Jude – Linkssozialist – Emigrant 1911-1977. Eine politische Biographie. Essen: Klartext 2007. 552 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 29,90 ISBN 3-89861-660-6
Bislang existierte keine zusammenhängende wissenschaftliche Gesamtdarstellung von Fritz Lamms Leben. Zahlreiche Nachrufe, verstreute Artikel, biographische Notizen und nur wenige gedruckte Veröffentlichungen standen zur Verfügung. Michael Benz stellt hier nun ein umfangreiches Werk vor, wobei schon allein der Fleiß beim Quellenstudium und bei der Materialbeschaffung beachtenswert ist. Das Quellenmaterial war in zahlreichen Archiven zerstreut, häufig war er nur auf so genannte Archivsplitter angewiesen. Um Lamms Lebensweg nachzuzeichnen, bereiste der Autor Stettin im heutigen Polen, die Stationen von Lamms Flucht in der Schweiz, Österreich, Tschechien, Frankreich und Kuba, besuchte zahlreiche Archive und Privatadressen in der Bundesrepublik, führte mündliche Befragungen durch und wertete sogar das Archiv des Kibbuz Hasorea in Israel aus. Eine wichtige Quelle für Leben und Ansichten Lamms waren sein umfangreiche Briefwechsel, der ausgiebig zitiert und belegt wird. Ein verloren geglaubtes, fast hundertseitiges Tagebuch, verfasst 1936 während der Zeit der Flucht von Österreich in die Tschechoslowakei konnte vom Verfasser aufgefunden und ausgewertet werden. Redemanuskripte konnten hingegen kaum herangezogen werden, denn Lamm, der eine umfanreiche Vortragstätigkeit entfaltet hatte, verwendete häufig Stichwortzettel und improvisierte seine Reden. Die Zusammenstellung des Quellen- und Literaturverzeichnis und der Bibliographie Lamms ist ein umfangreicher wissenschaftlicher Apparat von fast 50 Seiten und wurde bisher in diesem Umfang noch nie geleistet.
Trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruchs der Biographie ist es Michael Benz gelungen, eine interessante, spannende und lehrreiche Vita nachzuzeichnen. Fakten- und detailreich werden die sozialen und politischen Bewegungen dargestellt, von der Spätphase der Weimarer Republik, des Faschismus an der Macht, des Widerstands, der Emiranten und Emigrationsländer, der Bewegungen der deutschen Nachkriegszeit, bis hin zur außerparlamentarischen Opposition, sozialen Bewegungen und der undogmatischen Linken bis in die 1970er Jahre. Ein Kaleidoskop der linken Parteien und Gruppen, Jugendbewegten, Naturfreunden, Freidenkern, Gewerkschaftern, Persönlichkeiten, Literaten, Friedens- und Studentenbewegten tut sich dem Leser auf. In allen diesen Bewegungen wirkte Lamm originell und engagiert. Der undogmatischen Linken der 1968er Generation war er gar ein wenig Lehrmeister und Vorbild.
Lamm, ein Mann von hoher Bildung, war kämpferisch und sensibel zugleich, ein Atheist jüdischer Abstammung, ein begabter Redner und passionierter Briefeschreiber, ein Intellektueller ohne akademische Ausbildung, persönlich geprägt von einem schwierigen, zeitweise atemberaubenden Lebenslauf. Die Zeitläufe verhinderten, dass er in den Genuss einer universitären Bildung kam bzw. überhaupt eine Berufsausbildung erfolgreich beenden konnte. Trotzdem kann er mit gutem Recht als Arbeiter-Intellektueller bezeichnet werden
Auf Grund seiner jüdischen Herkunft, seines Lebenswegs als Dissident sowie als Homosexueller stellte Lamm eine ungewöhnliche Erscheinung in der deutschen Arbeiterbewegung dar. Der Schlüssel zum Verständnis seiner Persönlichkeit liegt in der Wahl seiner Pseudonyme Rudolf Ketzer und Thomas Müntzer. So lehnte Lamm jeglichen Dogmatismus ab und übte im politischen wie auch im täglichen Umgang mit seinen Mitmenschen Toleranz. Als einer der letzten innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung verkörperte Lamm den luxemburgisch-antistalinistischen Traditionsstrang.
