Studientag Anthroposophie
Am 21. Juli fand in der Berliner Humboldt Universität nach fünfmonatiger Verzögerung die Tagung “Anthroposophie – eine kritische Reflexion” statt. Vorausgegangen war ein Streit um die Möglichkeit der kritischen Betrachtung der Anthroposophie, den der Sektenbeauftragte der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg, Pfarrer Thomas Gandow, angestoßen hatte. Bereits für Februar dieses Jahres war ein entsprechender Studientag angesetzt, der schlussendlich aber abgesagt wurde, nachdem die evangelische Landeskirche sich von dem Tun ihres Beauftragten in einer Presseerklärung distanziert und ihm so die Legitimität entzogen hatte. Hintergrund war die Zusammenarbeit der evangelischen Kirche mit den Anthroposophen im Rahmen der “Schulen in freier Trägerschaft”, die von den Vorgesetzten ins Feld geführt wurde. Die Einflussnahmen der Anthroposophen zur Verhinderung der geplanten Tagung war derart massiv, wie es Gandow nach eigener Aussage noch nicht einmal bei Scientology erlebt habe (vgl. Tagesspiegel vom 22.7.2006).
Die nun erfolgte Tagung an der Humboldt Universität konnte doch noch verwirklichen, was Pfarrer Gandow geplant hatte. Zu verdanken war die Durchführung des Studientages namentlich Jana Husmann-Kastein und Andreas Lichte. Jana Husmann-Kastein (vom Graduierten-Kolleg “Geschlecht als Wissenskategorie”, welches die Veranstaltung zusammen mit dem kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität durchführte) sprach selbst über die Rassen- und Geschlechterkonstruktion Rudolf Steiners und legte dar, wie in Steiners Lehre die als minderwertig betrachteten “Südvölker” mit einer “weiblichen Seele” bedacht (weiblich als Synonym für schwarz, irdisch, der Materie verhaftet, als passive Naturmenschen) und den “männlichen Nordvölker” (weiße “Rasse”, geistvoll, aktiv) gegenüber gestellt wurden. Andreas Lichte, ehemaliger Mitarbeiter bei Gandow, berichtete über seine eigene Erfahrung in seiner Zeit als Anwärter auf eine Tätigkeit als Waldorf-Lehrer. Lichte wurde als arbeitsloser Grafiker vom Arbeitsamt Berlin in einen Ausbildungskurs zum Waldorf-Kunstlehrer vermittelt. Seine Erfahrungen, die er auch auf der Tagung schilderte, sind nachzulesen unter http:// www.novomagazin.de/71/novo7138.htm.
Mit Jan Badewien (Direktor der evangelischen Akademie Baden und Weltanschauungsbeauftragter der badischen Landeskirche) und Joachim Ringleben (Professor für systematische Theologie in Göttingen) kamen zwei Kritiker auf das Podium, die die Unterschiede der anthroposophischen zur christlichen Lehre en detail verdeutlichten (etwa die Erlösung durch Christus im Hier und Heute gegen den Glaube an Wiedergeburt und karmische Vorbelastung). Als weiterer Referent sprach Hartmut Zinser, Professor am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Berlin und bekannt als empirischer Forscher zum Gebiet neureligiöser Praktiken, zu den Verdrehungen wissenschaftlicher Gütekriterien durch die anthroposophische Zunft. Alles in allem eine notwendige fachliche Auseinandersetzung – nur schade, dass sie ohne Pfarrer Gandow stattfand.
