von Michael Schmidt-Salomon
Hintergründe einer erfolgreichen Kampagne
Berlin, 28.2.2007, im Haus der Bundespressekonferenz: Mina Ahadi und Arzu Toker im Blitzlicht der Fotografen, umringt von Journalisten und Kamerateams. Endlich ist er da, der Tag, auf den wir so lange hingearbeitet haben, der Tag, an dem der Zentralrat der Ex-Muslime mit seiner Kampagne „Wir haben abgeschworen!“ offiziell an die Öffentlichkeit tritt. Schon am Morgen hatte ein CNN-Team Mina am Flughafen empfangen und in das Berliner Hotel begleitet, in dem Arzu, Mina und ich ein letztes Mal den Ablauf der Pressekonferenz absprachen. Der Raum für die Pressekonferenz, den wir kurz vor der Veranstaltung noch einmal erweitern mussten, weil sich letztlich doch weit mehr Journalisten angemeldet hatten als ursprünglich gedacht, ist randvoll gefüllt. Große Spannung liegt in der Luft. Nachdem ich die Pressekonferenz eröffnet, die Pressemappe und die Podiumsteilnehmerinnen vorgestellt habe, beginnen Mina und Arzu mit ihren Statements. Beide sprechen sehr konzentriert und engagiert, nehmen kein Blatt vor den Mund. Ich mustere die Journalisten, die vor mir sitzen. Sind sie auf eine derartig „drastische Aufklärungskampagne“ ausreichend vorbereitet? Ich bin noch skeptisch, doch zu meiner großen Überraschung geschieht nach beiden Statements etwas sehr Ungewöhnliches: Ein Großteil der Journalisten beginnt zu klatschen – etwas, was neutrale Berichterstatter auf Pressekonferenzen normalerweise tunlichst vermeiden.
Man kann in den Gesichtern von Arzu und Mina sowohl Verwunderung als auch Erleichterung erkennen. Wie viele Jahre mussten diese beiden mutigen Frauen, die sich erst im Rahmen dieser Ex-Muslimen-Kampagne kennenlernten, vergeblich gegen die Mauern der Ignoranz ankämpfen? Wie oft wurden ihre Anliegen mit kulturrelativistischen Argumenten abgeschmettert? Wie oft hatten sie hören müssen, dass das, was sie zutiefst bewegt, in der großen Medienwelt angeblich niemanden sonderlich interessiert? Mit einem Schlag hat sich dies nun gewandelt. Mina Ahadi und Arzu Toker stehen jetzt im Mittelpunkt des medialen Interesses. Man hört ihnen zu, notiert aufmerksam, was sie zu berichten haben. Seit dem Bekanntwerden der Kampagne sind sie zu derartig gefragten Interviewpartnern avanciert, dass sie große Mühe haben, all die Termine überhaupt noch wahrnehmen zu können. Und dabei sagen sie heute nichts anderes als das, was sie schon seit vielen Jahren immer wieder gesagt und geschrieben haben! Es ist klar: Die Medienwelt folgt eigenen Gesetzen, die mit der Rationalität der vorgebrachten Argumente in der Regel leider nur wenig zu tun haben.
Rückblende: Köln, 2.10.2005, Tagung „Leitkultur Humanismus und Aufklärung“: Der Titel dieser vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) in Kooperation mit der Giordano Bruno Stiftung und dem Bund für Geistesfreiheit (bfg) München veranstalteten Tagung zitierte eine Kapitelüberschrift meines Buches Manifest des evolutionären Humanismus. In einem Workshop am Nachmittag hatte ich versucht, darzulegen, warum es Säkularisten gut zu Gesichte stehen würde, sich dezidiert zu einer humanistisch-aufklärerischen Leitkultur zu bekennen, anstatt in der Auseinandersetzung mit den Religionen immer wieder die fragwürdige, weil dem kulturellen Relativismus Vorschub leistende, Vokabel der sog. „weltanschaulichen Neutralität des Staates“ zu bemühen. Meine Argumente waren im Workshop noch auf einigen Widerstand gestoßen, was ich darauf zurückführte, dass die meisten Anwesenden immer noch von der Perspektive der zwar notwendigen, in einer pluralen Gesellschaft jedoch keineswegs mehr ausreichenden Idee einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche ausgingen. Doch nun am Abend, beim Vortrag von Collin Schubert über Zwangsheirat, Ehrenmorde und Parallelgesellschaften, kippte die Stimmung merklich. Vor allem, als sich in der anschließenden Diskussion eine uns allen damals noch unbekannte Frau zu Wort meldete, die sehr entschieden gegen kulturellen Relativismus argumentierte und deshalb engagiert für eine humanistisch-aufklärerische Leitkultur warb. Die Frau stellte sich als Mina Ahadi, Koordinatorin des Internationalen Komitees gegen Steinigung, vor. Was sie sagte, bewegte die meisten Kongressteilnehmer sehr. Nach der Veranstaltung sprachen wir eine Weile miteinander. Ich drückte ihr mein Buch in die Hand und sagte, dass ich mir etwas einfallen lassen würde, um ihr wichtiges Anliegen zu unterstützen. Doch, wie so häufig, standen zunächst andere Dinge auf der Agenda und so dauerte es eine Weile, bis wir uns wieder trafen.
