von Andrea Käthner / Evelyne Hohmann
Die Grundsätze einer humanistischen Sozialarbeit sind seit 1997 weltanschauliche Grundlage für die Entwicklung eines professionellen Selbstverständnisses aller freiwilligen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Projekten und Einrichtungen des Bereiches Gesundheit und Soziales des Humanistischen Verbandes (HVD). Diese Grundsätze bilden die theoretische Leitlinie für die sich im Zuge zunehmender Standardisierung sozialer Dienstleistungen stets aufs neue stellende Frage nach den Alleinstellungsmerkmalen gegenüber anderen gemeinnützigen bzw. kommerziellen Anbietern. Ziel ist es, damit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Leitlinien zu geben und sie an einem Selbstverständnis zu orientieren, das es ermöglicht, humanistische Wertvorstellungen in die Praxis professioneller Sozialarbeit zu integrieren.
Dies ist umso wichtiger, als sich allgemein bei den Anbietern sozialer Arbeit eine Identitätskrise ausprägt. Einerseits mussten sich die sozialen Verbände auf dem Markt als Dienstleistungsunternehmen profilieren, andererseits leiden sie zunehmend unter der damit einhergehenden Untergrabung der eigenen Position. Die Beanspruchung einer eigenen Wertebasis ist kaum mit der realen Entwicklung vereinbar. Für die Entwicklung eines eigenständigen Profils humanistisch begründeter sozialer Arbeit sind die Grundsätze wesentlicher Teil der Verständigung über eine gemeinsame professionelle und ethische Basis sozialer Dienste.1
Theoretisch erwartet der Staat von der Übertragung sozialer Aufgaben an gemeinnützige Anbieter vordergründig eine Sozialarbeit, die eine “sozialisatorische Absicherung all der Verhaltensweisen” ermöglicht, “die mit einer gespaltenen Gesellschaft kompatibel sind”. In der Praxis muss sich soziale Arbeit zuerst am Gebrauchswert für die konkrete Lebenssituation der Unterstützung bedürfenden Menschen orientieren. Dabei stellt die selbstbestimmte Wiederherstellung von Kompetenzen und die Erschließung eigener Ressourcen und Konfliktbewältigungsstrategien das wichtigste Ziel dar. Dazu bedarf es der Entwicklung eines professionellen Selbstverständnisses sozialer Arbeit, das sich verabschiedet von der Wahrnehmung der Klienten als an der erfolgreichen Vergesellschaftung gescheiterte Individuen oder als ohnmächtige Opfer gesellschaftlicher Selektionsprozesse und das gleichzeitig die Strategien und Möglichkeiten von Menschen in gesellschaftlich oder individuell bedingten Konflikt- und Krisensituationen kennt.
Ethische Basis sozialer Dienste
Professionelle Reflexion und Evaluation sind Grundlage, um die Wirksamkeit von Unterstützungsprozessen zu prüfen.2 Um jedoch herauszufinden, welche der gehandelten Theorien und angewandten Methoden zur Veränderung und Weiterentwicklung der Praxis sozialer Arbeit jeweils angemessen sind, bedarf es einer Verständigung über die zugrunde gelegten professionellen Standards und die ethische Basis der sozialen Dienste. Insoweit haben die Grundsätze normativen Charakter bei der Weiterentwicklung der Praxis sozialer Arbeit in den Einrichtungen des Humanistischen Verbandes. In diesem Zusammenhang ist gegenwärtig eine zunehmende Nachfrage nach sozialen Einrichtungen, deren Arbeit auch auf weltanschaulich-ethischen Orientierungen beruht, wahrnehmbar. Im Rahmen der Konkurrenz bei immer fortschreitender fachlich-qualitativer Angleichung der Leistungsanbieter eines Fachgebietes führt dies zur stärkeren Profilierung und Polarisierung von Trägern und ihren Angeboten. So hat die konservativ-religiös dominierte Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz den HVD und seinen ambulanten Hospizdienst V.I.S.I.T.E. als Mitglied ausgeschlossen. Grundlage dafür war die toleranz- und selbstbestimmungsgeprägte Position des Humanistischen Verbandes zur Autonomie jedes Menschen an seinem Lebensende.