Claudia Barth
Debatte über Islam
Auf der Internationalen Dreijahrestagung der War Resisters International (WRI) wurde in einem der zahlreichen Workshops über die Frage diskutiert, inwiefern Islam und Islamismus eine Herausforderung für die Friedensbewegung sein könnten. Bereits im Vorfeld der Konferenz gab es Versuche, dem Thema die religionskritische Spitze zu nehmen und stattdessen den Aspekt der “Islamphobie” in den Vordergrund zu rücken. Auch während des Workshops, an den rund 20 Leute aus zahlreichen europäischen Staaten und den USA teilnahmen, zeigte sich, dass die Pazifisten in dieser Frage in zwei Lager zerfallen, die sich nur schwer auf eine Diskussionsgrundlage einigen können: zum einen diejenigen, die in den Muslimen von den westlichen Hegemonialmächten unterdrückte Individuen sehen, zum anderen jene, die die Rückständigkeit der islamischen Welt in Fragen der Menschen- und Bürgerrechte ebenso wie die hohe Wertschätzung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung durch den Islam mitbegründet sehen.
Der Workshop litt daran, dass er auf nur zwei Stunden angesetzt war und die vier einführenden Referate, zu viel Zeit in Anspruch nahmen. Gernot Lennert, Landesgeschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) Hessen, hatte zu Beginn in einem Problemaufriss verdeutlicht, dass der Islam mehr als andere Religionen eine Affinität zur Gewalt in sich birgt, weil er sich von Beginn an mit militärischer Unterstützung verbreitet hatte und auch der Prophet, dessen Handeln für Muslime eine wichtige Orientierung bietet, Gewalt als legitimes Mittel seiner Politik ansah. Hierin könnte ein Erklärungsansatz liegen, warum sich die Idee der Kriegsdienstverweigerung mittlerweile weltweit ausgebreitet hat, in islamischen Ländern hingegen kaum verbreitet ist (dies bestätigte eine türkische Teilnehmerin, die darauf hinweis, dass es in der Türkei zwar Kriegsdienstverweigerer gebe, diese jedoch zumeist dem säkularen Spektrum zuzuordnen seien). MIZ-Mitarbeiter Gunnar Schedel stellte dar, dass das Konzept des “Dschihad” mittlerweile zu einem politisch wirksamen Begriff geworden ist, das sowohl das Handeln islamistischer Gruppierungen beeinflusst als auch einzelne Gewalttäter zu ihren Taten motiviert. Dies zeigte er anhand der Charta der Islamischen Widerstandsbewegung Hamas und der sog. Geistlichen Anleitung, die in den Hinterlassenschaften der Attentäter des 11. September 2001 gefunden worden ist.
Der in Frankreich lebende Publizist Lou Marin wählte einen anderen Blickwinkel. Er verwies auf die dissidenten Strömungen im Islam, in denen er potentielle Bündnispartner für die pazifistische Bewegung sah. Aus Sicht der Muslime, so betonte er, gebe es im Westen eine Mehrheit, die sich zustimmend zur Ausbeutung und Unterdrückung der islamischen Welt verhalte; auch im sich als “frei” definierenden Westen müsste die relativ kleine Anzahl an Menschen, die sich für Freiheit für alle einsetzen, als “Dissidenten” angesehen werden. Deshalb seien Argumentationen, die auf grundlegende kulturelle Unterschiede abheben, problematisch, weil so möglicherweise Ansatzpunkte einer Kooperation verbaut werden. Dies gelte auch für die Opposition religös geprägte vs. säkulare Gesellschaft.
Heike Fischer, Co-Autorin des Buches Salam oder Dschihad?, beleuchtete abschließend einen Aspekt struktureller Gewalt in islamischen Gesellschaften: die Stellung der Frauen. Am Beispiel des Kopftuchstreits erläuterte sie, dass jedoch nicht immer, wenn die Rechte der Frau vorgeblich verteidigt werden, diese auch tatsächlich im Vordergrund stehen: “Die Kopftuchdedatte ist eine Stellvertreterdebatte, bei der es um so unterschiedliche Dinge geht wie die Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber Einwanderung, die Geschlechterverhältnisse, die Angst vor und den Umgang mit religiösem Fundamentalismus, um Rückständigkeit und Fortschritt, hier in Deutschland auch die Frage nach einer Leit-Kultur und deren Definition, das Verhältnis zwischen Glaubensgemeinschaften und das Verhältnis von Staat und Glaubensgemeinschaften.”