Ein eigenes Kapitel ist dem Wirken Lamms als Referent bei den Freidenkern gewidmet. Schon seine Abwendung vom jüdischen Glauben als Jugendlicher war parallel entstanden zu seiner politischen Radikalisierung, seinem Bekenntnis zu einer marxistischen Weltanschauung und seiner Organisierung in der Freidenkerjugend. Lamm 1957: „Religion liegt mir nicht. Die Kenntnis des experimentell Erwiesenen und wissenschaftlichen Nachweisbaren, des real Vorhandenen halte ich für gut und nützlich, auch um weltanschauliche Vorstellungen zu entwickeln und daraus politische Schlüsse zu folgern. Ins Gebiet der Irrationalen folge ich nicht.“ Auch wenn Lamm zuweilen aus dem Talmud zitierte und gelegentlich von seiner jüdischen Nase sprach, war sein Verhältnis zum Judentum nicht ambivalent: „Zum Judentum habe ich kein Verhältnis. Nationalismus und Religion sind mir allgemein verdächtig, auch wenn es sich um die jüdische handelt. Es genügt mir, ein ungläubiger Weltbürger-Mensch zu sein.“
In Stuttgart erneuerte Lamm seine Mitgliedschaft in der, von Susanne Leonhard in Stuttgart geleiteten Ortsgruppe des Deutschen Freidenker-Verbandes (DFV). Kritisch stellte Lamm schon damals fest, dass der Verband „reichlich antiquiert“ sei. Susanne Leonhard jedoch beeindruckte ihn sehr, da sie ebenfalls einen antistalinistischen Hintergrund hatte. Die Kampfgefährtin Rosa Luxemburgs musste im sowjetischen Exil unschuldig Verfolgungen und langjährige Lagerhaft erleiden. Lamm übernahm bei den Freidenkern keine Verbandfunktionen, entwi-ckelte allerdings eine fruchtbare und rege Referententätigkeit: Der Entwicklungsgedanke in Natur und Gesellschaft 1963, Religion und Weltanschauung 1964, Kulturpolitische und geistige Lage in der Bundesrepublik 1968, Zur Problematik von Politik und Kultur in Ost und West (Hauptreferat der Bundeskonferenz des DFV 1./2. Oktober 1966 in Essen). In bester Traditionslinie eines Jakob Stern betonte er: „Ohne das notwendige Element der Kritik ist jegliches Denken nur frei innerhalb bestimmter, offiziell zugelassener Grenzen.“ Lamm appellierte an die Delegierten, nicht zu vergessen, dass der DFV nicht nur eine Organisation sei, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Jesus Christus lebte oder nicht und ob der liebe Gott ein netter oder böser Mensch sei, sondern eben auch ein Verband, der sich mit dem aktuellen und konkreten Kulturkampf, mit Fragen der Kunst, mit den Fragen der sonstigen gesellschaftlichen Entwicklung, z.B. den Sexualfragen beschäftigen müsse.
Heiner Jestrabek
Paul Schulz: Codex Atheos. Die Kraft des AtheismusCuxhaven: Rauschenplat 2006, 491 Seiten, gebunden, Euro 29,80, SBN 3-395519-15-X
Es geht in dem Buch um etwas Außergewöhnliches. Um die persönliche Kraft, die darin liegt, nicht an Gott zu glauben, um die geistige Stärke, ohne Gott zu denken und zu leben. Eben um a-theistisch – ganz und gar ohne Gott.
