Zurück ins Mittelalter

In den USA drehen Evangelikale die Uhr zurück – das deutsche Pendant ist konservativ und überkonfessionell

von Petra Daheim

Evangelikale Gruppierungen in den USA führen ein streng bibeltreues Leben, lehnen die Evolutionstheorie ab, sehen sich als die Auserwählten des amerikanischen Volkes – und üben großen politischen Einfluss aus. Gerade letzteres verkörperte George W. Bush wie kein Präsident vor ihm. Wäre eine solche politische Einflussnahme auch in Deutschland möglich? Es scheint zunächst unvorstellbar, doch bei näherem Hinsehen findet man religionsrechtliche Konflikte, Versuche der Einflussnahme auf Persönlichkeiten in der Politik bis hin zu Rufmord an Personen und Institutionen. Allein es sind nicht nur die Evangelikalen. Die Re-Missionierungsallianz ist rechtskonservativ und überkonfessionell.

Konfliktfeld Schulpflicht

Im April 2008 hatten sich die Mitglieder des Schulausschusses in Hennef (NRW) mit dem Antrag von Evangeliumschristen-Baptisten1 auf Gründung einer eigenen Schule auseinanderzusetzen. Die Direktoren aller Hennefer Schulen hatten im Vorfeld in einem offenen Brief schwere Bedenken gegen die Schulgründung vorgebracht. Die Sprecherin der Schulleiter, Realschulrektorin Erika Rollenske erklärte, dass die Eltern der Glaubensgemeinschaft ihre Kinder von einer Reihe von schulischen Veranstaltungen und Inhalten fernhalten würden. Hierzu zählen u.a. Film- und Theatervorführungen, Klassenfahrten, Sexualkunde und bestimmte Themen im Biologieunterricht. Sämtliche im Ausschuss vertretenen Fraktionen sprachen sich, mit Ausnahme des Vertreters der FDP, gegen die Schulgründung aus. Zu Recht befürchteten die meisten Beteiligten die weitere Ausgrenzung der Kinder vom gesellschaftlichen Leben. Die letztendliche Entscheidung über den Antrag auf Schulgründung wird die Bezirksregierung treffen.

Auf den Seiten „Religion plural“ der Ruhr-Universität Bochum findet sich eine empirische Untersuchung zu religionsrechtlichen Konflikten in verwaltungsgerichtlichen Verfahren in Nordrhein-Westfalen. Im Ergebnis zeigt sich ein beträchtlicher Zuwachs an Verfahren, die den Islam und die Evangeliumschristen-Baptisten betreffen. Die Schulentziehung aus religiösen Gründen stellt den Hauptkonflikt dar. Hieran waren in NRW allein die Angehörigen der Evangeliumschristen-Baptisten beteiligt. Verhandelt wurden Fälle von Total- und Partialverweigerern.2
Das Verhalten der Gläubigen bei Gericht mag zum kritischen Umgang der Richter beigetragen haben: „Ein Richter des Verwaltungsgerichts Minden berichtete, dass Evangeliumschristen-Baptisten vor jeder mündlichen Verhandlung eines sie betreffenden Verfahrens im Flur vor dem Sitzungssaal Kreise gebildet, Gesänge angestimmt und Gebete gesprochen hätten, um den Ausgang des Prozesses zu ihren Gunsten zu beeinflussen.“3

Die Deutsche Evangelische Allianz, in der die meisten evangelikalen Gruppierungen vernetzt sind, sowie der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) distanzierten sich vom Gebaren der Evangeliumschristen-Baptisten; wie auch letztere sich von anderen Christen fernhalten und keine direkte Zusammenarbeit suchen und wünschen.
Die Distanzierung ist indes kein Zeichen für größere Liberalität; vielmehr geben andere evangelikale Gruppierungen ihren Zielen, die teilweise ebenso mittelalterlich anmuten, den moderneren Anstrich.