Die anschließende Diskussion kam sehr schnell auf den Punkt der grundsätzlichen Einschätzung von Religion und polarisierte die Teilnehmer anhand der Frage, ob eine Kritik des Islam aus europäischer Perspektive nicht unvermeidlich der rassistischen Ausgrenzung von Zuwanderern und der Kriegspolitik der führenden Industriestaaten “zuarbeite”. Dass es in der WRI eine starke Strömung gibt, die das aggressive Potential des Islamismus unterschätzt, zeigte auch ein am Ende der Konferenz herausgegebenes Kommunique zum Libanonkrieg (das allerdings auch umgehend Kritik aus den eigenen Reihen erfuhr). Dort hieß es, Israel habe “diesen Konflikt provoziert”; die Angriffe der Hisbollah wurden als “Vergeltung” eingestuft. Zwar wird diese Logik der Vergeltung gleichfalls verurteilt, doch indem die Raketenangriffe der Hisbollah ausschließlich als Gegenschläge gesehen werden, gerät aus dem Blickfeld, dass sich die militanten Islamisten nach wie vor die Auslöschung des Staates Israel auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Ist Gott überflüssig?
Im Wolfsburger Planetarium fand Anfang Juli im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Wissen und Glaube” ein Streigespräch zwischen Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, und Walther Ch. Zimmerli, Präsident der AutoUni Volkswagen, statt. Dabei sollte die Frage erörtert werden, ob in unserer naturwissenschaftlich und technisch geprägten Welt noch Platz für Gott und Religion sei. Ausgangspunkt der Diskussion, die vom Bildungszentrum Wolfsburg und der International Partnership Initiative organisiert wurde, war die Überlegung, ob nicht Gott und Naturwissenschaft miteinander vereinbar seien, sich vielleicht sogar – unter Wahrung jeweiliger Eigensphären – ergänzen könnten.
Michael Schmidt-Salomon sah hier keine Möglichkeiten. Auch das Attribut “überflüssig” treffe nur auf einen mystischen Gottesbegriff zu: “Der personifizierte Gott in den monotheistischen Religionen ist nicht nur überflüssig – er ist sogar schädlich!” Mit den aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sei keine der bestehenden Religionen in Einklang zu bringen. Als Beleg führte der MIZ-Chefredakteur die “fundamentalen Kränkungen” der Menschheit an, die Homo sapiens bewusst gemacht hat, dass er nicht im Zentrum des Geschehens im Universum steht und seine eigenen Möglichkeiten zudem arg beschränkt sind. Konsequenterweise erscheint der Mensch damit als “ein zufallsbedingtes, endliches und letztendlich sinnloses Wesen – eine kurzfristige (Fehl)Entwicklung der Evolution”. Gott wird aus dieser Perspektive zu einem “vom Menschen in seiner Suche nach Orientierung konstruiertes imaginäres Alphamännchen, das bestehende Herrschaftsstrukturen legitimieren hilft”. Wurden die Aussagen der Bibel historisch von Kirche und Feudalismus in großem Maßstab ausgenutzt, sei auch unsere moderne Zeit nur eine Epoche der “halbierten Aufklärung”, eine gefährliche Kombination aus hochentwickelter Technologie und naivem Kinderglauben. Letztlich plädierte Schmidt-Salomon für einen evolutionären Humanismus: “Wir müssen endlich anerkennen, dass wir nur Teil der Natur sind und die Naturgesetze nicht überschreiten können.”
