Fritz Mauthner – der vergessene Chronist des Atheismus

von Clara & Paul Reinsdorf

Fritz Mauthner (1849-1923), Schriftsteller, Verfasser einer vierbändigen Geschichte des abendländischen Atheismus und Vorläufer Wittgensteins als sprachkritischer Philosoph, ist vielfach nur noch einem Spezialpublikum bekannt. Dabei gilt seine Auseinandersetzung mit dem Wesen der Sprache in aufgeklärten Kreisen noch heute als richtungsweisend. Und seine historischen Arbeiten zur Ideengeschichte atheistischen und ketzerischen Denkens bestechen durch eine Gelehrsamkeit, der nur wenige Forscher auch nur nahe kommen.

Fritz Mauthner erblickt am 22. November 1849 als viertes Kind des jüdischen Tuchfabrikanten Emmanuel und seiner Frau Amalie das Licht der Welt. Selbst schreibt er später darüber in seinen Erinnerungen: „Geboren bin ich zu Horzitz, einem kleinen Landstädtchen zwischen Königgrätz und Trautenau, nicht gar weit von der Sprachgrenze; mein Geburtsort gehört zum tschechischen Gebiete, doch war es in meiner Kindheit noch ganz selbstverständlich, daß die Honoratioren des Städtchens entweder Deutsche waren oder doch mit einigem Stolze etwas deutsch redeten. Zu den deutschen Honoratioren gehörten (damals noch selbstverständlich) die jüdischen Besitzer der kleinen mechanischen Webereien. So ein Fabrikbesitzer war auch mein Vater.“1

Im Alter von sechs Jahren zieht die Familie nach Prag. „Als ich nach Prag kam, hatte ich bereits bei meiner guten Mutter lesen gelernt. Sie zeigte mir in der Gartenlaube, auf die wir abonniert waren, die großen und dann die kleinen Buchstaben der Überschriften und ich brachte es sehr bald dazu, mir ganze Worte und Sätze zu deuten. In Prag war das erste für mich, daß ich die Straßentafeln, Geschäftsfirmen und Wirtshausschilder, die damals noch fast ohne Ausnahme deutsch waren, als geeignete Lesebücher entdeckte. Auf einem Spaziergang wurde zur Freude meiner Mutter festgestellt, daß ich lesen konnte, und daß ich es fast allein erlernt hatte. Das war der Anfang meiner kurzen Wunderkindschaft. Von den Geschwistern erntete ich, nach der schmerzhaften aber gesunden Sitte unseres Hauses, nur Spott. Ich hatte einmal, als wir am Waisenhause vorüberkamen, altklug zu meinem jüngeren Bruder gesagt: »Wenn du auch lesen könntest, würdest du wissen, daß hier das Wirtshaus zum weißen Hans ist.« Das Gelächter, das übrigens noch nach Monaten nicht ganz aufhörte, war meine erste philologische Lektion: über den Unterschied von u und n.“2

Mauthner wird eingeschult, besucht verschiedene Bildungsanstalten, darunter ein katholisches Klostergymnasium. Schon zu dieser Zeit manifestiert sich Mauthners Interesse für Sprache. „Ich hungerte förmlich nach den alten Sprachen. Die ersten lateinischen Schulbücher nahm ich mit heiliger Andacht in die Hand und empfand es als eine Schande und als eine Entweihung so köstlicher Schriften, daß ich sie um den halben Preis beim Antiquar kaufen mußte.“3
Die Klassenkameraden sind zur Hälfte jüdischen Glaubens, aber auch Protestanten finden sich unter ihnen. „So gab es keine Glaubenseinheit, und wenn die Herren Piaristen [katholische Ordensgemeinschaft, der die Lehrer angehörten; Anm. d. A.] mitunter über Luther und über die Juden ihre Witze rissen, so taten sie das zu ihrem Vergnügen und nicht aus Glaubenseifer.“4

Schon früh werden so die Grundlagen für Mauthners späteren Atheismus bereitet. „Wie ich keine rechte Muttersprache besaß als Jude in einem zweisprachigen Lande, so hatte ich auch keine Mutterreligion, als Sohn einer völlig konfessionslosen Judenfamilie. Wie mir mit meinem Volke, dem deutschen, nicht die Werksteine ganz gemeinsam waren, die Worte, so war mir und ihm auch das Haus nicht gemeinsam, die Kirche. Mir waren nicht nur die Griechengötter tote Symbole, auch den christlichen Himmel lernte ich als totes Symbol kennen.“5

In seiner Freizeit besucht Mauthner Antiquariate, liest begeistert dort erworbene griechische und römische Klassiker – oder was er dafür hält: „Da lagen sie über die schmutzigen Tische geschüttet, Bücher aller Art, zerlesene Romane und wissenschaftliche Werke, die meisten unvollständig, einzelne Bände, die ganz besonders wohlfeil waren. Und Klassiker! Griechische, lateinische, französische und deutsche Klassiker. Das Wort machte mich ja wehrlos. War auf dem Titelblatte in irgendeiner Sprache die Bezeichnung ‘Klassiker’ gedruckt, so glaubte ich einfältig, alle Herrlichkeiten und Geheimnisse der Welt müßten in dem Buche stecken. Ich kaufte so viele Klassiker, als ich bezahlen konnte. Ich habe erst viel später erfahren, daß der Verleger einen alten oder neuen Autor zu einem Klassiker ernennen kann; daß die Bezeichnung im Grunde nicht viel besagen will.“6