Die dort praktizierte Präferierung des Lebensschutzes vor Selbstbestimmung führte auch zu einer stärkeren Wahrnehmung des HVD als Weltanschauungsorganisation in der Öffentlichkeit und forderte Parteinahme heraus. Für unsere praktische Arbeit ergeben sich daraus höhere Anforderungen an die Entwicklung von sozialen Angeboten, die den humanistisch-ethischen Ansatz noch deutlicher hervortreten lassen. Gleiches gilt für die zunehmend notwendig gewordene Netzwerkarbeit mit anderen weltanschaulich neutralen Anbietern.
Wesentliche theoretische Grundlage für die Grundsätze der humanistischen Sozialarbeit ist das Empowerment-Konzept,3 dass auf die “Selbstgestaltungskräfte der Adressaten sozialer Arbeit und auf die Ressourcen, die sie produktiv zur Veränderung von belastenden Lebensumständen einzusetzen vermögen”, orientiert: “Die Hilfe ist so zu gestalten, dass die Würde und das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Menschen geachtet und das Selbsthilfepotential wiederhergestellt und erweitert wird.”
Jüngste Praxisbeispiele der Arbeit sind hier die Entwicklung erster Schritte zum Aufbau einer humanistischen Beratung für die Menschen, die sich in Phasen der Suche nach einem (neuen) Lebenssinn, nach dem “Glücklichwerden” befinden, die um eine neue oder die Bestätigung der eigenen sozialisatorisch erworbenen Werteorientierung ringen. Der Bedarf an Gesprächen zur Reflexion eigenen Handelns, die Suche nach Sicherheit bei der Entscheidungsfindung in persönlichen moralisch-ethischen Konfliktsituationen oder auch am Beginn eines neuen Lebensabschnittes, die Suche nach der Balance zwischen eigenem Anspruch und Verantwortung für andere begegnet uns in verschiedenen sozialpädagogischen “Fach”-Beratungen immer öfter. Dies nicht nur im Alltag ambulanter humanistischer Sozialarbeit anzubieten, sondern auch auf öffentliche Institutionen wie Krankenhäuser oder Gefängnisse auszudehnen, sollte langfristiges Ziel unserer Bestrebungen sein. Menschen, die dort einen Gesprächspartner suchen, befinden sich meistens in persönlich sehr belastenden Grenzsituationen. Zentrale Methode bei allen Angeboten ist immer die Hilfe zur Selbstbefähigung durch Selbstwahrnehmung.
Verschüttete Ressourcen wieder auffinden
Einer ähnlichen Orientierung mit einem ganz niedrigschwelligen Anspruch folgt unser Konzept für die Arbeit in den Wohngemeinschaften älterer Menschen mit Demenz. Auch wenn bei dieser Erkrankung oft eigene Ressourcen verloren sind, muss sich der humanistische Betreuungsansatz zur (Wieder-)Herstellung von Lebensqualität in den Wohngemeinschaften am subjektiven Wohlbefinden der Betroffenen orientieren.
Erfolge dieses Ansatzes zeigen sich darin, dass Bewohnerinnen, die mit Magensonde einzogen, wieder selbstständig essen und genießen können, verlernte hauswirtschaftliche Fähigkeiten zurück erlangen oder auf Grund geringerer Notwendigkeit zur Einnahme von Psychopharmaka wieder in Beziehung zu anderen Bewohnerinnen treten können. Noch vorhandene Ressourcen werden belebt und gestärkt.
Die Parteinahme der humanistisch begründeten Sozialarbeit für sozial benachteiligte Menschen, die Forderung nach Solidarität der Privilegierten und Gesunden mit den Benachteiligten und Kranken, nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ist Ausdruck “solidarischer Professionalität”4.