Osnabrück, 21.4.2006, Internes Arbeitstreffen islamkritischer Säkularisten: Auf Einladung von Hartmut Krauss und Karin Vogelpohl, die die Kölner Tagung „Leitkultur Humanismus und Aufklärung“ ebenfalls besucht und darüber ausführlich in der Zeitschrift Hintergrund berichtet hatten, trafen sich in Osnabrück etwa ein Dutzend Islamkritiker. Anwesend waren u.a. der Vorsitzende des IBKA, Rudolf Ladwig, Klaus Blees von der Aktion 3.Welt Saar, Mina Ahadi und ich als Vertreter der Giordano Bruno Stiftung. Wir stellten einen großen Konsens an Überzeugungen fest und verabredeten die Planung einer islamkritischen Konferenz. Zufällig ergab es sich, dass Mina und ich auf der Rückfahrt den gleichen Zug nahmen. Während der Fahrt schilderte sie mir noch einmal ihre Schwierigkeiten mit den deutschen Medien und fragte mich, was man denn da machen könne. Irgendwo auf der Mitte der Strecke von Osnabrück nach Köln schoss mir plötzlich der Gedanke zu einer möglicherweise medienwirksamen Kampagne in den Kopf. Ich fragte Mina: „Was hältst du davon, wenn wir analog zu der alten ‘Wir haben abgetrieben!’-Kampagne der deutschen Frauenbewegung eine ‘Wir haben abgeschworen’-Kampagne mit Ex-Muslimen ins Leben rufen? Und sollten wir dazu nicht gleich auch einen ‘Zentralrat der Ex-Muslime’ gründen, um auf dieser Weise den Alleinvertretungsanspruch der Islamverbände für die Migrantinnen und Migranten in Deutschland medienwirksam in Frage zu stellen?“
Mina war von dieser Idee sofort begeistert und meinte, dass sie genügend Menschen kennen würde, die liebend gerne für eine solche Aktion bereit stünden. Kaum zuhause angekommen, rief ich den Vorsitzenden der Giordano Bruno Stiftung, Herbert Steffen, an und fragte ihn, ob er eine solche Kampagne als sinnvolles GBS-Projekt erachte. Auch Herbert war von der Kampagnenidee sofort angetan, meinte aber, dass wir die Kampagne erst auf dem nächsten Stiftungstreffen vorstellen sollten, bevor wir uns in dieser Hinsicht endgültig festlegen könnten. In den nächsten Wochen und Monaten kam es zu einigen Treffen mit Mina, in deren Folge die Stiftung u.a. die erfolgreiche Aktion zur Rettung der im Iran zum Tode verurteilten Nazanin Fatehi unterstützte. Auf einem dieser Treffen im August 2006 schoss Andreas Meyer, Fotograf und Fördermitglied der Giordano Bruno Stiftung, einige Dutzend Ex-Muslimen-Fotos, die wir später für das Kampagnenplakat verwendeten, allerdings war es zu diesem Zeitpunkt noch immer ungewiss, ob die Kampagne je starten würde.
Mastershausen, 9.9.2006, Stiftungstreffen im Forum der Giordano Bruno Stiftung: Im September 2006 fand das dritte große Stiftungstreffen in Mastershausen statt, an dem neben dem Vorstand und dem Kuratorium zahlreiche Beiräte der Stiftung teilnahmen. Das wohl am stärksten diskutierte Projekt 2006 war – keineswegs überraschend – der Zentralrat der Ex-Muslime. Grundsätzlich befürworteten alle Beiräte die Kampagne, aber es gab auch starke Bedenken: War das Projekt nicht doch zu riskant – in erster Linie natürlich für die bekennenden Ex-Muslime, in zweiter Linie aber auch für die Stiftung?
