Buchbesprechungen 1/09

Christopher Schrader: Darwins Werk und Gottes Beitrag

Evolutionstheorie und Intelligent Design. Stuttgart: Kreuz Verlag 2007. 137 Seiten, kartoniert, Euro 12,95, ISBN 978-3-7831-2825-3

Auf der ganzen Welt wird es zunehmend populär die Errungenschaften der 150 Jahre alten Evolutionstheorie Charles Darwins, dessen 200. Geburtstag im nächsten Jahr gefeiert wird, in Frage zu stellen und radikal zu bekämpfen. Ob in den Vereinigten Staaten von Amerika oder mittlerweile auch in Europa, überall wächst die Zahl derer, die die Evolutions-theorie aus den Schulen und den Köpfen der Menschen verdrängen wollen. Vor allem christliche Fundamentalisten, die unter dem Begriff der Kreationisten gefasst werden, stechen dabei heraus. Dass gerade in den Industriestaaten, in denen Wissenschaft eine herausgehobene Stellung hat, die Zahl der Kreationisten wächst, rückt immer stärker in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

Christopher Schrader, Physiker und Wissenschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat mit seinem Buch Darwins Werk und Gottes Beitrag einen kurzen Überblick über die seit Jahrzehnten andauernde Diskussion zwischen VertreterInnen der Evolutionstheorie und Anhängern des Kreationismus verfasst. Kurz und prägnant zeichnet er in sieben Kapiteln die Entwicklung dieser höchst aktuellen Auseinandersetzungen nach.
Schrader stellt beide Strömungen vor und konzentriert sich bei den Kreationisten vor allem auf den pseudowissenschaftlichen Ansatz des Intelligent Design (ID). Ihre Vertreter werten die vermeintliche Komplexität des Lebens als Beweis für einen (christlichen) Schöpfer. Positiv fällt in diesem Zusammenhang vor allem auf, dass Schrader zunächst die Argumente der Vertreter des Intelligent Design zu Wort kommen lässt, ihre Ansätze darlegt und dann versucht zu widerlegen.

Allerdings verstrickt sich der Autor leider in Widersprüche, wenn es um die Legitimität von ‘Glaube’ in wissenschaftlichen Denkzusammenhängen geht. Einerseits wirft er den Vertretern des ID vor, sie würden sich bei der Frage der Komplexität von Systemen auf das Argument zurückziehen, man könne nicht die Gedankengänge des Designers nachvollziehen (S. 96), andererseits versucht er wenig später gerade dieses infantile Denken als Brücke zwischen Glaube und Wissenschaft zu benutzen, indem er Glaube als irrationales Wünschen legitimiert. Darüber hinaus betont Schrader zwar, dass sich die Kritik nicht allein auf die USA beschränke, sondern mittlerweile auch in Europa angekommen sei (S. 12), wofür er auch ein paar Beispiele aufzuzeigen weiß, dennoch konzentriert sich das Buch fast ausschließlich auf den anglo-amerikanischen Raum. Und ganz einig scheint sich Schrader auch nicht im Hinblick auf die Rolle des derzeitigen Papstes zu sein. Lässt er zu Beginn noch erkennen, dass Ratzinger die Position der Kreationisten teilen könne (S. 12), hat sich die katholische Kirche zum Ende des Buches klar positioniert (S. 116f.) und zwar zu Gunsten der Vereinbarkeit von Glaube (Seele) und Wissenschaft (Evolution). Hier wäre weniger Widerspruch mehr gewesen.

Das Buch ist sicher kein wissenschaftliches Meisterwerk, da es gerade beim Nachweis der Argumentationslücken der ID-Vertreter Schwächen aufweist und in diesem Zusammenhang den Versuch unternimmt Glaube und Wissenschaft zusammen zu denken. Dennoch empfiehlt sich das Buch gerade durch seine einfache Sprache, was man nicht von allen Büchern zu diesem Thema sagen kann.
Christoph Lammers
 


Lars Klinnert (Hrsg.): Zufall Mensch

Das Bild des Menschen im Spannungsfeld von Evolution und Schöpfung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007. 252 Seiten, gebunden, Euro 49,90, ISBN 978-3-534-20265-2

Bereits vor dem Darwin-Jahr 2009 fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, die den Versuch unternahmen, theologische und naturwissenschaftliche Positionen zusammenzuführen. Einer dieser Versuche war die Tagung „Zufall Mensch?“ des Arbeitskreises Naturwissenschaft und Theologie der Evangelischen Akademie Iserlohn, dahingehend angelegt war, „Spannungen zwischen naturwissenschaftlicher und theologischer Anthropologie herauszuarbeiten, aber auch nach Möglichkeit und Notwendigkeit einer gegenseitigen Ergänzung, Korrektur und Bereicherung beider Disziplinen“ zu fragen.

