Am 26. April findet das Volksbegehren über die Zukunft des integrativen Ethik- unterrichts in Berlin statt. Die Kampagne Pro Reli möchte den Religionsunterricht zum Wahlpflichtfach an öffentlichen Schulen machen und hat mit ihren Argumenten eine hohe Präsenz in den Medien erreicht. Um auf die erforderliche Zahl der Stimmen zu kommen, hat sie sich auf eine ganz bestimmte Kommunikationsstrategie verlegt, arbeitet mit positiv besetzten Schlüsselwörtern und verbirgt ihr eigentliches Anliegen durch missverständliche Formulierungen. MIZ hat sich die zentralen Aussagen vorgenommen und passende Gegenargumente zusammengefasst. Die Zitate sind sämtlich dem Papier 7 Argumente Pro Reli entnommen (http://www.pro-reli.de/volksbegehren/?page_id=46, Zugriff 15.2.2009).
Argument 1: „Nur beim Wahlpflichtbereich Ethik/Religion hat jeder Schüler und jede Schülerin eine wirkliche Wahlfreiheit.“
Falsch, wie der Begriff „Wahlpflichtbereich“ schon signalisiert, steht es den Schulerinnen & Schülern im Gesetzentwurf von Pro Reli eben nicht frei, sie müssen sich entscheiden. Im derzeitigen Modell ist es möglich, neben dem verpflichtenden integrativen Ethikunterricht eines der freiwilligen Angebote zu belegen. Wer möchte, kann also sowohl den Ethik-unterricht als auch den katholischen Religionsunterricht besuchen. Diese Möglichkeit, beide Angebote wahrzunehmen, ist von Pro Reli ausdrücklich nicht vorgesehen. Zudem übersieht diese Argumentation, dass es eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen gibt, die kleinen Glaubensgemeinschaften angehören oder weltanschaulich ungebunden sind; für sie wird es keine Wahlmöglichkeit geben.
Argument 2: Kulturelle Vielfalt respektieren: „Ethik als Zwangsfach behandelt die unterschiedlichsten Schülerinnen und Schüler gleich. Die Fächergruppe Ethik/Religion nimmt dagegen durch ihre Angebotsvielfalt die unterschiedlichen Prägungen der Schülerinnen und Schüler ernst. Gleichgültig ob Christ, Jude, Moslem oder Atheist, die Schülerinnen und Schüler werden so ernst genommen, wie sie sind.“
Dieses Argument ist das gefährlichste im Repertoire von Pro Reli, weil es faschistoide Vorstellungen von Identität bedient. Richtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler im Ethikunterricht – wie auch in Deutsch, Physik oder Kunsterziehung – „gleich“ behandelt werden, also unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem kulturellen Hintergrund alle den gleichen Unterrichtsstoff lernen. Pro Reli suggeriert nun, dass die in Berlin unbestreitbar existierende kulturelle Vielfalt erfordere, christliche, muslimische, ungläubige usw. Schülerinnen und Schüler nach ihrer vermeintlichen „religiösen und kulturellen Identität“ zu sortieren. Damit knüpft die Initiative an die Idee an, dass Religion zum Kernbereich der Identität eines Menschen gehört, der nicht in Frage gestellt werden darf. (Wer diesen Gedanken konsequent zu Ende führt, ahnt die Folgen: Kreationisten werden für ihre Sprösslinge einen entsprechenden Biologieunterricht fordern usw.)
Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, das seit der Aufklärung überwunden sein sollte: Menschen sind in ihrem Wesen keineswegs Christen usw., vielmehr sind sie frei, ihre religiösen Überzeugungen zu ändern (gegebenenfalls sogar über Bord zu werfen), sie sind eben nicht auf die Tradition, mit der sie aufgewachsen sind, festgelegt. Wenn wir uns zudem klar machen, dass wir auch von Grundschulkindern reden, wird vollends klar, was die wohlklingende Formulierung „kulturelle Vielfalt respektieren“ tatsächlich bedeutet: den Religionsgesellschaften die Schule als Missionsfeld zu öffnen. Der Verdacht drängt sich auf, dass durch den Religionsunterricht die religiöse Identität eines Kindes erst hergestellt werden soll. Anstatt Vielfalt zu respektieren, sieht der Entwurf von Pro Reli genau das Gegenteil vor: durch die Trennung nach Bekenntnissen wird verhindert, dass die Kinder diese Vielfalt erfahren.