Zur Deutschen Evangelischen Allianz gehören 19 selbständige (direkt verbundene) Werke, nahezu 200 verbundene und rund 130 nahestehende Werke. Viele dieser Werke traten beim Christival 2008 in Erscheinung. Ihnen gemein ist ein legeres Kirchenverständnis und eine umso stärker ausgeprägte Bibelgläubigkeit und Jesusverehrung. Die Glaubensverkündigung ist nicht vergleichbar mit den altbekannten Gottesdiensten; vielmehr erinnert der Ablauf solcher Events an eine Verkaufsveranstaltung eines Strukturvertriebes. Das wäre noch Geschmackssache, doch die Inhalte sind neben der immerfort postulierten geistlichen Einheit aller, die an Jesus glauben, und der Verbindlichkeit der Bibel vielfach fragwürdig.
Besonders gerne nimmt man sich folgender Themen an: Sexualität, Homosexualität, Empfängnisverhütung, Abtreibung, Ehe und Familie und nicht zuletzt die Evolutionstheorie. Das evangelikale Antwortspektrum zu diesen Themen sieht in etwa so aus: Gegen Sexualität hilft Keuschheit, Homosexualität ist eine Krankheit und somit heilbar, Empfängnisverhütung und Abtreibung sind Sünde, Ehe und Familie sind das höchste Gut, die Frau gehört an den Herd, die Evolution war entweder göttlich gesteuert oder ist eine Lüge und letztlich wahr ist die Schöpfungsgeschichte. Solche Inhalte werden mehr oder weniger offen transportiert.
Diese schlicht konservativ-rückgewärtsgewandten Vorstellungen finden jedoch auch in der Politik Anklang und sie führen zu erstaunlichen Allianzen mit dem konservativen katholischen Lager.

Pressekampagne gegen Aufklärungsbroschüren

Im Sommer 2007 zog Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zwei Aufklärungsbroschüren der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Verkehr. Die Broschüren, von denen in den Jahren 2001 bis 2007 mehr als eine halbe Million Exemplare an Eltern und Therapeuten verteilt worden waren, informierte über die Entwicklung und Ausdrucksformen frühkindlicher Sexualität für die Altersgruppen 1-3 sowie 4-6 Jahre.

Zu viel moralische Verwahrlosung für religiös-fundamentalistische Kreise, die eine Kampagne gegen diese Form von Sexualaufklärung starteten. Den Anfang machte ein Artikel von der Erz-Katholikin Gabriele Kuby, dem sich in seltener Verbundenheit der evangelikale Ethiker und Religionssoziologe Thomas Schirrmacher in einem Interview im Kölner Express anschloss. Der Tenor: Die Broschüren forderen zu Pädophilie und Kindesmissbrauch auf. Die Medien übernahmen unhinterfragt die Thesen und wähnten sich auf der Seite der Missbrauchsverhinderer. Die Autorin der Broschüren, Dozentin des renommierten Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund wurde gar angezeigt. Zwar stellte die Staatsanwaltschaft Köln das Verfahren innerhalb kürzester Zeit in Ermangelung eines Anfangsverdachts ein und auch die Pressevertreter fanden zur journalistischen Sorgfalt zurück und bemühten sich zunächst einmal die Broschüren selbst zu lesen; doch der Schaden war entstanden. Das Haus von der Leyen hatte die Herausgabe der Broschüren in vorauseilendem Gehorsam sofort gestoppt und den Download von den Seiten der BzgA gekappt. Die sexualfreundliche Erziehung von Kindern wurde erfolgreich in Verruf gebracht.

Das Triumphgeheule der Fraktionen, die glauben ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch am besten durch Leugnung der Sexualität schützen zu können, war groß. Ganz besonders tat sich damit der „überkonfessionelle“ Elternverein NRW (eine vom Ministerium anerkannte Elternvertretung) hervor. Dieser Verein, der sich gerne auf die katholische Psychotherapeutin und Emanzipations-Gegnerin Christa Meves beruft, empfiehlt im Kampf gegen Aids sexuelle Abstinenz, kritisiert den Aufklärungsunterricht an Schulen als „frühsexualisierend“ und fordert die Erziehung zur Keuschheit. Dementsprechend wird auch die Einfürhung neuer Richtlinien für die Sexualerziehung in NRW gefordert, wobei der Verein sich für die Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle und gegen die Darstellung von Sexualität unter Jugendlichen als „normal“ ausspricht. Für die Klassen 7 bis 9 wird mit dem Hinweis, es gebe typische Jungen- und typische Mädchen-Themen, Interessen und Verhaltensweisen, die Aufhebung des koedukativen Unterrichts verlangt.
Passend zum thematischen Schwerpunkt des Elternvereins NRW, sprach die Ehrenvorsitzende Frau Dr. Giesela Friesecke, bei der Verleihung des „Deutschen Schulbuchpreises“ durch den Verein Lernen für die Deutsche und europäische Zukunft (LDEZ) im Jahr 2002 das Grußwort. Ausgezeichnet wurde seinerzeit das Buch Evolution – ein kritisches Lehrbuch der Autoren Reinhard Junker und Siegfried Scherer; zu beziehen ist es über die evangelikale Studiengemeinschaft Wort+Wissen, die keinen Hehl daraus macht, dass sie eine biblische Schöpfungslehre vertritt. Die Festansprache im Jahr 2002 hielt der Thüringer CDU-Vorsitzende, Dieter Althaus, der wiederum keinen Hehl daraus macht, dass er die Einbindung von Glaube und Religion in die naturwissenschaftlichen Fächer für höchst bedeutsam hält.