Was die Ex-Muslime betraf, so erklärte ich, dass wir niemanden zu der Aktion hatten überreden müssen. Im Gegenteil: Alle Betroffenen hätten sich sehr bewusst für diese Kampagne entschieden und würden es wohl als Akt der Entmündigung empfinden, wenn wir in ihrem Interesse von der Aktion abrückten. Was die Stiftung selbst betraf, so war es jedem klar, dass eine Organisation, die den Namen Giordano Bruno im Namen führt, prinzipiell auch bereit sein muss, Risiken einzugehen. Die Frage war nur, ob sich das Risiko in diesem Fall auch lohnen würde. Daher mussten wir die Gründe bestimmen, die aus der Sicht der Stiftung für oder gegen die Ex-Muslimen-Kampagne sprachen (siehe hierzu die Auflistung der Argumente für den ZdE weiter unten). Dabei zeigte sich, dass das Projekt ganz hervorragend in die bisherige Stiftungslinie passte. Die Beiräte gaben grünes Licht und von daher hätte die Vorbereitung der Kampagne eigentlich in die entscheidende Phase treten können, doch leider hatten wir ein entscheidendes Problem noch nicht gelöst: Um die Kampagne erfolgreich platzieren zu können, fehlte uns eine Person, die zum einen stark genug war, um neben Mina Ahadi in den Medien bestehen zu können, und die zum anderen die größte (vermeintlich) „muslimische“ Community in Deutschland repräsentierte: die Türken.
Berlin, 21.10.2006, Tagung „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“: Die nächste Jahrestagung des IBKA fand wieder in Kooperation mit der Giordano Bruno Stiftung und dem bfg München statt, dieses Mal zusätzlich unterstützt von der Atheistischen Hochschulgruppe Berlin. Ich moderierte auf dieser Tagung einen Workshop zum Thema „Let’s talk about Sex“, bei dem neben der pro familia-Vorsitzenden Gisela Notz u.a. auch Mina Ahadi einen Vortrag hielt. In der Diskussion fiel uns beiden sehr schnell eine Frau auf, die ihre freigeistigen Vorstellungen sehr klar und mitunter auch bestechend provokativ zum Ausdruck brachte. Mina und ich sprachen sie gleich nach dem Workshop an. Es stellte sich heraus, dass es sich um Arzu Toker handelte, Schriftstellerin und Übersetzerin, die ursprünglich aus der Türkei stammte, sich schon viele Jahre intensiv mit Islamkritik beschäftigte und außerdem lange im Rundfunkrat des WDR vertreten war, kurzum: Sie war eine Idealbesetzung für die noch offene Stelle im geplanten Zentralrat der Ex-Muslime.
Da wir einige Zeit zuvor schon ein Treffen zum Thema „Islamkonferenz“ am Rande der Berliner Tagung vereinbart hatten, luden wir Arzu dazu ein, an den Gesprächen teilzunehmen. Schnell stellte sich heraus, dass sie dem Arbeitskreis wichtige Impulse geben konnte. Im Verlauf der Diskussion kamen wir auch darin überein, dass es strategisch sinnvoll wäre, die Kampagne der Ex-Muslime vorzuziehen, um die dadurch erhoffte Medienresonanz für die „Kritische Islamkonferenz“ zu nutzen. Entsprechend verteilten wir die anfallenden Aufgaben und vereinbarten ein weiteres Vorbereitungstreffen für Dezember 2006.
Hagen, 28.12.2006, Vorbereitungstreffen zur Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime: Auf Einladung von Rudolf Ladwig traf sich die Vorbereitungsgruppe in Hagen, wo wir die zwischenzeitlich entstandenen Satzungsentwürfe und Grundsatzartikel diskutierten und auch die wesentlichen politischen Positionen des Zentralrats absteckten. Am Ende waren die zentralen, inhaltlichen Punkte weitgehend geklärt. Wir wussten: Nun wird es Ernst! Die Kampagne konnte in ihre entscheidende Phase treten.