AutoUni-Präsident und Philosoph Walther Zimmerli vertrat hingegen die Auffassung, die Versuche, naturwissenschaftliche Erkenntnisse gegen den Glauben zu positionieren, hätten wir mit der Aufklärung hinter uns gelassen. Die Rede über Gott folge anderen Regeln als eine Debatte über wissenschaftlich erwiesene Fakten: “Religion hat durchaus eine Funktion, und zwar die, den Menschen mit seiner Ausgesetztheit in der Sinnlosigkeit auszusöhnen.” In allen Kulturen werde seit Menschengedenken über Gott und das Göttliche geredet – allen atheistischen Widerlegungsversuchen zum Trotz. Im Gegenteil: Je wissenschaftlicher die Welt erklärt und je technischer sie beherrscht wird, desto stärker werde der Ruf nach transzendenter Sinngebung: “Wir glauben das, was unserer Kontingenzbewältigung nützt, gerade wenn es widersprüchlich ist”, meinte Zimmerli und schlussfolgerte: “Wir brauchen Gott, selbst, wenn es ihn nicht gibt!”
Die Diskussion brachte die Unvereinbarkeit der beiden Standpunkte noch deutlicher zum Ausdruck – gerade weil die Vertreter religiöser Positionen unverdrossen wiederholten, Wissen und Glaube würden sich problemlos vereinbaren lassen. Ein anwesender Industriepastor meinte, es gebe nicht nur eine Ebene des Wissens, sondern da sei ein “anderes, unbegreifbares Wissen, nach dem die Menschen auf ihrer Suche nach Sinnhaftigkeit streben”. Dass das Streben nach einer Erkenntnis noch nichts darüber aussagt, ob diese auch erreicht werden kann, war dem Mann offenbar ebensowenig bewusst wie die Unsinnigkeit ein unbegreifbares Phänomen mit dem Begriff “Wissen” zu belegen. Diese Methode, Unwissenheit durch wohlklingende Phrasen zu kaschieren und damit Widersprüche zu verdecken, sah Michael Schmidt-Salomon als typisch europäisches Phänomen. In anderen Kulturen, in denen nicht die “Light”-Variante der Religion vorherrsche, werde der Konflikt zwischen Wissen und Glaube klarer gesehen und ausgetragen.
Flechtheim-Preis für Seyran Ates
Am 22. Oktober wird der Humanistische Verband (HVD) Berlin Seyran Ates mit dem Ossip-K.-Flechtheim-Preis auszeichnen. Die in Istanbul geborene Anwältin hatte sich in den vergangenen Jahren gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde eingesetzt und in der Frage des Kopftuches ein klare Contra-Position bezogen. Auch in ihrer anwaltlichen Tätigkeit liegt einer ihrer Schwerpunkte auf der Durchsetzung der Rechte von Frauen.
Ende August hatte Seyran Ates vorübergehend ihre Zulassung als Anwältin zurückgegeben, nachdem sie vom Ehemann einer Mandantin auf offener Straße zusammengeschlagen worden war. Da es immer häufiger zu Bedrohungen gekommen sei, sehe sie keine Perspektive mehr, ihren Beruf ausüben zu können (bereits 1984 war sie während ihrer Arbeit in einem Frauenhaus bei einem Attentat schwer verletzt worden). Nachdem ihr in den folgenden Tagen große Solidarität entgegengebracht wurde und sowohl der Deutsche Juristinnenbund (djb) uals auch der Berliner Anwaltsverein (BAV) Unterstützung anboten, kündigte sie nach zwei Wochen an, ab Anfang 2007 wieder als Anwältin arbeiten zu wollen.
Der Ossip-K.-Flechtheim-Preis wird alle zwei Jahre für Leistungen zur Förderung von Aufklärung, Toleranz und Selbstbestimmung verliehen. Der Landesvorsitzende des HVD Berlin, Bruno Osuch, begründete die diesjährige Entscheidung mit dem langjährigen Engagement der politisch aktiven Rechtsanwältin: “Unsere Gesellschaft braucht mutige und engagierte Persönlichkeiten wie Seyran Ates, die seit Jahren für die Rechte muslimischer Frauen kämpft.”
