von Frank Welker
Ariane Sherine ist eine junge britische Journalistin und schreibt für komödiantische Serien. Als sie im Juni 2008 einen roten Londoner Bus sichtete, der mit einem Bibelspruch und einer Internetadresse warb, besuchte sie diese Seite im Internet und wurde damit konfrontiert, dass sie als Ungläubige auf ewig in der Hölle braten solle. Daraufhin entwickelte sie die Idee Spenden einzusammeln, um werbetechnisch auf die christliche Drohbotschaft zu reagieren. Die Sache wurde ein voller Erfolg und Sherine und die British Humanist Association hatten schnell genug Spenden zusammen, um durch London Busse mit dem Spruch „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also sorge dich nicht und genieße das Leben„ fahren zu lassen.
Die mediale Resonanz auf die Aktion war enorm. Es gelang, eine breite Diskussion über das Thema Atheismus und positive Lebenseinstellung in Gang zu setzen. So konnten immer mehr Spenden eingeworben werden und inzwischen fahren die Busse an vielen Orten im ganzen Land. Selbstredend gab es nicht nur Befürworter und Unterstützer. Von christlicher Seite kam auch viel Kritik und Häme. Einige christliche Gruppen fühlten sich sogar genötigt, ihrerseits wiederum Werbeflächen auf Bussen zu mieten, die verkündeten, dass es Gott definitiv gäbe. Einem christlichen Busfahrer aus Southampton war die Aktion der Atheisten sogar so zu wider, dass er seine Arbeitsstätte verließ, als er den Werbespruch auf seinem Bus entdeckte. Bemerkenswert war auch die Reaktion einer christlichen Studentenvereinigung, die insgesamt 400.000 Exemplare des Markus-Evangeliums drucken ließ, um sie unter die Leute zu bringen.
Der Kampagne hat die Aufregung jedoch nicht geschadet und es fließen weiterhin kräftig Spenden, so dass ein Ende in Großbritannien aktuell noch nicht abzusehen ist. Man hat anscheinend einen Nerv getroffen, offenbar fühlen sich doch sehr viele Briten von den zahlreichen Privilegien, die religiöse Gruppen auf der Insel genießen, gestört und nutzen nun diesen Weg, um ihren Protest auszudrücken. Unterstützt werden sie dabei von Richard Dawkins, dem umtriebigen Professor aus Oxford, der mit seinem Buch Der Gotteswahn weltweit die Bestsellerlisten stürmte.
Inzwischen hat sich die Kampagne zu einer internationalen Bewegung ausgeweitet. Säkulare Gruppen aus der ganzen Welt zeigten sich begeistert von der Idee des britischen Vorbilds und so fahren die Busse inzwischen bereits in Spanien, Australien, Kanada, Italien und den USA. Teilweise mussten jedoch einige Hürden genommen werden. So lehnte Presseberichten zufolge Australiens größte Agentur für Außenwerbung, APN Outdoor, die Verbreitung der gottlosen Plakate ab und man musste nach einer Alternativlösung suchen. Ähnliches ereignete sich in Italien, wo eine Werbeagentur aus ethischen Gründen die Zusammenarbeit verweigerte. Ärger gab es auch in Spanien. Auf die Provokation der Atheisten reagierte ein protestantischer Pfarrer mit dem Anmieten eigener Werbeflächen auf Bussen, die dann mit dem Spruch „Gott existiert doch. Genieße das Leben mit Christus“ durch Madrid fuhren. Das spanische Beobachtungszentrum für anti-religiöse Diffamierung sah sogar die Religionsfreiheit verletzt. Protestiert wurde auch im Land des Papstes. Seit in Italien Busse mit dem Spruch „Die schlechte Nachricht ist, dass es Gott nicht gibt. Die Gute ist, dass wir ihn auch nicht brauchen.“ fahren, wird auch hier eifrig gestritten. In Genua rebellierten zahlreiche Busfahrer und wurden dabei sogar gewerkschaftlich unterstützt. Auch katholische Verbände liefen Sturm gegen die Aktion.
Ärger gab es auch bereits in der Schweiz, obwohl dort noch gar keine Busse fahren. Doch schon im Vorfeld war zu hören, dass es Schwierigkeiten geben wird, Werbeflächen anmieten zu können. So berichtet die Online-Redaktion von 20min.ch, dass die Luzerner Verkehrsbetriebe sich nicht mehr trauen die Plakate anzunehmen, nachdem gedroht wurde, dass man Ihnen die Busse anzünden würde. Auch bei den Organisatoren, den Schweizer Freidenkern, gingen seit der Bekanntmachung der Aktion diverse Hass-Mails von frommen Christen ein.
Man darf also sehr gespannt sein, was in Deutschland passieren wird, wenn bald die Busse fahren werden. Denn inzwischen hat sich auch hier eine Gruppe gebildet, die eine entsprechende Kampagne auf die Beine gestellt hat. In den Städten Berlin, Köln und München sollen nach dem Willen der Buskampagne-Truppe die ersten Busse mit atheistischen Werbeslogans fahren. Das Ziel der Kampagne lautet dabei wie folgt: „Nicht-Religiöse, Agnostiker und Atheisten sollen wahrnehmen können, dass sie nicht alleine sind. Sie sollen mutiger werden, sich gegen religiösen Hochmut zur Wehr zu setzen und sich in die öffentlichen Debatten einzumischen. Das Leben ohne einen Gott kann eine Bereicherung sein: angstfrei, selbstbestimmt, bewusst, tolerant und frei von Diskriminierungen.“
In nur wenigen Tagen konnte das erforderliche Geld eingesammelt werden. Es kann jedoch weiter online unter www.buskampagne.de gespendet werden, denn je mehr Geld zur Verfügung steht, desto mehr Busse können fahren. Vorausgesetzt, die Verkehrsbetriebe spielen mit. Denn die Berliner und Münchner Busunternehmen weigern sich bereits, die atheistische Botschaft zu transportieren. Beim Erzbistum Berlin dagegen hat man offenbar nichts gegen die Aktion. Die Frankfurter Rundschau zitiert dessen Pressesprecher mit den Worten: „Wir machen ja auch Werbung, wieso sollen die das nicht machen?“
Artikel aus MIZ 1/09
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