Köln, 21.1.2007, Gründungsversammlung des ZdE: Dank der hervorragenden Vorarbeit von Rudolf und Arzu verlief die Gründungsversammlung, an der wegen der notwendigen Geheimhaltung des Projekts nur elf Ex-Muslime sowie weitere neun Sympathisanten teilnahmen, reibungslos. Die Versammlung wählte Mina Ahadi zur ersten Vorsitzenden, Arzu Toker zur Stellvertreterin und Nur Gabbari zum Finanzleiter. Damit waren im geschäftsführenden Vorstand Migranten aus dem Iran, der Türkei und des Irak vertreten. Von der Stiftung aus hatten wir schon Anfang Januar die Grafikagentur werner bohr damit beauftragt, das Logo des Zentralrats sowie das Layout der Broschüre des ZdE zu entwickeln. Als ich den Entwurf des Kampagnenplakats während der Gründungsversammlung herumzeigte, lachte Mina laut auf: „Das wird eine Revolution!“ In der Tat: So etwas hatte es nie zuvor gegeben…
Frankfurt, 11.2.2007, Veranstaltung „Nazanin Fatehi ist frei!“: Die von Mina in Zusammenarbeit mit der kanadischen Schönheitskönigin, Sängerin und Menschenrechtsaktivistin Nazanin Afshin-Jam ins Leben gerufene Aktion zur Rettung der Iranerin Nazanin Fatehi – die zur Tatzeit noch minderjährige Frau hatte sich gegen drei Vergewaltiger zur Wehr gesetzt, dabei einen der Angreifer tödlich verletzt und war hierfür im Iran zum Tode verurteilt worden – hatte dank internationaler Medienarbeit im Februar 2007 ihre Ziele erreicht: Die Kampagne, die von über 350.000 Menschen unterstützt wurde, hatte nicht nur soviel Druck aufgebaut, dass die Todesstrafe aufgehoben wurde, sie brachte auch das sog. „Blutgeld“ von rund 43.000 US-Dollar auf, um der jungen Iranerin die Freiheit zu schenken. Im festlichen Aulasaal der Frankfurter Universität berichteten Mina und Nazanin Afshin-Jam nun über die erfolgreiche Kampagne, eine sehr bewegende Veranstaltung, auf der ich als Vertreter der Giordano Bruno Stiftung auch ein paar Worte sprechen durfte, was ich dazu nutzte, um für den Humanistischen Pressedienst (hpd) zu werben, der dafür gesorgt hatte, dass der Fall Fatehi zumindest hin und wieder in deutschsprachigen Medien erwähnt wurde. Im Anschluss an die Veranstaltung traf ich mich mit Mina und einigen anderen Ex-Muslimen in einer Frankfurter Gaststätte, um sie über den neusten Stand der PR-Arbeit zu informieren. Mit der Agentur werner bohr begann ich gerade, an der Website der Ex-Muslime zu arbeiten. „Werdet ihr rechtzeitig fertig?“, fragte Mina besorgt. „Klar doch!“, meinte ich. „Wir haben doch noch mehr als zwei Wochen Zeit bis zur Pressekonferenz und können alles in Ruhe vorbereiten!“ Selten habe ich mit einer Einschätzung derartig daneben gelegen.
Schon auf der Rückfahrt aus Frankfurt erreichten mich aufgeregte Anrufe: „dpa hat gemeldet, dass Focus in seiner morgigen Ausgabe über den Zentralrat der Ex-Muslime und seine Kampagne berichtet. Das wird morgen leider in vielen deutschen Zeitungen stehen!“ „Verdammt!“, dachte ich. War das Thema „Ex-Muslime“ damit schon verbrannt, wie manche befürchteten? Nicht unbedingt, meinte ich, aber nun mussten natürlich schnell Gegenmaßnahmen getroffen werden. Ich verbrachte also die Nacht vor dem PC und lud unter www.ex-muslime.de eine provisorische Übergangsseite ins Internet hoch. Morgens in der Frühe kaufte ich den Focus, so dass wir wenig später auf dem Portal des humanistischen Pressedienstes ein Interview zu diesem Artikel platzieren konnten. Mit Mina und Arzu vereinbarte ich, dass von nun an keine Mitteilungen mehr an die Presse rausgehen dürften, immerhin musste es uns ja irgendwie gelingen, die Zeit bis zur Pressekonferenz am 28. Februar – im schnell- lebigen Nachrichtengeschäft eine halbe Ewigkeit! – zu überbrücken. Da auf der Website mein Name als Ansprechpartner für die Medien angegeben war und auch die Domain der Ex-Muslime aus Sicherheitsgründen auf mich angemeldet war, stand von da an das Telefon nicht mehr still. Eine nervenaufreibende Angelegenheit, zumal ich den Journalisten zu diesem Zeitpunkt nur Eines sagen konnte, nämlich, dass es nichts zu sagen gibt!