Judo-Seminar
Um die Grundlagen der Religionskritik und die “Perspektiven antiklerikaler Arbeit” ging es in einem Wochenendseminar, das die JungdemokratInnen Nordrhein-Westfalen Ende August durchführten. Obwohl sich die Veranstaltung von ihrer Konzeption her eigentlich an jüngere Leute richtete, die erst ins Thema einsteigen, hatte sich ein buntes Publikum von “20 bis 70” eingefunden.
Im einführenden Vortrag am Freitagabend gab Felix Wiese einen kurzen Abriss der Kritik der Religion als Opium des Volkes. Der Samstag wurde mit einer Diskussionsrunde eröffnet, in der die Frage erörtert wurde, welches die größten Verbrechen der Kirchen seien. Am häufigsten wurde von den rund 20 Teilnehmern die Hexenverfolgung genannt. Moderator Martin Budich vom Ludwig-Quidde-Forum wies demgegenüber darauf hin, dass die Mission der christlichen Kirchen über die Jahrhunderte hinweg wesentlich mehr Opfer gefordert habe. In weiteren Vorträgen wurde das Verhältnis der Kirchen zum Faschismus behandelt und ein Blick auf die Sexualmoral sowie die Familienvorstellungen der Kirche geworfen. Vor allem die im Katechismus der katholischen Kirche vertretenen Positionen verdeutlichen, wie lebensfremd die Moralvorstellungen dieser Organisation sind, die in Deutschland bei vielen ethischen Fragen ein institutionalisiertes Mitbestimmungsrecht hat. Den Bogen zur aktuellen Politik schlug erneut Martin Budich, mit einer Auflistung kirchlicher Priviliegen. Insgesamt kam er auf rund 40 Vorrechte, die für sich alleine genommen nicht sehr wichtig erscheinen, in ihrer Gesamtheit aber eine bedeutende Besserstellung der christlichen Kirchen ihren weltanschaulichen Konkurrenten gegenüber bewirken.
Am letzten Tag stellte Rudolf Ladwig, Vorsitzender des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA eV.), in seinem Referat die säkulare Szene vor und reflektierte die Frage, inwieweit diese als aufklärerische Gegenbewegung eingeschätzt werden kann. Alle Vorträge waren so angelegt, dass sie einen Überblick über das behandelte Thema vermittelten und Anknüpfungspunkte zur Diskussion boten; insofern könnten die Referenten für ähnliche Veranstaltungen angefragt werden.
Kontakt: Ludwig Quidde Forum, Brückstr. 46, 44787 Bochum, Fax (0234) 579 678 74, eMail lqf@lqf.de
Neue Präsidentin bei der AAI
Ende August ist Margaret Downey zur neuen Präsidentin der Atheist Alliance International (AAI) gewählt worden. Sie löst damit Bobbie Kirkhart ab, die das Amt in den letzten vier Jahren innehatte. Margaret Downey setzt sich seit über 20 Jahren für Gewissensfreiheit ein, sie ist Vorsitzende der Freethought Society of Greater Philadelphia und Gründerin des Atheist Anti-Discrimination Support Network. Im Hinblick auf die Situation in den USA verwies Downey darauf, dass diese Nation gegründet worden sei, um Freiheit und Gerechtigkeit für alle Einwohner zu gewährleisten. Dieses Ziel könne nur erreicht werden, wenn tatsächlich alle Bürgerinnen und Bürger vor dem Gesetz gleich behandelt würden und die Regierung niemanden aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Alter, Geschlecht oder religiöser Auffassungen bevorzuge. Damit stellte sie die Arbeit der AAI in die Tradition der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen.
IBKA in NRW
Trotz eines Wechsels im Amt des Landessprechers (Oliver Richter musste nach knapp zweimonatiger Amtszeit Ende August aus beruflichen und privaten Gründen zurücktreten), entfaltet der noch junge Landesverband Nordrhein-Westfalen des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) zahlreiche Aktivitäten.