1866, im sogenannten Deutschen Krieg, wird Prag zu einem preußischen Truppenlager. Die Cholera breitet sich aus, zahlreiche Lehrer auf seiner Schule werden dahingerafft. Mauthner wechselt vom „Pfaffengymnasium“ auf ein weniger religiös geprägtes Gymnasium, was ihm mehr behagt. Heimlich bringt er sich Kenntnisse des Englischen, Französischen und Italienischen bei, leiht sich aus der Bibliothek Bücher zur Ägyptologie aus (Hieroglyphen!), versucht sich gar in Chinesisch – „da gelangte ich aber nicht einmal an die allerersten Anfänge heran; das Zeichnen der Schrift wurde mir zu schwer“.7

Jugendlicher, „kriegerischer“ Atheismus

Die Sehnsucht, die Enge der Schule zu verlassen und sich endlich auf der Universität in Prag einzuschreiben wird übermächtig. „Auf der Schule durfte ich ja im deutschen Aufsatze meinem Herzen nicht Luft machen; denn über dem deutschen Aufsatze lag der religiöse Zwang. Ich wurde schon getadelt, wenn ich pantheistische Anwandlungen verriet. Ich aber war schon seit meinem fünfzehnten Jahre in die Pubertätszeit eines kriegerischen Atheismus eingetreten. Der liebe Gott war mein persönlicher Feind geworden.“8

Im Sommer 1869 legt Mauthner endlich die Maturitätsprüfung ab. Sein Vater ist im Preußisch-Österreichischen Krieg verarmt und verlangt nun von seinem Sohn etwas Praktisches zu lernen und eine Kaufmannslehre zu beginnen. Auf Intervention der Mutter wird Fritz Mauthner jedoch gestattet, Jura zu studieren, um später sein Leben als Rechtsanwalt bestreiten zu können. Mauthner fügt sich und beginnt ein Doppelleben: denn neben der Jurisprudenz studiert er heimlich „mit ganzer Kraft Philosophie und Kunstgeschichte und Medizin und leider auch Theologie“.9
Während Mauthner sich widerwillig und nur dem Vater zuliebe durch den mit Paragraphen verschnörkelten Lernstoff quält, nimmt seine Begeisterung für philosophische Fragestellungen immer mehr zu. Er verfasst Sonette; der Wunsch, sich als Schriftsteller zu betätigen, reift heran. Schließlich bricht er das Studium ab, arbeitet aber – die Form muss gewahrt werden – seit 1873 in einer juristischen Kanzlei. Nebenher beginnt Mauthner mit seinen sprachkritischen Studien. Zurück geht dieses Interesse auf eine Begegnung mit dem Physiker Ernst Mach. In seinen Erinnerungen schreibt Mauthner dazu:

„Mach selbst hat mich vor einigen Jahren – er gab mir wieder einen Beweis seines erstaunlichen Gedächtnisses – daran erinnert, daß ich als junger Student in Prag einen seiner öffentlichen Vorträge angehört und nach der physikalischen Darlegung die Erlaubnis erbeten hatte, ihm einige begriffliche Bedenken vorlegen zu dürfen. In dem gleichen Jahre 1872 ließ mich Mach seinen Vortrag über ‘Die Erhaltung der Arbeit’ lesen und ich erhielt, so wenig ich damals von mathematischer Mechanik verstand, einen Anstoß, der ohne mein Wissen durch Jahrzehnte fortgedauert haben muß.“10

Leider ging diese erste Skizze der Mauthnerschen Sprachkritik verloren. Erst Jahre später, kurz nach der Jahrhundertwende, sollten seine Anstrengungen in einer dreibändigen Kritik der Sprache ihre Krönung finden (mehr dazu im dritten Teil dieser Artikelserie).

Erste literarische Erfolge

Erste Erzählungen, Feuilletons und Theaterstücke folgen. Letztere erleben Aufführungen am Deutschen Königlichen Landestheater Prag. „Der Theaterteufel hatte mich gepackt; ich glaube aber nicht, daß ich mich ihm verschrieben hätte, auch wenn meine Erfolge auf der Bühne größer gewesen wären. (...) Ich verkehrte im Tagescafé und im Nachtcafé sehr viel mit Schauspielern, bewunderte und verhimmelte zwei Schauspielerinnen und erlebte in gewaltiger Aufregung und dennoch ohne die innerste Anteilnahme die Aufführung zweier meiner Stücke am Prager Landestheater (...). Der materielle Erfolg dieser ganzen fast schlafwandelnden Tätigkeit war der, daß ich, der ich bis dahin auf meine Studentenkarte hin für wenige Kreuzer einen Stehplatz im Parkett kaufen konnte, aus besonderer Anerkennung meiner Verdienste und zur Aufmunterung für meine Begabung, das Recht des freien Eintritts ins Theater erhielt. Ein ‘Gesichtsentree’, wie sich der unwahrscheinliche Herr Dramaturg in seiner Sprache ausdrückte.“11