Seit 2007 liegt der dazugehörige überteuerte Sammelband vor, welcher die Tagungsbeiträge sowie ergänzende Texte aus dem naturwissenschaftlichen wie theologischen Spektrum vereinigt. Eingeteilt in drei Kapitelblöcke, deckt das Buch ein breites Spektrum wissenschaftlichen wie theologischen Denkens ab. Der erste Block „Zufall oder Einfall: Was ist der Mensch?“ beinhaltet drei Aufsätze zur Einführung in das Thema. Den eigentlichen Hauptteil des Buches bildet das zweite Kapitel. Unter der Überschrift „Zwischen den Extremen: Evolutionismus versus Kreationismus – oder: Evolutions-theorie und Schöpfungsglaube?“ wurden unterschiedliche Autoren und Wissenschaftler miteinander in Beziehung gebracht. So findet sich neben dem Dortmunder Biologiedidaktiker Dittmar Graf und dem Weltanschauungsbeauftragten der evangelischen Kirche in Baden-Württemberg Hansjörg Hemminger der Kurzzeitkreationist Reinhard Junker. Das Buch schließt mit dem dritten Kapitel „Krone der Schöpfung? Die Frage nach der Sonderstellung des Menschen und ihre praktische Relevanz“ ab. Neben den genannten Autoren diskutieren Vertreter unterschiedlicher Disziplinen Fragen rund um die Evolutionstheorie. Zu ihnen gehören Thomas Junker, Martin Mahner, Bernhard Verbeek, Franz M. Wuketits ebenso wie Christian Link, Christian Kummer und Christian Illies.

Tatsächlich bieten die Aufsätze einen Gesamtüberblick über die vorhandenen Spannungen zwischen (naturalistisch) wissenschaftlichem und (schöpferisch) theologischem Denken. Auch bemühen sich insbesondere die Theologen um eine Anschlussfähigkeit ihres Weltbildes an die Erkenntnissen der modernen Biologie. Doch bleibt ein fader Beigeschmack bei der Umsetzung dieses Vorhabens. Einerseits ist es fraglich, ob Kreationisten ein Medium zur Verfügung gestellt werden sollte, in dem sie ihre wissenschaftsfeindlichen Ideen vorbringen können. Andererseits scheitern die Versuche – wie die des Theologen und Biologen Kummer – nicht nur an ihrer verklausulierten Sprachgewalt. Wissenschaft und Religion lassen sich nicht zusammendenken. Unterstellt man der Theologie, sie wolle auf die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Antwort geben, so unterscheidet sie sich von der modernen Evolutionsforschung, da diese nach den Bedingungen des Seins fragt. Sicherlich war die kritische Exegese ein großer Gewinn für die moderne Theologie, womit sie sich auch von den fundamentalistischen Positionen vieler Gläubigen loslösen konnte. Den Siegeszug der wissenschaftlichen Erkenntnis wird sie damit nicht aufhalten können.
Christoph Lammers
 


Tom Kahn: Das Tibetprojekt

Thriller. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2009, 413 Seiten, kartoniert, Euro 9,95, ISBN 978-3-429-21119-2

Mysterythriller haben Hochkonjunktur. Allein Dan Browns immergleiche Mixtur aus Illuminaten-, Templer- und Gralsrittermythen, die er, verquickt mit frei daherphantasierten Weltverschwörungsgeschichten samt der für erfolgreiche Trivialliteratur unverzichtbaren Elemente aus Sex & Crime auf jeweils hunderten von Druckseiten auswalzt, scheint Garant zu sein, Bestsellererfolge einzufahren. Grund genug jedenfalls für einen Frankfurter Jungautor, der aus nicht bekanntem Grunde unter Pseudonym publiziert, sich exakt nach Brownschem Rezept an einem eigenen Thriller zu versuchen. Das Tibetprojekt ist die erste Buchveröffentlichung des als „Tom Kahn“ firmierenden Autors.

Der Unterschied zu Browns Diabolus- oder Sakrileg-Schwarten liegt im Ort des Geschehens: bei Kahn geht es nicht um das finstere Unwesen, das die katholische Kirche seit dem Mittelalter bis herauf in die Jetztzeit betreibt, vielmehr geht es um die Abgründe des tibetischen Buddhismus. Schauplatz, auf den alles zusteuert, ist der Winterpalast der Dalai Lamas in Lhasa.

Der Plot ist schnell erzählt: ein Frankfurter Geschichts- und Religionswissenschaftler vom Typ „Indiana Jones“ wird von einer chinesischen Geheimagentin, Typ „Lara Croft“, überredet, nach Tibet zu reisen, um den Mord an einem deutschen Professor aufzuklären, der während seiner Forschungsarbeiten im Souterrain des Potala-Palastes umgebracht worden war. Im Sterben hatte er mit seinem eigenen Blut ein Hakenkreuz auf seinen Handrücken gemalt. Es stellt sich heraus, dass der Professor einem streng gehüteten Geheimnis auf der Spur war: der finsteren Seite des tibetischen Buddhismus und insbesondere der Verbindung zwischen Berlin und Lhasa während des „Dritten Reiches“.