Argument 3: „Die Fächer Ethik bzw. Religion sind authentisch und fördern die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.“
Es ist logisch nicht schlüssig, dass Authentizität zu Toleranz führt; warum sollte dies so sein? Tolerant gegenüber Andersdenkenden sind in der Regel jene, für die Toleranz ein wichtiger Wert ist. Religionen, die für sich in Anspruch nehmen, im Besitz der Wahrheit zu sein, tun sich mit der Toleranz gegenüber Andersdenkenden allerdings eher schwer (wie ein Blick in die Geschichte oder auf die zahlreichen Konflikte mit religiösen Komponenten zeigt). Da erscheint es besser, den Bock nicht zum Gärtner zu machen.
Argument 4: „Beim Wahlpflichtbereich Ethik/Religion sind die Lehrerinnen und Lehrer nicht auf die theoretische Wertevermittlung beschränkt. Als Vertreter der jeweiligen Grundüberzeugungen können sie die Werte aus Überzeugung selbst vorleben.“
Das erbärmlichste Argument der Pro Reli-Streiter. Denn es unterstellt, dass die Zugehörigkeit zu einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft per se mit sich bringt, dass die Betreffenden sich an die propagierten Werte halten. Dies widerspricht jeglicher Lebenserfahrung. Wer selbst Religionsunterricht erhalten hat, wird sich in der Regel an sehr unterschiedliche Typen zurückerinnern, an echte Vorbilder und an komplette Vollidioten. Und warum sollte es unter den Ethiklehrkräften weniger Vorbilder geben als unter Religionslehrern?
Argument 5: „Ethik als alleiniges Pflichtfach steht in einem Dilemma. Es soll Werte vermitteln, muss aber als alleiniges, nicht abwählbares Fach weltanschaulich neutral sein. Es gibt aber keine echte Wertevermittlung ohne ein Bezugssystem.“
Dieses Argument enthält einen gravierenden Denkfehler: Hier wird weltanschauliche Neutralität mit Wertneutralität verwechselt. Zwar ist es richtig, dass Werte immer an ein Bezugssystem gebunden sind, aber Pro Ethik suggeriert, dass es nicht möglich sei, denselben Wert mehrfach zu begründen. Und das ist falsch. Selbstverständlich können ein Christ aus seiner Religion und eine Atheistin aus ihrem Humanismusverständnis heraus beide den Wert der Toleranz jeweils für sich begründen. Und dies sollte sich im Ethikunterricht ohne weiteres darstellen lassen. Unzulässig wäre lediglich, wenn im Unterricht ausschließlich ein Bezugssystem zur Sprache käme.
Argument 6: „Wird Ethik – wie in Berlin – zum alleinigen Pflichtfach, mischt sich der Staat unnötig in Weltanschauungsfragen ein. Das widerspricht der staatlichen Neutralitätspflicht.“
Auch hier wird weltanschauliche Neutralität mit Wertneutralität verwechselt. Zudem sollte es im Ethikunterricht nicht vorrangig um „Weltanschauungsfragen“ gehen, sondern um die Schaffung einer Grundlage für ein gesellschaftliches Miteinander, also um Verhalten. Bestimmte Verhaltensweisen einzufordern, ist für ein Gemeinwesen legitim; welche Verhaltensweisen propagiert werden, entscheidet sich nicht im Ethikunterricht, das ist eine Frage der kulturellen Hegemonie.
Argument 7: „Der Wahlpflichtbereich Ethik/Religion vermindert die Gefahr von Fundamentalismus.“
Es ist müßig darüber zu streiten, ob dem so ist oder nicht; es spricht einiges dafür, dass der real existierende Religionsunterricht an öffentlichen Schulen fundamentalistische Tendenzen zumindest nicht befödert; es gibt aber auch einige bedenkenswerte Einwände. Für unsere Fragestellung viel wichtiger ist jedoch die Feststellung, dass diese Funktion durch einen integrativen Ethikunterricht ebenso und wahrscheinlich noch besser erfüllt wird.
Artikel aus MIZ 1/09
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