Nachdem in Köln das Geläut der Welt-jugendtagsglocke jugendliche Pilger morgens um 4.30 Uhr zum Dom zu begleitet hatte, kritisierte der IBKA dies als Ruhestörung – worüber die Kölner Zeitung Express berichtete – und richtete eine Anfrage an das Ordnungsamt. Dies erteilte die Auskunft, dass das Gebimmel durch die Religionsfreiheit ausreichend legitimiert sei, konnte aber keine förmliche Rechtsgrundlage angeben, so daß der Landesvorstand die Sache weiter verfolgen w ird.
Zur geplanten Einsegnung des Verwaltungsneubaus des Rathauses in Gladbeck durch Vertreter der katholischen Kirche am 21. Oktober nahm der neue Landessprecher Rainer Ponitka in einem Leserbrief in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung Stellung. Er machte darauf aufmerksam, dass eine solche einseitige religiöse Zeremonie der Neutralitätspflicht des Staates widerspreche und die Grundwerte unserer heutigen Demokratie der Aufklärung entspringen und in der Regel gegen den Widerstand der Kirchen durchgesetzt worden seien. Die Forderung nach einer weltanschaulich neutralen Eröffnungsveranstaltung hat sich mittlerweile die örtliche WASG zueigen gemacht. Zu deisem Thema existiert auch eine parodistische Webseite: www.gladblog.de.
Als weitere Aktivität ist, so Pressesprecher Holger Buhr (der neben Ellen Kühl-Murges, Brigitte Bege und Christian Brücker den Vorstand komplettiert), u.a. geplant, einen offenen IBKA-Stammtisch in Nordrhein-Westfalen einzurichten. Der erste Termin ist für den November in Köln angesetzt.
“Schläge im Namen des Herrn”
Unter dem Titel Schläge im Namen des Herrn hat Peter Wensierski im Frühjahr ein Buch über kirchliche Heimanstalten herausgegeben. “Die übergangenen Opfer”, schreibt darin der Spiegel-Redakteur, “haben ein Anrecht darauf, dass ihre Geschichte des erlittenen Unrechts endlich erzählt wird. Von der Kirche aber muss verlangt werden, dass sie ihre Opfer um Verzeihung bittet für all das, was sie diesen Menschen angetan hat.” Als Ergänzung der Veranstaltungsreihe “Religionsfreie Zone” fand am 15. September eine vom Deutschen Freidenker-Verband (DFV) München organisierte Lesung mit einem Betroffenen statt.
Josef Doll, geboren 1952 in München, wie seine Geschwister ab dem Säuglings-alter von seinen alkoholabhängigen Eltern getrennt, las über seine Erfahrungen im katholischen Kinderheim in Kallmünz bei Regensburg. Wie die zahlreichen Leidensgefährt/inn/en bekam er keine Form von Zuneigung oder Geborgenheit, sondern musste bereits als kleines Kind erfahren, dass er wenig wert sei. Schläge, Demütigungen, harte unbezahlte Arbeit und die absolute Ablehnung jeglicher Sexualität waren das “tägliche Brot”. Besonders stark berührte Josef der Tod seiner fünfjährigen Schwester, die mit zahlreichen Knochenbrüchen und anderen Verletzungen “nach einem Sturz” starb.
In Zwischen Verrücktwerden und Anpassen (das Doll im Selbstverlag veröffentlicht hat) beschreibt er seinen Lebensweg und die Einstellung zur Religion: “die Frage nach dem Tod glaubte ich nicht beantwortet zu bekommen. (...) Wenn ich eine brennende Frage hatte, hörte ich von jemandem: Gott. (...) Das einzige Gefühl, das blieb, war die Angst vor einer unheimlichen Person, die immer auftauchte, wenn ich selber nicht weiter wusste.”
Josef Doll leidet unter einer “christlichen Psychose”, Ärzte stellten eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie bei einem seiner zahlreichen (Zwangs-) Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken fest. Mit Hilfe von Medikamenten lebt er heute selbstständig. Hilfreich waren Kontakte zur (früheren) Münchner Psychiatrie-Zeitung Türspalt, zu anderen ehemaligen Heimkindern und zu Peter Wensierski.
