Evangelikaler Kreuzzug gegen die Pressefreiheit

von Christoph Lammers

Die evangelikale Szene macht sich seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit breit, um massiv zu missionieren. Dabei schrecken sie auch nicht vor der Einschüchterung von KritikerInnen zurück. Aktuelles Beispiel sind zwei 18-jährige Schüler, die einen kritischen Artikel zum Christival in der Zeitung Q-rage veröffentlicht hatten. Brisant ist dieser Fall insoweit, als dass die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), die die Zeitung mit öffentlichen Geldern finanziert, zunächst keinen Anlass sah die Aussagen des Artikels zu widerrufen. Erst nach massiven Protesten der evangelikalen Szene, mit Unterstützung der rechtsnationalen Zeitung Junge Freiheit, fühlte sich der Präsident der Bundeszentrale, Thomas Krüger (SPD), gezwungen, sich von den Aussagen zu distanzieren und den bibeltreuen Fundamentalisten gleich zwei Publikationen zur Selbstdarstellung anzubieten.

Bereits während des evangelikalen Spektakels Christival, welches im Frühjahr 2008 unter der Schirmherrschaft des Familienministerin Ursula von der Leyens in Bremen stattfand, wurde Kritik an der evangelikalen Szene laut. Ausschlaggebend waren die im Programm aufgeführten Seminare „Homosexualität verstehen – Chance zur Veränderung“ und „Sex ist Gottes Idee – Abtreibung auch?“. Etliche Schwulen- und Lesbengruppen, pro familia Bremen sowie die Bundestagsfraktion der Grünen und weitere Prominente übten scharfe Kritik an den Seminarthemen.1 Brachten doch die Veranstalter klar zum Ausdruck, dass Homosexualität „heilbar„ und Abtreibung „Mord“ sei. Im Laufe des letzten Jahres wurde die evangelikale Szene zunehmend von unterschiedlichen Zeitungen und Internetportalen zum Teil kritisch begleitet. Grund hierfür war unter anderem der bereits 2005 in dem Blatt Eins veröffentlichte Aufruf zur Einmischung und Aufmischung der politischen Parteien.2 Verantwortlich dafür zeichnete der Generalsekretär des evangelikalen Dachverbandes Evangelische Allianz Hartmut Steeb.

Anders als in den Vereinigten Staaten, in denen die evangelikale Bewegung mit der Präsidentschaft Ronald Reagans an Einfluss gewonnen und mit der Präsidentschaft George W. Bushs ihren vorläufigen Höhepunkt erlebt hat, ist die evangelikale Szene in Deutschland überschaubar und weitestgehend ohne Einfluss geblieben – bis jetzt. Mit etwa anderthalb Millionen Mitgliedern ist sie eher marginal, aber in manch ländlichen Gegenden stark vertreten. Gerade aus diesem Grund haben amerikanische Verbände seit einigen Jahren Deutschland zum Missionsland erklärt.3 Zur Missionierung gehört nicht nur die Eroberung der Stadien und Gemeinplätze, sondern auch die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Je weniger Kritik an diesen irrationalen Vorstellungen einer dualistischen Weltsicht geübt wird, umso besser für den Geldbeutel und die göttliche Entlohnung im Jenseits.

Diesem Anliegen kamen nun Ende letzten Jahres zwei Nachwuchsjournalisten in die Quere. In der vom Projekt Schule ohne Rassismus herausgegebenen Zeitung Q-rage, welche mit einer Druckauflage von einer Million Exemplaren an 20.000 Schulen in Deutschland verschickt wurde, bezogen sie in ihrem Beitrag „Die evangelikalen Missionare“ zum Christival kritisch Stellung.4 Sie porträtieren auf der einen Seite eine evangelikale Christin, auf der anderen einen skeptischen jungen Mann, der gegen das Christival protestiert hatte. Unterschiedlicher hätten die Meinungen nicht sein können. Darüber hinaus wurde der Zeitung ein Schreiben des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung beigefügt, in dem dieser darauf verwies, dass in der Zeitung wichtige Informationen über „islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte infrage stellen“ zu finden seien.5 Zunächst blieb es verhältnismäßig ruhig, nur einzelne Evangelikale forderten eine Klarstellung und den Rücktritt des Präsidenten der BpB. Die Debatte schaukelte sich dann aber hoch und im Mittelpunkt der Kritik standen nicht nur Krüger, sondern auch die beiden Nachwuchsjournalisten, deren Namen und Lebenslauf plötzlich in Foren evangelikaler ChristInnen zu finden waren. Am 15. Dezember gab die BpB eine Pressemeldung raus, in der sich die Bundeszentrale und ihr Präsident von dem Artikel distanzierten. Krüger wurde wie folgt zitiert: „In dem Artikel werden Evangelikale pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt. Eine Gleichsetzung der evangelikalen Bewegung mit dem christlichen Fundamentalismus halte ich für unangemessen und nicht zutreffend. Differenzierungsversuche bleiben in dem Artikel bruchstückhaft. So kann in der Tat ein falscher und diskriminierender Eindruck entstehen.“ Der Druck des fundamentalistischen Mobs war so stark geworden, dass der politischen Führung nichts anderes übrig zu bleiben schien, als sich von der Zeitung zu distanzieren. Doch nicht nur die BpB distanzierte sich vom Inhalt des Artikels, auch Vertreter der Bundesregierung bezogen Stellung.

