Buchbesprechungen MIZ 4/06

Norbert Hoerster: Die Frage nach Gott

München: C.H. Beck 2005. 125 Seiten, kartoniert, Euro 9,90, ISBN 3-406-52805-8

“Eine Religion, die der Vernunft einfach den Rücken kehrt, wird auf die Dauer auch von ihr verschont bleiben.” So lautet das pessimistische Resumé des Sozialpsychologen Norbert Hoerster, nachdem er Gott rational widerlegt hat.

Diese Einschätzung muss man nicht teilen, wobei man sich fragt, warum der Autor so viel Arbeit in dieses Buch steckt, wenn er ohnehin nicht damit rechnet, einen Gläubigen zu bekehren. Gelingen wird es ihm wahrscheinlich trotzdem, wenn auch nur bei Menschen, die bereits an Gottes Existenz zweifeln.

Zunächst versucht sich der Philosoph an einer Definition seines Untersuchungsgegenstandes. Dieser verfügt über sechs Merkmale und entspricht dem monotheistischen Gott der großen Weltreligionen, wobei das Buch vor allem auf das christliche Gottesbild eingeht. Die wichtigsten Argumente für seine Existenz fallen sogleich der scharfen Klinge des geschulten Verstandes zum Opfer. Wie jedoch sieht es mit Propheten und Heiligen aus, die bekanntlich einen heißen Draht zu ihrem Zweit-Vater im Himmel haben? Einen heißen Draht zu Beweisen oder einer einheitlichen Gotteswahrnehmung haben sie leider nicht, weshalb man ihnen nicht alles glauben muss. Der Eine träumt vom Abendmahl, der Andere von einer Audienz beim Papst – Träume sind Schäume, sagt schon der Volksmund.

Hoerster widmet sich auch der Frage, ob Gott für die Moral notwendig ist, wobei er Kants bejahender Stellungnahme widerspricht. Tatsächlich übt Gott einen allemal störenden Einfluss auf die menschliche Moral aus, was mit einem Blick auf bestimmte Glaubensinhalte und ihre Folgen belegt wird. Viel besser wäre es, lieb zu Tier und Mensch zu sein, als einen Gott anzubeten, der arme Kinder nur deshalb verhungern lässt, damit wir unseren freien Willen ausleben können, ein Wille, an dem Norbert Hoerster leider immer noch festhält. Dies ist jedoch die einzige schwache Stelle in seinem Buch. Der Glaube an Gott kann dem menschlichen Leben nicht einmal Sinn verleihen, wie wir weiter erfahren. Vor der Hölle brauchen wir dafür keine Angst zu haben, denn: Warum sollte ausgerechnet ein Gott existieren, der eine Vorliebe für gegrillte Ungläubige hat und nicht zum Beispiel für Wiener Schnitzel? Wenigstens für das Theodizee-Problem bieten Theologen wie Armin Kreiner Auswege an, so genannte Brückenthesen. Diese halten einer kritischen Überprüfung allerdings nicht stand. Das dürfte Gläubige verärgern, und doch stellt sich die Frage, warum der Schöpfer seine Schäfchen mit der Fähigkeit zum logischem Denken segnet und dann von ihnen erwartet, diese nicht anzuwenden.

Norbert Hoerster jedenfalls macht reichlich Gebrauch vom logischen Denken und seine Antwort auf die Gretchenfrage ist eine komplette Widerlegung Gottes auf philosophischer Ebene, ohne großartige Rückgriffe auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Somit ist das Buch für jeden geeignet, der offen für Argumente ist und einen sachlichen Stril bevorzugt. Nur selten kann sich Hoerster nicht zurückhalten und macht sich über bestimmte Glaubensinhalte lustig, was jeweils sofort einleuchtet. Ungläubige dürfen sich außerdem an neuen Argumenten gegen Gottes Existenz erfreuen. Mit gerade einmal 125 Seiten ist Hoersters Gottesfrage ein Crashkurs in Sachen Religionskritik für Atheisten und solche, die es noch werden wollen.

Andreas Müller

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