Editorial 3/08

Getrennt und doch eng verbunden – Religion und Politik in den USA

von René Hartmann

Die Welt blickt auf die US-Präsidentenwahl. Mit George W. Bush tritt ein Präsident ab, der nicht nur durch seine Außenpolitik viel Kritik auf sich gezogen hat. Auch in der Innenpolitik war er zusammen mit seiner Republikanischen Partei in vielfältiger Weise bemüht, den religösen Wählern entgegenzukommen, denen er zu einem nicht unbeträchtlichen Teil seine Wahlsiege verdankte, wenngleich sich deren politischen Hoffnungen bislang allenfalls zum Teil erfüllt haben.

Erwartungen, dass sein Nachfolger eine weniger klerikale Politik betreiben wird, sind zwar jüngst gedämpft worden. Besonders hervorzuheben ist hier die von den Evangelikalen bejubelte Nominierung von Sarah Palin zur Kandidatin für den Posten der Vizepräsidentin an der Seite von John McCain. Diese macht deutlich, wie groß der Einfluss der religiösen Rechten auf die US-Politik nach wie vor ist. Dennoch werden nach dem Ende von Bushs doppelter Amtszeit die Karten in der amerikanischen Politik neu gemischt. Ob die säkularen Kräfte dabei ein besseres Blatt erhalten als bisher, ist freilich offen. Die aktuelle Präsidentenwahl ist für die MIZ ein Anlass, die dortigen Verhältnisse näher zu beleuchten. Diese sind auch aus deutscher und europäischer Sicht in mehrfacher Hinsicht von Interesse.

Ein Blick auf das Verhältnis von Staat und Religion in den USA ergibt ein zwiespältiges Bild. Auf der einen Seite ist die Trennung von Staat und Kirche in der US-Verfassung deutlicher verankert als in vielen anderen Ländern. Eine Kirchensteuer gibt es nicht, und ein konfessioneller Religionsunterricht an öffentlichen Schulen wie in Deutschland wäre dort ebenfalls nicht möglich. Andererseits ist der gesellschaftliche Einfluss der Religion und besonders des Christentums größer als in den meisten anderen Industrienationen. Das hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Politik. Einem europäischen Beobachter fällt unweigerlich auf, wie oft sich US-Politiker in ihren Reden auf Gott beziehen, während dies bei europäischen Politikern selbst sich christlich nennender Parteien unüblich ist. Amerikanische Politiker entsprechen damit den Erwartungshaltungen religiöser Wähler. Wo Religion einfach dadurch einen Einfluss auf die Politik ausübt, dass religiöse Wähler entsprechende Politiker in Parlamente und Exekutive wählen, steht die Trennung von Staat und Religion letztlich auf einem wackligen Fundament, mag sie auch durch die Verfassung garantiert sein.

Daraus kann der auch hierzulande wichtige Schluss gezogen werden, dass es nicht allein auf die Rechtsnormen ankommt. Mindestens ebenso wichtig ist, wie die Rechtsnormen ausgelegt und angewandt werden – was wiederum damit zusammenhängt, ob Nichtreligiöse als gesellschaftlich relevante Gruppe wahrgenommen werden. Ist letzteres nicht der Fall – davon wissen auch die Säkularisten in Deutschland ein Lied zu singen –, so gilt als Richtschnur für die Auslegung von Verfassung und Gesetzen, dass die kirchlichen Interessen zu wahren sind. Selbst Grundrechte werden dann ganz selbstverständlich zugunsten kirchlicher Privilegien ausgehebelt. Die hierzulande herrschende Rechtsauffassung zum Vermerk der Religionszugehörigkeit auf der Lohnsteuerkarte oder zur Kirchenaustrittsgebühr illustriert dies anschaulich.

Die in den USA tonangebenden Kirchen repräsentieren einen anderen Typ als die hiesigen Amtskirchen, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert und eng mit dem Staat verflochten sind, beispielsweise über den Kirchensteuereinzug und den konfessionellen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Die meisten US-Kirchen sind eher vergleichbar mit den deutschen Freikirchen, die hierzulande – noch – an Bedeutung hinter der evangelischen und katholischen Kirche zurückstehen, die sich aber merklich im Aufwind befinden und Anhänger auf Kosten der beiden bislang dominierenden Kirchen gewinnen. In der vorangegangenen MIZ sind diese in Deutschland bislang eher wenig beachteten Kirchen und religiösen Bewegungen näher beleuchtet worden.

Eine geringere institutionelle Verflechtung mit dem Staat bedeutet nun freilich nicht, dass diese Kirchen generell auf staatliche Zuwendungen verzichten würden. Auch in den USA sind Privilegien für Kirchen und kirchennahe Organisationen ein Thema, allerdings verglichen mit Deutschland eher aus umgekehrter Perspektive: Dort geht es für Säkularisten überwiegend darum, die Einrichtung von Privilegien, wie sie in Deutschland bereits lange bestehen, abzuwehren.

Ganz generell erleben wir hierzulande, wie das althergebrachte Duopol aus evangelischer und katholischer Kirche mehr und mehr von einem freien Markt der Religionen abgelöst wird. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange. Die Unterschiede in der religiösen Landschaft zwischen Deutschland und den USA werden als Folge dieser Entwicklung geringer – ein weiterer Grund, die dortigen Verhältnisse näher zu betrachten.

Hinzu kommt, dass auch die USA über eine säkulare Szene verfügen, in der sich eine beträchtliche Zahl unterschiedlicher Organisationen tummeln. Neben einer nahezu unüberschaubaren Menge lokaler Gruppen existieren mehrere landesweite oder sogar international ausgerichtete Verbände. Zu nennen sind hier u.a. die American Atheists, die Atheist Alliance International, die Freedom from Religion Foundation und die American Humanist Association. Gewisse Parallelen zur Situation in Deutschland drängen sich auf, sowohl was die Vielfalt der Szene als auch ihre eher geringe Beachtung durch Medien und Politik angeht. Eine gewisse positive Entwicklung scheint sich immerhin abzuzeichnen – sowohl die Mitgliederzahlen der säkularen Organisationen wie auch die Zahl der Amerikaner, die sich als Nichtreligiöse oder Atheisten bezeichnen, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die oft zu hörende Behauptung, die Säkularisierung sei auf Europa beschränkt, während überall sonst in der Welt die Religionen auf dem Vormarsch seien, ist offenbar falsch.

Wohin werden sich die USA künftig entwickeln? Werden die USA weiterhin weltweiter Motor evangelikaler Mission sein oder können dereinst von dort vielleicht sogar säkulare Impulse ausgehen? Diese Frage ist schwer zu beantworten. In jedem Fall gilt: Für die säkular orientierten Menschen, egal wo in der Welt sie leben, wird es darauf ankommen, laut und vernehmlich ihre Stimme zu erheben, um sich als gesellschaftlich relevante Gruppe bemerkbar zu machen. Die Chancen dafür stehen so schlecht nicht.

 


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