Kahn hält sich zugute, der erste zu sein, der je zu diesem Thema recherchiert oder geschrieben hat: „So weit mir bekannt hat noch kein Massenmedium jemals am Lack des tibetischen Buddhismus gekratzt oder die Schriften des Dalai Lamas öffentlich in Frage gestellt. Es ist, als wäre Tibet unantastbar und jeder Zweifel daran ein Vergehen. Es war meine größte Sorge, dass während der Arbeiten am Buch die Kernergebnisse von jemand anderem publiziert werden.“ Eine reichlich dreiste Behauptung angesichts der längst vorliegenden Arbeiten von Roettgen/Trimondi (Der Schatten des Dalai Lama, 1999 sowie Hitler-Buddha-Krishna, 2002) und denen des Rezensenten (Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs 1999/2008 sowie zahllose Artikel in verschiedensten Medien), die sich wesentlich um genau diese Fragestellungen drehen und bei denen Kahn sich ohne Zweifel und sehr freizügig bedient hat.
Fatal an Kahns „Thriller der Extraklasse“, als welchen sein Verlag ihn anpreist, ist der Umstand, dass er historisch belegte Fakten und Zusammenhänge in Akte X-Manier mit haltlosen Spekulationen und okkult-esoterischen Hirngespinsten vermischt (die im Übrigen auch nicht besonders originell sind, vgl. z.B. Russell McCloud: Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo, 1991). Das ist für einen Fantasyroman wohl legitim, der erweckte Eindruck indes, den Kahn auf seiner Autoren-Website ausdrücklich unterstreicht, die Romanhandlung bewege sich durchgängig auf realem Hintergrund, fällt dem Bemühen seriöser Autoren, Licht in das Mythenkonstrukt „Tibet“ zu bringen, in den Rücken. Kahns Roman verleitet dazu, die historisch belegten Fakten der Nazi-Tibet-Connection – so hat es die SS-Expedition nach Lhasa im Winter 1938/39 ja tatsächlich gegeben, und der aktuelle Dalai Lama pflegte und pflegt in der Tat Kontakte zu alten und neuen Nazis – zusammen mit dem obskurantistischen Aberwitz, den er seinen Protagonisten in den Mund legt und den abstrusen Szenarien, die er vor allem auf den letzten 50 Seiten entwirft, in toto als Mystery-Erfindung abzutun: Ein in den Katakomben des Potala aus dem Nichts auftauchender SS-Sturmbannführer, ein wahnsinniger, mit einem Ritualdolch bewaffneter Killermönch, Mossad-Agenten, die im Auftrage des Vatikan den Palast zu sprengen beabsichtigten, da, wie ein hochrangiger Vertreter des deutschen (!) Papstes in Rom wortreich erläutert, unterhalb der Grabkammern der Dalai Lamas sich das „Tor zur Hölle“ befinde – so etwas für bare Münze zu nehmen, dürfte wohl niemandem einfallen.

Gerade aber mit derlei frei zusammengesponnenem Wirrsinn, in dem auch noch Richard Wagner und das Bankhaus Rothschild vorkommen und der in der Beschwörung eines „Vierten Reiches“ samt wiederkehrendem „Führer“ gipfelt, bedient Kahn die große Mehrheit der Tibet- und Dalai-Lama-Fans, die die Verbindung der Nazis nach Tibet ebenso wie die augenfällige Neigung des derzeitigen „Gottkönigs“, sich mit Vertretern der extremen Rechten zu umgeben, immer schon als böswillige Lüge chinahöriger Religionshasser und Kommunisten abgewehrt haben. Selbstredend tritt im Schlusskapitel ein „aalglatter“ Staatspäsident der Volksrepublik China auf den Plan, der dafür sorgt, dass alles geheim bleibt.

Ob Absicht oder nicht: in all dem Gebräu, das Kahn da anrührt, wird der tibetische Buddhismus von jedem Verdachte reingewaschen, tatsächlich das blutrünstige und faschismuskompatible Psychopathensystem zu sein, das er ist und als das er ihn beschreibt: ist ja alles nur erfundene Kulisse eines Mysterythrillers...

Wie Kahn in einem Interview mitteilt, habe er dem Dalai Lama ein Exemplar seines Werkes übersandt, das diesen freilich, wie er meint, nicht überraschen dürfte: „Ich schätze ihn so ein, dass er heute über den Dingen steht und weise wissend schmunzelt.“ Ob der „Gottkönig“ ein Faible für triviale Mystifaxliteratur hat, ist nicht bekannt.
Colin Goldner

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