nürnberg ein von mehreren säkularen Verbänden durchgeführtes Symposium statt (siehe MIZ 3/04). Der Deutsche Freidenker-Verband (DFV) hat die seinerzeit gehaltenen Vorträge, ergänzt durch weiteres Material zu einem Tagungsband zusammengefasst. Die zumeist am Dialektischen Materialismus orientierten Analysen stellen Feuerbach in die Tradition der aufklärerischen Philosophen. Ernst Woit vergleicht das “humanistische Menschenbild” Feuerbachs mit dem “antihumanistischen Menschenbild” Nietzsches; Hans Heinz Holz erörtert, welche Rolle Feuerbach auf dem Weg zu einer “praktischen Philosophie” zukommt; Horst Schild untersucht Feuerbachs Vorstellungen von Erkenntnis und Wahrheit. Beiträge zur Biographie des atheistischen Philosophen sowie zur Bedeutung seiner Ideen für gegenwärtige politische Analysen vervollständigen den Band.
Im Anhang findet sich eine Zeittafel zu Feuerbachs Leben, eine Zitatensammlung, die an seinem Grab gehaltene Rede sowie eine Fotostrecke zur Tagung und zu mit Feuerbach in Verbindung stehenden fränkischen Örtlichkeiten.
“Ein besseres Leben – nicht glauben, sondern schaffen!” Ludwig Feuerbach – Vorkämpfer, Vorbild, Denker, Diener der Wahrheit. Deutscher Freidenker-Verband, 2006, 165 Seiten, kartoniert, Euro 10.-, ISBN 3-929841-04-5
Feuerbach II
Nachdem der Akademie-Verlag im Laufe des letzten Jahres erwogen hatte, die Ludwig-Feuerbach-Werkausgabe aus finanziellen Gründen nicht abzuschließen, ist deren vollständiges Erscheinen nun gesichert. Möglich wurde dies durch eine größere sowie zahreiche kleinere private Spende, darunter auch vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen und vom bfg Fürth. Damit war es der Feuerbach-Gesellschaft möglich, die geforderten 21.000 Euro an Eigenmitteln aufzubringen, was Voraussetzung für die Gewährung weiterer öffentlicher Zuschüsse war. Herausgeber Werner Schuffenhauer kann nun auch die letzten drei Bände editieren, die Teile des Nachlasses und Briefe aus den letzten Lebensjahren umfassen werden.
Zeitwissen
In Ausgabe 5/06 des Magazins Zeitwissen ist in der Rubrik “Essay” ein Text von MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon erschienen, in dem er die Idee, “christliche Werte” bildeten die ethische Grundlage unserer Gesellschaft, scharf angreift. Entgegen Politikerinnen wie Ursula von der Leyen hält Schmidt-Salomon die Zehn Gebote nicht für die Grundlage unserer Verfassung sondern für “trivial, unzulässig vereinfachend und offen reaktionär”. Da die zentralen Bürger- und Menschenrechte gegen die Machtansprüche der Religion durchgesetzt werden mussten, sei es nicht verwunderlich, dass die Versuche einer “Versöhnung” von Humanismus und Christentum nie überzeugende Ergebnisse erbracht haben und viele wesentliche Impulse für die Aufklärung durch Ungläubige erfolgten.
Wie von der Redaktion erwartet, rief der Beitrag ein großes Echo bei Leserinnen und Lesern hervor. Unerwartet war allerdings, dass die Mehrzahl der Zuschriften positiv auf die Christentumskritik Bezug nahm.
DVD-Edition
Das KAOS Kunst- und Videoarchiv hat in Zusammenarbeit mit www.denkladen.de einen weiteren Film über Karlheinz Deschner auf DVD herausgebracht. Das 45-minütige Porträt war anlässlich des 70. Geburtstages des bekannten Kirchenkritikers gedreht und auf KANAL 4 ausgestrahlt worden. Die VHS-Ausgabe war bereits seit Jahren nicht mehr zu bekommen.
Die DVD-Edition schlägt den Bogen zu Deschners 80. Geburtstag. Denn zusätzlich zum Film enthält die DVD eine Bildstrecke mit Aufnahmen, die die Hamburger Fotografin Evelin Frerk auf dem seinerzeitigen Festakt im Mai 2004 in Haßfurt gemacht hat.
Karlheinz Deschner – “Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch”. Ein dokumentarisches Porträt des Kirchenkritikers von Peter Kleinert und Marianne Tralau sowie eine Fotoschau von Evelin Frerk. Köln 2006. KAOS Kunst- und Videoarchiv; 45 Minuten, DVD, Euro 19,90
Rattenlinie
Dass zahlreiche NS-Verbrecher mit Hilfe des Vatikans sich einer strafrechtlichen Verfolgung entziehen konnten, ist im Grundsatz seit einiger Zeit bekannt. Eine Reihe von Studien hat das Geflecht aus faschistischen Fluchthilfeorganisationen und ihren klerikalen Helfern aufgedeckt. Nun ist ein Buch erschienen, das dieses dunkle Kapitel der Nachkriegsgeschichte erstmals aus der Perspektive eines der wichtigsten Aufnahmeländer aufarbeitet. Der Journalist Uki Goñi zeigt darin, dass ohne den Einsatz des argentinischen Regimes unter Juan Domingo Perón die Flucht mehrerer Tausend Nazis und anderer europäischer Faschisten nach Südamerika nicht hätte organisiert werden können. Obwohl in Argentinien zielgerichtet Unterlagen vernichtet wurden, die eine weitgehende Unterstützung der Schleuserorganisationen durch staatliche Stellen umfassend hätten belegen können, stieß Goñi auf zahlreiche Dokumente, die ein eindeutiges Bild entstehen lassen. Er erläutert die Motivation Peróns und anderer argentinischer Militärs, Kriegsverbrechern zur Flucht zu verhelfen, und veranschaulicht anhand prominenter Beispiele, auf welche Weise diesen eine neue Identität verpasst wurde. Und ganz nebenbei liefert das Buch einen weiteren Beleg dafür, dass Katholizismus in keiner Weise gegen faschistische Auffassungen immun macht – bei allen Unterschieden in weltanschaulichen Details verstanden sich die emigrierten Nationalsozialisten und die katholischen peronistischen Generäle prächtig.
Uki Goñi: Odessa – Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Verbrecher. Berlin: Assoziation A 2006. 400 Seiten, kartoniert, Euro 22.-, ISBN 3-935936-40-0
Festschrift für Hans Albert
Anlässlich des 85. Geburtstages von Hans Albert ist eine Festschrift erschienen, die in die Denkwelt dieses wichtigen Vertreters des Kritischen Rationalismus einführt und seine Vielseitigkeit als Philosoph verdeutlicht. Die Beiträge, darunter viele namhafte Autoren, behandeln Aspekte aus Gebieten der Sozialwissenschaften, der praktischen Philosophie sowie der Rechtstheorie. Ein umfangreicher Abschnitt mit Beiträgen von Günter Kehrer, Hartmut Kliemt, Armin Pfahl-Traughber, Hermann Josef Schmidt und Michael Schmidt-Salomon ist Alberts Religionskritik gewidmet.
Eric Hilgendorf (Hrsg.): Wissenschaft, Religion und Recht: Hans Albert zum 85. Geburtstag. Berlin. 2006. Logos Verlag; 505 Seiten, kartoniert, Euro 39.-, ISBN 3-8325-1099-0
Artikel aus MIZ 3/06
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