Humanist Farm

Wenn Konfessionslosigkeit zur Konfession wird

von Christian Brücker
Ein immer wieder gern zitierter Spruch besagt, dass mit oder ohne Religion gute Menschen Gutes und böse Menschen Böses tun, dass es aber der Religion bedürfe, damit gute Menschen Böses tun. Dennoch wäre es höchst naiv, zu glauben, das Fehlen eines transzendenten Glaubens sei eine Garantie, dass man selber nicht von diesem Satz getroffen werden könne.

Denn es ist nicht der Glaube an Gott, der “Religion” im Sinne dieses Spruches ausmacht, sondern das Bewusstsein der eigenen Überlegenheit, das Bewusstsein, besser zu sein als andere, bessere Erkenntnisquellen zu besitzen oder auch nur edlere Motive zu haben. Diese Art des Überlegenheitsgefühls ist es, die das vordergründig Böse als notwendig im Sinne der Sache und damit gut erscheinen lässt. Zur Religion in diesem Sinne kann alles werden – und entsprechende Tendenzen gewinnen in der deutschen säkularen Szene seit etlichen Jahren zunehmend an Einfluss und Dynamik, und haben inzwischen ein Ausmaß angenommen, das Anlass zur Besorgnis gibt.

Diese Tendenzen setzen an zwei Punkten an, an denen die Verlockung, die Kirchen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, besonders groß ist – bei der Caritas und bei der Wertefrage. Auch wenn die Protagonisten unbestritten mit den besten Absichten handeln, so übersehen sie dabei die Gefahr, sich am Ende in der Rolle des Helden wiederzufinden, der im Verlauf seines Kampfes gegen “den Bösen” diesem immer ähnlicher wird, bis er am Ende ihn zwar besiegt hat, aber nicht mehr von ihm zu unterscheiden ist. Denn wer die Kirchen mit ihren eigenen Waffen schlagen will, muss von den Kirchen lernen – und wer die Kirchen zum Vorbild nimmt, der wird am Ende zur Kirche werden.

Cave caritatem –die dunkle Seite der guten Tat

Angesichts der erdrückenden Übermachtstellung kirchlicher Institutionen im Sozialbereich, auf die sich letztlich das positive Ansehen stützt, wird vermehrt argumentiert, man müsse diesen kirchlichen Institutionen entsprechende humanistische entgegenstellen, zum einen, damit auch Kirchenfreie adäquate Einrichtungen vorfinden, zum anderen aber auch, um deutlich zu machen, dass auch Kirchenfreie sozial engagiert seien. Das aber ist ein Irrweg.

Denn am evangelischen Krankenhaus stört ja nicht, dass die Krankenschwester evangelisch ist, sondern dass dieser Evangelismus penetrant zur Schau gestellt wird. Ebenso stört am katholischen Kindergarten nicht die Konfession der Erzieherin, sondern dass sie diese den Kindern vermittelt. Sicher, dieses Problem wird durch entsprechende atheistische Einrichtungen – vordergründig – gelöst. Denn wenn man Atheismus zur Schau stellt oder Kindern erzählt, dass es keinen Gott gibt, stört das den Atheisten eher wenig. Wenn also das (und die Arbeitsmarktsituation) die ganze Kritik wäre, wäre das Problem gelöst. Dem ist aber nicht so.

Denn am evangelischen Krankenhaus stört auch, und vor allem, dass hier eine öffentlich finanzierte Aufgabe benutzt wird, sich als Wohltäter zu präsentieren – so wie am katholischen Kindergarten stört, dass katholische Eltern ihre Kinder in geistiger Monokultur erziehen lassen können, und wie überhaupt die gesellschaftliche Segretation durch solche konfessionell getrennten Einrichtungen stört. Dieses Problem aber wird gerade nicht gelöst durch Krankenhäuser, mit denen sich dann auch der Atheismus als Wohltäter profiliert, oder durch Kindergärten, in denen atheistische Kinder isoliert von andersdenkenden Einflüssen erzogen werden. Ganz im Gegenteil werden eben diese Misstände dadurch zementiert. Nun kann man sich zwar auch hier auf den Standpunkt stellen, dass es bei atheistischen Einrichtungen nicht stört, weil hier ja das “Richtige” propagiert werde – aber damit stellte man sich auf eine Stufe mit den Kirchen, und die allzeit gern geübte Kritik an den Kirchen für ihr derartiges Tun würde zur dreisten Heuchelei.