Die Bestimmung eines spezifischen Selbstverständnisses humanistischer Sozialarbeit findet sich auch wieder in der Forderung, “die Bedürfnisse, Werte und die Lebenssituation der Hilfenehmer zu beachten” und auch die (aufgeklärte) persönliche Entscheidung für ein selbstschädigendes Verhalten zu respektieren. Die ausdrückliche Positionierung, bei aller Toleranz gegenüber anderen Lebensauffassungen, die “eigene humanistische Lebensauffassung” nicht zu verleugnen, nimmt in diesem Sinne die Adressaten sozialer Dienstleistungen als gleichberechtigte Partner einer Arbeitsbeziehung wahr.
Humanistische Sozialarbeit heißt nicht nur individuelle Unterstützung und Begleitung, sondern fühlt sich ebenso dem Eintreten für bessere soziale Rahmenbedingungen, für die Interessen benachteiligter Gruppen verpflichtet. Dies geschieht intern z.B. durch Schaffung menschenwürdiger Einsatzbedingungen im Rahmen von Maßnahmen des zweiten Arbeitsmarktes oder durch die Entwicklung neuer Projekte zur Unterstützung von Armut betroffener Familien, extern durch sozialpolitisches Engagement für Benachteiligte in Verbünden und Gremien. Insofern sind die freiwilligen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichzeitig gesellschaftsverändernde Akteure.
Auch innerhalb der Fachbereiche sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen des Humanistischen Verbandes ist die Ermutigung Betroffener “selbst politisch für die Verbesserung menschenunwürdiger Lebensbedingungen einzutreten und ... sie dabei zu unterstützen” Leistungsinhalt der humanistischen Sozialarbeit. Die Möglichkeit, sich mit Menschen mit gemeinsamen Anliegen zu verbinden und dabei neue Strategien zur Bewältigung von Problemen oder neuen Aufgaben zu entwickeln, bedeutet in der Konsequenz auch immer wieder eigene Entfaltungsmöglichkeiten zu erweitern.
Praktischer Ausdruck dessen sind die Entscheidungen des HVD, sich stärker in der Gemeinwesenarbeit zu engagieren, Netzwerke mit anderen zu knüpfen, dem Wert des Sozialraumes in der Angebotsgestaltung Rechnung zu tragen. Auf Grund unserer zumeist überregionalen Strukturen ist dies natürlich nur punktuell möglich. Bürgerschaftliches Engagement im Interesse einer Entwicklung der Lebensqualität für alle im Sozialraum lebenden Menschen, Unterstützung bei der Entwicklung von Angeboten der Hilfe zur Selbsthilfe, das Engagement für die Integration von Migrantinnen und Migranten oder die Organisation nachbarschaftlicher Hilfen für diejenigen, deren Selbsthilferessourcen durch physische oder psychische Handicaps erschöpft sind, ist ein Schwerpunkt der Arbeit aller Einrichtungen und Projekte des Bereichs. Trotz oder gerade deswegen sollte humanistische Sozialarbeit sich nicht nur mit der Lebensbewältigung, dem Zurechtkommen unter schwierigen Bedingungen befassen, sondern weitergehend die Verwirklichung des individuellen Glücksanspruchs befördern.
Sich selbst, seine Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten, seine Wertorientierungen und Ziele, seine Rechte und Ansprüche zu achten, wertschätzen und bejahen zu können – das ist eine notwendige Voraussetzung jeder selbstbestimmten Lebensführung und damit auch des persönlichen Glücks.
Anmerkungen:
1 Vgl. Ingrid Kollak, in: Das Krankenhaushandbuch. Hrsg. von Jochen Breinlinger-O’Reilly. Neuwied u.a. 1997, S. 129.
2 Michael Schumann, in: Modernisierung sozialer Arbeit durch Methodenentwicklung und -reflexion. Hrsg. von Norbert Grodeck und Michael Schumann. Freiburg i.Br. 1994, S. 14.
3 Norbert Herringer: Empowerment in der Sozialen Arbeit, Stuttgart u.a. 1997
4 ebenda.
Artikel aus MIZ 3/06
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