Die Diskussion zeigte, dass mehrere Anwesende ähnliche Erfahrungen in kirchlichen Heimen und Jugendeinrichtungen gemacht hatten. Den Opfern geht es heute um mehr als um Verzeihung: Gemeinsam versuchen einige von ihnen – auch Josef Doll – wenigstens eine Entschädigung für die geleistete (Zwangs-) Arbeit zu erhalten. Der Mut der Betroffenen, an die Öffentlichkeit zu gehen, verlangt große Anerkennung, ihr Streit um Entschädigung Unterstützung.
Christiane Kröll
Flüchtlinge haben Menschenrechte
Unter dem Motto “Deutschland Lagerland” veranstaltete die Refugee Human Rights Association Ende Juli und Anfang August Kundgebungen und Demonstrationen in mehreren bayerischen Städten, darunter (neben München und Nürnberg) auch in Neuburg/Donau, wo das größte südbayerische Flüchtlingslager untergebracht ist. An der Neuburger Demo nahmen immerhin über 100 Personen teil, obwohl der 1. August nicht gerade der ideale Zeitpunkt war. So war der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Neuburg (einschließlich Sympathisanten und Gästen) mit zehn Personen recht gut vertreten. Auch der örtliche Organisator Bernd Sandner gehört dem bfg an.
Erfreulich war die Teilnahme des evangelischen Pfarrers von Neuburg, der auch am Mikrofon die menschenunwürdigen Zustände in den Flüchtlingslagern kritisierte: Die “Residenzpflicht” bedeute, dass kein Flüchtling die Grenzen des Landkreises ohne Sondergenehmigung überschreiten dürfe. Dabei sei die Bezeichnung “Residenz” für den Zustand der Behausungen geradezu ein Hohn. Selbst Obdachlose oder Schwerverbrecher lebten unter humaneren Bedingungen.
Diesen Worten schloss sich Gerhard Rampp (Vorsitzender des bfg Augsburg und stellvertretender Vorsitzender des noch recht jungen bfg Neuburg/Ingolstadt), voll an. Die Kundgebung sei ein gutes Beispiel, dass Menschen mit unterschiedlichem weltanschaulichem Hintergrund bei konkreten Aktionen gut zusammenarbeiten könnten. Gleichzeitig bemängelte er aber, dass sich nur ein winziger Bruchteil der Christen hier engagiere. So sei die katholische Kirche überhaupt nicht vertreten und auch dem evangelischen Kollegen sei es offenbar nicht gelungen, mehr als eine Handvoll seiner Mitglieder zu mobilisieren. Für weltliche Humanisten sei die Einhaltung der Menschenrechte hingegen nicht nur ein Beiwerk, sondern ein zentraler Bestandteil ihres Programms.
Rampp wies auch auf den Zusammenhang zwischen der Flüchtlingssituation und der Ausbeutung der oft rohstoffreichen, aber armen Länder der sog. “Dritten Welt” durch die Industriestaaten hin: “Die Politik, Rohstoffe von dort billig zu importieren und dann die Fertigwaren – oder gar Waffen – wieder teuer auszuführen, ist vor allem deshalb möglich, weil in den armen Ländern Diktatoren an der Spitze stehen, die naturgemäß anfällig und daher auf den Schutz der Industriestaaten angewiesen sind – siehe die ‘Mission’ im Kongo, die ja nicht der Durchführung freier Wahlen dient, sondern der Sicherung des Nachschubs von wertvollen Bodenschätzen.” Daher seien die westlichen Staaten gar nicht an funktionierenden demokratischen Strukturen in Entwicklungsländern interessiert, weil diese wesentlich stärkere Verhandlungspartner darstellen würden. Im Endeffekt seien die politischen Flüchtlinge, die den Weg nach Deutschland gefunden hätten und hier teilnähmen, großenteils überzeugte Demokraten, die von (durch den Westen gestützte) Diktaturen ihrer Heimatländer vertrieben worden seien. “Deshalb haben wir eine Mitverantwortung: Schaffen wir in den Herkunftsländern demokratischere und wirtschaftlich humanere Bedingungen, dann gehen die Flüchtlinge auch gern wieder in ihre Heimatländer zurück. Denn niemand lebt gern und freiwillig fern seiner angestammten Heimat – sofern er/sie dort leben kann!”