Tatsächlich wird denn auch seitens der Befürworter atheistischer Einrichtungen gern betont, dass diese Einrichtungen genau so gerade nicht sein sollten, sondern dass sie ganz im Gegenteil sich als besser erweisen sollen, indem sie solches eben nicht tun – faktisch also “neutral” handeln. Offen bleibt dabei allerdings, warum solche neutralen Einrichtungen nicht auch neutrale Träger haben sollten, wozu stattdessen solche Einrichtungen ein weltanschauliches Etikett brauchen – was wiederum die Frage aufwirft, warum Menschen, die tatsächlich neutrale Einrichtungen wollen, oder auch nur akzeptieren, auf die Neutralität solcher Einrichtungen vertrauen sollten. Nicht ohne Grund würden wir einem Kindergarten, der neutrale Erziehung verspricht, misstrauen, wenn dieser Wert darauf legte, katholisch zu sein – warum also sollte ein Katholik, der eine neutrale Erziehung wünscht, einem atheistischen Kindergarten trauen?

Die Lösung des Problems muss also zwingend darin bestehen, die weltanschaulich gebundenen Institutionen durch neutrale zu ersetzen.

Wenn stattdessen atheistische Institutionen gefordert werden, dann nicht um der Erfüllung der Bedürfnisse willen, sondern um sich selbst als “auch sozial engagiert” zu profilieren – was die Tat zur Propaganda entwertet. Oder die Forderung dient der Ruhigstellung der Minderwertigkeitskomplexe derer, die auf die Propaganda der Kirchenlobby hereingefallen sind, und meinen, beweisen zu müssen, dass “wir auch” können. So oder so begeben wir uns damit auf das Spielfeld der Kirchen, erkennen den von den Kirchen (zu ihren Gunsten!) maßgeschneiderten Maßstab des sozialen Engagements als Wertkriterium an – und begeben uns damit nicht nur der Möglichkeit, die Verlogenheit dieses Maßstabes zu kritisieren, sondern – viel schlimmer – müssen uns dann auch daran messen lassen und geben mit unseren drei Beispielprojekten neben der Fülle kirchlicher Einrichtungen natürlich ein jämmerliches Bild ab, dessen Peinlichkeit sich nur noch potenziert, wenn die Kirchen süffisant darauf verweisen können, dass die Träger dieser Projekte eigentlich weltanschaulich neutral sind.

Leitkultur Demokratie

“Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.” Dieses aus dem Zusammenhang gerissene Zitat wird seitens der Kirchen immer wieder gern benutzt, um, zusammen mit dem Hinweis, weltanschauliche Neutralität könne schließlich nicht Wertneutralität bedeuten, zu “begründen”, wieso der Staat die Kirchen als Wertsetzungsinstanz benötige. Da die demokratischen Grundwerte nicht aus sich selbst heraus Bestand haben können, so die Argumentation, muss der Staat, der sie nicht selber garantieren kann, sich der Hilfe der Kirchen und ihrer religiösen Wertbegründung bedienen.

Zu Recht setzen sich die säkularen Verbände gegen die Anmaßung der Kirchen zur Wehr, diese Werte als genuin christlich exklusiv für sich in Anspruch nehmen zu wollen. Zu Recht weisen sie immer wieder darauf hin, dass diese Werte gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden mussten. Wenn aber nun umgekehrt ein Monopolanspruch des Humanismus auf diese Werte erhoben wird, so ist dies kaum weniger anmaßend. Mit dem selben Recht, mit dem die Humanisten den Gottesbezug ablehnen, könnten Christen einen “Humanismusbezug” ablehnen. Denn diese demokratischen Grundwerte, wiewohl von Humanismus und Aufklärung durchgesetzt, sind inzwischen Allgemeingut geworden. Der Patentschutz ist längst abgelaufen. Die demokratischen Grundwerte bedürfen keiner religiösen, humanistischen oder sonstigen Begründung, denn sie sind aus sich selbst heraus werthaft. Eben dies ist ja nicht nur der Grund, weswegen sie von der Aufklärung verfochten wurden, sondern auch die Grundlage ihrer Durchsetzungsfähigkeit.