Unsere Strategie war, durch die Verknappung des Angebots die Nachfrage zu schärfen und die Spannung bis zum Tag der Pressekonferenz aufrechtzuerhalten. Diese Strategie ging zwar wunderbar auf, hatte allerdings Nebenwirkungen: Da keine neue Informationen zur Verfügung standen, fingen einige Journalisten an, frei zu assoziieren. Bereits im Focus-Artikel war die GBS-Beirätin Necla Kelek, die mit ihrem Buch Die fremde Braut die Themen „Zwangsheirat“, „Parallelgesellschaft“ und „falsche Toleranz“ ins öffentliche Bewusstsein gebracht hatte, spekulativ in einen Zusammenhang mit der Aktion der Ex-Muslime gebracht worden. Nach dem Prinzip „Stille Post“ avancierte sie nun zu einem Gründungsmitglied des Zentralrats der Ex-Muslime und zu einer der führenden Aktivistinnen der Kampagne. Das war nicht nur grundweg falsch – Necla hatte aufgrund anderer Termine nicht einmal am Stiftungstreffen der GBS teilnehmen können und hatte daher erst viel später am Rande eines Gesprächs von der Kampagne erfahren –, sondern auch politisch gefährlich, schließlich war Necla Teilnehmerin von Schäubles Islamkonferenz und verfolgte eine gänzlich andere politische Strategie als der ZdE. Glücklicherweise wurde hierbei nicht zuviel politisches Porzellan zerschlagen. Selbst die türkischen Medien, die die Falschmeldung über Necla Keleks angebliche ZdE-Mitgliedschaft ausgeschlachtet hatten, nahmen unsere Richtigstellungen zur Kenntnis.
In der Zeit vor der Pressekonferenz gab es einige dramatische Momente. Ich erinnere mich an ein Telefongespräch mit Mina, kurz nach dem Erscheinen des Focus-Artikels. Während des Gesprächs klingelte es an ihrer Tür. Mina öffnete die Tür einen Spalt und sah einige Männer, die sie nicht kannte. Polizisten? Mina, die aufgrund ihrer Lebensgeschichte nicht unbedingt ein großes Vertrauen zu Staatskräften aufgebaut hat – ihr erster Mann und viele Freunde wurden von der iranischen Geheimpolizei inhaftiert und später hingerichtet, sie selbst wurde wegen ihres Engagement gegen das Mullahregime in Abwesenheit zum Tode verurteilt und steckbrieflich gesucht –, war sehr nervös. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Mina, diese Leute wollen dir ganz bestimmt nichts tun! Sie sind sicher gekommen, um dich zu beschützen!“ Glücklicherweise lag ich diesmal mit meiner Einschätzung nicht daneben.
Wir hatten geplant, unsere PR-Strategie nach Aschermittwoch zu ändern und einzelnen Medienvertretern einige exklusive Infohäppchen anbieten. Dieses „Anfüttern“ funktionierte recht gut. Die Medienmaschinerie kam langsam wieder ins Rollen. Zunächst lüfteten wir das Geheimnis um den Ort der Pressekonferenz. Dass wir hierfür das Tagungszentrum der Bundespressekonferenz gebucht hatten, zeigte, dass wir es wirklich Ernst meinten und professionelle Standards erfüllten. Der Spiegel brachte am Montag vor der PK nicht nur ein Interview mit Mina, sondern auch einen Vorabdruck des Kampagnenplakats. Durch diesen Artikel sowie durch einige weitere Medienberichte in der Presse, im Funk, Fernsehen und Internet war der Boden für die Pressekonferenz bestens vorbereitet – und sie wurde ein voller Erfolg.
Sprung in die Gegenwart, Butzweiler, 29.3.2007: Nun, da ich diese Zeilen schreibe, liegt die Pressekonferenz des Zentralrats der Ex-Muslime rund vier Wochen zurück. Seither ist viel geschehen. Mina und Arzu haben sich u.a. stark in die Debatte um das sog. „Koranurteil“ einer Frankfurter Richterin einbringen können. Die deutlichen politischen wie medialen Reaktionen auf dieses Skandalurteil sprechen meines Ermessens dafür, dass eine der zentralen Botschaften des Zentralrats der Ex-Muslime in der Gesellschaft angekommen ist: Wie es scheint, kann das Problem des kulturellen Relativismus nun auf andere Weise thematisiert werden als zuvor.