In der bürgerlich-liberalen Presse war ein kurzer Aufschrei zu vernehmen, dass es doch nicht hinnehmbar sei, dass die jungen Journalisten bloßgestellt würden und der Präsident der BpB vor der evangelikalen Bewegung eingeknickt sei. Doch diese Sichtweise ist zu kurz gegriffen. Zwei Punkte dürfen nicht außer acht gelassen werden: Sicherlich ist es ein eklatanter Verstoß gegen die Pressefreiheit, dass fundamentalistische ChristInnen die öffentliche Meinung zu diktieren wissen und eine staatliche Behörde somit zwingen können, sich von einem Meinungsartikel zu distanzieren. Das zeigt sehr deutlich, dass die evangelikale Szene an Einfluss gewinnt.7 Sie ist weit davon entfernt, die politische Agenda zu besetzen, dennoch versteht sie es mittlerweile sehr gut, in Internetforen und in Printmedien Diskussionen zu lenken und zu bestimmen. Diese Entwicklung erinnert sehr stark an den Versuch der kreationistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten durch die so genannte wedge-strategy einen Keil zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu treiben und somit die Deutungshoheit zu erlangen. Es handelt sich hierbei zunächst um einen Etappenerfolg, der aber nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der evangelikalen Szene wird damit eine Rolle zuteil, die sie im demokratischen Prozess der Willensbildung nicht einnehmen sollte. Schließlich machen ihre Positionen eines sehr deutlich: sie wollen eine Gesellschaft, in der Gottes Wille zum Gesetz wird. Das kann und darf im weltanschaulich demokratisch legitimierten Staat nicht akzeptiert werden.

Ein weiterer Punkt wird erst dann deutlich sichtbar, wenn man sich die Argumente und KritikerInnen einmal näher anschaut. Nicht nur konservative PolitikerInnen haben sich in den letzten Jahren mehr als blamiert, wenn es darum ging, Position zu beziehen. Hier sei stellvertretend die ehemalige Hessische Kultusministerin Karin Wolff genannt, welche die Vereinbarkeit von Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie verkündete. Einmal mehr schickte sich in dieser Auseinandersetzung die nationale Zeitung Junge Freiheit an, die Rechte der evangelikalen Szene zu verteidigen, um gemeinsam gegen den demokratischen Staat Position zu beziehen.8 Denn die Zeitung Q-rage ist in erster Linie ein Organ zur Aufklärung über Diskriminierungen, Rechtsextremismus, Rassismus und Homophobie.

Den Versuchen, religiös-fundamentalistische und national-konservative Werte in der öffentlichen Meinung fest zu verankern, muss jetzt entgegengewirkt werden.

 


Anmerkungen:
1 Zur Positionierung der Schwulen- und Lesbenverbände vgl. http://www.queer.de/detail.php?article_id=8136; zu pro familia vgl. http:// www.taz.de/regional/nord/bremen/artikel/?dig=2008%2F01%2F30%2Fa0041&src=UA&cHash=a8e05cefd6; zu Volker Beck vgl. http://www.volkerbeck.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=1115&Itemid=77.
2 Vgl. Steeb, Hartmut: Gebt der Demokratie, was der Demokratie zusteht. In: EiNS. Verlautbarungsorgan der Deutschen Evangelischen Allianz, S. 3. Hartmut Steeb ist auch Autor der nationalen Zeitung Junge Freiheit.
3 Vgl. Wensierski, Peter: Aufschwung Jesu. In: SPIEGEL 18/2008, S. 38-41; Siepmann, Christian: Jesusjünger in Missionarsstellung. In: UniSPIEGEL 6/2008, S. 22-24.
4 http://www.schule-ohne-rassismus.org/fileadmin/pdf/q-rage-ausgabe-04-web-seite-11.pdf [Zugriff 1.3.2009].
5 Nowak, Peter: Zornige Christen. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29482/1.html [Zugriff: 1.3.2009].
6 bpb distanziert sich von Artikel in Q-rage. Eine Gleichsetzung der evangelikalen Bewegung mit dem christlichen Fundamentalismus ist unangemessen und nicht zutreffend, http://www.bpb.de/presse/DH0HJT,0,bpb_distanziert_sich_von_Ar-tikel_in_Qrage.html [Zugriff 1.3.2009].
7 Lambrecht, Oda / Baars, Christian: Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland. Berlin 2009.
8 Vgl. http://www.junge-freiheit.de/Single-News-Display.154+M506f6d2378e.0.html [Zugriff 1.3.2009].

  


Artikel aus MIZ 1/09

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