Paul Schulz stellt nicht nur sich – wie 1667 Pierre Bayle – sondern seiner Leserschaft vor, worauf „eine Gesellschaft der Atheisten“ sich berufen könnte. Seine sehr nachdrückliche Ablehnung des von Karl Marx her aufgenommenen gesellschaftskritischen Atheismus gilt dem hieraus hervorgebrachten generellen Religionsverbot, womit dem Individuum auch sein innerer Selbstschutz, an Gott Glauben zu können genommen worden sei.
Der promovierte Theologe und ehemalige Hamburger Pastor Paul Schulz will Atheismus in ganz enger Verbindung zum Humanismus sowie in jener Denkfreiheit des Individuums, welche Demokratie zu erstreben vermag, angesiedelt wissen. Er wendet sich implizit an auf einen Gottesglauben hin sozialisierte Mitglieder zumal als christlich bestimmt behaupteter Gesellschaftsformen. Somit legt er vorzüglich diesen nahe, den Codex Atheos für sich als Befreiung aus göttlicher Fremdbestimmung sowohl zu individueller Autonomie wie auch in atheistischer Weltverantwortung wahrzunehmen. Er selbst nimmt den grundlegend in der Antike angedachten Atheismus von dort her auf und verfolgt dessen Spuren bis in die Gegenwart.
Dazu gehört die Herausarbeitung der Entdeckung des demokratischen Individuums zu Gunsten der im Befreiungskampf des Solon (etwa 640-561 v.u.Z.) aufkommenden attischen Demokratie. Diese ermöglichte jene aufklärenden Denkfreiheiten wie sie zugleich denselben sich verdankte, um zumindest vorübergehend gegen die Interessen der vormals dominanten religiös-konservativen Oberklassen Einfluss durchzusetzen. Über die demokratiefeindlich monotheistisch staatskirchlich geprägten Jahrhunderte hinweg nimmt Paul Schulz in der Französischen Revolution die bis in die Gegenwart fortgeltende Wiederbelebung der in der attischen Demokratie angelegten Grundrechte des Individuums wahr. Darüber hinaus findet der Autor die antiken Ansätze des aus philosophischer Naturerkenntnis erschließbaren Atheismus zumal in den Gottlosigkeitsprozessen gegen Aspasia (um 450 v.u.Z.), Anaxagoras (um 500-428), Protagoras (480-410), und Sokrates (469-399) bezeugt. Diesen will er mit Bertrand Russell (1870-1970) als den bedeutendsten Menschen des Abendlandes gewürdigt wissen.
Von Sokrates, dem Atheisten am Anfang unserer Zeit, weit über Platon und Aristoteles hinaus zu Nietzsche und Sartre zeigt Paul Schulz den christlich monotheistisch vereinnahmten Logos als hinsichtlich seiner Letztdefinition offen auf. Insbesondere Aristoteles erweist sich im hier vorliegenden Text über die Scholastik hinweg von Wilhelm von Ockham (1298-1349) her bis zu Ernst Bloch (1885-1977) seiner monotheistischen Vereinnahmung seitens der Kirchen entkleidet und als ein Hauptzeuge innerweltlicher Vernunftphilosophie rehabilitiert. Diese Entdogmatisierung des Denkens findet sich als dessen Befreiung zur philosophischen Grundlegung empirisch überprüfbaren Erkenntnisfortschritts aufgezeigt. Der Autor erschließt die unabweisbare Einsicht in die Herkunft der abendländischen Kultur überhaupt aus der definitiv vorchristlichen Antike bis zu deren aufklärungsgetragener Resäkularisierung auf ein vernunftbedingtes säkulares Weltbewusstsein hin.