Sicher: Während der Humanist diese Werte humanistisch begründet, wird der Christ sich einreden, dass sein Christentum sie lehre. Jedoch stellt sich die Frage, was das denn für eine Rolle spielt. Wenn es wirklich nur um die Werte selbst geht, kann gleichgültig sein, warum sie jemand akzeptiert, solange er sie akzeptiert.

Zu Recht werden Versuche kritisiert, eine christliche “Leitkultur” zu errichten. Zu Recht deshalb, weil die Kirchen mit ihrem Anspruch, die demokratischen Werte stützen zu müssen, diese entwerten, die ihnen eigene innere Werthaftigkeit leugnen. Zu Recht aber auch und vor allem deshalb, weil dadurch Nichtgläubige aus der maßgebenden Kultur ausgeschlossen werden, zu bloß geduldeten Fremdkörpern herabgesetzt werden. Wenn aber nun versucht wird, umgekehrt stattdessen eine humanistische Leitkultur zu errichten, dann schlägt das Pendel ins andere Extrem aus: Auch der Humanist, der eine humanistische Fundierung der Werte fordert, entwertet sie, auch er spricht ihnen ab, aus sich selbst heraus tragfähig zu sein. Und, schlimmer noch, er ignoriert das Faktum des eigenen Sieges, den Umstand, dass auch Religiöse in ihrer übergroßen Mehrheit sich längst zu den demokratischen Werten bekennen. Und dass sie es in ihrer überwältigenden Mehrheit tun, ist offensichtlich – denn warum sonst hätten es die Kirchen nötig, geschichtsklitternd zu versuchen, diese Werte für sich in Anspruch zu nehmen? Man mag sich mit ihnen streiten, ob sie diese Werte trotz oder wegen ihrer Religion vertreten – aber man muss anerkennen, dass sie sie vertreten, wenn sie es tun. Denn auch Religiöse bluten, wenn man sie sticht, indem man ihr Bekenntnis zur Demokratie anzweifelt, sie aus der maßgebenden Kultur ausgrenzt und zu bloß geduldeten Fremdkörpern herabsetzt.

Auch hier stellt sich die Frage nach der Motivation, und auch hier bieten sich die selben Antworten wie bei der Caritas: Es geht entweder darum, sich selber zu profilieren, die eigene Anschauung aufzuwerten – oder um die Kompensation der Minderwertigkeitsgefühle derer, die nicht ertragen können, mit den Kirchen nicht auf dem Gebiet der Letztbegründungen konkurrieren zu können.

Auch wer eine humanistische Leitkultur fordert, zerstört damit die Leitkultur, die wir bereits haben, die freiheitliche, demokratische – gegründet weltanschaulich neutral allein auf den demokratischen Werten. Dass die Werte aus freien Stücken akzeptiert werden – das und nichts anders sind jene Grundlagen, die der Staat nicht garantieren kann. Würde der Staat versuchen, die Akzeptanz dieser werte verbindlich zu sichern, sie verbindlich vorzugeben, hörte er auf, freiheitlich zu sein. Dies ist die Botschaft, die Ernst Wolfgang Böckenförde mit jenem berühmt-berüchtigten Zitat seinen christlichen Glaubensbrüdern zu vermitteln versuchte, denn, so fährt er fort, “Dies ist das große Wagnis, dass er [der freiheitliche, säkulare Staat] um der Freiheit willen eingegangen ist.” Und dies ist die Botschaft, die nun jenen entgegenzuhalten ist, die meinen, die Grundwerte durch ein Bekenntnis zum Humanismus sichern zu müssen.


Michael Schmidt-Salomon hat mit seinem Manifest des evolutionären Humanismus eine Debatte mit vielen Aspekten angestoßen. Auf seine Idee der “Leitkultur” antwortet Christian Brücker, Mitglied im Vorstand des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA).

 


Artikel aus MIZ 4/06

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