Mauthners Vater, schon länger kränkelnd, stirbt. Daraufhin besucht Mauthner die juristische Staatskanzlei, durch die er bisher seinen Lebensunterhalt bestritten hatte, „nur noch ein einziges Mal, um den juristischen Herren Lebewohl zu sagen; sie wunderten sich nicht und gaben mir freundliche Wünsche auf den Weg. Aber in ihren Mienen konnte ich lesen: Aus dem wird nichts.“12
Mauthner begibt sich nach Berlin, wo er seine schriftstellerische Laufbahn fortsetzt und für das Berliner Tageblatt zu schreiben beginnt.

1878 heiratet er die jüdische Pianistin Jenny Ehrenberg, eine Tochter geht aus dieser Verbindung hervor. Mauthner verfasst zahlreiche Parodien auf zeitgenössische Autoren, darunter Gustav Freitag, den späteren Literaturnobelpreisträger Paul Heyse und Arno Holz. Als Gründungsmitglied der Gesellschaft der Zwanglosen, einer Künstlervereinigung, der unter anderem Gerhart Hauptmann angehört, bewegt sich Mauthner bald in gehobeneren literarischen Kreisen. In den 15 Jahren nach 1882 veröffentlicht Mauthner ein Dutzend Romane, darunter die Pressesatire Schmock. 1896 verstirbt seine Frau.

Ab 1892, vier Jahre vor dem Tod seiner ersten Frau, beginnt Mauthner mit der Niederschrift seiner Beiträge zu einer Kritik der Sprache, deren erste beiden Bände 1901 erscheinen. Ein dritter Band folgt ein Jahr später. Während dieser Arbeiten muss Mauthner immer wieder Pausen einlegen, weil sein Sehvermögen sich verschlechtert; 1898 ist er gezwungen, seine literarischen Tätigkeiten gänzlich einzustellen, da er zu erblinden droht. Gustav Landauer, der 1870 geborene Pazifist und Anarchist, unterstützt Mauthner bei der Niederschrift (die Freundschaft zwischen Mauthner und Landauer wird Thema des zweiten Teils dieser Serie zu Fritz Mauthner sein). Die Ablehnung, die der Kritik der Sprache aus akademischen Kreisen widerfährt, stürzt Mauthner in tiefe Depressionen. Ein Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln soll Linderung bringen.

Erst die Verlegung des Wohnsitzes 1905 noch Freiburg im Breisgau, wo er kurz darauf Martin Buber, den jüdischen Religionsphilosophen, kennenlernt, bringt neuen Elan in Mauthners Leben. 1907 begegnet er Hedwig Straub (1872-1945), eine deutsche Ärztin und Schriftstellerin. Beide heiraten bald darauf und ziehen nach Meersburg am Bodensee. Hedwig unterstützt ihren Mann bei der Abfassung weiterer Arbeiten, unter anderem am Wörterbuch der Philosophie.

Der Ausbruch des Weltkrieges 1914 belastet die Verbindung zu Gustav Landauer. Mauthner schreibt vaterländische Propagandaartikel, sehr zur Missbilligung seines anarchistischen und kosmopolitisch gesinnten Freundes. (Nach dem Krieg beteiligt sich Landauer an der Münchner Räterepublik und wird nach deren Niederschlagung im Zuchthaus Stadelheim am 2. Mai 1919 von deutschen Uniformträgern, welche die Kapitulation des Kaiserreichs nicht verwinden konnten, ermordet.)

Für Mauthners patriotisches Weltbild (mehr dazu in der nächsten Folge) ist die Niederlage Deutschlands eine Katastrophe. Trotzdem wendet er sich neuen Tätigkeiten zu. Mit Unterstützung seiner Frau Hedwig schreibt Mauthner zwischen 1920 und 1923 sein Werk Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland.
Fritz Mauthner stirbt am 29. Juni 1923 in Meersburg. Die Witwe überlebt ihren Mann 22 Jahre. Ein Findling auf dem gemeinsamen Grab in Meersburg trägt die Aufschrift: „Vom Menschsein erlöst“.

 


Anmerkungen:
1 Mauthner, Fritz: Erinnerungen, Band 1: Prager Jugendjahre. München 1918, S. 12.
2 Ebenda, S. 17.
3 Ebenda, S. 38.
4 Ebenda, S. 41.
5 Ebenda, S. 53.
6 Ebenda, S. 63.
7 Ebenda, S. 100.
8 Ebenda, S. 104.
9 Ebenda, S. 107.
10 Ebenda, S. 210.
11 Ebenda, S. 238.
12 Ebenda, S. 247.

 


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