Blätterwald 1/09

Beten ist keine Bildung

Anlässlich des Streits um das Schulgebet an einer Gemeinschaftsgrundschule in Korschenbroich hat der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass Beten zu Unterrichtsbeginn pädagogisch nicht vertretbar sei. „Es macht nichtgläubige Schüler zu Außenseitern“, betonte der Sprecher der AG Schule Rainer Ponitka. Hintergrund war eine Beschwerde konfessionsloser Eltern, deren Tochter am Schulgebet teilnehmen musste. Das Schulamt untersagte daraufhin das Schulgebet, da „Gebete an Gemeinschaftsgrundschulen nur im Religionsunterricht zulässig“ seien. Nach einer Intervention der Katholischen Elternschaft und des Schulleiters bei CDU-Schulministerin Barbara Sommer hatte das Ministerium die Entscheidung des Schulamtes kassiert. Nun soll geprüft werden, wie Schüler im Rahmen des „geltenden Rechts“ einer Teilnahme am Schulgebet ausweichen können. Ponitka reagiert darauf mit Kopfschütteln: „Dann würde Ministerin Sommer endlich einen inzwischen 30 Jahre alten Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes wahrnehmen.“
 


Kritik an Human Rights Watch

Die international tätige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat einen Bericht mit dem Titel „Diskriminierung im Namen der Neutralität“ vorgelegt, in dem moniert wird, dass in Deutschland in einigen Bundesländern muslimische Lehrerinnen durch Kopftuchverbote diskriminiert werden. Die Gesetze bedeuteten für „Kopftuch tragende Frauen, sich entweder für ihren Beruf oder für ihren Glauben zu entscheiden“.
Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat diese einseitige Ausrichtung des Berichts zurückgewiesen. Human Rights Watch vernachlässige, „dass das Kopftuch den Grundsätzen von Gleichberechtigung und Emanzipation von Frauen diametral entgegensteht“. Das Kopftuch symbolisiere auch die Vormundschaft des Mannes über die Frau, transportiere somit ein Menschenbild, das im Widerspruch zum freiheitlichen Denken steht. Vor allem viele junge Frauen tragen nach Einschätzung von Terre des Femmes das Kopftuch nur aufgrund des immensen sozialen Drucks in Familie und Umfeld. Diese Frauen wurden bei den dem Bericht zugrundeliegenden Befragungen aber offenbar ebensowenig angesprochen wie Musliminnen, die sich gegen das Kopftuch entschieden habe.
 


Mal wieder die Unwahrheit...

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vertritt seit je sehr krichenfreundliche Positionen; zum Kampfblatt mutiert die FAZ jedoch, wenn ihr Kritik an der christlicher Religion begegnet. Der sonst so gediegen auftretenden Zeitung ist dann fast jedes Mittel recht, sofern es nur der wirksamen Diffamierung jener dient, die Religion kritisieren oder auch nur weltanschauliche Alternativen anbieten. Im Frühjahr 2008 hatte Thomas Thiel einfach frech behauptet, das „Ferkelbuch“ sei auf dem Index der jugendgefährdenden Medien gelandet – und das einen Tag, bevor die Verhandlung vor der Bundesprüfstelle überhaupt stattgefunden hatte (mit der Folge, dass die FAZ eine Unterlassungserklärung unterzeichnen musste.) Komplett durchgeknallt jedoch ist ein Beitrag von Antje Schmelcher im Sonntagsableger der FAZ. Am 28. Dezember war dort unter der Überschrift „Das Gespenst des Humanismus. - Wie ein atheistischer Freidenker-Verband an staatlichen Schulen die Feindbilder des Kommunismus wiederbelebt – und seine eigene DDR-Vergangenheit leugnet“ eine absurde Geschichte über den Humanistischen Verband Deutschlands und dessen Lebenskunde-Unterricht zu lesen, in der die Realität derart zurechtphantasiert wird, dass es schwer fällt, dies allein der Dummheit der Autorin zuzuschreiben.

Ausgangspunkt der „Recherche“ ist die augenscheinlich mutwillige Vequickung der kurzzeitig drei in Deutschland existierenden Freidenkerverbände: damals gab es den westdeutschen Deutschen Freidenker-Verband („Sitz Dortmund“) und den erst 1989 gegründeten Verband der Freidenker der DDR, die sich zwei Jahre später zusammenschlossen; außerdem existierte der Westberliner Landesverband der Freidenker, aus dem 1993 der Humanistische Verband (HVD) hervorging. Der Sonntagszeitungsbeitrag spricht von den „Pankower Freidenkern“, meint, je nach Bedarf, mal den einen und mal den anderen Verband und suggeriert eine Verbindung zum HVD. Der Zusammenhang, in dem der Artikel steht, verdeutlicht Antje Schmelchers eigentliches Interesse: es geht um die Initiative Pro Reli und das Bemühen, die westdeutschen Zustände auch an Berliner Schulen zu etablieren. In dieser Debatte schien es der FAS offenbar notwendig, nicht nur den integrativen Ethikunterricht, sondern auch den Lebenskundeunterricht gründlich zu diskreditieren. Eingeführt wurde dieser staatlich finanzierte Unterricht 1984 in Westberlin; erteilt wurde er damals vom Deutschen Freidenker Verband, Landesverband Berlin, heute unterrichten die Lehrerinnen und Lehrer des HVD jedes Jahr etwa 40.000 Kinder im Sinne eines weltlichen Humanismus. Das klingt wenig aufregend und hätte ganz sicherlich keinen Mobilisierungseffekt für Pro Reli gebracht. Also erweckte die Autorin den Eindruck, beim HVD handele es sich um einen kommunistischen Verband mit DDR-Vergangenheit – und baute offenbar auf beim Publikum vermutete antikommunistische Ressentiments. Die Belege dafür wurden einfach erfunden: Staatsbürgerkundelehrer seien schnell zu Lebenskundelehrern umgeschult worden, selbst ein ehemaliger Stasi-IM hätte das Fach unterrichtet, der Verband residiere in der ehemaligen Bezirksparteischule der SED usw.