Der Verein LDEZ, der ausschließlich Bücher auszeichnet, die das Qualitätsmerkmal „Ehrfurcht vor Gott, Liebe zu Volk und Heimat, Achtung vor Familie und Mutterschaft usw.“ erfüllen, konnte laut eigenen Angaben als Schirmherren für die Schulbuchpreisverleihung 2007 den Augsburger Bischof Walter Mixa gewinnen. Bislang scheint sich wohl noch kein würdiger Preisträger gefunden zu haben.

Evangelikale und katholisch Konservative werden weiter nach Wegen suchen, ihren politischen Forderungen Gehör zu verschaffen und Gesetzesvorlagen auf Bibelfestigkeit hin abzuklopfen. Willfährige Politiker wie Ursula von der Leyen oder Dieter Althaus, die sich aus eigenem oder politischem Interesse vor den Karren spannen lassen, erweisen sich als dienstbare Geister. Es steht zu befürchten, dass der Fall der konfiszierten Aufklärungsbroschüren nicht der letzte dieser Art sein wird. Wobei klar ist, dass die christliche Gesinnung nicht verhindert, sondern sogar fördert, dass mit Dreck auf Personen und Institutionen geworfen wird, die mit ihrer Arbeit und ihren Erkenntnissen, Aufklärung befördern.

Bis jetzt haben sich solche Anwandlungen in der Bildungslandschaft Deutschland noch nicht durchsetzen können. Doch sollte man sich die Frage stellen, ob die Gründung christlicher Privatschulen nach wie einfach so hingenommen werden darf. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, dass die Aufsichtsbehörden jederzeit den Überblick haben. Die Personalsituation im öffentlichen Dienst ist bekannt. Und wo kein Kläger, da kein Richter. Wer sollte an einer christlichen Privatschule das Unterrichten der Schöpfungsgeschichte anprangern? Schließlich schicken die Eltern ihre Kinder dorthin, damit jene genau dies und nichts anderes zu hören bekommen.

 


Anmerkungen:

1 Bibeltreue Christen zumeist russlanddeutscher Spätaussiedlergemeinden.
2 Bei zwei dieser Fälle erklärte der Bundesgerichtshof mit Beschluss vom 11.9.2007 den Sorgerechtsentzug bei Verletzung der Schulpflicht für rechtens.
3 Vgl. Thomas Langer / Ralf Poscher: Religionsrechtliche Konflikte in verwaltungsgerichtlichen Verfahren in NRW. Empirische Ergebnisse. In: http://www.ruhr-uni-bochum.de/relwiss/rp/Reli-gionsrecht2.pdf

Quellen:

Sekten-Info NRW – Schulverweigerung aus religiösen Gründen
Schulboykott einer Großfamilie: Bibelverse statt Sexualkunde –- SchulSPIEGEL, SPIEGEL ONLINE-Nachrichten
http://www.rhein-sieg-anzeiger.ksta.de/html/arti-kel/1200142188728.shtml
http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1200224779505.shtml
http://www.welt.de/politik/article1074639/Schul-pflicht_g ilt_auch_fuer_streng_Religioese.html
http://www.ksta.de/html/artikel/1206878694171.shtml
http://www.ruhr-uni-bochum.de/relwiss/rp/Reli- gionsrecht2.pdf
http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/recht-sprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=pm&Datum=2007&Sort=3&nr=41748&pos=0&anz=175

http://www.hausunterricht.org/html/ellinghaus_artikel.html

Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten e.V. – News
http://www.professorenforum.de/professoren-forum/content/artikeldatenbank/Artikel/2008/v09n01a5.pdf

http://www.ead.de/die-allianz/netzwerk/werke-und-einrichtungen.html
http://www.kita-gruenden.de/
http://www.bucer.de/

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,497527,00.html

Stellungnahme Uwe Sielert.pdf (application/pdf-Objekt)

http://www.ajh-deutschland.de/index.php?option = com_content&task=view&id=18&Itemid=43
http://www.inaktion.de/channel.php?channel=71
http://www.wiedenest.de/article.php?article=77
http://www.wiedenest.de/article.php?article=81
http://www.rmj.de/2007/cms/front_content.php?idart=230&module=mgl

http://www.wort-und-wissen.de/
http://www.ethikinstitut.de/
http://www.schulbuchpreis.de/preis2002.html
http://www.schulbuchpreis.de/Deutscher%20Schulbuchpreis%202007.pdf
http://www.hausunterricht.org/html/ellinghaus_artikel.html

 

Petra Daheim ist stellvertretende Landessprecherin des nordrhein-westfälischen Landesverbands des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA).


Artikel aus MIZ 2/08

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