Auf dem dreistündigen Demonstrationszug ergriffen auch Betroffene das Wort und berichteten von ihrer unmenschlichen Lage und der mangelhaften Verpflegung. Die Einheimischen begafften die Demonstration zwar wie ein Weltwunder, hielten ansonsten aber Distanz, obwohl auch zwei Stadträte mitgingen, darunter der Mitgründer des bfg Neuburg, Prof. Dr. Vallabhbhai Patel.
Gerhard Rampp
Wahlprüfsteine
Der Landesverband Berlin-Brandenburg des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) hat vor der Landtagswahl in der Bundeshauptstadt Wahlprüfsteine an die angetretenen Parteien verschickt. Anhand zwei konkreter Fragen sollte geklärt werden, wer den Positionen des IBKA nahesteht und gegebenenfalls in dessen Sinne politisch tätig werden könnte. Zum einen wurde angefragt, welche Einschätzung hinsichtlich der Folgen der Privatisierung öffentlicher Güter bestehe (die der LV Berlin-Brandenburg u.a. als Einfallstor für “überholte Moralprinzipien” oder “dubiose esoterische Offenbarungen” in den Bildungsbereich ansieht). Zum anderen wurde angefragt, ob beabsichtigt sei, den jüngst abgeschlossenen Kirchenvertrag mit der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zurückzunehmen.
Die Antworten der Parteien bestätigen die Erfahrung der letzten Jahre: obwohl die Konfessionslosen zahlenmäßig mittlerweile die größte weltanschauliche Gruppe darstellen, werden ihre Interessen von den etablierten Parteien kaum wahrgenommen. Beispielhaft dafür ist die Antwort der Freien Demokraten: Ihr Kampf gegen “staatliche Bevormundung” führt die Berliner FDP ausgerechnet zu einer Frontstellung gegen das mit diesem Schuljahr eingeführte integrative Fach Ethik: “Die Einführung des Faches ohne eine Wahlalternative halten wir für einen grundlegenden Fehler, den es zu korrigieren gilt.” Anstelle der Möglichkeit, andere Lebensweisen kennenzulernen, wird die “Freiheit” gesetzt, in dem ideologischen Umfeld zu verbleiben, in das man als Kleinkind hineinsozialisiert wurde – Liberalität als Lachnummer.
Auch die Antwortschreiben der beiden Regierungsparteien SPD und PDS zeugen davon, wie selbstverständlich die Privilegierung der Kirchen auch im “konfessionslosen” Berlin ist. Die PDS sieht im Staatsvertrag mit der Evangelischen Kirche “einen wichtigen Beitrag zur Ausgestaltung eines vertrauensvollen Miteinanders”, der SPD erscheint die kritische Einstellung zu dem Vertrag sogar “von einer tiefen Feindschaft gegenüber der Institution Kirche motiviert”.
Die Union garnierte ihre Antwort noch mit einem kleinen Seitenhieb in Richtung HVD, indem sie darauf verwies, dass “im Jahre 2004 der Humanistische Verband Berlin [für seine Projekte] pro Mitglied mit 194,95 Euro durch staatliche Steuergelder” unterstützt worden sei, die Evangelische Landeskirche hingegen nur 10,90 Euro pro Mitgleid erhalten habe.
Allein Bündnis 90/ Die Grünen verwiesen darauf, dass sie als einzige Fraktion dem Vertrag nicht zugestimmt hätten, betonten jedoch zugleich, dass sie eine Rücknahme des Vertrages für “aussichtslos” halten.
Artikel aus MIZ 3/06
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