Es wird sich noch zeigen, ob der ZdE künftig auch jene anderen Erwartungen erfüllen kann, die letztlich den Ausschlag dafür gaben, dass die Giordano Bruno Stiftung einen nicht unbedeutenden Teil ihres Budgets für die Unterstützung der Kampagne der Ex-Muslime aufbrachte. Ich möchte die Gründe, die aus Sicht der Stiftungsmitglieder für die Kampagne sprachen, hier zumindest stichwortartig auflisten:
a) Stärkung der Meinungsfreiheit: In einer offenen Gesellschaft muss jeder Mensch das Recht haben, seine Meinung frei zu artikulieren, und das muss selbstverständlich auch für jene gelten, die zufälligerweise in eine islamische Familie hineingeboren wurden. Mit seiner Aktion macht der ZdE dies unmissverständlich klar.
b) Stärkung der humanistisch-aufklärerischen Leit- und Streitkultur: Wir dürfen auf Menschenrechtsverletzungen und Demagogie nicht mit „falscher Toleranz“ reagieren. Ergo muss man, wie der ZdE dies u.a. am Beispiel der negativen Religionsfreiheit zeigt, auch gläubigen Muslimen abverlangen, dass sie die grundlegenden Spielregeln des modernen Rechtsstaats akzeptieren.
c) Aufbrechen etablierter Denkschablonen: Islamkritiker konnten früher aufgrund vermeintlicher „Ausländerhetze“ leicht in die „rechte Ecke“ gedrängt werden. Diese Form von „Kritikimmunisierung“ sollte nach der Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime so leicht nicht mehr möglich sein.
d) Aufbrechen falscher Wahrnehmungsmuster: Nur ein Teil der 3,4 Millionen in Deutschland lebenden „Muslime“ sind tatsächlich gläubig. Ein noch nicht genau zu beziffernder Anteil der vermeintlichen „Muslime“ müsste eigentlich zur Gruppe der „Konfessionsfreien“ gezählt werden und sollte daher durch einen säkularen Verband repräsentiert werden, nicht durch die Islamlobby.
e) Signalwirkung weit über Deutschland hinaus: Nie zuvor haben Muslime in derartiger Offenheit ihrem Glauben abgeschworen wie im Rahmen der ZdE-Kampagne. Dies könnte dem notwendigen Prozess einer islamischen Aufklärungsbewegung wichtige Impulse geben.
Auf die Frage, ob der Zentralrat der Ex-Muslime die Fronten im „Kampf der Kulturen“ nicht zusätzlich noch verhärten wird, erklärte ich auf der Pressekonferenz in Berlin, dass wir mit heftigen Gegenreaktionen rechnen würden. Allerdings sei ein solcher Prozess notwendig, damit die Aufklärungsbewegung den Islam überhaupt erreichen kann. Zur Erinnerung: Auch das europäische Christentum konnte nur dank einer aufklärerischen Doppelstrategie gezähmt werden: Es bedurfte schon der deutlichen Absage an die Religion von Außen, damit die innerkirchlichen Reformkräfte die Chance hatten, sich durchzusetzen. Ohne Feuerbach, Nietzsche, Marx, Freud, Russell oder Deschner hätte es keinen Küng, keinen Drewermann und auch keine „Kirchenvolksbewegung“ gegeben. Analog gilt: Wenn das Projekt eines aufklärerisch gezähmten „Euro-Islam“ erfolgreich sein soll, so braucht es dazu dezidierter Ex-Muslime wie Mina Ahadi und Arzu Toker, die den Mut haben, die überkommenen Normen des Islam in aller Deutlichkeit anzuprangern. Aus sich heraus werden die religiösen Kräfte diesen Zähmungsprozess nicht anstoßen. Er muss ihnen von außen abverlangt werden.
Persönliche Schlussbemerkung: Ich bin sehr froh darüber, Mina, Arzu und die vielen anderen Ex-Muslime im Rahmen dieser Kampagne kennengelernt zu haben. Wenn es heute Menschen gibt, die den Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, die den aufrechten Gang auch dann noch praktizieren, wenn es unbequem ist, so findet man diese seltenen Exemplare von homo sapiens überdurchschnittlich häufig in den Reihen der Ex-Muslime. Die deutsche Gesellschaft wäre wirklich gut beraten, auf diese Menschen zuzugehen. Und das gilt für die säkulare Szene in Deutschland in ganz besonderem Maße. Daher mein Aufruf an die Leserinnen und Leser der MIZ: Bitte unterstützen Sie den Zentralrat der Ex-Muslime! Diese Initiative hat es wirklich verdient!
Artikel aus MIZ 1/07
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