Paul Schulz greift einen Ansatz auf, Jesus als Leitgestalt für Atheisten denkbar anzubieten, da dieser eine Ethik ohne Gott vertreten habe. Hierfür bereitet er Quellenzitate auf, woraus sich eine eher zwischenmenschliche Verhaltenserwartung ableiten lassen könne. Mit spezifischer Differenzierung zwischen „Jesus Christus“ und „Jesus von Nazareth“ eröffnet Paul Schulz seine Möglichkeit, sich in Orientierung am Letzteren als Atheist und Jesuaner zu definieren. Martin Luthers Reformation hingegen erweist sich auch für Paul Schulz als fundamental monotheistisch abgesichertes Aufbegehren gegen die römische Kirchenmacht. Den aktuell politisch vorgetragenen Anspruch zur europaweiten Aufrechterhaltung einer angeblich christlichen Wertegemeinschaft lässt Paul Schulz ausführlich als zwischen venezianischem Unternehmertum und Kreuzfahrerbrutalitäten aufgekommen sichtbar werden.
Von seiner Hegelkritik aus führt Paul Schulz über Ludwig Feuerbach und dessen Aufdeckung der Religion als Projektion des Menschen zu Marx und dessen historischem Materialismus. Hinsichtlich eines zu entwerfenden atheistischen Menschenbildes unterstellt der Autor verallgemeinernd, der Mensch verstehe sich selbst als etwas aus Gottes Geist Geschaffenes. Ob dergleichen tatsächlich als für moderne Menschen grundsätzlich zustimmungstauglich durchgehen wird, darf zumal angesichts intellektuell redlich vertretener Naturwissenschaft und deren geisteswissenschaftlicher Folgerungen bezweifelt werden. Immerhin nimmt Paul Schulz das im gegenwärtigen Erkenntnisrahmen für den Menschen aufgekommene Machbarkeitspotential zur Grundlage seiner Forderung, der Mensch müsse autonom werden, um mit der Sicherheit seiner selbst seine Eigenverantwortung zunehmend wahrnehmen zu können.
Den nach 4,5 Milliarden Jahren Evolution des Denkens erreichten Verfassungs-text der Europäischen Union ohne eine Berufung auf Gott und die christliche Religion will Paul Schulz als Positionierung des säkular verfassten Abendlandes gegen die religiösen Kräfte gewürdigt wissen. Aus der Befähigung des Menschen zu säkular objektiver Rationalität schließt er auf den Zwang zur atheistischen Selbst- und Weltverantwortung – gerade auch im ethisch-humanen Bereich. Von da her räumt er dem Einzelnen etwa auch das persönliche Recht auf dessen private Religion ein. Wie damit zugleich der Kampf gegen die institutionalisierte Religion erfolgreich ausgetragen werden kann, dürfte angesichts möglicher politischer Verantwortlichkeit bei privater Religiosität eher Entwurf bleiben.
Paul Schulz erkennt den demokratisch verfassten säkularen Staat als seitens des freien Finanzmarktes der globalisierten Wirtschaft in seiner Existenz bedroht. Er reklamiert dringend die Rückgewinnung der Humanität als zentralen Gesellschaftswert insbesondere vermittels durchgesetzter Dominanz des demokratischen Staates gegenüber den sich global vernetzenden Wirtschaftskräften; und er erkennt, wie die Religionsunternehmen sich als jenseitige Belohner verstärkt gegenaufklärerisch den in dieser Welt Benachteiligten andienen. Der wohl nicht zuletzt zu deren Gunsten entfaltete Zukunftsentwurf, in ihren je ganz eigenen Kulturen und Religionen unter der Leitung einer säkularen Weltregierung bereits vor ihrem individuellen Tode einer menschenwürdigen Existenz gewiss sein zu sollen, wird zumindest als nachkantianischer Weltbefriedungsentwurf gewürdigt werden dürfen.
Das schwergewichtige Buch umfasst wohlbegründetes Geleitwissen auf dem Denkweg zu einem selbstbewussten Atheismus als Horizont verantwortlicher Weltwahrnehmung.
Eva-Maria Hesse-Jesch
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Artikel aus MIZ 1/07
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