Anfang Februar musste die FAS dann eine Gegendarstellung des HVD abdrucken, in der sechs falsche Tatsachenbehauptungen richtiggestellt wurden. Die Redaktion kommentierte diesen für jede Zeitung peinlichen Vorgang fairerweise mit den Worten: „Der HVD hat recht.“ Da war das Volksbegehren freilich bereits gelaufen. Die in dem Artikel verbreiteten Lügen sind ohnehin nicht mehr zurückzurufen. Längst werden sie im Internet, etwa im Hetz-Blog fact-fiction.net, verbreitet (http://fact-fiction.net/?p=1619, Zugriff 26.3.2009). Und, welch ein Zufall, auch auf der Webseite von Pro Reli werden die falschen Angaben aus dem Artikel eingesetzt: „Der vom Berliner Senat als weltanschauliche Gemeinschaft den Kirchen gleichgestellte HVD ist 1993 aus den Mitgliedern des 1988 vom Politbüro und der DDR-Staatssicherheit gegründeten Pankower Freidenker-Verbandes und dem West-Berliner Landesverband des Deutschen Freidenker-Verbandes hervorgegangen“, ist dort unter Hinweis auf Antje Schmelcher zu lesen (http:// www.pro-reli.de/volksbegehren/?p=1469, Zugriff 15.2.2009).
 


humanismus aktuell

Jahrelang dokumentierte die Zeitschrift humanismus aktuell die Tagungen der Humanistischen Akademie Berlin. Als Theorie-Organ ergänzte sie die diversen Vierteljahreszeitschriften, bot Raum für grundsätzlichere Erörterungen, arbeitete an der Geschichte der Konfessionslosen und brachte unterschiedliche politische Strategien miteinander ins Gespräch. Gab es in den frühen Ausgaben noch Rubriken und Rezensionen, nahmen die Hefte später immer stärker den Charakter von Sammelbänden an. Dieser Entwicklung trägt die Humanistische Akademie nun Rechnung, indem humanismus aktuell zukünftig als Buchreihe fortgeführt wird.

Als letztes Heft im Zeitschriftenformat erscheint die Nummer 23, die das Verhältnis von Humanismus und „neuem Atheismus“ beleuchtet. Der erste Band der neuen Schriftenreihe liegt bereits vor. Unter dem Titel „Humanistisches Sozialwort“ sind die Beiträge versammelt, die nach spezifisch humanistischen Positionen zur sozialen Frage suchen. Einen wichtigen Unterschied zu christlichen Konzepten von „Mildtätigkeit“ sieht Herausgeber Horst Groschopp darin, „dass humanistische Humanität nach selbstbestimmten Lösungen sucht und nach Förderung und Entwicklung von Kompetenzen strebt, gekoppelt an die Verpflichtung zur solidarischen Unterstützung von Hilfebedürftigen, die dies aus eigener Kraft nicht vermögen“. Gleichwohl soll das Humanistische Sozialwort nicht endgültige Positionen formulieren, sondern die Debatte erstmal anstoßen.

humanismus aktuell 23. Humanismus und „neuer Atheismus“. 96 Seiten, kartoniert, Euro 10.-, ISBN 3-937265-11-2
Horst Groschopp (Hrsg.): Humanistisches Sozialwort. Aschaffenburg: Alibri 2009. 124 Seiten, kartoniert, Euro 13.-, ISBN 978-3-86569-042-5

 


In der Türkei: Kein Darwin

Das türkische populärwissenschaftliche Magazin Bilim ve Teknik ist mit dem Versuch gescheitert, im März einen mehrseitigen Schwerpunkt zu Charles Darwin zu publizieren. Das Thema wurde in letzter Minute gegen eine Geschichte zum Klimawandel ausgetauscht, die Chefredakteurin entlassen. Verantwortlich ist türkischen Medien zufolge der Vizepräsident des Rates für Wissenschaft, Technologie und Forschung Ömer Cebeci (der Rat fungiert als Herausgeber des Blattes).

Der Vorgang kann als weiteres Indiz dafür gesehen werden, dass die Regierungspartei AKP über eine konsequente Personalpolitik eine schleichende Islamisierung der Türkei betreibt. Denn Cecebi gilt als Parteigänger der AKP und in dieser geben die Evolutionsleugner den Ton an; so bekennt sich Erziehungsminister Hüseyin Celik offen zum Intelligent Design. Auf die öffentliche Kritik hin haben sich nun aber hohe AKP-Politiker von diesem Akt der Zensur distanziert.

  


Artikel aus MIZ 1/09

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